Im Fokus: Japan
Japanische Mobiltelefone: Klapp-Handys und wasserfest

Der japanische Markt für Mobiltelefone ist ein ungewöhnlicher. Im Gegensatz zum Rest der Welt regierten hier lange die Klapp-Handys und schon seit vielen Jahren werden die Handsets dort wasserdicht gebaut. 

Wir sprechen in dieser Woche über Japan und das kann man nicht tun, ohne dass man dabei auch darüber redet, dass im Land des Lächelns den Smartphone-Herstellern schon lange nicht mehr zum Lächeln zumute ist. Lediglich Sony hält aus unserem internationalen Blickwinkel die Japan-Flagge noch stolz hoch, ansonsten gibt es da außer Kyocera und Sharp (von denen mittlerweile das meiste den Chinesen von Foxconn gehört) nicht mehr viel.

Die Japaner und ihre Klapp-Handys

Ein Grund für dieMisere ist die krude Liebe der Japaner zu Klapp-Handys. Ja, ihr habt richtig gehört: Japaner stehen unglaublich auf die klappbaren Handsets bzw. standen — so langsam wandelt sich halt das Bild. Aber viel zu lange hat man die Trends verpennt in Japan. Als das Ur-iPhone den Startschuss für eine ganz neue Smartphone-Ära einläutete, wurde in Japan weiter fleißig geklappt. Danach startete irgendwann auch Android durch und spülte Samsung an die Spitze der Smartphone-Hersteller — in Japan klappte man lieber Mobiltelefone. Das nächste Bild — ein aktueller Screenshot der deutschen Panasonic-Seite — dient quasi als Symbolbild der japanischen Misere:

Im Jahr 2000 war es Sharp, das das allererste Handy mit einer Kamera herausbrachte und 2006 — also noch vor dem Release des ersten iPhone von Apple — konnte man in Japan sogar auf Mobiltelefonen fernsehen. Die Chip schrieb 2009:

Wir müssen es neidvoll zugestehen: Noch immer sind Japans Handy-Tüftler der Welt einen Schritt voraus. Während in Europa und den USA das Gros der Menschen noch nicht mobil surft, gehören zwischen Tokio und Kobe Handy-TV, mobiles Internet und Handy-Videoconferencing zum Alltag.

Seitdem sind gerade einmal neun Jahre vergangen. Neun Jahre, in denen lediglich die Chip selbst noch weiter heruntergekommen ist als der japanische Mobiltelefon-Markt, wenn ihr mich fragt. Die Begeisterung der Japaner für ihre mobilen Begleiter entwickelte sich vom Segen zum Fluch. Es war dort nämlich schon vor Jahren selbst für Kinder unüblich, ohne Handy herumzurennen, lange bevor wir hierzulande zu Smombies mutierten.

Ähnlich wie BlackBerry und Nokia — einst Smartphone-Könige — waren auch die großen japanischen Hersteller irgendwann von ihrem Erfolg so verblendet, dass man sich einfach nicht mehr darum kümmerte, weiter innovativ zu bleiben. Welche großen japanischen Hersteller fallen euch denn überhaupt noch ein, wenn ihr an Mobiltelefone denkt? Fujitsu hat übrigens erst vor wenigen Wochen seine Mobil-Sparte verkauft.

Wahrscheinlich sind Hersteller und Nutzer Hand in Hand den Bach runtergegangen bzw. Schuld daran, dass es diesen japanischen Niedergang bei den Handys gibt. Die Nutzer waren glücklich mit ihrer Hardware und freuten sich über immer neue Klapp-Handys, die Hersteller hingegen freuten sich darüber, dass es in Japan immer noch so in der Kasse klingelt und man gar nicht nach links und rechts schauen muss, was die Apples und Samsungs so treiben. Ein fataler Irrglaube mit dem uns allen bekannten Ergebnis.

An meine Haut lasse ich nur Wasser und – mein Handy

Die schon fast gruselige Abhängigkeit der Japaner zu ihren Handys zeigte sich aber nicht nur beim Klapp-Handy-Dilemma, sondern auch unter der Dusche. Ja, richtig gehört! Schon lange, bevor hier die großen Hersteller wie Samsung sich dazu durchringen konnten, ihre Smartphones wasserdicht zu konstruieren, war das in Japan schon längst ein alter Hut. Bereits 2005 erschien dort das Casio Canu 502S, auch als Casio G’zOne bekannt.

In der Folge sprangen mehr und mehr Hersteller auf den Zug auf und irgendwann war es dann soweit, dass bis zu 95 Prozent der in Japan angebotenen mobilen Telefone wasserdicht waren. Der Grund für diesen Trend, den es sonst nirgends so in der Welt gab, hat wieder mit dieser Abhängigkeit der Japaner zu tun: Sie wollten eben so gut wie nie ohne ihr Handy sein, auch nicht, wenn sie duschen gehen. Bereits 2012 sagte Taro Itakura, damals bei Panasonic auf der Gehaltsliste, im Rahmen des MWC:

In Japan, you can’t sell a phone if it’s not waterproof. About 90 to 95 percent of all phones sold now are already waterproof. Why? This is very unique — young Japanese women prefer to use their cellphones even when taking their showers

Sony — natürlich ebenfalls Japaner — haben den wasserdichten Phones auch außerhalb Japans den Weg geebnet, Apple-Fans mussten auf dieses Feature bis zum iPhone 7 warten und in Japan nehmen junge Menschen ihre Handys eben schon seit mehr als einem Jahrzehnt mit unter die Dusche.

Das ging so weit, dass viele große Hersteller speziell für Japan spezielle Versionen ihrer Modelle für den japanischen Markt produzierten. Handsets, die weltweit ohne IP-Zertifizierung verkauft wurden, waren exklusiv in Japan wasserdicht erhältlich. Oder es wurden Entscheidungen getroffen, wie zum Beispiel von LG beim G5: Das Smartphone war aufgrund seiner modularen Bauweise nicht dazu geeignet, in einem wasserdichten Gehäuse produziert zu werden. Die Konsequenz der Koreaner: Sie haben ihr damaliges Flaggschiff kurzerhand in Japan überhaupt nicht angeboten.


Ist das alles, was vom einstigen Tech-Giganten Japan übrig bleibt? Geschichten von damaligen Erfolgen und schrägen Trends und Produkten? Nein, so schwarz würde ich da nicht malen. Das Land in Fernost hat leider das Kunststück fertig gebracht, all ihre erfolgreichen Technik-Sparten — Spielkonsolen, Handys, Fernseher — an die Wand zu fahren und viele japanische Hersteller schauen jetzt erst mal dabei zu, wie andere in ihrem Land groß abkassieren. Unternehmen wie Sony mit den jüngst erst vorgestellten bärenstarken Smartphones der XZ2-Serie zeigen aber, dass da noch Leben in der Bude ist.