Kommentar

Klimakrise: “Der Klima-Notstand ist unser dritter Weltkrieg”

Greta Thunberg schaut bei Angela Merkel vorbei, um über Klima-Maßnahmen zu sprechen und zwei Dinge fallen direkt auf: Nach wie vor wird diese Krise nicht als so dringlich empfunden - und die Greta-Hater sind auch alle sofort wieder da.

von Carsten Drees am 20. August 2020

Wenn man die Klima-Krise in der Headline an genau dem Tag in Verbindung mit einem Weltkrieg bringt, an dem Greta Thunberg unsere Kanzlerin getroffen hat, liegt die Vermutung wohl nahe, dass es sich um die Äußerung der 17-jährigen Klima-Aktivistin handeln könnte. Nee, den Zahn kann ich all denen ziehen, die jetzt schon prophylaktisch alle Adrenalin-Regler auf 10 gedreht haben.

Dieser Vergleich mit dem Weltkrieg ist aber auch kein Clickbait, sondern war mir noch im Gedächtnis aus einem Artikel des altehrwürdigen Guardian. Der Meinungsbeitrag hat bereits mehr als ein Jahr auf dem Buckel, weniger aktuell ist er aber in all den Monaten nicht geworden. Darin heißt es als Antwort auf die Frage von Kritikern, ob wir uns die Klima-Maßnahmen und den “Green New Deal” überhaupt leisten können:

“Ja, wir können es uns leisten, mit der richtigen Finanzpolitik und dem kollektiven Willen. Aber was noch wichtiger ist, wir müssen es uns leisten. Der klimatische Notstand ist unser dritter Weltkrieg. Unser Leben und unsere Zivilisation, wie wir sie kennen, stehen auf dem Spiel, genau wie im Zweiten Weltkrieg.”

Als dieser Artikel vor einem Jahr erschien, war es irgendwie ein theoretisches Konstrukt, wie die Welt mit einer globalen Krise umgehen kann, wenn es drauf ankommt. Das Problem bei der Klima-Krise damals wie heute: Das Gefahrenszenario ist ein äußerst diffuses, weil Bilder von schmelzenden Gletschern die Gefahr einfach nicht so drastisch transportieren wie Bilder von komplett überlasteten Krankenhäusern oder Leichen, die in Kühlwagen gelagert werden müssen.

Ich sagte es: Heute war eine Abordnung von Fridays For Future bei der Bundeskanzlerin. Deutschland hat aktuell den EU-Vorsitz, weswegen die Gruppe, angeführt von der Schwedin Greta Thunberg und Luisa Neubauer, nicht nur an die deutsche Regierung, sondern an ganz Europa appellieren konnte, endlich den Arsch hochzubekommen und zumindest schon mal Klarheit zu schaffen, was das Erreichen der angepeilten Klimaziele angeht.

Eigentlich mag ich nicht viele Worte verlieren über das, was die jungen Menschen heute der Presse gegenüber äußerten, oder was da eventuell hinter verschlossenen Türen mit der Kanzlerin besprochen wurde. Weil all das Gesagte erst einmal eh nichts daran ändert, dass wir trotz der Gewissheit um die Bedrohung wieder einmal viel Zeit weggeworfen haben.

Vor exakt zwei Jahren fing die damals 15-Jährige mit ihrem Klimastreik an und wir alle haben mitbekommen, welche Wogen das Thema plötzlich überall geschlagen hat. Wir beobachteten, wie die Themen Umweltschutz und Klimaschutz jedes andere Thema überstrahlten und dafür sorgten, dass sich Politiker nun erstmals ernsthaft mit Veränderungen auseinandersetzten.

Aber ich sprach es schon an: Der Klimawandel produziert entweder nicht genügend spektakuläre Bilder — oder die Katastrophe ist für uns alle aus einem anderen Grund nicht so greifbar, nicht so gegenwärtig wie die Pandemie, die uns nach wie vor in Atem hält. Obwohl es leider auch genügend Menschen gibt, die auch bei Corona die Gefahr nicht wahrhaben wollen, aber das soll heute nicht unser Thema sein.

Ich habe mich heute durch so manche Berichterstattung zum Thema Klimaschutz geackert und blöderweise auch zu den zugehörigen Kommentarspalten. “Erfreulich”, dass die ganzen Greta-Basher und -Hater alle direkt wieder da waren. “Was hat die schon geleistet, dass sie jetzt so groß Forderungen stellen darf?”, “Haben wir keine anderen Probleme” und all die anderen Klassiker waren heute wieder zu lesen.

Es hat sich in zwei Jahren also tatsächlich fast nichts getan! Ich möchte der Regierung nicht unterstellen, dass sie diesbezüglich gar nichts tut, aber die Dringlichkeit, signifikante Veränderungen herbeizuführen, kann ich nicht erkennen. Und genau das ist der Grund, wieso ich mich jetzt hier mit meinem x-ten Kommentar zum Thema abreagieren muss, weil es mich tatsächlich wütend macht zu sehen, dass wir hier geschmeidig tanzend auf den Abgrund zumarschieren.

Wieso können wir bei Corona plötzlich auf die Experten hören und deren vorgeschlagene Maßnahmen umsetzen und konnten das beim Thema Klima nicht? Und wieso können wir es aktuell immer noch nicht, obwohl wir jetzt gesehen haben, was tatsächlich in einer weltweiten Krise plötzlich möglich ist.

Erinnert euch an das Zitat weiter oben aus dem Guardian? Es geht nicht darum, was wir machen können, sondern um das, was wir machen müssen. Auch jetzt in der Covid-19-Katastrophe überlegen wir uns, in welchem Verhältnis die notwendigen Maßnahmen zum wirtschaftlichen Schaden stehen. Bei der Klimawandel-Nummer verhält sich das ein wenig anders. Wir rasen auf einen Stichtag zu — wenn wir bis dahin nicht einen anderen Kurs eingeschlagen haben, müssen wir mit den unumkehrbaren Folgen für den Planeten klarkommen. “Was sind denn schon 1,5 Grad Celsius mehr?” — auch so eine typische Reaktion. Wenn ihr euch auch diese Frage stellt, schaut mal bei der Süddeutschen vorbei. Dort wurde die Anatomie einer Katastrophe herausragend beschrieben.

Wann immer gefordert wird, dass man beim Klimaschutz die Wirtschaft nicht aus den Augen verlieren darf, stelle ich mir die Frage, über welche Wirtschaft wir reden, wenn sich die Erde in wenigen Jahrzehnten so fundamental verändert, dass wir die Folgen schon jetzt spüren können? Die Flüchtlingswelle von 2015 war ein Scheiß, verglichen mit den Menschenmassen, die sich in Bewegung setzen werden, wenn die anhaltenden Hitze einen Verbleib in der Heimat unmöglich macht.

So oder so müssen wir uns umorientieren. Die Art, wie wie reisen, wie wir uns ernähren, wie wir arbeiten usw. — alles gehört auf den Prüfstand. Und da der Mensch ja ein Gewohnheitstier ist, kann er so einschneidende Maßnahmen nicht ohne den entsprechenden Druck umsetzen. Da ist Corona vielleicht sogar sowas wie ein Wink des Schicksals, eine auf dem Silbertablett servierte Gelegenheit, jetzt mal an den ganz großen Rädern zu drehen.

Bei allem Elend, welches sich wirtschaftlich aus der Pandemie ergibt, bedeutet dieser temporäre Stillstand aber doch auch, dass es nie leichter war, fundamentale Veränderungen herbeizuführen oder zumindest anzugehen. Aktuell lernen wir, dass wir auch von zuhause aus arbeiten können (zumindest viele von uns), erleben mit ,wie sich der Planet dadurch erholen kann, dass wir weniger reisen und pendeln. Man sieht also, dass wir durchaus Dinge verändern können — und dass man dem Volk auch wirklich viel zumuten kann in einer Krisensituation.

Ich fürchte aber, dass — abgesehen von den Grünen — keine große Partei vor der Bundestagswahl den Schneid hat, der Bevölkerung diesbezüglich reinen Wein einzuschenken. Die Partei, die seinen Wählern jetzt — nach all den Problemen, die wir in der Pandemie haben — erzählt, dass wir eine Krise bewältigen müssen, die noch schmerzhafter, noch anstrengender und noch teurer wird als die Covid-19-Geschichte, die wird sich sicher nicht auf viel Beifall innerhalb der Bevölkerung einstellen müssen.

Genau da sehe ich das Problem bzw. ein Zusammentreffen mehrerer Probleme: Wir sehen die Krise nicht so akut, wir befinden uns in einer globalen Krise und wir gehen auf Wahlen zu. All das in Summe lähmt uns und genau deswegen glaube ich, dass ich euch hier wieder öfter mit Kommentaren und Beiträgen zum Klimaschutz und Klimawandel auf den Sack gehen muss. Erst, wenn wir das alle kapieren, dass wir nicht nur mit vollem Speed auf den Abgrund zurasen, sondern mit jedem verschenkten Tag nochmal eine Schippe Kohle nachlegen, dann haben wir eine Chance, auch diese Krise zu bewältigen, die so viel größer ist als Corona.