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Kampf gegen Bots: Online-Shop verkauft teure Schuh-Bilder statt Schuhe

Wer online shoppt, kann Pech haben, dass er bei raren Artikeln gegen Bots antreten muss. Auch für die Shop-Betreiber ist das unangenehm, weswegen ein Shop jetzt zu besonderen Maßnahmen griff.

von Carsten Drees am 6. August 2019

Es wird euch nicht interessieren, deshalb erzähle ich es euch auch: Ich hab mir eben zwei neue Hosen bestellt — im Netz. Das ist so unfassbar bequem: Man schaut sich auf verschiedenen Seiten an, was man möchte, entscheidet sich für ein Produkt, bezahlt online im Handumdrehen und wenige Tage später bekommt man die Brocken bis an die Tür gebracht. Das ist für uns mittlerweile so selbstverständlich, dass es uns gar nicht mehr auffällt.

Aber es gibt auch Produkte, die kann man nicht so entspannt kaufen. Wer neulich versucht hat, Karten für ein Rammstein-Konzert zu ergattern, der weiß vermutlich, wovon ich rede. Eintrittskarten sind auch direkt ein schönes Beispiel dafür, dass das Internet eben auch genügend Schlechtes hervorbringt. Es werden nämlich gerade die begehrten Karten sehr oft auf unsäglichen Plattformen wie Viagogo angeboten, kurze Zeit, nachdem sie offiziell in den Vorverkauf gingen. Das ist ein Ärgernis, dem die Künstler und Organisatoren der Tourneen mit verschiedenen Tricks entgegenwirken wollen, beispielsweise mit personalisierten Karten.

Aber das Prinzip lässt sich auch bei anderen Produkten beobachten, von denen man schon vor dem Erscheinen weiß, dass sie nur sehr knapp verfügbar sein werden. Ein gutes Beispiel dafür sind Sneakers. Mittlerweile kenne ich selbst Leute, die deutlich mehr Turnschuhe besitzen, als sie jemals im Leben auftragen können — Sneakers als Sammelobjekt. Der Trend ist von den USA auch nach Deutschland geschwappt und so bieten sich beim Verkaufsstart von limitierten Treter Bilder vor den Shops, die wir Tech-Begeisterten automatisch mit den Schlangen vor Apple Stores assoziieren, wenn das Unternehmen aus Cupertino mal wieder eines seiner iProdukte in die Läden bringt.

Auch hier gibt es also Schlangen vor den Stores und ebenso ist auch online die Nachfrage riesig. Das hat auch damit zu tun, dass die Hersteller der Schuhe ihre Ware künstlich verknappen, um den Hype-Train in Bewegung zu setzen. Das kann man behämmert finden, ist hier heute aber nicht das Thema. Wir wissen also, dass sich zu einem bestimmten Zeitpunkt unzählige Kaufinteressenten auf eine überschaubare Menge an Sneakers stürzen wird.

Einst war es dann so, dass man da als Wiederverkäufer den üblichen Weg ging und das Produkt schlicht selbst kaufte, mit dem Plan im Hinterkopf, die Dinger für deutlich mehr Kohle sofort wieder zu verticken. Diese Leute gibt es natürlich heute auch noch, zusätzlich holt man sich aber technische Hilfe in Form von Bots dazu. Das sieht in der Praxis so aus, dass bei Verkaufsstart ein Shop mit Anfragen dieser Bots bombardiert wird und die heiße Ware schon nach einem Sekundenbruchteil ausverkauft ist. Gekauft wird dann auch nicht nur ein Paar dieser Schuhe, oftmals sind es zehn Paare oder sogar noch mehr. Kurze Zeit später tauchen die begehrten Latschen dann bei den Wiederverkäufern zu deutlich höheren Preisen auf. Das ärgert die Sammler ebenso wie diejenigen, die sie original angeboten haben.

Bonkers in Frankfurt ist so ein Shop, der sich mächtig darüber aufregt. Zuletzt gab es bei so einer Aktion in einer Minute über 700.000 Kaufanfragen auf der Seite des Skater-Shops. Der Ärger besteht also nicht nur darin, dass irgendwelche Abzocker die Sneakers erhalten, sondern auch darin, dass so eine Aktion glatt einer DDoS-Attacke entspricht und die Seite lahmlegt. Es kam dabei zu Verkäufen, die die tatsächliche Menge der vorhandenen Einheiten überstieg. Kein Wunder, wenn viele Tausend Bots in der selben Sekunde kaufen, gerät auch so ein Shopping-System und auch der dickste Server an seine Grenzen. Für den Händler bedeutete das, dass es Kunden gab, die zwar eine Bestätigung ihrer Bestellung bekamen, die Ware aber überhaupt nicht mehr vorrätig war. Klar, dass das keinem Kunden gefällt, der sich auf die Sneakers gefreut und regulär bezahlt hat.

Der Store in Frankfurt hat sich sogar dazu durchgerungen, bei einer solchen Verkaufsaktion überhaupt keine Bestellungen mehr online anzunehmen, sondern old school per Telefon. Das wurde auch von den Kunden gut angenommen, änderte aber nichts daran, dass die Bots dennoch die Seite kaperten und sie für Tage lahmlegten.

Martin Schreiber vom Bonkers in Frankfurt hat sich gegen diesen Irrsinn daher eine ganz eigene Strategie überlegt, die er im Interview dem Soloskatemag verriet:

“Dann haben wir uns entschlossen was zu unternehmen und haben überlegt, wie so ein Bot funktioniert. Der kriegt einen Befehl, kauft Produkt XY und hört dann erst auf, wenn er das Ziel erfüllt hat oder abgeschaltet wird.

Also haben wir gesagt, dass wir jetzt auch mal den Mittelfinger zeigen und digitale Bilder von den Schuhen verkaufen. Dann haben wir die Schuhe in jeder Schuhgröße 3.000 mal online gestellt, mit dem Titel: „Bild von Schuh XY“ und in die Produktbeschreibung geschrieben, dass es sich nicht um den Schuh handelt, sondern um sieben Produktbilder des Schuhs zu je 10 Euro. Aber das erkennt so ein Bot natürlich nicht.”

Klare Kiste — der Bot erkennt den passenden Namen des Produkts und kauft, als gäbe es kein Morgen. Dem wirklichen, menschlichen Käufer fällt das natürlich auf, dass dort steht, es werden lediglich Bilder eines Schuhs angeboten. Der Clou dabei ist, dass die Bots nicht nur ins Leere laufen, was die eigentlichen Schuhe angeht, sondern die ganzen räudigen Reseller die stattdessen gekaufte Ware zu bezahlen hatten. Beim Check Out musste abgehakt werden, dass man lediglich ein digitales Produkt kaufst und es dafür keinerlei Rückgaberecht gibt. Wer also per Bot zehn Paare erstehen wollte, war nun im Besitz von 70 wunderschönen digitalen Sneaker-Fotos, für die er 700 Euro hingeblättert hat.

Ein Reseller aus China hat sogar 100 mal zugeschlagen, also schlappe 7 000 Euro für einen Haufen immer gleicher Bilder, die sich ganz eventuell schlechter weiterverkaufen lassen als die Sneakers, die eigentlich gekauft werden sollten.

Ist das überhaupt rechtlich einwandfrei?

Ihr könnt euch denken, dass sich viele der Käufer, die ihre Bots ins Rennen geschickt haben, mit wütenden Mails an den Shop gewandt haben. Es liefen massig Beschwerden bei PayPal auf, aber das Finanz-Unternehmen hatte an der Vorgehensweise nichts zu beanstanden. Bonkers in Frankfurt hat die Schuhe in jeder Größe 3.000 mal online gestellt, aber eben nur die Bilder, nicht die Treter selbst. In der Produktbeschreibung stand deutlich, dass es sich lediglich um die Abbildungen handelt und zudem war der Preis auch ein ganz anderer als der Preis der Schuhe. Damit ist der Kauf absolut regulär über die Bühne gegangen und es klingelt ebenso regulär in der Kasse des Skater-Shops. Übrigens hat der Laden sowohl auf seinem Blog, als auch bei Instagram und Facebook im Vorfeld auf die Aktion hingewiesen — wirkliche Fans waren also gewarnt.

Es gab einige dieser Cheater, die Reue und Einsicht zeigten, denen kam der Store entgegen und schickte ihnen für ihre Bestellung einen 70-Euro-Gutschein. Der große Rest hingegen zahlte reichlich Lehrgeld und wird sich vermutlich überlegen, ob man nächstes mal bei so einer Aktion tatsächlich wieder auf einen Bot vertrauen möchte.

Falls ihr euch fragt, wie Nike selbst reagiert hat (es ging bei der Aktion um einen Nike-Schuh): Die waren vorab informiert und feierten die Aktion hinterher selbst ab. Bonkers in Frankfurt natürlich auch, denn die haben nicht nur den Bots bzw. den Resellern gehörig in den Hintern getreten, sondern nebenbei durch die Bilder viel mehr Geld verdient, als durch das Verkaufen der Schuhe möglich gewesen ist.

Zwar geht man in Frankfurt davon aus, dass es über kurz oder lang cleverere Bots geben wird, die diesen Trick erkennen können, aber dennoch will man an dem System festhalten und auch nächstes mal wieder die nicht ganz preisgünstigen Bilder anbieten. Martin Schreiber vom Bonkers-Store in Frankfurt wünscht sich zudem, dass noch mehr Läden auf den Zug aufspringen und es ihnen gleich tun. Die Händler — gerade, wenn man es wie Schreiber mit Idealismus betreibt — haben auch Bock darauf, dass man wirkliche Kunden und Fans mit den Produkten glücklich macht und nicht irgendwelche Reseller. Von daher: Eine Aktion, die ich absolut abfeiere und von der ich mir wünsche, dass sie Nachahmer findet.

Quelle: Soloskatemag via Golem.de

Artikelbild: Collage aus den Bildern von Gerd Altmann und daviniakay auf Pixabay