Kommentar

IFA: Huawei – wohin geht die Reise?

Auch für Huawei hat die IFA begonnen und auch für die Chinesen ist es eine traurige Messe. Vielleicht noch trauriger als für andere Unternehmen, denn für Huawei steht derzeit viel auf dem Spiel. 

von Carsten Drees am 3. September 2020

Ich fürchte, ich werde in diesem Jahr nicht mehr davon abweichen können, in Artikeln zur IFA stets wieder darauf hinzuweisen, wie traurig mich das macht, die Messe so dramatisch abgespeckt zu sehen. Wir haben schon mehrere Events in diesem Jahr schmerzlich vermisst, andere Veranstaltungen wurden ausschließlich virtuell abgehalten.

Die IFA ist da jetzt die erste Großveranstaltung, die es wieder wagt, tatsächlich vor Ort eine Pandemie-gerechte Version des Events durchzuziehen. Natürlich sieht das anders aus, natürlich sind weniger Aussteller, Journalisten und Neuheiten am Start und natürlich ist es dennoch zu begrüßen, dass die Veranstalter diesen Mut beweisen.

Unter den traurigen Unternehmen, die den Weg nach Berlin auf sich genommen haben, befindet sich mit Huawei eines, welches noch ein bisschen trauriger ist als die anderen. Während andere komplett weggeblieben sind — wie Samsung — und andere mit abgestecktem Angebot anwesend sind, hat Huawei durchaus groß aufgefahren. Klitzekleiner Haken: Die großen Neuheiten fehlen und genau das erklärt Huaweis Traurigkeit. Die Kollegen von heise.de titeln daher heute: Leere Taschen voller Hoffnung.

Nichtsdestotrotz versucht man natürlich gute Miene zum bösen US-Spiel zu machen und sich möglichst optimistisch zu präsentieren. Walter Ji, President Consumer Business Huawei, betont nicht nur, wie wichtig Europa für Huaweis Strategie ist, sondern will auch mit Zahlen glänzen:

  • 33 Millionen europäische Nutzer kann Huawei vorweisen
  • es wurden mehr als 82 Milliarden US-Dollar in Forschung investiert
  • monatlich wächst die eigene App Gallery um 5.000 Apps
  • 1,6 Millionen App-Developer entwickeln mittlerweile für die App Gallery – 76 Prozent mehr als im Vorjahr
  • acht Flagship-Stores und mehr als 40 weitere Ladengeschäfte sollen noch in diesem Jahr eröffnet werden

Zusammen mit dem Umstand, dass man sich in Absatzzahlen bei den Smartphones mittlerweile sogar kurzfristig am Klassenprimus Samsung vorbeischleichen konnte, zeichnet das alles ein durchaus positives Bild von einem Konzern, der sich völlig zu recht in der Weltspitze festgesetzt hat. Einziger Wermutstropfen bei dieser Betrachtung: Alle — Huawei inklusive — wissen, dass das nur eine Momentaufnahme ist und Huawei im nächsten Jahr signifikant schlecht dastehen wird, wenn nicht noch ein Wunder passiert.

Denn — das muss ich hier niemandem mehr erklären — es baumelt nach wie vor ein Damoklesschwert über Huawei. Wäre dieses Schwert eine Person, hätte diese orangene Haut, schrecklich wenig Ahnung von Politik und im Grunde nur Interesse an sich selbst. Ja, es ist der Wirtschaftskrieg zwischen China und den USA und vor allem der Bann gegen Huawei, der den Chinesen zu schaffen macht.

Nie war die Lage dramatischer als in diesen Tagen. Zuletzt wurde berichtet, dass Analyst Ming-Chi Kuo sich vorstellen kann, dass sich Huawei komplett aus dem Smartphone-Geschäft verabschieden könnte, wenn der aktuelle Zustand länger anhält (was Huawei vehement dementierte). Schwerer wiegt aber noch die Aussage von Huaweis Richard Yu, dass dem Unternehmen die Chips ausgehen und man deshalb zum 15. September die Produktion stoppen muss.

Für das jüngste Mate-Modell, welches Huawei in der Pipeline hat, bedeutet das, dass es erst mal das letzte Flagship-Phone des Konzerns sein könnte und selbst beim Mate haben wir noch keinen präzisen Launch-Termin. Alle, die gehofft haben, dass Huawei heute im Rahmen der IFA einen Termin verkündet, wurden bitter enttäuscht.

Verglüht der hellste Stern am Smartphone-Himmel?

Ich möchte hier nicht überdramatisch klingen — das Mate 40 wird sicher so oder so in den nächsten Wochen vorgestellt, aber wie gesagt: Einen Termin nannte man bislang noch nicht und auch die Tatsache, dass die Chinesen keine neue Entwicklung bei den hauseigenen Kirin-Prozessoren ankündigen können, lässt nichts Gutes erahnen.

Schaut man auf die App Gallery, findet sich ehrlich gesagt auch nicht Vieles, was hoffen lässt. Das liegt nicht daran, dass Huawei-Hardware nicht interessant ist für Entwickler, oder dass Huawei selbst irgendwas falsch machen würde. Es liegt daran, dass diese Situation niemals so vorhersehbar war und Huawei daher in kürzester Zeit denkbar viele Dinge auf den Weg bringen muss. Weder ein eigenes OS noch einen eigenen App-Store, der mit Google und Apple mithalten kann, schüttelt man sich mal eben so aus dem Ärmel.

Aktuell kämpft Huawei nicht nur damit, dass viele Apps nicht in der Gallery vorhanden sind, sondern auch damit, dass sich dort Fälschungen tummeln. Wollt ihr mehr darüber erfahren, dann schaut mal bei Kollege Denny vorbei, der sich das Thema für SmartDroid vorgeknöpft hat.

Wir kennen die politische Lage in den USA, wissen genau, dass sich unter Trump für Huawei so schnell nichts signifikant verbessern wird — haben aber auch wenig Hoffnung, dass sich unter Joe Biden für Huawei plötzlich alles wieder zum Guten wendet. So zerstritten, wie Demokraten und Republikaner nämlich auch sein mögen: Dass man chinesischen Unternehmen nicht traut, eint die beiden Lager im Wesentlichen. Da stört es auch nicht weiter, dass das, was man den Chinesen vorwirft, in den USA mit US-Geheimdiensten und US-Unternehmen längst schon durchgeführt und nachgewiesen wurde.

Aktuell hält sich Huawei hauptsächlich damit über Wasser, dass es auf dem heimischen Markt so super läuft. In Europa merkt man hingegen nicht nur die Pandemie recht deutlich, sondern auch den Umstand, dass weniger Smartphone-Interessenten zu einem Gerät greifen, auf dem Google Play und die üblichen Google-Dienste fehlen. Denkt jetzt nochmal daran, dass Huawei die Prozessoren ausgehen und ihr könnt euch ausrechnen, dass die Situation auch in China bald schon kompliziert werden dürfte.

Während Huawei also auch zuhause straucheln dürfte, reiben sich die Konkurrenten aus dem eigenen Land die Hände. Xiaomi, Vivo, OPPO und weitere Emporkömmlinge sind nicht nur in der Lage, von der Quantität die Lücken zu schließen, sondern sind auch qualitativ nicht weit von Huawei entfernt.

Kommt es also knüppeldick für Huawei, würde eine politische Entscheidung, die im weit entfernten Amerika getroffen wurde, ein finanziell bestens aufgestelltes, äußerst innovatives und nahezu fehlerfrei agierendes Unternehmen als Weltmarktführer komplett aus der Bahn kegeln. Wir kennen Beispiele wie RIM/BlackBerry oder Nokia, die nach eigenen Fehlern die Spitzenpositionen verloren und bis zur Bedeutungslosigkeit durchgereicht wurden. Ein Konzern aber, der auf dem Zenit seines Schaffens steht mit denkbar günstigsten Prognosen für die Zukunft, der unverschuldet den Bach runtergeht — das wäre wohl ein Novum.

Übrigens würden wir als Konsumenten dann auch gleich doppelt in die Röhre schauen. Einmal würden wir natürlich die Hardware von Huawei an sich vermissen. Darüber hinaus hat der innovative Konzern mit seinen Ideen zuletzt auch immer wieder die komplette Android-Welt vor sich her getrieben und dafür gesorgt, dass Smartphones generell besser wurden — Profiteure waren wir alle.

All das steht jetzt auf dem Spiel und alles in mir sträubt sich gegen diesen Gedanken, dass ein Schwachkopf mit einer unsinnigen politischen Entscheidung  Huawei aus dem Smartphone-Markt kicken könnte. Ganz so weit ist es glücklicherweise noch nicht und ich habe auch ein kleines bisschen Rest-Hoffnung, dass doch noch ein Wunder geschieht.

Huawei spielt aktuell auf Zeit und wenn hier nicht ein paar wichtige Knöpfe in naher Zukunft gedrückt werden (beispielsweise eine Lizenz für MediaTek), dann kann es unerfreulich schnell zappenduster werden. Gewinnt Huawei aber Zeit und nutzt sie sinnvoll, ein OS und einen App Store aufzubauen, mit dem man sich von Android und damit auch von Google und von Amerika lösen könnte, könnte sich der US-Bann sogar noch als schlimmes Eigentor für die USA erweisen. Aber ganz im Ernst: Davon sind wir derzeit meilenweit entfernt. So oder so: Das kommende Jahr dürfte das Schwierigste für Huawei seit der Gründung des Unternehmens werden.