Chancen und Gefahren
Studie: die Hälfte aller achtjährigen Kinder ist “im Internet” unterwegs

Eine neue, sehr umfangreiche Studie zeigt: "das Internet" wird längst von noch sehr jungen Kindern genutzt - und ein grosser Teil der Eltern ist damit z.T. überfordert. Um die Medienkompetenz der nach 1980 geborenen "Digital Natives" ist es weitaus schlechter bestellt als man pauschal vermuten mag, und das hat auch Auswirkungen auf die nächste Generation. Doch auch mit anderen Befürchtungen und Vorurteilen räumt die Studie auf: Freunde treffen und draussen spielen ist für die meisten Kinder immer noch die wichtigste und beliebteste Freizeitbeschäftigung.

Das Internet in all seinen relevanten Teilbereichen gehört für die meisten Menschen in Deutschland längst zum Alltag. Eine neue Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit (DIVSI) offenbart nun, dass dies auch für Kinder gilt: mehr als die Hälfte aller Achtjährigen ist bereits online, viele davon mehrmals pro Woche oder sogar täglich. Je jünger die Kinder werden, desto mehr reduziert sich der Anteil: ein knappes Drittel aller sechsjährigen Kinder und ein Zehntel der dreijährigen Kinder sind bereits im Netz unterwegs.

Das Thema Kinder im Internet wird unter Eltern und Nicht-Eltern immer wieder heftig diskutiert. Die einen lehnen die Internetnutzung durch Kinder vollständig ab, andere empfehlen eine Nutzung nur unter strikter Aufsicht, wiederum andere behelfen sich mit hinkenden Faustregeln a là “Entweder Internet oder Fernsehen!” oder zeitlichen Beschränkungen a là “Maximal 20 Minuten am Tag!”. Manchmal kippen die Diskussionen komplett und die Beteiligten pfeffern sich eine Floskel nach der anderen um die Ohren: “Wir sind früher als Kinder noch draussen spielen gegangen!” vs. “Kein Wunder, dass uns die Chinesen überholen!” halten dabei unangefochten die Spitzenplätze. Kurzum: es gibt Unsicherheiten, manchmal eher bei den Eltern als bei den Kindern.

Wenig später geht es los: schon Dreijährige nutzen das Internet
Wenig später geht es los: schon Dreijährige nutzen das Internet

Für die Studie wurden insgesamt über 1.000 Kinder im Alter von 6 bis 8 Jahren und über 1.800 Eltern mit Kindern zwischen 3 und 8 Jahren befragt. Dabei zeigt sich: Studien, die auf Befragungen basieren, sind mit einiger Vorsicht zu geniessen. Manche Fragen lassen sich nicht statistisch verwertbar stellen und beantworten, ganz besonders nicht von Kindern mit einem nur eingeschränkten Wortschatz. So bleibt auch in dieser Studie irgendwie unklar, wodurch genau die “Nutzung” des Internets definiert wird – ist ein Dreijähriger bereits ein “Nutzer”, wenn er sich ein von den Eltern gestartetes Micky-Maus-Video bei Youtube anschaut? Wie unterscheidet sich das vom normalen Fernsehen? Oder müsste das Kind als Nutzer nicht irgendwie “aktiv” sein? Die Ersteller der Studie behelfen sich in Teilbereichen damit, dass sie von “digitalen Medien” und nicht vom “Internet” sprechen.

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Kinder Tablets

Ein weiteres Problem ergibt sich in solchen Studien durch die Rolle der Beteiligten. Zum einen wollen sich befragte Eltern u.U. manchmal “besser” präsentieren und liefern u.U. die vermutete oder gesellschaftlich akzeptierte Wunschantwort. Wer gibt schon gerne zu, dass ein Kind aus Zeitgründen schon mal ein Stündchen vor dem Fernseher – oder eben PC – geparkt wird? Und wer gesteht freiwillig ein, dass er sich über das Thema Sicherheit noch gar keine Gedanken gemacht hat? Eben – kaum einer. Auch die Rolle des DIVSI ist zu beachten: als Gründung der Deutsche Post AG will die gemeinnützige Organisation das Vertrauen ins Internet ausdrücklich “fördern”, das könnte schon – offen oder unterschwellig – bei so mancher Fragestellung und Interpretation der Antwort eine Richtung vorgeben.

Trotz dieser Bedenken hat die Studie selbstverständlich eine gewisse Aussagekraft. Unter anderem wird deutlich, dass entgegen vieler Vorurteile die Möglichkeit zur Nutzung des Internets durch Kinder kaum von der finanziellen Situation der Eltern abhängt. Bestehende Einkommensunterschiede haben, so die Studie, keinen Einfluss darauf, ob Kinder Spielekonsolen, Smartphones, Tablets, Computer oder Laptops nutzen können, auch wenn sich in der Verbreitung der einzelnen Geräte erhebliche Unterschiede zeigen. Knapp ein Drittel aller Sechsjährigen besitzt demnach eine eigene Spielekonsole, bei den Achtjährigen erhöht sich der Anteil bereits auf über 40%. Diese steht dann oftmals auch im eigenen Kinderzimmer, angeschlossen an den eigenen Fernseher – und wird auch genutzt: schon die Hälfte aller Fünfjährigen spielt regelmässig auf einer Spielekonsole, im Alter von 7 Jahren steigt der Anteil schon auf 64 Prozent.

DIVSI-U9-Studie-S23-Geraetebesitz-von-Kindern

Auch Smartphones sind unter Kindern ab einem gewissen Alter schon weit verbreitet, fast 20% der Achtjährigen besitzen ein eigenes. Bereits Dreijährige beschäftigen sich mit Smartphones ihrer Eltern und bedienen diese, oftmals zur Verwunderung der Erwachsenen, mehr oder weniger intuitiv.

Trotz dieser Verbreitung von Geräten und den Möglichkeiten sie zu nutzen nehmen digitale Medien im Kinderalltag nicht den Stellenwert ein, den viele Erwachsene vielleicht befürchten (siehe oben, “Wir sind früher als Kinder noch draussen spielen gegangen!”). Zwar sind Kinder grundsätzlich interessiert, doch Freunde treffen und mit diesen Spielen ist für 71% aller sechs- bis achtjährigen Kinder die beliebteste Aktivität. Matsch-, Bolzplatz und Sandkastenliebhaber dürfen sich ebenfalls noch freuen, knapp 58% der Kinder wollen nach draussen – oder Fernsehen, siehe unten. Und so profan das klingen mag: manchmal entscheidet dann einfach das Wetter, was gemacht wird.

DIVSI-U9-Studie-S62-Freizeit-und-Medienaktivitaeten-von-Kindern

Zum Teil erhebliche Unterschiede zeigen sich, wenn die vom DIVSI nach eigenen Parametern definierten “soziokulturellen” Lebensumstände von Kindern in den Antworten mit berücksichtigt werden. Mehr oder weniger abhängig vom Bildungsniveau und den Antworten der Eltern definiert die Organisation verschiedene Gruppen bzw. Milieus: angefangen beim “Digital Souveränen” über den “Unbekümmerten Hedonisten” bis hin zum “Internetfernen Verunsicherten” soll so die Technik- bzw. Internet- und Medien-Affinität der Eltern kategorisiert werden, die dann selbstverständlich auch Auswirkungen auf die Kinder hat. So unterbindet der “Verantwortungsbewusste Etablierte” anscheinend gern die Nutzung von Smartphones.

DIVSI-U9-Studie-S63-Beliebtheit-von-Medienaktivitaeten-nach-Milieus

In diesem Zusammenhang ergeben sich dann auch erste Unterschiede bei der Dauer der Nutzung von Geräten. Drei- bis achtjährige Kinder von Eltern mit “einfacher Bildung” verbringen an Wochentagen mehr Zeit mit Computern, Laptops und Smartphones als Kinder von Eltern mit “Hoher Bildung”. Allerdings – das ist auffällig – sind die prozentualen Angaben hier nicht vollständig, denn über alle Bildungsschichten hinweg gab es auch die elterliche Antworten “Weiß nicht” und “Weniger als 1 Stunde”. Stellt sich die Frage, ob “Weiß nicht” nicht die besorgniserregendste Antwort von allen ist …

DIVSI-U9-Studie-S65-Nutzungsintensitaet-in-Abhaengigkeit-von-der-Bildung

Wenn Kinder Smartphones, Computer und Notebooks nicht benutzen, liegt das meistens an einem Verbot der Eltern, entweder generell oder als erzieherische Maßnahme. Die Geräte und die damit verbringbare Zeit sind für Kinder z.T. eine Belohnung, der Entzug wird oft als Strafe benutzt. Gleichzeitig bereitet die Internetnutzung einigen Eltern wohl auch sorgen, z.T. fühlen sich Eltern selbst unsicher und befürchten Gefahren wie die Kontaktaufnahme fremder Personen oder das unbeabsichtigte Downloaden von Schadsoftware. Der Gebrauch von Spielekonsolen wird deutlich seltener verboten als die Benutzung eines internetfähigen Geräts, auch das ist auffällig.

Stellt sich die Frage, was Kinder im Internet machen. Die Befragung von Sechs- bis Achtjährigen deutet mehrheitlich auf eine Nutzung von Spielen, aber auch das Suchen und Anschauen von Bildern (“Bilderbuch”) oder Video-Clips und Filmen (“Fernsehen”) wird häufiger genannt. Kindern ist also durchaus bereits bewusst, dass das Internet “kostenloses Material” enthält, das man abrufen kann, dazu gehören teilweise auch Apps in den entsprechenden Stores.

Spielen ist für Kinder im Internet die Hauptbeschäftigung
Spielen ist für Kinder im Internet die Hauptbeschäftigung

Ab einem Alter von 6 Jahren wissen fast 90% der befragten Kinder, dass man über das Internet auch Kontakte knüpfen oder halten und z.B. “chatten” kann. Besonders ältere Geschwister, aber auch die Eltern haben an der Alltagsrelevanz von z.B. Facebook oder z.B. Skype einen entscheidenden Anteil. Mit zunehmendem Alter nutzen Kinder Online-Communities tatsächlich aktiv, bereits 15 Prozent der Achtjährigen sind hier vertreten. Auch Messenger wie z.B. WhatsApp erlangen dann eine Bedeutung, circa 20% der achtjährigen Kinder kennen – und nutzen- diese, obwohl die AGB der Anbieter eine Nutzung eigentlich erst ab einem Alter von 12 Jahren vorsehen.

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Cybermobbing GooglePlus

Einigen Eltern scheint unterdessen nicht bewusst zu sein, das verschiedene Angebote “nebenbei” einen Messenger oder eine Community betreiben, z.B. Spiele- oder Filmplattformen.

Während mit zunehmendem Alter tatsächlich die Suche nach “Informationen” aller Art an Bedeutung gewinnt, sind Spiele und die entsprechenden Websites in jüngeren Jahren die wichtigste Anlaufstelle. Auch hier gibt es einen signifikanten Unterschied im Zusammenhang mit den formalen Bildungsstand der Eltern: Kinder gebildeterer Eltern nutzen – zusammengefasst – das Internet ab einem gewissen Zeitpunkt “breiter” und vielfältiger.

DIVSI-U9-Studie-S75-Internetaktivitaeten-von-Kindern

Die Studie geht noch auf viele andere Bereiche sehr detailliert ein und sollte eigentlich von allen Eltern, aber auch von Lehrern zu Rate gezogen werden. Sie liefert nicht nur Erkenntnisse über Kinder, sondern sehr oft auch über die Eltern. So lässt sich festhalten, dass es den nach 1980 geborenen “Digital Native” pauschal nicht gibt, viele Eltern aus dieser Altersgruppe sind im Umgang mit digitalen Medien nicht versiert, diese Unkenntnis hat dann Auswirkungen auf das Verhalten der Kinder.

Zudem wird deutlich, dass eine rein formale Digitalisierung – also z.B. die Ausstattung mit Geräten – nicht automatisch zu einer optimierten Chancengleichheit von Kindern führt. Das soziale Umfeld von Kindern und auch der Bildungsstand der Eltern haben ab einem gewissen Alter, besonders aber in ganz konkreten Bereichen unterschiedliche Auswirkungen auf das “Wie” der Nutzung digitaler Medien. Schulen und Lehrern käme hier eine besondere Rolle zu, die aber gerade bei sehr jungen Kindern oft nicht vorgesehen ist.

Eine besondere Bedeutung hat mit zunehmendem Alter das Thema “Sicherheit”. Eltern befürchten dann einerseits, dass Kinder unkontrolliert Kontakte knüpfen, aber auch Viren, rechtliche Fallen (Abmahnungen) oder kostenpflichtige Angebote werden als potentielles Sicherheitsrisiko empfunden. Während einige Ausweich- und Vermeidungsstrategien von Eltern dabei noch funktionieren mögen, lässt sich aber die generelle Nutzung des Mediums als solches kaum noch verhindern. Eltern sollten hier dringend Kompetenzen hinzugewinnen, vielleicht weit über den jetzigen Wissensstand hinaus.

Quelle: divsi.de