Kommentar

K-Pop, TikTok, FFF: Rettet die Jugend die Welt?

Am Wochenende startete US-Präsident Trump wieder seinen Wahlkampf - und fand sich in einer Halle mit erstaunlich vielen freien Plätzen wieder. Verantwortlich für die Aktion: K-Pop-Fans und TikTok-Nutzer - nicht die erste Aktion dieser Art.

von Carsten Drees am 22. Juni 2020

Es sind schwierige, aber auch spannende Zeiten, in denen wir uns derzeit befinden. Die Corona-Pandemie krempelt die Wirtschaft und die Gesellschaft auf dem ganzen Planeten auf links und lässt uns aktuell die ganze Welt wie durch ein Brennglas betrachten.

Durch dieses Brennglas betrachten wir jetzt all die Schwachstellen, die uns Covid-19 offenbart: Homeoffice und Homeschooling, Digitalisierung insgesamt, unterbezahlte Berufe in der Pflegebranche, der ganze Subunternehmer-Dschungel in der Fleisch-Industrie und vieles mehr. Dazu kommen noch genügend andere Probleme: Die #BlackLivesMatter-Proteste adressieren gleich zwei weitere Riesenprobleme, nämlich Rassismus und Polizeigewalt. Dazu kommen die Flüchtlings-Situationen, die in den Medien derzeit kaum noch eine Rolle spielen, populistische und nationalistische Regierungen (allen voran Trump und der Klimawandel, um den sich aktuell auch so niemand richtig kümmert.

Letzterer sollte uns auch in Pandemie-Zeiten beschäftigen, denn schließlich hängen auch hier wieder zig kleinere Probleme dran: Wie sollen unsere Städte von morgen aussehen, damit sie nachhaltiger und fairer für jedermann werden, wie retten wir bedrohte Tiere, wie stoppen wir die Erderwärmung, wie dämmen wir das Abholzen des Regenwalds ein, was unternehmen wir gegen Massentierhaltung und vieles mehr.

Das ist jede Menge Holz, um das wir — also wir alle als Gesellschaft — uns zu kümmern haben und selbst da fehlt noch so unendlich viel, um das man sich kümmern müsste (Situationen in Jemen und Hong Kong beispielsweise). Man kann sich einfach nicht gleichzeitig um alles kümmern und als Einzelperson funktioniert das schon mal überhaupt nicht.

Was man aber machen kann: Man kann Druck ausüben, indem man sich mit anderen zusammentut. Dummerweise ist das eine Übung, die besonders die Populisten gut beherrschen. Das dürfte damit zusammenhängen, dass sie einfache Lösungen für komplexe Probleme propagieren und diese vermeintlichen Lösungen einfacher bei vor allem einfach strukturierten Leuten verfangen als komplexere und weniger wohlklingende Problemlösungen.

Paadebeispiel ist auch hier wieder Donald Trump, der es wie kein Zweiter beherrscht, mit seiner 280-Zeichen-Politik unglaublich viele Menschen zu erreichen. Dabei spielte es ei ihm von Anfang an keine Rolle, ob er sich auf Fakten beruft, oder ob er die Tatsachen gerne mal zu seinen Gunsten verdreht. “Alternative Fakten” sind hier das Stichwort.

Ist der Populisten-Code geknackt?

Immer noch quälen sich Twitter und Facebook mit Fake-News, Hassrede und Hetze herum und ich fürchte, dass das auch noch lange so bleiben wird. Dennoch ist ausgerechnet der Wahlkampf des Donald Trump für mein Empfinden ein Beleg dafür, dass die Art und Weise, wie Populisten im Netz für Stimmung sorgen, endlich entzaubert und entschlüsselt wurde.

Okay, wir wussten vorher schon, wie das Spiel läuft und wie man auf diese Weise Menschen manipuliert. Allerdings sind wir jetzt an einem Punkt angelangt, an dem man sich dagegen wehren kann und immer öfter diese Alternaitve-Fakten-Riege mit ihren eigenen Waffen geschlagen wird. Trumps Wahlkampf ist deswegen so ein gutes Beispiel, weil er jetzt spektakulär die Post-Pandemie-Zeit einläuten wollte und damit mindestens ebenso spektakulär gescheitert ist.

Was war passiert? Noch vor Tagen rühmte sich Trumps Wahlkampf-Team damit, dass man für die Halle in Tulsa, die man angemietet hatte, über eine Million Karten hätte loswerden können. Dementsprechend euphorisch war man vorher und erwartete trotz Corona eine Riesen-Party in und um die Halle.

20.000 Menschen gehen rein in den Laden, aber selbst das Weiße Haus spricht lediglich von 12.000 Menschen, die tatsächlich da waren — und das ist sogar noch doppelt so viel, als die lokalen Rettungskräfte verkünden, die eher von etwa 6.000 Menschen ausgehen.

Wie konnte es soweit kommen, dass die Nachfrage so unfassbar hoch ist und die Wähler-Schar vor Ort so signifikant viel kleiner? TikTok und K-Pop sind die Lösungsworte dafür. Auf der vor allem für junge Menschen attraktiven Plattform wurde nämlich dazu aufgerufen, sich für die Trump-Rally anzumelden.

Das Procedere war recht einfach: Einfach mit Namen, Postleitzahl, Emailadresse und Handy-Nummer registrieren und dann per eingehender SMS bestätigen. Die Kids planten natürlich nie, dort wirklich aufzutauchen und geht mal weiter davon aus, dass die Daten bis auf die Mobilnummern nicht stimmten.

@maryjolauppDid you know you can make sure there are empty seats at Trump’s rally? ##BLM.♬ original sound – maryjolaupp

Allein dieser obige Aufruf wurde auf TikTok über zwei Millionen mal angeschaut. Viele Nutzerinnen und Nutzer taten es ihr nach und posteten ähnliche Aufrufe, aber vor allem registrierten sich unglaublich viele Menschen für das kostenlose Event. So dürfte einer der Gründe, wieso das Tulsa-Event zu einer kompletten Blamage fürs Tump-Tream geriet, TikTok heißen.

Außerdem haben sich erneut K-Pop-Fans zu Wort gemeldet. K-Pop ist schon lange ein Phänomen, welches nicht nur Teenager und Junggebliebene in Südkorea verzückt, sondern weltweit Kreise zieht. Bei K-Pop geht es nicht nur um die Musik der Bands, die in koreanischer Sprache singen, sondern um die komplette Subkultur, um Mode und immer auch um Awareness für globale Probleme und open minds.

Den Aspekt der Musik lasse ich hier mal bewusst außen vor, weil es für den Beitrag auch nicht wichtig ist. Wichtiger ist, dass diese Musik-Fans die Social-Media-Mechanismen schnell kapiert haben und seitdem für sich einsetzen. Immer wieder kapern sie die Twitter-Trend-Charts, wenn beispielsweise BTS wieder mal einen neuen Track draußen haben. Die Fan-Blase ist sensationell gut vernetzt und ist jederzeit bereit, aus dem Stand eine riesige Welle loszutreten im Netz.

Genau das tat man jetzt auch bei der Trump-Rally, wo man sich an die TikTok-Idee mit den Leer-Registrierungen dran hing. Aber gerade diese K-Pop-Blase ist schon vorher immer wieder in Erscheinung getreten in politischen Kontexten. So hat man jüngst anlässlich Trumps Geburtstag dazu aufgerufen, an diesem Tag das Netz mit Bildern von Barack Obama zu überfluten.

Ähnlich lief es kurz vorher schon, als Rechte nämlich #WhiteLivesMatter etablieren wollten und sich höchst peinlich als Opfer inszenierten. Die K-Pop-Meute kaperte flott das Hashtag und garnierte die Tweets mit Videos und Fotos ihrer K-Pop-Idole. Suchte man nach dem Hashtag, stieß man also nicht auf irgendwelche Far-Right-Pfeifen und ihre kruden Thesen, sondern auf erstaunlich gut aussehende Koreaner mit ebenso erstaunlich synchronen Dance-Moves.

So herrlich das Bild der wenig gefüllten Halle auch anzusehen war: Wir sollten uns auch darüber im Klaren sein, dass das so genau vermutlich nicht nochmal laufen wird, weil die Trump-Helfer für die nächste Rally ganz sicher einen anderen Anmeldeprozess etablieren dürften.

Herbert Grönemeyer wusste schon: “Gebt den Kindern das Kommando”

Bereits 1986 sang Herbert Grönemeyer:

Gebt den Kindern das Kommando Sie berechnen nicht was sie tun Die Welt gehört in Kinderhände Dem Trübsinn ein Ende Wir werden in Grund und Boden gelacht Kinder an die Macht

Möchte ich Kinder Regierungen wählen und Teenager im Bundestag sitzen sehen? Nein, ganz sicher nicht. Da geht mir Grönemeyer textlich also natürlich zu weit. Was ich aber möchte: Dass Kinder und Jugendliche das machen, was sie seit einer Weile erfolgreich tun, egal ob es um Fridays For Future, die K-Pop-Fraktion oder um die TikTok-Gemeinde geht: Einfach so laut sein, dass man Hetze, Hassrede und alternative Fakten nicht mehr so deutlich wahrnimmt.

Ich erinnere mich, dass ich mit so manchem FFF- bzw. Thunberg-Artikel Leser vergrault habe — kann ich aber mit leben. Mir ging es dabei nie ums Provozieren, ums Spalten oder um Schwarz-Weiß-Malerei. Es ging stets darum, dass der Ansatz der Kinder einfach richtig ist — zum Wohle des Planeten einfach mal den Experten zuhören.

Experten hört man aber nicht so besonders gut, wenn populistischer Dreck so oft und so laut geschrieen wird, dass die gemäßigten Stimmen nicht zu uns durchdringen. Genau da zeigen uns die jungen Menschen jetzt, wie man das macht. Sie sind so unglaublich gut organisiert und vernetzt, weil das Internet einfach ihr Habitat ist, ein Lebensraum, in dem sie sich so viel selbstverständlicher bewegen wie viele von uns aus der Boomer-Abteilung.

Egal, ob wir über Grundrechte reden, über Rassismus, über Digitalisierung oder über den Klimawandel. Immer empfiehlt es sich, dass wir Experten zuhören, Betroffenen zuhören — und lernen. Spoiler-Alarm: Wir sind nie fertig mit dieser Lernerei! Und ich glaube, dass wir gesellschaftlich, kulturell usw schon so viel weiter sein könnten, wenn es da nicht diese lauten Stimmen gäbe, die überhaupt nicht erst im Sinn haben, irgendwas Konstruktives beizusteuern.

Dank einer sehr begeisterungsfähigen Jugend mit Idealen haben wir im Internet jetzt also das passende Gegengewicht, um dem ganzen Fake-News-Quatsch, den Beschimpfungen, den Verkürzungen was entgegenzusetzen. Gerade im Zusammenhang mit Twitter und Facebook, die nun endlich tatsächlich auch mal gegen unsachgemäße Äußerungen Trumps vorgehen, lässt das hoffen.

Das ändert nichts daran, dass immer noch die richtigen Entscheidungen getroffen werden müssen, Politiker immer noch zum Wohle ihres Volkes abwägen müssen und wir alle gemeinsam an uns arbeiten müssen. Aber es sorgt dafür, dass im Netz wieder sowas wie ein Gleichgewicht hergestellt werden könnte und über kurz oder lang tatsächlich wieder die besseren Argumente der Indikator dafür sind, was gehört und befolgt wird. Zumindest erhoffe ich mir das angesichts dieser aktuell so positiven Entwicklungen diesbezüglich.

Wenn ich eingangs frage, ob die Jugend, die K-Pop hört, die für die Umwelt auf den Straßen demonstriert, auf TikTok Videos postet — oder alle drei Sachen gleichzeitig — dann sehe ich das natürlich wieder durch meine rosarote Idealisten-Brille. Aber ich habe tatsächlich Hoffnung, dass diese Generation uns alten Säcken immer und immer wieder voller Energie in unsere müden Ärsche tritt und uns alle antreibt.

via Spiegel