#insideFacebook – „Exklusiver“ Story-Klau durchs SZ-Magazin?

Was passiert eigentlich, wenn 2 Redaktionen an mehr oder weniger der gleichen Story arbeiten, die eine aber ueber 3 Wochen spaeter veroeffentlicht wird? Nun, im Falle des SZ-Magazins redet man dann einfach immer noch von "exklusiven" Einblicken, die "erstmals" veroeffentlicht werden. Kann man machen, nur muss man dann mit meinem Echo rechnen!

 

#insideFacebook

Grasseggers & Krauses Gesellenstueck

Aber was passiert eigentlich, wenn die Story einfach alles andere als exklusiv ist? Wenn Aufmacher wie „erstmals“ und „geheim“ sich mit einem einzigen Link in Luft aufloesen und die angeblichen „internen“ Dokumente ueberhaupt nicht in dem als „exklusiv“ gekennzeichneten Artikel auftauchen? Nun, dann duerfte man das wohl mehr oder weniger Betrug Verarsche nennen, oder?

Die Titelgeschichte des SZ-Magazins ist der erste Einblick in das verschwiegene Geschäft der Facebook-Content-Moderatoren in Berlin.

Als ich diese Aufmacher sah, dachte ich eigentlich, dass es sich um einen schlechten Scherz handeln muesste. Haben denn Hannes Grasseger und Till Krause ganz zufaellig „ueber Monate“ an der gleichen Story gearbeitet wie wir? Sind die „erstmaligen“ Einblicke in das Innerste des Facebook-Loeschteams vielleicht einfach gar nicht exklusiv, sondern basieren auf unserer Story, die wir schon vor vor mehr als 3 Wochen gebracht haben?

Insider packt aus: Das passiert bei Facebook, wenn ihr ein Bild oder Profil meldet

Nein, was nicht sein kann, das darf auch nicht sein. Augen zu und durch. Wir haben doch exklusive Dokumente vorliegen:

Wer sich die ueber 5000 Worte lange SZ-Magazin Recherche durchliest, der findet dort vor allen Dingen eines … Aussagen von Mitarbeitern zu Inhalten, denen sie ausgesetzt werden. Zu Verschwiegenheitsklauseln und dass das ja alles ganz geheim ist, was sie dort machen. Aber vor allen Dingen auch, wie sehr diese durch die Inhalte belastet werden. Fair enough, aber nichts, nicht einmal ansatzweise etwas, dass uns nicht seit vielen Monaten bekannt ist.

Jeder, der sich auch nur ansatzweise mit den globalen Loeschteams der grossen Netzwerke auseinandergesetzt hat, kennt diese Problematik. Und wenn nicht, dann haben wir diese zumindest im April wieder bei uns auf die Agenda gepackt:

Auf den Philippinen arbeitet die Müllabfuhr des Internets

Was aber nicht Teil der vermeintlichen Exklusiv-Recherche des SZ-Magazins ist … wenigstens einen Auszug der internen Dokumente. Nein, es konnten noch nicht mal Angaben zu dem Schichten-System gemacht werden oder wieviele Tickets die einzelnen Mitarbeiter in den Loeschteams abarbeiten koennen. Informationen, die wir vor 3 Wochen veroeffentlicht haben. Ebenso fehlen die Klassifizierungen und Vorgaben Facebooks, die zu einer Ueberpruefung und letztendlich Loeschung fuehren. Auch dies haben wir ausfuehrlich offengelegt. Aber hey, vielleicht liegen uns ja die internen Dokumente vor und vielleicht haetten wir ja unseren Artikel mit einem Bullshit-Bingo „Exklusiv“, „erstmals“ und „monatelange Recherche“ fluten sollen? Fragen ueber Fragen.

Aber leider habe ich derartige Aktionen in all den Jahren so haeufig erlebt, dass es mich eigentlich kaum noch juckt. Ok, es aergert einen und ich schiebe mir mit dem Caschy ueber den Messenger ein, zwei Kraftausdruecke rueber und gut ist. Auch er kennt das Problem der „exklusiven“ Kopiermaschinen in den Redaktionsstuben der Republik. Und genau aus diesem Grund halten wir auch ueber all die Jahre unsere ganz persoenlichen Anspruchs-Faehnchen hoch. Du rippst keine Stories und du verlinkst lieber einmal zu viel, als zu wenig. Da bricht mir doch kein Zacken aus der Krone.

War es das wert?

Ach was reg ich mich eigentlich auf. In gut 2 Wochen mache ich den Deckel drauf, schmeisse mich in ein neues Abenteuer und laechle nur noch beilaeufig ueber die „Standards“ von diversen Journalisten.

NEIN, Bullshit! Wenn ihr in Deutschland genau jetzt das Fenster aufmacht, einen Finger anleckt und raus in den Wind haltet, dann koennt ihr diesen Impuls mit knackigen 150BPM sicherlich spueren. Butterfly Effect ftw! Richtig, das ist mein Puls, der durch eine leicht geschwollene Halsschlagader auch optisch ablesbar ist.

In all den Jahren des Bloggings, Publishings und der Taetigkeit als „Verleger“ gingen mir diese Stereotypen immer tierisch auf die Nerven. Hier die boesen Blogger, die Amateuere, die Hobbyisten … die, die doch eigentlich ueberhaupt keine Ahnung haben. Jeder kann sich von heute auf morgen Blogger nennen und dann loslegen. Aber ist genau das nicht eine wunderbare Errungenschaft des Netzes? Die Demokratisierung des Publishings und damit das Ende der Informations-Gatekeeper!

Das aber trifft einen Berufsstand bis ins Mark: Journalisten. Mal davon abgesehen, dass die Reputation selbiger in den letzten Jahren auf breiter Front stark abgebaut hat, wer moechte, der darf sich einfach so mal eben Journalist nennen. Ein paar Visitenkarten am Bahnhofsautomaten gezogen (wenn es die Dinger denn noch gibt), Name, Telefonnummer, FAX-Nummer (wichtig!) und schon ist man dabei. Willkommen in der aufregenden Welt des Journalismus.

Pro-Tipp: Ich wuerde noch ein „Investigativ“ vor die Berufsbezeichnung packen. Damit grenzt man sich von den ganzen Yellowpress-Hansel und Lokalreportern ab. Das macht die Nummer rund, wenn nicht sogar ziemlich „exklusiv“.

Exklusiv ist an dieser Stelle dann auch das Zauberwort. Exklusiv ist hier bei uns verboten. Wer meint, er haette eine exklusive Story und muesste dann „Exklusiv“ in den Titel packen, der fliegt. Warum? Er/sie hat dann einfach nicht verstanden, wie Medien im 21. Jahrhundert funktionieren und dass es de facto keine Exklusivitaet mehr gibt. Mit einem Klick auf „Veroeffentlichen“ hat sich die Exklusivitaet in das aufgeloest, was sie letztendlich ist. Ein Marketinginstrument aus einer Zeit, als die Zeitungsverkaeufer noch „Extrablatt“ schrien und sich in ihrem Vertriebsmodell in eine Reihe neben „Aale-Dieter“ und „Bananen-Manni“ stellen konnten.

Exklusiv ist sowas von 60er Jahre, ausser… ja ausser du arbeitest bei der Sueddeutschen Zeitung, denn da muss man noch ordentlich fuer die Auflage trommeln. Schliesslich kennen die Zahlen seit Jahren nur noch eine Richtung:

Das ist eine ganz bittere Realitaet. Nicht nur fuer die SZ. Die klassischen Medien haben in den letzten Jahren so viele Entwicklungen verpennt, da muss man offensichtlich wieder die „Oldschool-Kiste“ rauskramen und an der „Exklusivitaets-Lampe“ reiben.

Aber bevor es zur Pauschalkritik verkommt und auch noch irgendwelche Krakeeler auf den Zug aufspringen… es gibt so viel wunderbaren Journalismus da draussen, so tolle Stories, Recherchen und Kollegen. Profis die begriffen haben, dass du dir mit solchen Geschichten wie „insideFacebook“ keinen Gefallen tust. Im Gegenteil!

Gebt uns Feedback mit #insideFacebook

Natuerlich wollen wir auch gerne wissen was ihr davon haltet und genau deshalb kapern wir jetzt mal schoen den Hashtag des SZ-Magazins.

Lasst uns und die SZ auf Twitter wissen, was ihr von dieser Aktion haltet, verlinkt diesen Beitrag dabei und vergesst nicht den Hashtag #insideFacebook zu nutzen. Damit moechte das SZ-Magazin naemlich heute ganz dick in den sozialen Netzwerken seine „exklusive“ Story anpreisen, die im Netz nur hinter einer Paywall zu lesen ist. Strukturvertrieb in Zeiten der sinkenden Auflagen.

Lasst uns zumindest darueber diskutieren, ob das alles so koscher ist oder doch nur ein aussergewoehnlicher Zufall. Wir freuen uns auf eure Statements und ich bin mir sicher, dass diese auch bei der Sueddeutschen ankommen werden.