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Kommentar: Panik! - wir brauchen Panik!

Klima, Arbeit, Digitalisierung: Wir brauchen mehr Panik in Deutschland!

Ruhig Blut - das scheint das Motto in Deutschland zu sein, zumindest aus Sicht der Regierungspolitiker. Aber wir brauchen Panik, viel mehr Panik.

von Carsten Drees am 2. April 2019

In Hannover findet derzeit das große Schaulaufen statt. Bundespolitik und Industrie geben sich dort im Rahmen der Hannover Messe ein Stelldichein und schwärmen davon, dass Deutschland eben doch nach wie vor ein Hochtechnologieland ist. “5G” und “Künstliche Intelligenz” sind hier nicht nur Buzzwörter, sondern werden durch praktische Anwendungen demonstrativ mit Leben erfüllt.

Die Veranstaltung hat der eingestampften CeBIT gehörig den Rang abgelaufen, allein in dieser Woche werden auf der Hannover Messe über 200.000 Gäste erwartet. Tausende Hersteller präsentieren ihre neusten Technologien und die Stimmung — so mein Eindruck nach dem Sehen einiger Messeberichte — ist eine sehr ordentliche. Es weht ein Hauch von Aufbruchstimmung durch die Messehallen, durch die auch Angela Merkel mit mit dem schwedischen Ministerpräsidenten Stefan Löfven schlenderte. Schweden ist das diesjährige Partnerland und so standen natürlich gerade europäische Innovationen im Vordergrund.

Die Stimmung sollte mich vermutlich grundsätzlich positiv stimmen, aber für mein Empfinden ist der Blick in der Berichterstattung oftmals ein bisschen zu verklärt. Zwar wird auch oft erklärt, dass uns China und die USA in Sachen künstliche Intelligenz und Digitalisierung voraus sein, aber immer mit so einem müde abwinkenden “kriegen wir schon hin”-Duktus. Die SZ zitiert in ihrem Beitrag unter anderem Michael Ziesemer, seines Zeichens Präsident des Branchenverbandes ZVEI. Im ansonsten durchaus kritischen Artikel heißt es:

Für 2019 erwarte die Elektroindustrie das sechste Wachstumsjahr in Folge. 2018 produzierte sie gut zwei Prozent mehr, die Erlöse stiegen auf den Rekordwert von gut 193,5 Milliarden Euro. Mit 890 000 Beschäftigten war deren Zahl Ende 2018 auf dem höchsten Stand seit 22 Jahren. Auch der deutsche Maschinenbau meldet für 2018 Rekorde. Wie aus dem jüngsten Maschinenbaubarometer von EY hervorgeht, legte der Umsatz um vier Prozent auf mehr als 249 Milliarden Euro zu. Es ist der fünfte Anstieg in Folge. Die Zahl der Beschäftigten wuchs um ebenfalls vier Prozent auf 989 000. Die Branche sei in den vergangenen Jahren von Rekord zu Rekord geeilt, sagte Stefan Bley, Partner der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY.

Das klingt sehr positiv, aber es wird dort auch erklärt, dass diese Zahlen sehr verzögert auf äußere Einflüsse wie aktuell den Brexit reagieren. Man sollte sich also von positiven Zahlen nicht zu sehr blenden lassen. Vielleicht bin ich da auch nur zu empfindlich und sehe die Berichterstattung tendenziell zu positiv, aber für meinen Geschmack fehlt hier jemand, der ordentlich trommelt und mal laut nachfragt, wieso das Land so wenig den Hintern hochbekommt.

“Panik, wir brauchen Panik”

Das Artikelbild verrät es ja bereits: Ich habe mir Oliver Kahns legendäres “Eier! Wir brauchen Eier”-Zitat geschnappt und angepasst. Und ja — ich halte es da mit der kleinen Greta Thunberg, die uns auch in Panik sehen möchte, wenn sie über das Klima spricht. Wir sind nicht knapp hinter China und den Vereinigten Staaten, sondern liegen abgeschlagen zurück!

Der Industrieverband Bitkom sieht Deutschland auch im Bereich Industrie 4.0 lediglich im Mittelfeld und auch hier dominieren die Kontrahenten aus den USA und China. Noch ernüchternder ist das, was der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) an Zahlen präsentiert: Lediglich 14 Prozent sehen demnach Deutschland bei KI in einer Führungsposition, was gegenüber dem Vorjahr einen Rückgang von 53 Prozent bedeutet. Mit 67 Prozent liegen die USA vor China (61 Prozent), wir liegen mit unserem Wert immerhin (noch) auf Augenhöhe mit Indien.

In der SZ wird auch darüber berichtet, dass die Produktionsstätten in Deutschland sich für die Zukunft rüsten, indem dort fortgeschrittene Roboter zum Einsatz kommen. Die können an der Seite von menschlichen Mitarbeitern arbeiten, da die Sensorik verhindert, dass so ein Roboterarm für einen Angestellten zur Falle wird.

Davon abgesehen sind sie dank künstlicher Intelligenz lernfähig, was vor allem zusammen mit der 5G-Technologie spannend wird. Diese Kombi ermöglicht nämlich Produktionsstraßen, die nicht nur menschenleer sind, sondern auch in der Lage sind, im Handumdrehen von der Produktion eines Modells zu einem anderen zu switchen, was heute so noch nicht möglich ist.

Was das unterm Strich bedeutet? Natürlich: Dass massig Köpfe rollen werden, auch in der deutschen Industrie. Bereits vor mehr als drei Jahren schrieben wir darüber, das diese neue Welle der Industrialisierung weltweit bis 2020 fünf Millionen Jobs kosten könnte. Aktuelle Schätzungen (befragt wurden weltweit Manager von über 1.300 Unternehmen) sehen vor, dass wir bis 2025 etwa 300.000 Jobs in Deutschland an Roboter verlieren.

Diese Zahl finde ich gleich doppelt gefährlich: Einmal sind 300.000 Jobs eine ganze Menge, auch wenn es über sechs Jahre gilt. Zum Anderen glaube ich, dass diese Zahl schlicht zu niedrig angesetzt ist. Während deutsche Unternehmen in dieser Studie davon ausgehen, dass etwa zwei Prozent der Jobs an Roboter verloren gehen, gehen chinesische Manager davon aus, dass jeder fünfte (!) Arbeitsplatz in den nächsten fünf Jahren auf diese Weise verloren geht, also satte 20 Prozent!

Ich glaube immer noch, dass wir das zu blauäugig betrachten und viel zu viele Menschen immer noch lächelnd abwinken, weil es ja schließlich mit jeder Industrie-Welle so gewesen ist, dass auch neue Jobs entstünden. Klar, das wird auch so sein, dass neue Jobs entstehen. Grob überschlagen arbeiten derzeit noch etwa eine knappe Million Menschen in der Automobilbranche, davon mehr als 300.000 bei den Zulieferern. Allein hier werden sehr viele Jobs wegfallen und ich frage mich, welchen Job ein Mensch ausüben kann, wenn in seiner alten Fabrik Roboter malochen, die sich selbst steuern können.

Es werden fraglos ganz neue Jobs entstehen, aber die Menschen, die bei VW am Band gestanden hat, als Sachbearbeiter ihren drögen Bürojobs nachgehen und die, die in einem Warenverteilzentrum ihre Kommissioniertätigkeit erledigen, werden ganz sicher nicht die sein, die sich nach der Kündigung in Richtung Big Data Analyst oder Software-Entwickler umschulen lassen.

Eigentlich sehe ich sehr optimistisch in die Zukunft — auf mittelfristige Sicht. Wir haben schon öfter darüber gesprochen, dass wir uns gesellschaftlich in eine Richtung entwickeln werden, in der wir uns nicht mehr über unseren Beruf definieren und in der auch längst nicht mehr jeder arbeiten gehen muss. Aber bis dahin wird es ein übles Hauen und Stechen und derzeit sind es anscheinend nur die Populisten, die sich das zunutze machen können und die zusätzlichen Hass säen.

Es geht um sehr, sehr viele Jobs, es geht um die Gesellschaft als Ganzes und nicht zuletzt (und ebenfalls hier auf dem Blog besprochen) geht es auch um unseren Planeten, der derzeit vor die Hunde geht. Das riesige Fass namens menschgemachter Klimawandel will ich hier nicht auch noch aufmachen. Wie gesagt haben wir darüber bereits geredet und dieser Artikel ist eh schon wieder zu lang.

Aber hey: Was mache ich mir Sorgen? Immerhin tagt jetzt ja bald das neue Klimakabinett der Bundesregierung — wo genau die Leute zusammensitzen werden, die die Klima-Nummer bislang auch schon nicht oder nur halbherzig angegangen sind. Hierzu will ich euch noch die Sendung Anne Will vom letzten Sonntag ans Herz legen. Einzig Robert Habeck zeigte von den anwesenden Politikern klare Kante, während die Vertreter von CDU und FDP zu erklären versuchten, dass die Politik jede Menge unternimmt.

Unterm Strich haben wir also eine Industrie, die langsam Fahrt aufnimmt, beispielsweise bei den Autos und der Umstellung auf Elektromobilität. Es gibt hier ganz neue Kooperationen, aus denen sich Synergien und damit verbunden viele Kündigungen ergeben werden. Auch in anderen Branchen werden viele Köpfe rollen. Was Schulen und Universitäten angeht, kümmern wir uns nicht darum, dass wir hier modernisieren und die Digitalisierung vorantreiben, sondern schimpfen lieber über die Kids, die freitags auf die Schule verzichten, um für die Einhaltung der Klimaziele zu demonstrieren.

Wir kämpfen gegen steigende Mieten, gegen sozial abgehängte Bürger, sehen uns einem globalen Markt ausgeliefert, in dem wir derzeit noch nicht wissen, wie wir China im Zaum halten sollen und trotzdem ist es so schrecklich ruhig. Wieso eigentlich? Was muss passieren, damit wir wie unsere jungen Mitbürger die Ärsche hochbekommen und uns aktiv dafür einsetzen, dass diejenigen jetzt die Ärmel hochkrempeln, die in politischer Verantwortung stehen.

Es darf nicht mehr um Machterhalt und Ämter-Geschacher gehen. Es geht darum, ob wir die Zukunft gleich an vielen Fronten gleichzeitig verpennen könnten, wenn nicht flott was passiert. Deswegen brauchen wir Panik. Nicht die Art unangebrachte Panik, die die Populisten schüren. Aber die Art Panik, die uns allen die Augen öffnet und vielleicht dann auch mal von der Couch auf die Straße bringt.

via Tagesspiegel