ShotSpotter
ShotSpotter: Diese Technologie lokalisiert Schiessereien

Mithilfe von Technologien des Unternehmens ShotSpotter wird in US-amerikanischen Städten die Kriminalität bekämpft. Audio-Sensoren lassen die Polizei bei Schusswechseln schneller handeln.

Während ich diese Zeilen ins Notebook tippe, ist ganz Hamburg in heller Aufregung und angesichts des anstehenden G20-Gipfels zu einer Festung mutiert. Ein riesiges Polizeiaufgebot macht nicht nur Anwohnern, Geschäftsleuten und Demonstranten das Leben denkbar schwer, sondern soll natürlich in erster Linie die Sicherheit der vielen Staatsgäste garantieren.

So eine Menge an Polizei und Material kann man mit diesem Aufwand natürlich jederzeit aufbringen, schon gar nicht im alltäglichen Kampf gegen die Kriminalität. Daher ist es wichtig, dass sich die Polizei auch immer wieder neuen Technologien öffnet, die bei der Verbrechensbekämpfung eine Erleichterung bei den Ermittlungen darstellen.

ShotSpotter: Ich weiß, wo Du eben geschossen hast

ShotSpotter ist so ein Unternehmen, welches den Behörden exakt diese Technologien an die Hand geben möchte. Dabei sieht ShotSpotter potenzielle Kundschaft nicht etwa nur Police Departments, sondern auch an Schulen, in der Industrie, beim Militär und vieles mehr. Konkret geht es dabei um Schusswechsel, die dank der Technik denkbar schnell lokalisiert werden können.

In einem zu überwachenden Raum – beispielsweise in einem einschlägig für Gewalt bekannten Stadtteil – werden Audiosensoren angebracht. Das passiert zum Beispiel auf Telefonmasten oder auch auf höheren Gebäuden – also exponierten Standorten. Mithilfe von Trigonometrie kann im Falle eines Schusses dessen Herkunft ermittelt werden. Es wird also von drei Punkten „hingehört“ und so äußerst präzise die Position festgelegt, an der dieser Schuss gefallen ist.

Ins Gespräch ist die Polizeiarbeit und speziell diese Technologie gerade anlässlich des vierten Julis wieder geraten. Allein in Chicago wurden am langen Feiertags-Wochenende nämlich über 100 Menschen niedergeschossen – 15 Personen wurden dabei getötet. Dabei gab es die Schießereien aus den unterschiedlichsten Gründen. Es gab Überfälle, nicht selten aber auch einfach nur Streitereien die – nicht selten durch Alkohol begünstigt – eskaliert sind.

Kleiner Exkurs: 04. Juli – Unabhängigkeitstag in Chicago

Was das mit der Technologie zu tun hat? Ganz einfach: ShotSpotter rühmt sich damit, dass die Technik sehr genau hinhören kann und den Unterschied zwischen Feuerwerk und dem Sound einer Schusswaffe voneinander trennen kann. Die Methode wird seit Jahren bereits in mehr als 90 US-Städten eingesetzt und bei der Polizei war man bis dato davon überzeugt, dass die Sounds von Waffen und Feuerwerk sehr zuverlässig unterschieden werden können.

Angesichts von 87 Schuss-Verletzten und sogar 15 Toten – der größten Anhäufung von Schießereien seit Jahren – will das Police Department in Chicago jetzt natürlich Ursachenforschung betreiben und dabei auch untersuchen, ob die Technologie vielleicht irgendwelche Schwachpunkte hat. Zuletzt beim Memorial Day im Mai hat die Technik wie gewünscht gearbeitet, weshalb auch unklar ist, ob die Häufung an Schusswechseln eine zufällige ist oder tatsächlich eine technische Ursache die Polizeiarbeit erschwert hat.

Jede Sekunde zählt

Egal, was jetzt bei der Ursachenforschung in Chicago herauskommt: ShotSpotter, übrigens mit Sitz in Kalifornien, ist führend auf dem Gebiet der Schuss-Erkennung, -Ortung und auch der Analyse und hat die Polizeistatistiken vieler Departments verbessert und die Arbeit vieler Officers erleichtert.

Dabei geht es dann eben auch nicht nur darum, einen gefallenen Schuss möglichst schnell zu lokalisieren. Wichtig ist auch, dass die Analyse möglichst umfassend ausfällt und den Polizisten bei ihrer nicht selten lebensgefährlichen Arbeit wertvolle Informationen liefert. Wenn beispielsweise dieses System in einer Schule installiert wird und es dort zu einer Schießerei kommt, kann das System den Police Officers nicht nur mitteilen, dass ein Schuss in der Schule abgefeuert wurde. Die Polizisten bekommen gleichzeitig auch einen Grundriss der Schule geliefert mit der exakten Position des Raumes, aus dem gefeuert wurde, außerdem verrät die Analyse auch, wie viele Personen geschossen haben, wie viele Schüsse fielen, etc.

Die Daten werden über die Cloud in Echtzeit übermittelt, so dass im Ernstfall bestenfalls 45 Sekunden, nach dem der Schütze den Abzug betätigt hat, bereits all diese Infos an die Polizei vermittelt werden – egal ob sich der Empfänger der Informationen in der Zentrale befindet, im Streifenwagen oder sonstwo. Erleichtert wird dieses Procedere dadurch, dass die Daten auch ganz easy per Android- oder iOS-App einzusehen sind (natürlich nur für Menschen, die an dem Programm teilnehmen).

ShotSpotter
ShotSpotter
Entwickler: Shotspotter
Preis: Kostenlos
  • ShotSpotter Screenshot
  • ShotSpotter Screenshot

Die Technologie hilft also dabei, alle verfügbaren Daten über einen Schuss möglichst genau und möglichst präzise an die Behörden zu senden. Und ganz wichtig: Gerade in kritischen Stadtvierteln ist es an der Tagesordnung, dass Schusswechsel gar nicht erst der Polizei gemeldet werden. ShotSpotter alarmiert die Polizisten also auch dann, wenn niemand 911 wählen kann oder will.

Damit lässt sich natürlich der Schusswechsel an sich nicht vermeiden, also im Gegensatz zu dem Ansatz, bei dem die Polizei am besten schon Verbrechen verhindern möchte, bevor sie begangen werden.

Wie bei Minority Report: Polizei in London will Verbrechen vorhersehen

Dafür aber wird die Zeit verringert, in der die Polizei am Einsatzort auftauchen kann. Bei einer Schussverletzung zählt oftmals jede Sekunde und kann somit das Leben eines Angeschossenen retten. Gleichzeitig sichert die Technik möglicherweise das Leben des Officers, der schon vor dem Eintreffen genau weiß, mit wie vielen Straftätern er es zu tun hat und wo exakt in einem Gebäude eben geschossen wurde.

…und was ist mit Datenschutz?

Eine Technik, die die Polizeiarbeit erleichtert und Leben rettet? Her damit – oder nicht? Wenn die Technologie so ausgereift ist, dass sie im Normalfall bei einem lauten Knall unterscheiden kann, ob es ein Silvesterböller oder tatsächlich ein Schuss war, stellt sich die Frage, was diese feinen Mikros noch so alles hören und wie viel davon dann für wie lange in der Cloud landet.

Bereits vor Jahren ereignete sich in den USA ein Fall, von dem der Deutschlandfunk bereits 2015 berichtete:

…Vier Jahre zuvor war ein Mann auf offener Straße von einem Schuss getroffen worden. Unmittelbar danach rief das Opfer den Spitznamen des Täters. Das Mikrofon von „ShotSpotter“, das durch den Schuss aktiviert worden war, nahm sowohl die Schüsse, als auch die Worte des Sterbenden auf. Vor Gericht wurde die Aufnahme als Beweismittel verwendet um den Mörder des Mannes zu identifizieren.

Es ist wie so oft: Neue Technologien sind eben zumeist gleichzeitig Fluch und Segen. Das System ist zweifelsohne ein Gewinn für die Polizei und damit eben auch für die Sicherheit der Bevölkerung – wir müssen uns lediglich fragen, zu welchem Preis diese höhere Sicherheit erkauft wird. Ich frage mal in die Runde: Freut ihr euch eher darüber, dass so etwas genutzt werden kann, um die Kriminalität gerade in den sehr schießfreudigen USA einzudämmen, oder fühlt ihr euch eher in eurer Freiheit beschnitten, wenn ihr wisst, dass euch auf den Straßen Chicagos, New Yorks oder sonst wo ein Unternehmen belauschen kann?

via Chicago Tribune