Instagram-Star klagt an: Social Media ist nicht das wahre Leben

Das Schicksal der Australierin Essena O’Neill beschäftigt derzeit die Medien. Bei Instagram, Snapchat, YouTube und Tumblr war sie drei Jahre lang sehr erfolgreich als Beauty- und Mode-Bloggerin, aber nun macht sie komplett Schluss damit und beklagt sich über den Social Media-Schwindel. Mit einem anderen Projekt möchte sie jetzt für Furore sorgen.

Ich muss zugeben, dass mir der Name Essena O’Neill bis vor kurzem so gar nichts sagte. Das mag daran liegen, dass ich selten Videos von YouTubern sehe, mich nicht viel auf Tumblr rumtreibe und noch  weniger bei Instagram. Noch wahrscheinlicher dürfte aber sein, dass ich bei ihren Themen – Mode und Beauty – einfach nicht zur Zielgruppe gehöre. Dass ich ihren Namen nun aber doch kenne, hängt damit zusammen, dass sie nach drei Jahren Schluss macht mit dem ganzen Social Media-Zirkus.

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Ihrem empfinden nach wird da ein mächtig falsches Spiel getrieben, Opfer sind demzufolge einmal die Mädels selbst, die sich da von der Industrie vor den Werbekarren spannen lassen, aber auch die vielen zumeist minderjährigen Fans, denen dort ein komplett falsches Bild der Welt vermittelt wird.

Drei Jahre lang hat die Australierin mit Instagram und Co verbracht und sich dort eine riesige Fan-Schar erarbeitet mit ihren Bildern: Über 600.000 Menschen folgten ihr bei Instagram und über 200.000 Abonnenten auf YouTube kamen auch noch dazu. Damit ist sie natürlich weit weg davon, bei den allergrößten Internet-Stars in der selben Liga zu spielen, aber für ein Mädchen, welches zu Beginn gerade einmal 15 Jahre war, ist das absolut eine Ansage.

Social Media Is Not Real Life

Schon länger schien sie ziemlich unglücklich mit dem gewesen zu sein, was sie dort getrieben hat. Ewig musste sie wie ein Püppchen nur nett aussehen und lieb in die Kamera lachen. Der Mensch hinter dieser Fassade kam ihr deutlich zu kurz und so hat sie nun alle Social Media-Zelte hinter sich abgebrochen und zwar mit einer recht bemerkenswerten Aktion: Sie löschte über 2.000 Fotos auf Instagram, nannte den Kanal um in “Social Media Is Not Real Life” und versah die verbliebenen knapp 100 Bilder mit neuen Texten.

Da sprach sie dann Klartext über all das, was sie genervt und fertig gemacht hat und was sie in Zukunft eben alles nicht mehr um sich haben möchte. Sie erklärte ausgiebig, wie falsch all diese Bilder waren, weil sie sich teilweise über 100 mal in einer Pose fotografierte, bis es so aussah, wie es eben aussehen sollte, überschminkte ihre Akne mit viel Make-Up, aß zu wenig, musste dennoch auf den Bildern den Bauch einziehen und zu guter letzt wurden die Bilder mit Apps dann noch bearbeitet.

All das tat sie, weil es dafür Likes und Fans gab – die harte Währung der Internet-Sternchen – und durch diese Fan-Zuneigung die Industrie angezogen wurde. Die bot ihr Geld dafür, dass sie eben ihre Produkte präsentierte, auf folgendem Bild erklärt sie, dass sie 400 Dollar dafür bekommen hat, dass sie das Kleid postet – viele Unternehmen würden bei Nutzern mit mehr als 500.000 Fans sogar 2.000 Dollar per Post bezahlen, heißt es weiter:

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Die heute 18-Jährige hat jahrelang ihr komplettes Leben so ausgerichtet, dass sie auf den Social Media-Kanälen Fans und Follower finden und beglücken konnte mit ihren Bildern. Dafür hat sie in Kauf genommen, dass sie ihren Fans nur eine Scheinwelt vorspielt und sie viel Zeit damit verbringt, exakt diese Scheinwelt zu inszenieren. Auf ihrem Instagram-Kanal, der mittlerweile auch nicht mehr zugänglich ist, hat sie noch viele weitere Bilder gezeigt, in denen sie darüber spricht, wie und für wen diese Fotos inszeniert wurden.

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Der Tritt auf die Notbremse

Essena hat nun alles gelöscht oder auf Eis gelegt, was mit ihren Social Media-Aktivitäten zu tun hatte. Damit hat sie nicht nur auf die Notbremse für sich selbst getreten, sondern gleichzeitig auch noch in viele Hintern der Modewelt, in der man sicher nicht glücklich darüber ist, dass sie aus dem Nähkästchen plaudert und die Industrie und die Scheinheiligkeit bei auf den ersten Blick unschuldigen Fotos bloßstellt.

Sie geht vom Gas, um endlich wieder ein normales Leben führen zu können und nicht nur das zu sein, was sie in den kleinen Ausschnitten aus ihrem Leben auf Instagram, Snapchat usw. von sich preisgegeben hat. Es geht dabei aber eben nicht nur um sie, sondern um all die kleinen Teenie-Mädels, die sie anhimmeln und sich wünschen, dass sie doch auch nur so toll und berühmt sein könnten und auch dieses Spitzen-Leben führen wollen.

Al denen zeigt Essena nun, dass das Leben als Instagram-Model eben nicht nur ein Zuckerschlecken ist, sondern a) harte Arbeit und b) zudem ziemlich am Menschen nagt, der bei all dem unter Umständen auf der Strecke bleibt. Sie berichtet von einem “noch bekannteren” Freund, der nach außen das Spiel mitspielt und selbst aber depressiv ist. Auch sie lässt durchblicken, dass sie zu Depressionen neigt und sich darüber hinaus stets sehr einsam gefühlt hat in den letzten Jahren.

Überfälliger Exit oder genialer Coup?

Ich hab eine Menge über diese junge Dame gelesen in den letzten Tagen und die Reaktionen sind sehr unterschiedlicher Natur. Da sind natürlich sehr viele Menschen, die ihr virtuell auf die Schulter klopfen dafür, dass sie diesen Schritt gemacht hat und nun mal allen zeigt, wie die Nummer wirklich abläuft hinter den Kulissen.

Es gibt aber auch die Fraktion derer, die ihr vorwerfen, dass sie ja schließlich gutes Geld damit verdient hat, tolle Kleider bekommen hat etc. und die ihr nun unterstellen, dass sie das ganz bewusst so eingefädelt hat, um den nächsten Karriereschritt zu wagen. Der heißt nämlich Let’s Be Game Changers und ist ihre neue Webseite. Es soll dort eine Plattform entstehen, die sich mit bewussterem Leben beschäftigt in all seinen Facetten.

Das geht damit los, dass dort darüber diskutiert werden soll, wie man sich eben nicht diesen Tech- oder Social Media-Zwängen ausliefert, aber es wird auch um falsche Schönheitsideale gehen, bzw. darum, nicht Illusionen nachzuhängen und sich stattdessen selbst zu akzeptieren, Ernährung und Kunst werden eine Rolle spielen und vieles mehr.

Wie die Akzeptanz dieser Plattform sein wird, kann man zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht abschätzen, aber wenn man durch den Blätterwald schaut, kennen nun sehr viele Menschen mehr Essena O’Neill, als es noch vor ein paar Tagen der Fall war und es bleibt abzuwarten, wie sie diese noch größere Prominenz zu nutzen versteht. Ich mag ihr da jetzt kein Kalkül unterstellen und ehrlich gesagt auch nicht, dass sie in die ganze Instagram-Geschichte zu blauäugig gerutscht ist. Man darf nicht vergessen, dass sie damals gerade einmal ein sehr junger Teenager war und auch jetzt immer noch ein sehr junges Mädchen ist.

Ich persönlich finde die Aktion – alle Social Media-Kanäle einfach mal dichtmachen – verbunden mit dem Blick hinter die Kulissen wirklich klasse, wobei ich jetzt nicht pauschal über Social Media als Begrifflichkeit schimpfen möchte. Social Media ist auch immer das, was wir daraus machen und wie wir es einsetzen und für mein Empfinden setzt man es dann richtig ein, wenn es eben doch das wirkliche Leben widerspiegelt.

Wer mich auf Facebook kennt: Dort seht ihr im Wesentlichen den gleichen Typen, den auch die Menschen sehen, die tatsächlich mit mir unterwegs sind. Jeder muss für sich entscheiden, wie viel von seinem Leben er im Netz preisgibt, aber in jedem Fall ist es eine pfiffige Entscheidung, dort keine Rolle zu spielen und ein völlig anderes Leben vorzugaukeln. Wer sich aber bewusst dafür entscheidet, bei Instagram oder auf anderen Plattformen auf die Jagd nach Followern, Prominenz und auch Geld zu gehen, sollte einkalkulieren, dass es eben nicht immer nur dieses sonnige Leben ist, welches man sich erträumt hat. Und diejenigen, die einen solchen Menschen im Netz anhimmeln, sollten sich dessen ebenso bewusst sein, dass es mehr Job als Leben ist, was man dort präsentiert bekommt.

Lasst mich wissen, wie ihr darüber denkt: Spielt sich da nur eine 18-jährige Göre auf, um nun noch mehr Prominenz zu erlangen und im Endeffekt noch mehr Geld zu verdienen im Netz – oder seht ihr hier eher ein vernünftiges Mädchen, welches gerade noch rechtzeitig den Stecker ziehen konnte?

Quellen: Mashable, 9gag, Jezebel