Spotify Beziehungsstatus: Es ist kompliziert!
KI? Algorithmen? Nein, Freunde – ich such mir meine Musik wieder selbst

Spotify hat immer die richtige Musik für mich. Egal, ob ich 80s hören will, mir nach Sommer-Hits zumute ist oder ich zu Abend esse. Aber ich möchte diesen Algorithmen-Kram (gerade mal) nicht mehr.

Spotify hat immer die richtige Musik für mich. Egal, ob ich 80s hören will, mir nach Sommer-Hits zumute ist oder ich zu Abend esse. Aber ich möchte diesen Algorithmen-Kram (gerade mal) nicht mehr.

Spotify und ich — das ist eine langjährige Romanze, die mich bislang sehr, sehr glücklich gemacht hat. Ursprünglich bin ich dort gelandet, weil es einfach sehr viel Auswahl gibt und ich mich mit meinem Geschmack, der partiell ja doch am Mainstream vorbeischrammt, dort sehr gut aufgehoben fühle.

Sehr schnell lernte ich aber auch zu schätzen, dass Spotify mir auf die Sprünge hilft, wenn ich auf der Suche nach Musik bin. Das gilt für Bekanntes, welches man wiederfinden möchte, aber deutlich öfter für Musik, die man überhaupt noch nicht kennt. So manchen wirklich tollen Künstler habe ich auf diese Weise kennen gelernt, indem ich mir einfach entsprechend passende Playlists angehört habe oder schlicht geschaut habe, welche ähnlichen Künstler mir auf Basis einer Band vorgeschlagen werden.

Das sind feine Geschichten, weil ich zwar einerseits glaube, schon sehr viel Musik zu kennen, dennoch aber immer für neue Sachen bin. Neu im eigentlichen Sinne von „neu“, aber auch ältere Sachen, die mir einfach bislang entgangen sind. Aber aktuell setzt bei mir so eine gewisse Algorithmen-Müdigkeit ein, muss ich zugeben.

Ich weiß gar nicht, wann ich mir meinen „Mix der Woche“ das letzte Mal angehört habe und ich ignoriere auch meine Mixtapes sehr gekonnt. Während der Mix der Woche — dem Namen angemessen — wöchentlich neu ist, sind meine drei verschiedenen Mixtapes nach verschiedenen Richtungen sortiert, die ich höre und wo Spotify sich sicher ist, dass ich es so zusammengestellt mögen könnte.

Ganz einfach Musik anhören, die dir gefällt. Mit Songs von deinen Lieblingskünstlern und Neuentdeckungen.

Wieso ich die ignoriere? Kann ich euch sagen: Paradebeispiel ist da wohl alles, was mir an Musik aus den Achtzigern geboten wird. Das gilt jetzt nicht nur für die Mixtapes, sondern auch für die Playlists, die ihr unter „Genres und Stimmungen“ findet. Wenn ich Depeche Mode, The Cure, Madonna und Tears for Fears höre, dann braucht mir eigentlich kein Algorithmus der Welt erklären, dass ich doch vielleicht auch Erasure, Duran Duran und A-ha hören könnte. So eine künstliche Intelligenz kann mittlerweile schon eine Menge, aber auch wenn sie aufgrund meiner gehörten Songs genau weiß, dass ich Duran Duran sowohl kenne als auch gelegentlich höre, hält es sie nicht davon ab, mir dennoch immer wieder zu erklären, dass ich Musik von denen mögen könnte.

Jetzt bin ich vermutlich auch nicht der durchschnittliche Musik-Fan, muss man fairerweise wohl ergänzen. Allein in meiner 80s-Playlist befinden sich über 1.300 Songs, die mittlerweile fast 95 Stunden Musik ergeben. Da ist die Wahrscheinlichkeit eben nicht so riesig, dass mir Spotify Hits aus der Zeit vorschlagen kann, die ich noch nicht berücksichtigt habe.

Klar, natürlich gibt es immer wieder mal eine Perle zu entdecken, auch bei den anderen von mir bevorzugten Musikrichtungen, aber im Wesentlichen wird in diesen Mixtapes einfach nur sehr viel von dem, was ich sowieso schon höre, nochmal neu aufbereitet. Komplett absurd wird das immer dann, wenn mir aufgrund meiner Begeisterung für Hörspiele und Hörbücher eine Playlist zusammengeklöppelt wird, die ebenfalls aus verschiedenen Hörspielen besteht. Habt ihr schon mal versucht, eine Playlist durchzuhören, bei der ihr von Hörspiel A Track 16 zu hören bekommt, danach dann von Hörspiel B Track 30, von Hörspiel C Track 3 usw.? Auf dem Screenshot seht ihr, wie sowas dann aussehen kann:

Bei solchen Beiträgen wird dieser Empfehlungs-Algorithmus komplett ad absurdum geführt und auch bei meinen Jahres-Charts tauchen nicht nur meine Lieblings-Songs auf, sondern immer auch einzelne Kapitel aus Hörbüchern oder Hörspielen. „Suboptimal“ ist da meiner Meinung nach noch zu freundlich formuliert.

Nicht mein Sommer

Wollt ihr euch beispielsweise Sommer-Musik anhören, bietet euch Spotify gleich mehrere Optionen, bei denen ich euch jetzt nicht sagen kann, wie weit sie kuratiert sind und wie viel hier der Algorithmus übernimmt. „Sommerklassiker“, „Sommerhits 2018“, „Club Sommer“, „Sommergefühle“ und vieles mehr fährt Spotify da auf.

Aber egal, ob man da jetzt einen Musikexperten ransetzt oder eine künstliche Intelligenz: Eine Playlist kann nie alle bedienen, sondern nur einen Durchschnitt abbilden. Wenn ihr euch oben den Screenshot anschaut, seht ihr die Playlist „Sommerklassiker“ und ich finde dort ehrlich gesagt nicht einen Song, den ich unter dieser Bezeichnung verorten würde. Mag aber sein, dass es für 7 von 10 Leuten genau so passt — für mich eben nicht.

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Und genau damit tue ich mich eben schwer: Spotify kann mir meinen Sommer-Soundtrack nicht im Ansatz so anbieten, wie er mir vorschwebt. Kein Vorwurf dabei an den Dienst, vermutlich ist mein Geschmack einfach zu schräg, um mich mit den üblichen Sommer-Hits im feinsten Latino-Disco-Allerwelts-Sound berieseln zu lassen.

Einen Trick beherrscht leider weder der Musikexperte noch der Algorithmus: Niemandem außer mir selbst ist die Bedeutung eines Songs für mich bewusst. Wenn ich einen eigentlich-nicht-Sommer-Song wie „Fly like an Eagle“ von der Steve Miller Band mit einem besonders wundervollen Tag am Strand assoziiere, weil ich da jemand Außergewöhnliches kennengelernt habe, mit meinen besten Freunden eine tolle Zeit hatte oder ähnliches, dann entstehen jedes mal beim neuerlichen Hören des Liedes wieder diese Bilder vor meinem geistigen Auge und ich bin wieder für 4:42 Minuten an genau diesem Tag an genau diesem Strand. Musik — die günstigste Zeitmaschine der Welt. In eine entsprechende Playlist kann den Song aber nur ich selbst verfrachten, weil Fremden oder künstlicher Intelligenz schlicht die Assoziation fehlt.

Wie gesagt: Das ist kein Vorwurf an Spotify, auch nicht an Konkurrenten wie Deezer oder Apple Music — es ist nur ein Punkt, wegen dem ich derzeit mal wieder mehr auf vorgekaute Empfehlungen verzichten möchte.

Siegt die Technik über die Kunst?

Ich mache mir auch ein wenig Sorgen, dass bei der Musik vermehrt das gleiche Denken einsetzen könnte wie bei Netflix. Bei dem Film- und Serien-Streaming-Service werden aktuell sensationelle Serien und Filme rausgehauen, immer öfter auch aus eigener Produktion. Es gibt aber auch Beispiele, wo für ein sehr großes Budget Hollywood-Stars eingekauft werden und die Ergebnisse dennoch enttäuschen.

Das hängt zu einem ansteigenden Teil auch damit zusammen, dass Netflix unsere Sehgewohnheiten haarklein analysiert. Wir profitieren natürlich davon, indem uns auch dort Serien und Filme vorgeschlagen werden, die wir mögen könnten. Das Wissen wird aber auch dazu genutzt, um sie in neue Produktionen einfließen zu lassen. Wenn Netflix weiß, dass viele Nutzer auf Mystery-Stories stehen, die in den Achtzigern spielen und die auch „Coming of Age“ thematisieren, dann kann man wie am Reißbrett diese verschiedenen Komponenten, die woanders super funktionieren, einfach neu ineinander rühren.

Wenn so beispielsweise ein „Stranger Things“-Klon entsteht, mag das einigermaßen okay sein erst mal. Die dritte Staffel kommt erst 2019 und so kann man eine ähnlich funktionierende Geschichte durchaus als „Ersatzdroge“ nutzen. Aber was, wenn wir dann in drei Jahren fünf solche Serien haben und die Qualität dann auch bei weitem nicht ans Original heranreichen sollte? Das, was Netflix und Amazon Prime aktuell so spannend macht, könnte dann zusehends verschwimmen und einem glatt polierten Mainstream-Produkt weichen.

Und — um den Weg zurück zur Musik zu finden — genau das könnte uns bei der Musik auch drohen. Wenn Songs analysiert werden nach Parametern wie Akkordfolge, Geschwindigkeit, Instrumentierung usw., kann man vielleicht als Produzent auf die Idee kommen, das Album seiner neuen Chart-Stürmer bewusst so auszurichten, dass alle Songs perfekt in die gewünschten Playlists passen.

Was dann auf uns zurauscht? Die ganz große Langeweile. Schon jetzt klingen für mich die meisten deutschsprachigen Chart-Songs so, als wären sie aus dem Baukasten zusammengestellt. Es gibt einmal die Abteilung Sprechgesang, bei der mir die eigentlich vielen Facetten des Raps zu selten in den Charts abgebildet werden. Und es gibt dann noch diese Beziehungs- und Betroffenheits-Schmonzetten, die es in zwei Geschmacksrichtungen gibt: Gefälligkeits-Pop und Gefälligkeits-Pop mit Allerwelts-House-Beat.

Und klar: Natürlich wird es immer und zu jeder Zeit richtig tolle neue Musik von ambitionierten Künstlern geben. Aber ich habe in der Tat ein wenig Angst, dass das immer mehr zu Nischen-Musik verkommt und der Mainstream von einer Handvoll Superstars und den gerade angesprochenen Reißbrett-Produktionen anderer Künstler dominiert wird.

Daran ändere ich als einzelner Musik-Fan leider auch nichts, aber ich werde mich jetzt mal wieder mehr darum kümmern, wo und wie ich Musik entdecke. Das ändert nichts daran, dass ich weiterhin Spotify die Treue halten werde, aber meine Empfehlungen hole ich mir fürs Erste woanders her. Ich glaube, wie ich das mache, schreibe ich dann in einem weiteren Artikel — demnächst hier im Tech-Blog eures Vertrauens ;)