Mercedes Untertürkheim

Idee: Ist es an der Zeit für die deutschen Autohersteller, den gesamten Cluster umzuziehen?

von Robert Basic am 11. Oktober 2018

Ziehen wir uns die Brille der Autoindustrie an. Und überlegen, aus welchen Gründen die deutschen Hersteller womöglich den gesamten Cluster aus Forschung, Entwicklung und Produktion komplett aus Deutschland bestenfalls nach Asien verlagern sollten. Da wo eine extrem hungrige, technikfreundliche und unfassbar dynamische Welt die entscheidenden Impulse für die kommenden Jahrhunderte setzt. Westeuropa ist ein Auslaufmodell. Harter Tobak?

Ein kurzer Ausflug nach Asien, genauer gesagt nach Ostasien und Süd-Ost Asien. Von Japan über Südkorea nach China, weiter entlang der Küste mitsamt einem Katzensprung nach Taiwan, über Vietnam, Kambodscha, Laos, Thailand, Malaysia, Singapur und schließlich weiter nach Indien. In Asien geht die Bevölkerung auf fünf Milliarden zu. In den genannten Ländern sind es summarisch um die +drei Milliarden Menschen.

Asien

Betrachtet man nur China, finden wir den am schnellsten wachsenden Automarkt der Welt vor, der die USA und die EU schon längst hinter sich gelassen hat. Wo wir in Deutschland rund 3 – 3,5 Mio. Pkws verkaufen, geht China auf die 30 Mio. Einheiten zu. Zehnfache Größe. Daimler, VW und BMW gehen stramm auf die 50% Marke aller überhaupt global verkauften Einheiten zu, die Chinas Anteil allein ausmacht.

Wer einmal selber in China war, wird umgehauen von der unfassbaren Dynamik, dem Hunger nach Mehr, dem Fleiss der Menschen, der unglaublichen Technikaffinität und auch der Adaptionsrate neuer Techniken. Gegen die mobilen Nutzungsgewohnheiten vom Bezahlen über Kommunizieren bis hin zur Vielfalt der Apps verblasst Westeuropa und erscheint eher wie Afrika.

Ein ganz entscheidender Faktor? Die Anzahl der ausgebildeten Akademiker in allen naturwissenschaftlichen Bereichen inkl. dem Ingenieurswesen ist in China und Indien unglaublich hoch. Das OECD schätzt, dass bis 2020 rund 40% aller Akademiker aus diesen beiden Ländern kommen. Das kombiniert mit einer extrem innovationsfreundlichen Förderung, hohen Technikaffinität und puren Dynamik der Menschen schiebt Deutschland mit Links zur Seite. China hat sich bereits aufgemacht, im Bereich der Tech-Investitionen das berühmte Silicon Valley spürbar einzuholen.

Kurzum, egal wie man es dreht und wendet, egal ob sich Trump und die USA dagegen auflehnen, Asien wird das sein, was die USA und Europa im 20ten Jahrhundert waren. Wer dort nicht ist, dort nicht seinen wichtigsten Standorte hat, wird nur noch eine Nebenrolle spielen.

Genau das hat die deutsche Autoindustrie nicht verschlafen.Sie haben sich schon längst aufgemacht, in ASien aktiv zu sein. Noch aber schlägt ihr Herz in Deutschland. Ein Konzern ist in Stuttgart, einer in München und einer in Wolfsburg. Dort schlägt auch das besagte Großherz der Autoindustrie im Bereich Maschinenbau, wenn man bitteschön und unbedingt Bosch (ein quasi heimlicher Riese in der Autoindustrie, die ebenso in Stuttgart sitzen), Continental (Hannover) und ZF (Friedrichshafen) als Stellvertreter der nahe angesiedelten Autozulieferer nebst weiteren, tausenden Betrieben dazuzählt. Ein steter Fluss aus ausgebildeten Fachkräften verlässt die diversen Universitäten und weiteren Ausbildungsstätten. Um später in einer Art Rotation von Zulieferer zu Zulieferer bis hin zu den Autoherstellern das Know-how zu verteilen und zu vererben. Geografisch ist das alles ein winziger Klacks räumlich gesehen: Raum Stuttgart, Raum München, Raum Ingolstadt, Raum Hannover, Raum Wolfsburg (inkl. Braunschweig, Salzgitter). Das gegenseitige Austauschen, das gegenseitige Pushen, um besser als der andere zu sein, um noch mehr zu erreichen, das macht den deutschen Cluster aus.

Doch diese räumlich sehr engen interpersonellen Netze ließen sich in einer bis zwei Generationen nach Asien verlagern. Komplett. Was wie gesagt die ganze Zeit über schon passiert. Heute erst hat BMW seine 6 Milliarden Investition in China bekannt gegeben. Ein Großteil der Mitarbeiter von BMW, Daimler, VW, Bosch und Conti arbeitet im Ausland rund um den Globus. Nicht nur in den Produktionswerken, sondern natürlich auch in Entwicklungszentren für Forschung und auch Design. Eine langfristige Komplettverlagerung von Deutschland weg hin nach Asien wäre in meinen Augen ein höchst rationaler Entschluss.

Westeuropa wirkt mittlerweile höchst technik- und wirtschaftsfeindlich dafür zugleich immens regulierungsfreudig, bremst hierbei die Autoindustrie mit grünen Plänen, stets neuen Forderungen, eigenen Vorstellungen auf politischer Ebene immer stärker aus. Beispiel? Dänemark hat ohne Rücksicht auf Machbarkeit einfach so seitens der Regierung beschlossen, bis 2030 alle Verbrenner aus dem Verkaufsregal zu nehmen. Das Parlament wird es wohl abnicken. Norwegen, Frankreich und andere Länder planen Ähnliches. Immer mehr Städte ziehen die Mauern immer höher. Machen wir uns nichts vor: politisch ist es das gute und beste Recht einer jeden Gesellschaft. Jede Nation muss für sich selbst wissen, wie sie leben will und wie sie dabei ihren Verkehrssektor gestalten möchte. Wie schnell solche Umbrüche erfolgen, zeigt uns das Ruhrgebiet deutlichst auf. Auch die Story um den Hambacher Forst ist lediglich ein Symbol dafür.

Nochmals, es ist nicht meine Sache, gegen etwas zu sein, weil es nicht für etwas ist. Aber es ist rational zu betrachten, was das gesamte Balancing angeht. Und das ist entscheidend. Ist etwas zu früh, zu schnell, zu rigoros? Wo ist zugleich die Dynamik, die einem wichtigen Gesellschaftspart die Luft zum Atmen und Innovieren lässt? Wo ist der Hunger nach Mehr? Wo wird Tür und Tor für Innovation nicht nur an die Wand projiziert, sondern auch tatkräftig von allen Seiten – Gesellschaft, Forschung, Politik und Medien – aufgestoßen?  Gut, wenn es Europas Weg im 21ten Jahrhundert ist voranzugehen und auf ein qualitatives Weniger zu setzen, denn ein ewiges Jagen nach Mehr, egal um welchen Preis, sollten wir das alle begrüßen. Es wird unser Überleben auf viele Generationen hinaus sichern. Dafür bezahlen wir eben einen Preis, der an anderer Stelle erhoben wird.

Alltag? Da war ja noch etwas. Abgesehen von den schwebenden, staatstragenden Ausblicken nach Mehr und Weniger. Hier in Deutschland musst dich mittlerweile fast schon rassistisch gesehen entschuldigen, weil du bei VW am Band stehst oder bei Daimler in Böblingen forscht. Warum? Weil eine Hundertschaft Vollidioten Scheiße bei den Emissionsvorgaben gebaut hat. MitarbeiterIn für die Autoindustrie zu sein ist heute das moderne Wort für Schwul, Frau oder Farbiger? Wenn dem so ist, und danach riecht es, hat das langfristig dramatische Folgen, wenn sich der Geist in den Bunker einbuddelt und der einstige Stolz ins Schämen hineinblockiert.

Ein Unternehmen muss entscheiden, wo die besten Faktoren und Bedingungen in der Gesamtmischung im richtigen Tempo vorliegen, um langfristig am Ball bleiben zu können. Ich denke, die entscheidende Zukunft liegt nicht in den Vereinigten Staaten der EU und auch nicht in den Vereinigten Staaten der USA. Sondern in Asien. Aus oben besagten Gründen. Wäre ich Manager bei Daimler, VW und BMW, ich würde heute noch die strategische Entscheidung treffen, die Zelte in Europa und in Deutschland speziell abzubauen, um langfristig  nach Asien zu gehen. Wo ich auch steuerlich und rechtlich den neuen Hauptsitz anmelden würde. Lieber fliegen als den langsamen Erstickungstod in Deutschland sterben. Noch aber schlägt das Herz der Automanager für Deutschland und in Deutschland. Sie hängen am Standort. Dem schönen Bayern. Dem schöne Schwabenland. Den kilometerlangen Hallen in Wolfsburg, ihr Königreich mitsamt ratternden und monströsen Maschinen. Da ist man aufgewachsen und innerlich verwurzelt. Das aber, dieses sentimentale Etwas, halte ich für einen Fehler, der fatal ist.

Ok, Ende der imaginären Vorstellungsrunde, Augen wieder aufmachen.