Kommentar
Von Promis, Vergewaltigungen und Twitter

Maynard James Keenan, Frontmann von Tool und A Perfect Circle, wird auf einem eigens dafür eingerichteten Twitter-Kanal der Vergewaltigung beschuldigt. Eine gefährliche Entwicklung!

Disclaimer: In meinem Kommentar kann und möchte ich nicht bewerten, was Maynard James Keenan getan oder nicht getan hat, ob er schuldig ist oder nicht. Ich möchte mich vielmehr damit auseinandersetzen, auf welche Art und Weise die an ihn gerichteten Vorwürfe sich derzeit verbreiten.

Gestern bin ich über eine Nachricht gestolpert, die spätestens seit #metoo keine Seltenheit ist: Ein Prominenter wird des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Konkret handelt es sich hier um Maynard James Keenan, Mastermind und Sänger der Bands Tool und A Perfect Circle sowie Puscifer.

Über sein musikalisches Schaffen möchte ich mich an dieser Stelle gar nicht groß unterhalten, habe aber im Bekanntenkreis viele Menschen, für die der Sänger in einem ähnlichen Gott-Modus unterwegs ist, wie es für andere ein Dave Gahan von Depeche Mode oder ein Trent Reznor von den Nine Inch Nails ist.

Damit meine ich, dass sie in gewissen Fankreisen nicht nur musikalisch über jeden Zweifel erhaben sind, sondern diese gewissen Fans auch — für meinen Geschmack — deutlich zu weit gehen würden, um ihrem Idol nahe zu kommen. Vermutlich hat jeder schon mal irgendwelche Groupie-Geschichten über Rockstars gelesen und so kann sich jeder ausmalen, was da nach den Shows hinter der Bühne manchmal abgeht.

Keenan, so weiß ich jetzt, ist da auch alles andere als ein Kostverächter. Seit gestern habe ich mich ein wenig eingelesen, was diesen Mann angeht und habe da teilweise schon sehr krude Geschichten gelesen darüber, wie professionell Mädels nach dem Konzert ausgesiebt wurden, um ihm eine gewisse Auswahl zu bieten. Er musste dann letzten Endes nur noch seine Favoritin bzw. seine Favoritinnen herauspicken.

Mir geht es hier jetzt aber nicht darum, den mahnenden Moralapostel zu spielen oder Geschichten als gegeben anzusehen, über die ich gestolpert bin. Stattdessen geht es darum, dass mit seiner Leidenschaft für diese spezielle Art der Fans auch Vorwürfe einhergehen. Vorwürfe, in denen davon die Rede ist, dass eben nicht jedes dieser Mädchen bereit war, all das zu tun, was er von ihnen verlangte und er sich das im Zweifelsfall einfach trotzdem nahm.

Konkret geht es um Vergewaltigungen — ein Vorwurf, der in Fankreisen schon seit vielen Jahren immer wieder mal thematisiert wurde, ohne dass es da aber jemals wirklich belastbare Aussagen oder gar Anklagen gegeben hätte. Ich erinnere nochmal an meinen Disclaimer eingangs, dass ich auch nicht bewerten möchte, ob er das nun tatsächlich getan hat oder nicht.

Aktuell wird dieses Thema dadurch, dass eine Frau beschlossen hat, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Nach eigener Aussage ist sie im Jahr 2000 auf einem Konzert gewesen, bei dem A Perfect Circle und Nine Inch Nails spielten und wo Maynard James Keenan auf sie aufmerksam wurde.

Nach ihrer Aussage kam eine schwergewichtige Frau auf sie zu und fragte, ob sie die Band treffen möchte. Der ebenfalls anwesende Freund durfte nicht mit, es gäbe nur einen Backstage-Pass, hieß es. Sie wurde von der Frau hinter die Bühne in den Backstage-Bereich gebracht, wo das damals 17-jährige Mädchen den damals 36-jährigen Maynard James Keenan traf.

Er nahm sie mit in seinen Tourbus, sie teilte ihm auch ihr Alter mit und sie schauten zunächst einen Film. Er wurde dann ihrer Aussage nach sehr schnell aufdringlich und vergewaltigte sie schließlich dann auch, was sie wie paralysiert zuließ. Danach ging sie zurück zu ihrem Freund, der sich bereits Sorgen machte und aus Angst, ihn zu verärgern, erzählte sie ihm nichts von der Geschichte.

Genau genommen erzählte sie niemandem was von den Geschehnissen im Jahr 2000 — bis jetzt. Die Geschehnisse der letzten Monate, die vielen Frauen, die sich im Rahmen der #metoo-Diskussionen mit ihren schlimmen Geschichten an die Öffentlichkeit getraut haben, haben auch sie dazu gebracht, nun über die Vorfälle zu reden.

Sie ist damit allerdings nicht zu einer Vertrauensperson gegangen oder zur Polizei. Sie hat auch nicht den Weg über die Medien gewählt, wie es zuletzt auch immer wieder der Fall war. Sie hat sich dazu entschlossen, dieser Vergewaltigung einen ganz eigenen Twitter-Kanal zu spendieren, auf dem sie anonym die ganze Geschichte erzählt. Unter Iwas17HeWas36 erzählt sie ausführlich und detailreich, was sich damals vor 18 Jahren abgespielt hat.

Sie erwähnt dort, dass der Sänger über ihr Alter informiert war, dass sie in die sexuellen Handlungen nicht eingewilligt hat und auch, dass sie sich auch jetzt noch nicht traut, die Stadt zu nennen, in der es passiert wäre – aus Angst, dass man dadurch auf sie schließen könne.

Die ersten Medien haben diese Vorwürfe natürlich übernommen und darüber berichtet. Das ist auch der Weg, auf dem ich darauf aufmerksam wurde. Wirklich große Musik-Seiten sind noch nicht dabei, wobei ich jedoch nicht beurteilen kann, ob sie (noch) nicht darüber berichten wollen, weil man die Meldung nicht verifizieren kann, oder ob es schlicht noch dauert, bis die ganz Großen drüber berichten.

Ich habe seit gestern viele Aussagen darüber gelesen, dass er sich wirklich in jeder Stadt Mädchen hinter die Bühne mitgenommen hat. Es gibt Wortmeldungen, die die Vergewaltigungs-Geschichte bestätigen bzw. die ähnliche Stories erzählen. Es gibt aber auch Fan-Berichte, die zwar die Groupie-Nummer bestätigen, aber aufgrund mehrerer Punkte an der Glaubwürdigkeit dieses konkreten Vergewaltigungs-Vorwurfes zweifeln.

Aber wie gesagt: Ob er das tatsächlich getan hat oder nicht, ist jetzt hier nicht das Thema. Ich stoße mich ein wenig daran, auf welche Art dieser Vorwurf nun die Runde macht, nämlich über diesen anonymen Twitter-Account. Falls ihr das tatsächlich zugestoßen ist, dann kann ich natürlich unmöglich den Richter darüber spielen, welches der beste Weg ist, einen derartigen Vorwurf öffentlich zu machen.

Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, all das all die Jahre mit sich herumzutragen und es niemandem sagen zu können, was in einem los ist. Ich kenne nicht den Schmerz, nicht die Demütigung, nicht den Selbsthass. Daher mag ich das um Gottes Willen auch alles nicht beurteilen.

Aber ich stelle mir die Frage, ob es der richtige Weg ist, sich Gehör zu verschaffen. Nicht, weil ich beurteilen kann, wie man mit so einer Story am besten an die Öffentlichkeit geht, sondern weil ich mich darum sorge, dass quasi jedermann mit so einer Geschichte einen Twitter-Kanal befüllen kann.

Andere Menschen müssen sich damit beschäftigen, was der Sänger tatsächlich getan oder nicht getan hat. Aber all die Jahre im Netz haben mir gezeigt, dass es eben leider genügend Menschen gibt, die sich als jemand anders ausgeben, die anderen grundlos Schlechtes wünschen, oder sich für irgendetwas rächen möchten.

Daher werde ich vorsichtig, gerade bei so einem emotionalen und sensiblen Thema wie dem der sexuellen Übergriffe. Was, wenn lediglich eine zurückgewiesene Frau Hass auf den Mann verspürt, oder was, wenn es ein eifersüchtiger Mann ist, der diesen Account betreibt? Ich tue mich persönlich sehr schwer damit, weil es einfach zu leicht ist, gerade in diesen Zeiten jemanden an den Pranger zu stellen und für immer zu brandmarken — gerade, wenn er so eine Vita hat wie der Tool-Sänger.

Grundsätzlich frage ich mich, wieso eine Frau bei einem solch furchtbaren Erlebnis lügen sollte, noch zudem so viele Jahre später. Aber ich will es auch nicht an diesem konkreten Fall festmachen. Schließlich könnte ja gerade in dieser Sekunde irgendwo jemand auf die Idee kommen, einfach einen solchen Twitter-Account einzurichten und zu schauen, was daraus passiert.

Wir müssen leider auch im Jahr 2018 immer noch weltweit vor allem Männer dafür sensibilisieren, dass Sex nur einvernehmlich geschehen darf. Aber wir dürfen auf der anderen Seite auch nicht allesamt zu Hexenjägern werden, die Menschen verteufeln und stigmatisieren, lange bevor sich Gerichte mit den Vorwürfen befasst haben.

Ich tue mich — wie ihr ja vermutlich beim Lesen gemerkt habt — sehr, sehr schwer mit dem Thema. Ich will niemandem zu nahe treten, schlimme Dinge nicht klein reden und versuche mich da ein wenig heranzutasten und mir eine Meinung zu bilden. Vielleicht mögt ihr mir helfen — indem ihr mir sagt, wie ihr die Dinge seht und was ihr für die richtige Vorgehensweise in einem Vergewaltigungs-Fall haltet (sollte es die eine richtige Vorgehensweise geben).