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Netflix Real Crime Dokumentation

Interview mit den “Amanda Knox” Regisseuren

Mit "Amanda Knox" geht Netflix nach "Making a Murderer" in die nächste Real Crime Runde und rollt den fast 10 Jahre alten Fall wieder auf und beleuchtet ihn von allen Seiten.

von Jessica Mancuso am 2. Oktober 2016

Zum Netflix-Start der »Amanda Knox«-Dokumentation am 30. September durfte ich vorab mit den Regisseuren Brian McGinn (Chef’s Table) und Rob Blackhurst (Here Alone) über ihre Ansichten zum spannenden Fall sprechen, der seit fast 10 Jahren für internationales Aufsehen sorgt. Lest nachfolgend, wie sie die fünfjährige Arbeit an diesem Projekt wahrgenommen haben.

Was hat Sie dazu inspiriert, die Geschichte der Amanda Knox zu erzählen? Wieso haben Sie sich dazu entschieden, gerade dieses Thema zu wählen?

Es war 2011, als wir erstmalig mit dieser Geschichte in Berührung kamen, die Sie den »Amanda Knox Fall« nennen, wie viele andere auch. Genau von diesem Aspekt waren wir direkt fasziniert: dass der Meredith Kercher Mord zum Amanda Knox Fall wurde. Wir wollten wissen, wie solch ein tragisches Durcheinander zu der Berichterstattung führte, wie Sie es auch in Deutschland mitbekommen haben. Und wir wollten wissen, wieso Menschen einerseits so betroffen von der Geschichte und andererseits so leidenschaftlich Feuer und Flamme darüber waren, ob Amanda schuldig oder unschuldig sei. Also wollten wir eine menschliche Geschichte daraus machen, indem wir vier Personen näher beleuchteten, die in diesem Fall eine zentrale Rolle spielten: Die Angeklagten Amanda Knox und Raffaele Sollecito, den Staatsanwalt Giuliano Mignini und den Daily Mail Reporter Nick Pisa.

Haben Sie eine Antwort darauf gefunden, wieso die Leute diesen Fall zum Amanda Knox Fall machten?

(Rob) Alles begann damit, dass Amanda ein Verhalten an den Tag legte, der Menschen dazu brachte zu hinterfragen, ob das ein normales Verhalten sei. Sollte man sich so benehmen oder sollte man nicht? Als sie und Raffaele z. B. die ersten Küsse wechselten, während wenige Meter von ihnen die Leiche ihrer Mitbewohnerin von der Polizei nach Spuren durchsucht wurde. Wie es in der Doku auch heißt: »Das sind allesamt sehr komplexe Figuren, die faszinierender sind, als man es in 140 Zeichen Headline hineinpressen kann.« Es sind echte Menschen, die sich von einem Tag auf dem nächsten in den Zeitungen neben den Promi-News wiederfanden.

Wie auch in der Doku festgehalten, bestand der Verdacht eines »girl on girl crime«, dass die attraktive Meredith von einem anderen hübschen Mädchen brutal umgebracht wurde, wobei sie aussieht wie ein Engel mit blauen Augen – das hat die Welt fasziniert.

(Brian) Ich denke auch, dass die Leute es zum Amanda Knox Fall machten, weil sie eine gute Story hergab. Wie auch in der Doku festgehalten, bestand der Verdacht eines »girl on girl crime«, dass die attraktive Meredith von einem anderen hübschen Mädchen brutal umgebracht wurde, wobei sie aussieht wie ein Engel mit blauen Augen – das hat die Welt fasziniert. Amanda selbst sagt, das habe die Welt in zwei geteilt. Die eine Hälfte sah sie als den absoluten Albtraum des Wolfes im Schafspelz, schien sie auf den ersten Blick alles andere als ein Killer zu sein, sah sie doch so süß aus. Die andere Hälfte nahm sie als eine Studentin wahr, die unschuldig festgenommen wurde und fortan in einem System feststeckte, das sie nicht kontrollieren konnte. Und so entstand die Faszination für diesen Fall, der letztendlich Amanda zugesprochen wurde.

Was war Ihre Intention, diese Dokumentation zu drehen? Ich vermute mal, dass Sie nie vor hatten, den Fall auf eigene Faust zu lösen.

(Rob) (lacht) Das ist eine gute Beobachtung. Nein, das hatten wir zu keiner Zeit vor. Für uns stand im Vordergrund, die Akten zum Fall rückwirkend aufzuarbeiten, die übrigens chaotischer kaum hätten sein können, und sie so zu strukturieren, wie sie letztendlich auch in der Doku dargelegt werden. Wenn die finale Ordnung hergestellt ist, werden Sie verstehen, wie die Staatsanwaltschaft zu ihrem Schluss kam, ehrlich.

Doch davon abgesehen denke ich, dass wir daran interessiert waren zu verstehen, wie diese Geschichte kreiert wurde und wieso wir allgemein so fasziniert von Geschichten sind; wie wir diese Art von Geschichten konsumieren. Die Macht der Erzählung im Allgemeinen, die die Kraft hat, Meinungen zu bilden und diese zu ändern. Für uns ist das ein zentraler Aspekt unseres Lebens und unserer Kultur und gefühlt war das der erste Fall, der die Welt in zwei geteilt hat.

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Gab es besondere Herausforderungen bei dieser Doku im Vergleich zu Ihren anderen Projekten?

(Brian) Absolut! Meine anderen Dokumentationen sind wie Chef’s Table. Sie können sich vorstellen, dass dieses Projekt thematisch dunkler und tragischer war. Für mich bestand die Herausforderung darin, menschliche Berührungspunkte zu finden und diese in eine noch nie dagewesene Erzählung zu verbinden. Wovon Sie sich selbst überzeugen können, wenn Sie sich die vorgestellten Menschen und ihre Sichtpunkte ansehen.

(Rob) Eine der härtesten Herausforderungen war, all die Puzzleteile zu finden, um die Doku zusammenzuschneiden. Der Fall liegt nun 9 Jahre zurück und es mussten alle Videos und Fotos her, die es dem Zuschauer ermöglichen, zu dieser Zeit zurückzukehren. Um zu sehen, wie die Figuren damals waren und nicht bloß davon zu hören. Es hat uns über 9 Monate gekostet, um die Gerichtsakten aus Italien zu bekommen. Doch in diesen Akten fanden wir das Homevideo, das Amanda von Meredith nur wenige Wochen vor ihrem Tod machte. Wir wissen, dass bisher niemand diese Aufnahmen gesehen hat. Es hat insgesamt 5 Jahre gedauert, diese Doku abzudrehen und die meiste Zeit haben wir damit verbracht, durch die Gegend zu gondeln und von jedem dieser Individuen ein akkurates Porträt zu erstellen.

Wie haben Sie denn Amanda während dieser 5 Jahre empfunden?

Es war 2011, als wir erstmals mit Amanda sprachen. Zu diesem Zeitpunkt wollte sie noch gar keinen Film drehen, sondern an ihrem Buch schreiben. Wir sagten ihr, dass wir Verständnis dafür hätten und sie sich melden soll, falls sie ihre Meinung noch ändert. Zu dem Moment dachten wir, der Film würde niemals rauskommen, weil die Hauptfigur keinerlei Interesse daran zeigte und zusätzlich so schüchtern war. Doch in 2013, als der Fall erneut vor Gericht aufgerollt wurde, kam sie auf uns zu und war bereit, sich interviewen zu lassen.

Vermutlich weil sie dachte, sie würde erneut schuldig gesprochen werden. Doch wir dachten immer noch, es würde nie zu einer fertigen Dokumentation kommen, weil uns die andere Seite fehlte. Wir wollten beide Seiten zeigen und es wurde immer schwieriger, Giuliano Mignini für unser Projekt zu gewinnen. Mehrmals bekamen wir ein »no« zu hören, also verbrachten wir viel Zeit mit Kaffeetrinken und Vertrauen aufbauen, indem wir ihm erklärten, dass wir an seinem Blickwinkel der Geschehnisse interessiert sind. Und so kam es, dass er sich 2015 mit uns zusammensetzte. Was mit dem Zeitpunkt des Freispruchs von Amanda und Raffaele kollidierte. Ich denke, das war genau der richtige Moment für ihn, um uns seine Sicht der Dinge zu erzählen.

Zu unserer Wahrnehmung von Amanda können wir nur sagen, dass wir sehr fasziniert von ihr sind. Man würde sich vorstellen, dass jemand, der zu unrecht verhaftet wurde, einen sehr persönlichen und emotionalen Standpunkt vertritt. Stattdessen sahen wir eine junge Frau, die sehr viel Zeit damit verbrachte, darüber nachzudenken, was ihr widerfahren ist. Nicht bloß subjektiv, sondern auch im Hinblick auf die Gesellschaft. Für uns war das sehr überraschend und eigenartig zugleich, aber durchaus ein Gewinn, diese Perspektiven zusätzlich in der Doku zu haben.

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Und hat sich Ihre Meinung zum Fall während dieser Zeit geändert?

Ich denke, man kommt nicht umher, den Fall vor- und zurückzuspulen, um zu verstehen, was wahr ist und was nicht. Ich denke, dass es genau richtig war, den Fall von Anfang an zu erzählen. Denn das war der beste Weg, um der Geschichte und den darin vorkommenden Menschen Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Ich denke auch, dass es in der Natur des Menschen liegt, an Charakteren und Geschehnissen Zweifel zu haben. So hoffen wir natürlich, dass die Doku die Persönlichkeit der einzelnen Figuren gut eingefangen hat – wie sie ihr Leben bestreiten und woran sie glauben. Das ermöglicht tiefere Einblicke in die Geschichte, die noch nie zuvor gezeigt wurden.

Eine letzte Frage habe ich noch: Inwiefern denken Sie, dass sprachliche und kulturelle Unterschiede zu eventuellen Missverständnissen geführt haben könnten?

(Rob) Danke für diese Frage. Sie sind die Erste, die danach fragt und wir finden, das ist ein zentraler Aspekt dieses Falls. Wir haben alle mitbekommen, wie die Medien sich auf diesen Fall gestürzt haben. Es wurde zu einem transatlantischen Knüller – es gab keinen Menschen in den USA, der sich nicht dafür interessierte. Und so kam es, dass diese Geschichte zu einer Story wurde, die erzählt werden musste, aber auch auf die Funktion einer guten Schlagzeile reduziert wurde.

Sicherlich gab es sprachliche Barrieren, da bin ich mir sicher. Amanda lernte noch italienisch, als sie festgenommen wurde und Raffaele sprach nur einige Brocken englisch. So kam es wohl auch, dass dieses junge Pärchen sich in die Augen des jeweils anderen verlor, während ihnen Fragen gestellt wurden.
(Brian) Es gibt diese eine Szene in der Doku, in der die kulturellen Missverständnisse auf den Tisch kommen. Als Amanda erstmals von Giuliano Mignini befragt wird und irgendwann zugibt, dass Lumumba schuldig sei.

Sie sagte im Nachhinein, die Polizei hätte sie unter Druck gesetzt und ihr den Namen mehr oder weniger in den Mund gelegt. Die Polizei und Mignini hingegen verstanden ihre Art nicht, zwischen Realität und Fantasie zu switchen. Sie hingegen sah sich sehr unter der Autorität der Polizei stehend und auch da sind wir uns nicht sicher, ob es nicht eine typische Attitüde für Seattle ist, wo Amanda herkommt.

Wenn man hört, wie Amanda am Anfang der Doku erzählt, sie wolle unbedingt nach Italien, weil es dort so schöne Weingebiete gibt und die ganze geschichtsträchtige Kunst – das ist auch der typische amerikanische Stereotyp. Da sieht man diese Idee des amerikanischen Geistes in Italien, der Auge um Auge mit der italienischen Art von Seattle kollidiert. Das ist sehr kompliziert für diejenigen, die perfekt kommunizieren können und es nicht anders kennen. Ich bin mir sicher, dass es sprachliche Barrieren von Anfang an gab.

Persönliches Fazit:
Was die letzte Frage betrifft, könnt ihr euch in der Doku ein eigenes Bild machen, wenn ihr auf die Übersetzungen achtet. Beispielsweise, als Amanda Patrick Lumumba eine SMS schreibt, in der steht: »See you later«, aber auf italienisch, also »Ci vediamo presto«, worauf die italienische Polizei meinte, die Zwei wollten sich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal treffen. Amanda hingegen besteht darauf, dass man das in den USA als Floskel sagt, dass man sich dann irgendwann sehen würde. Ohne ein konkretes Zeitlimit. Ebenso wurden der jungen Frau die 7 Männer, mit denen sie im Laufe ihres Lebens Sex hatte, in den Medien zum Verhängnis: pervers, notgeil und sexbesessen. So stellte man sie dar. Vielleicht auch die Falle eines kulturellen Unterschieds. Eine junge Studentin, die ihr Leben lebt? Für die Medien mehr als nur einen Aufschrei wert.

Das ist allerdings nur ein Grund, weswegen ich die Dokumentation »Amanda Knox« auf Netflix empfehlen kann. Hier werden erstmalig die Rollen hinterfragt, die die Polizei, Anwälte, Medien und Öffentlichkeit innehaben. Die ewige Gier nach sensationsgeilen Schlagzeilen, einer Lynchjustiz und Journalisten, die die Story für die Auflage brauchten. So äußert sich Nick Pisa, der Reporter, selbst in der Doku mit diesen Worten: »Was sollte ich tun? Die Fakten prüfen, bevor ich meine Berichte veröffentlichte? Eine Zeitung erscheint täglich. Es gefiel auch den Ermittlern, internationalen Ruhm zu erlangen.«

Diese Geschichte geht einem tief unter die Haut. Um es mit Amandas Worten zu sagen: »Sollte ich schuldig sein, wäre ich eine Psychopathin im Schafsfell. Bin ich unschuldig, bin ich du.« Denn wer von uns ist schon davon befreit, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, und ein Gesicht zu haben, aus dem die Medien die Story ihres Lebens wittern?