Kommentare
Kommentar

Keine Angst: Ihr müsst künftig nicht alle mit elektrischen Autos fahren

Nicht wenige Menschen haben Angst davor, dass unsere Autofahrer-Nation in die Elektromobilität gezwungen wird. Aber keine Angst, dem ist nicht so!

von Carsten Drees am 23. September 2019

Ich lese jeden Tag sehr viel. Vielleicht zu viel. Ich lese viele Artikel zu den Themen, die mich beruflich interessieren, viele Beiträge zu Themen, die mich privat interessieren. Oft gibt es natürlich auch Schnittmengen zwischen den beruflichen und privaten Interessen. Zudem lese ich mir sehr viele Reaktionen durch, wie ihr wisst. Oft genug thematisiere ich das ja hier auf dem Blog, dass es so viel Hass, so viel Häme und so viel Polemik gibt in den Kommentarspalten.

Das versuche ich heute mal nicht zu thematisieren, stattdessen picke ich mir einen anderen Punkt heraus, der mir bei der ganzen Leserei immer wieder begegnet: Eine unerklärliche Angst vor der Elektromobilität. Mir ist das in der Tat ein ziemliches Rätsel, wieso so viele Menschen in den E-Autos anscheinend alles Übel dieser Welt sehen und daher will ich all diesen Menschen heute sagen, dass sie keine Angst haben müssen — aus gleich mehreren Gründen.

Wir stehen noch am Anfang

Einige Punkte, die immer Teil der Diskussion sind, lassen sich damit erklären, dass sich die ganze Automobil-Branche derzeit im Umbruch befindet und wir noch ziemlich am Anfang der Elektromobilität stehen. Wenn eure Argumente gegen die Elektromobilität beispielsweise Batterien sind, die wenig nachhaltig sind und deren Herstellung u.a. mit der Ausbeutung unterbezahlter und oft minderjähriger Arbeiter zusammenhängt, kann man das damit entkräften, dass die Branche noch am Anfang der Entwicklung steht. Gerade in der Entwicklung neuer, effizienterer Batterien passiert gerade sehr viel. Das wirkt sich positiv auf die Nachhaltigkeit aus, weil mit neueren Materialien experimentiert wird und die Akkus effizienter werden. Mit der Reichweiten-Angst gibt es noch ein Argument gegen die E-Autos, welches mit der Batterie zu tun hat. Vergleicht mal die angekündigten Reichweiten der IAA-Neuheiten mit dem, was so vor drei, vier Jahren ging und ihr werdet auch hier sehen, dass sich manche Probleme tatsächlich mit der Zeit in Luft auflösen.

Ebenfalls eine Sache, über die viel gejammert wird und die dem frühen Stadium der Elektromobilität geschuldet ist: Der hohe Preis! Das sollte sich eigentlich für jeden Menschen durch den gesunden Menschenverstand erklären lassen. Je mehr Autos produziert werden, je routinierter diese von den Unternehmen gefertigt werden und je effektiver verschiedene Baukasten-Systeme genutzt werden können, bei denen mehrere Modelle auf der selben Chassis-Basis aufbauen, desto günstiger wird der ganze Spaß. Schon jetzt stellen wir fest, dass immer mehr bezahlbare Modelle angekündigt werden.

Wer sich also bei den obigen Punkten wiederfindet und deshalb Schiss vor einer dominanten Elektromobilität hat: Keine Bange — das regelt sich relativ flott von selbst, davon bin ich überzeugt.

Die Gesellschaft verändert sich

In einem Artikel von Fast Company aus dem letzten Jahr erfährt man von einer Studie, die davon ausgeht, dass in den USA im Jahr 2027 mehr als die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung als Freiberufler unterwegs sein wird. Das sollte dringend berücksichtigt werden, beispielsweise bei der Städteplanung. Die Studie arbeitet zum Beispiel heraus, dass man als Freiberufler effizienter arbeitet, wenn die eigene Nachbarschaft sich aus weiteren Freiberuflern zusammensetzt und aus Leuten, die man benötigt, um professioneller arbeiten zu können (Anwälte, Steuerberater etc).

Zu der sich verändernden Gesellschaft gehört aber nicht nur, dass es weniger Angestellte und mehr Freiberufler geben könnte, sondern dass — unabhängig vom Angestelltenverhältnis — die Zahl derer ansteigen wird, die von zuhause aus arbeiten können. Klar, das Home-Office ist keine Alternative, wenn man in der Bäckerei Brötchen verkauft oder wenn man Pakete ausliefert. Aber es gibt sehr viele Berufe, die nicht mehr voraussetzen werden, dass wir uns jeden Morgen in Bewegung zu einem Arbeitsplatz setzen, der außerhalb der eigenen vier Wände liegt — oder zumindest nicht mehr jeden Tag.

Zu überlegen wäre es, wie sich das darstellt, wenn aus einem Vorort mehrere Angestellte im selben Unternehmen arbeiten. Die gesellschaftliche Veränderung wird in den nächsten Jahren dazu führen, dass mehr auf Fahrgemeinschaften gesetzt wird und die öffentlichen Verbindungen ausgebaut werden, aber ich denke, dass für Unternehmen auch die Möglichkeit bestünde, eine kleinere Gruppe vor Ort — also innerhalb des Vorortes — an einem Co-Working-Space arbeiten zu lassen, statt sie sinnlos hin- und herfahren zu lassen.

Der gesellschaftliche Wandel wird auch optisch einen Wandel in den Innenstädten nach sich ziehen. Straßen werden mehr und mehr zurückgebaut, zugunsten von Radwegen, Gehwegen und Grünflächen. Was das mit der gefühlten Angst vor Elektromobilität zu tun hat? Ganz einfach: Wenn wir es tatsächlich hinbekommen, dass wir diese Verkehrs-Evolution endlich in Angriff nehmen und …

  • wir mehr darüber nachdenken, wie wir uns sinnvoll fortbewegen
  • die Kommunen uns den Verzicht aufs Auto durch den Ausbau von Radwegen und öffentlichem Nahverkehr schmackhaft machen
  • und immer mehr Menschen zum Arbeiten sowieso nicht aus dem Haus gehen müssen …

… dann werden diejenigen, die Angst vor der Elektromobilität haben, nicht in die unschöne Situation kommen, sich für ein E-Auto zu entscheiden — schlicht, weil es nicht mehr zwingend notwendig sein wird, überhaupt irgendein eigenes Fahrzeug zu besitzen, egal ob Verbrenner oder E-Mobil.

Wenn ihr jetzt zu denen gehört, die sich gegen Elektromobilität sträuben, dann werden euch meine Zeilen vermutlich kein bisschen zufriedenstellen. Weil das Automobil ein sehr emotionales Gut ist, bei dem es oftmals nicht um rationale Entscheidungen geht. Aber genau da müssen wir hinkommen. Egal, ob man derzeit über SUV, über Diesel-Fahrzeuge, über Geschwindigkeitsbegrenzungen oder eben über Elektromobilität reden: Stets kochen die Diskussionen hoch und tatsächliche Bedürfnisse sowie tatsächliche Argumente bleiben oftmals auf der Strecke.

Das ist der Punkt, auf den ich hinaus möchte: Ihr wollt eure Angst vor E-Autos verlieren bzw. vor einer Industrie und einer Politik, die euch vermeintlich vorschreiben möchte, wie ihr euch fortzubewegen habt? Dann seid ein bisschen offener für Neues und für Veränderung generell, offener für neue Technologien im speziellen. Es wird mit Sicherheit Beispiele geben, mit denen ihr rechtfertigen könnt, dass ihr erst mal noch auf einen Verbrenner angewiesen seid, dass genau ihr einen Grund habt, dennoch in der Innenstadt herumzufahren (beispielsweise als Handwerker mit Kundenterminen) oder einen Haken an der technologischen Seite der Elektromobilität zu finden.

Das ist okay, denn die Technologie ist kein Allheilmittel. Im Gegenteil — ich sehe es sogar eher als eine Brücken-Technologie. Daher wird es wichtig sein, dass Politik und die Automobilbranche jetzt auch die Weichen stellen für weitere, alternative Antriebe (Stichwort: Wasserstoff, Brennstoffzelle). Damit wird es künftig also auch weiterhin Alternativen zum E-Auto geben — und ja, für ganz viele von uns wird die tatsächlich unterm Strich sinnigste Alternative sein, einfach komplett aufs eigene Auto zu verzichten.

Ja, ich weiß — leicht gesagt als Typ, der ohne Auto in der City einer Großstadt lebt. Aber lasst euch auf den Gedanken ein, rechnet es gegebenenfalls durch und versucht, einen möglichst objektiven Blick auf die Situation zu werfen. Das Elektro-Auto ist nicht euer Feind. Entweder werdet ihr feststellen, dass sich viele der aufgezählten Nachteile dieser Technologie in den nächsten Jahren in Luft auflösen — oder ihr werdet beobachten können, dass sich unsere Städte, unsere Arbeitswelt und unsere Gesellschaft in einigen Jahren so verändern werden, dass die Anschaffung eines Fahrzeugs egal mit welchem Antrieb nicht mehr zwingend notwendig sein wird.

 

Artikelbild: Markus Distelrath auf Pixabay