Kommentare

Instagramability: Hotels wollen perfekte Instagram-Kulissen sein

Überall fallen die Influencer und auch die Wannabe-Influencer ein. Immer öfter stellen sich auch Hotels darauf ein und schaffen die perfekten Kulissen für schöne Instagram-Fotos.

von Carsten Drees am 25. April 2019

Zur Einleitung blicke ich auf zwei Momente in meiner jüngeren Vergangenheit zurück: Vor einigen Wochen war ich beruflich in Mailand unterwegs und hatte vorher die Gelegenheit, mich mit Freund und Kollege Johannes von newgadgets.de am Mailänder Dom zu treffen. Natürlich haben wir das imposante Bauwerk fotografiert, fast noch interessanter als dieser Bau war aber das, was sich direkt vor seiner — und unserer — Nase abspielte. Da waren nämlich unzählige Mädels, die sich vor diesem Dom in Pose warfen — und ziemlich exakt genau so viele Typen, die bemüht waren, ihre Freundinnen möglichst ansprechend abzulichten. Die Damen standen, sprangen, saßen und lagen vor dem Dom auf dem Asphalt und die Kerle lagen oftmals ebenfalls — schließlich muss der Winkel ja passen beim Knipsen.

Das zweite Erlebnis war am letzten Wochenende, als ich in Köln unterwegs war. Klar, dass auch ich dort wieder hier und da den Auslöser betätigte und mich mit einer unschönen Zahl an Filtern und Effekten als Wannabe-Influencer aufspielte.

(Falls ihr euch nicht sicher seid: Ja, wenn ich hier eigene Instagram-Fotos poste, bedeutet das selbstverständlich, dass ihr — falls noch nicht geschehen — UMGEHEND meinem verschissenen Insta-Account folgen sollt :-D )

Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Fotos an einem einzigen Tag von einem Bauwerk wie dem Mailänder oder dem Kölner Dom geschossen werden. Aber mein Erlebnis in Köln hat nichts mit dem Dom zu tun, sondern eher damit, dass ich mit einer lieben Freundin am Rheinufer unterwegs war und wir zwischendurch am Tanzbrunnen vorbeischauten. Nette Location, die für tolle Open Air-Konzerte und -Festivals bekannt ist, die aber auch sonst durchaus was her macht.

Und hier sahen wir nun ebenfalls diese typischen Instagram-Pärchen. Frauen, die sich mal vor einer Palme, mal vor den auffälligen Dächern am Tanzbrunnen oder dem Brunnen selbst in Pose schmissen — und ihre männlichen Begleiter (aka Instagram-Boyfriends), die die Ehre bzw. Pflicht hatten, die Fotos zu machen. Wenn man es als Außenstehender beobachtet, sieht es wirklich skurril aus, aber wenn ein schönes Bild für die eigene Follower-Schar dieser Menschen herausspringt, soll es mir ja auch egal sein.

Diese beiden Beobachtungen haben mir jedenfalls nochmal verdeutlicht, welchen Impact Instagram in unseren Zeiten tatsächlich hat. Klar, auch auf anderen Plattformen werden massig Bilder veröffentlicht, aber erst Instagram hat diesen Hype wirklich so entfacht. Das hat so manches mal auch schräge bis unschöne Auswüchse, so wie wir hier und hier bereits berichteten.

Allerdings birgt die Plattform auch Einiges an Möglichkeiten. Logischerweise für Influencer, die plötzlich mit dem Posten von Fotos viel Kohle verdienen können, aber auch für Urlaubsorte und für Hotels, die davon profitieren, wenn sie oft genug verlinkt werden bzw. wenn sie in den Hashtags erwähnt werden.

Gerade Hotels richten sich nun mehr und mehr auf die Instagram-wütige Meute ein, wie jetzt der Tagesspiegel berichtet hat. Ganz konkret nennt man dort zwei Berliner Hotels, die die “Instagramability” fest im Blick haben. Ich kenne eure Hotel-Erfahrungen selbstverständlich nicht, aber bei mir ist es so, dass 9 von 10 Hotels irgendwie immer gleich wirken. Gerade Hotel-Ketten sind ja sogar bemüht, dass in jedem Hotel in jeder Stadt und jedem Land das selbe Look and Feel gegeben ist. Ausnahmen gibt es natürlich auch, es seien da allein die oftmals wirklich originellen Hotels in Las Vegas genannt, die mal an Ägypten, mal an New York und mal an Venedig erinnern.

In Berlin, bzw. konkret jetzt bei 25hours und im Oderberger Hotel, wählt man einen anderen Ansatz: Hier versucht man nicht, einen fernen Ort wie Venedig oder Ägypten abzubilden, sondern besinnt sich auf die eigene Stadt, in diesem Fall eben Berlin. Es hilft beiden Häusern natürlich, dass es sich um klassische Bauten handelt, in denen jeder Stein die Seele dieser einst zweigeteilten Stadt atmet.

Darüber hinaus kümmern sich die Verantwortlichen aber auch darum, ihren Gästen ein möglichst individuelles Erlebnis zu bieten. Das bedeutet in diesen Tagen nun mal, dass man — Stichwort Instagramability — möglichst viele Ecken und Winkel hat, die als Blickfang taugen. Wer da einen Swimming-Pool im Neorenaissance-Stil vorweisen kann wie das Oderberger Hotel, liegt da natürlich weit vorne. Gerade bei Instagram ist dieses alte Stadtbad natürlich ein beliebtes Motiv:

Berlin ist auch touristisch immer schon eine etwas andere Stadt gewesen und ist nicht mit anderen Metropolen wie London, Wien oder Paris vergleichbar. Hier wollen Touristen auch oftmals noch die bewegte Geschichte dieser Stadt erleben und das bedeutet eben nicht, dass man sich ausschließlich betagte Gebäude in der Stadt anschaut. Vielmehr bedeutet es in Berlin, dass man Überbleibsel der ganzen Ost-West-Nummer erhaschen möchte, Graffiti-besprühte Reste der Berliner Mauer sehen will und in verranzte Clubs einkehrt.

Genau das findet sich auch im 25hpurs-Hotel wieder, wo man auch schon mal auf Edding-Kritzeleien an den Wänden stößt — oder auf einen in der Lobby geparkten alten Mini.

Vermutlich kennt ihr selbst auch Beispiele für Hotels, die sich von der Masse abheben wollen und die euch ganz bewusst viele Möglichkeiten für interessante Fotos bieten. Wir müssen aber dazu natürlich auch ganz klar feststellen, dass das mit der Individualität so eine Sache ist. Schaut ihr euch nämlich beispielsweise den Instagram-Account des Oderberger Hotels an, werdet ihr feststellen, dass sehr viele Fotos den klassischen Pool zeigen, viele davon sogar im identischen Winkel.

Ganz so weit ist es dann also doch nicht her mit der Individualität, der “Instagramability” tut das jedoch keinen Abbruch. Die Gäste strömen dennoch reichlich in diese Hotels, obwohl die Übernachtungen nicht ganz günstig sind. Das ist übrigens aber generell ein Trend, der schon lange anhält: Jahr für Jahr wachsen die Zahlen der Übernachtungen und das, obwohl man meinen sollte, dass Plattformen wie Airbnb eine gefährliche Konkurrenz darstellen.

In Berlin muss man sich da wohl eh keine Sorgen machen, weil es eben nicht nur nette Foto-Hintergründe in den Hotels, sondern auch ein ganzes Füllhorn an Sehenswürdigkeiten in der Stadt gibt. Wenn in Berlin Instagram-Wütige wie die Heuschrecken einfallen, dürfte es also hauptsächlich Gewinner geben: Menschen, die schöne Fotos schießen und eine Tourismus-Branche, die ordentlich Reibach macht. Es gibt natürlich Regionen, die so einem Ansturm an Touristen nicht gewachsen sind, aber für Berlin ist es zweifellos eine gute Sache, wenn sich auch die Hotels selbst bemühen, den Gästen etwas Besonderes zu bieten.

Abschließend noch einmal die Frage an euch: Kennt ihr Hotels, die ihr aufgrund ihrer “Instagramability” besonders empfehlen würdet und die sich vom üblichen Hotel-Einheitsbrei positiv abheben? Dann schreibt sie uns in die Comments!

Quelle: Tagesspiegel