Ist Windows 10 S der „wahre“ Chromebook-Killer? Oder nur Windows RT 2.0?

Kann Microsoft mit Windows 10 S die Probleme lösen, die typischerweise bei günstigen Notebooks auftauchen - oder ist das System eher eine Art Surface RT 2.0?
von Julia Griesbach am 8. Mai 2017

Diese Woche hat Microsoft gleich zwei Produkte für den Bildungssektor angekündigt, die auch Auswirkungen auf das restliche Windows-Ökosystem haben werden, nämlich Windows 10 S und den Surface Laptop. Der Surface Laptop wird dabei gleich saftige €1 149 kosten – Microsoft versucht damit also gar nicht erst, das günstige Chromebook zu schlagen. Ganz im Gegenteil: Der Preis macht es sogar eher zu einem Konkurrenten für Apples Macbook Pro oder Dells XPS 13 9360.

Wir können es kaum erwarten, den Surface Laptop in die Finger zu bekommen und wir werden als allererstes ein Upgrade auf Windows 10 Pro durchführen.

Die tatsächliche Chromebook-Alternative ist da eher das Windows 10 S: Eine Lösung, welche dieselben Features, Vorteile aber auch Schwachstellen von Chrome OS mit sich bringt und auf so ziemlich jeder Hardware laufen soll.

Microsoft hat zwar keine bestimmte Hardware für Windows 10 S angekündigt, aber Mobilegeeks war wegen der Veröffentlichung des Acer Swift 1 vor kurzem in New York unterwegs. Dieses kostengünstige Metall-Notebook möchte kein Topmodell sein, sondern vielmehr eine hochwertige und günstige Alternative zum Chromebook. Der Preis liegt bei nur $219. Mit einem Gewicht von 1,6 kg bietet das Swift 1 ausreichend gute Spezifikationen. Es besitzt einen Celeron- bzw. Pentium-Prozessor, 4 GB RAM und 32 GB bzw. 64 GB eMMC-Speicher. Es ist zwar kein Kraftpaket, aber Windows 10 läuft problemlos und es wird seinen Zweck voll und ganz erfüllen.

An den Spezifikationen des Swift 1 gibt es nichts auszusetzen, das Gerät sollte in der Lage sein, schnell hochzufahren und ohne große Verzögerung aus dem Ruhezustand aufgeweckt zu werden. Es wird zwar durchschnittliche Produktivitätsaufgaben bewältigen, aber man sollte es besser nicht zur Videobearbeitung nutzen und auch nicht zu viele Programme offen haben.

Die Frage aller Fragen ist jedoch: Kann ein System mit Windows 10 S die traditionellen Probleme günstiger PCs lösen?

Eines der größten Probleme von günstigen PCs ist es, dass Hersteller sie mit Crapware/Bloatware vollladen, um so ihre Gewinnspanne zu erhöhen. Das beeinträchtigt die Erfahrung für den Nutzer und verlangsamt zusätzlich den PC. Wenn jetzt noch Software hinzukommt, die der Nutzer selbst installiert hat, zusammen mit ein bisschen Malware, muss das komplette Teil nach sechs Monaten gelöscht und neu installiert werden. Das ist übrigens ein Grund, weshalb der Durchschnittsnutzer lieber einen Apple-Laptop kauft, denn dieses Problem gibt es bei Apple nicht.

Und dann ist da noch das Update-Problem, das Windows 10 S auf geschickte Art und Weise löst. Weil die Apps ausschließlich über den Windows Store installiert werden, können sie automatisch aktualisiert werden. Es gibt keine Software-Updater von Drittanbietern mehr, die ihren eigenen Zeitplan besitzen und im Hintergrund laufen. Ein riesiger Pluspunkt!

Das klingt zwar eigentlich zu gut um wahr zu sein, aber wenn wir uns ansehen, was Microsoft aus seinen Fehlern mit Windows RT gelernt hat, ergibt das Ganze plötzlich viel mehr Sinn. Microsoft enthüllte im Jahr 2012 Windows RT für das Surface RT, eine Variante von Windows 8, und es sollte damals bereits dieselben Probleme lösen, die Windows 10 S jetzt angehen möchte.

Windows RT war ein Fehlschlag, weil die Auswahl an Apps grauenvoll und Office alleine einfach nicht genug war. Wenn im Juni die ersten Geräte mit Windows 10 S ausgeliefert werden, wird es natürlich einige ähnliche Reaktionen nach dem Motto „Was? Diese App läuft auf dem Ding nicht?“ von ersten Nutzern geben. iTunes lässt sich nicht installieren, Quicken ebenfalls nicht, kein GIMP oder sonstige Bildbearbeitungsprogramme (Sorry, Technik-Journalisten, die keine Adobe-Software benutzen) und vor allem lässt sich kein Google Chrome installieren.

Systeme, auf denen Windows 10 S läuft, sind „abgeriegelt“. Der Standard-Browser ist also Microsoft Edge und laut Microsoft lässt sich dies auch nicht ändern. Falls ihr es noch nicht wisst, Edge hat sich in den letzten zwei Jahren stark verbessert und es ist beeindruckend, wie sehr der Browser Chrome mittlerweile ähnelt. Aber es ist nun mal nicht Chrome.

Das könnte für einige potentielle Käufer von Laptops mit Windows 10 S ein K.O.-Kriterium sein. Wer Chrome haben möchte, muss ein Upgrade auf Windows 10 Pro durchführen. Das bedeutet aber auch, dass man die Vorteile in Sachen Sicherheit und Handhabung verliert, die Windows 10 S mit sich bringt.

Am besten wäre es natürlich, wenn Google Chrome über den Windows Store anbieten würde. Das ist natürlich kein kleiner Wunsch, aber wenn jemand die Software-Entwickler hat, die diese Aufgabe bewältigen können, dann ist es Google.

Eigentlich sträubt sich Google sogar nicht einmal gegen eine Zusammenarbeit mit Microsoft. Bei Windows 8 hat man sich derzeit große Mühe bei der Zusammenarbeit gegeben, aber Google hat ungefähr zur selben Zeit aufgegeben wie Microsoft. Sollte sich Google tatsächlich dazu entscheiden, das Microsoft-Ökosystem zu unterstützen, wäre es toll, wenn diese Entscheidung diese Woche während der Build-Konferenz angekündigt werden würde.

Der Surface-Laptop wird Mitte Juni zusammen mit Windows 10 S auf den Markt kommen – dann werden wir sehen, wie negativ die Reaktionen auf dieses Chrome-lose Betriebssystem ausfallen werden.

Übersetzung von Sven Vogt