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Können wir bitte mal kurz die Flug-Taxis vergessen?

Da sind sie wieder, die Flug-Taxis: Gestern fiel in Ingolstadt der Startschuss für die Testphase des "CityAirbus". Aber sollten wir - bzw. das Verkehrsministerium - nicht andere Dinge vorantreiben?

von Carsten Drees am 12. März 2019

Suchmaschinen, Social Networks, Streaming-Plattformen — fast nichts, was im Internet wirklich groß wird, hat seine Wurzeln in Europa oder gar Deutschland. Bei Hardware sieht es ähnlich aus: Smartphones kommen aus Fernost oder Cupertino und nachdem zunächst die Amerikaner mit Tesla das Tor zur E-Mobilität aufgestoßen haben, laufen wir Gefahr, dass unserer bislang immer so gut aufgestellten Autoindustrie nun auch der Rang abgelaufen wird, vor allem aus China.

Da ist es doch toll, wenn es etwas gibt, wo man sich mal wieder stolz auf die eigene Schulter klopfen kann und erklären: Jau, bei dieser Technologie sind wir Deutschen aber die innovative Speerspitze des Planeten. Nicht, dass es tatsächlich so wäre, was Flug-Taxis angeht. Auch da wird im Ausland natürlich fleißig entwickelt.

Dorothee Bär: Autonome Autos und fliegende Taxis

Aber irgendwie hat sich die deutsche Bundespolitik auf diese Fluggeräte eingeschossen, die mal mehr Kopter und mal mehr fliegendes Auto sein sollen und bestenfalls “bereits in wenigen Jahren” schon Menschen befördern könnten. Das jüngste Beispiel dafür ist die Meldung, die gestern aus Ingolstadt die Runde machte: Dort wurde der “CityAirbus” vorgestellt, natürlich vor den begeisterten Blicken von Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitales und unserem Verkehrsminister Andreas Scheuer.

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Ich verstehe die Nummer irgendwie nicht so richtig und kann es mir nur so erklären, dass die Regierung da mal ein wenig die Muskeln spielen lassen will und zeigen möchte, dass es auch diese Moonshot-Projekte Made in Germany gibt. Darüber hinaus finde ich es natürlich richtig, dass man forscht und entwickelt und neue Transportwege und -möglichkeiten auslotet, glaube aber eben nicht, dass fliegende Taxis das ist, was die Städte von morgen entlastet.

Der CityAirbus soll um die 300 000 Euro kosten, ist also eher nicht wirklich für jedermann gedacht. Daraus lässt sich auch bereits ableiten, dass nicht Massen von Menschen damit befördert werden. Nicht 2025 und auch nicht 2035! Es wird ein sehr elitäres Publikum geben, welches auf solche Fluggeräte zurückgreifen kann: Politiker, hochrangige Manager, Prominenz aus den Bereichen Sport usw. — also im Grunde genau das Klientel, welches heute bereits gegebenenfalls schon mal auf den Privatflieger oder Helikopter zurückgreifen kann.

Daher sehe ich die große Entlastung für die Städte nicht. Dass Airbus für erste Einsätze nicht mit einem Termin vor 2025 plant, hängt damit zusammen, dass das Unternehmen nicht damit rechnet, dass vor diesem Datum europäische Richtlinien für den Gebrauch dieser fliegenden Taxis geschaffen werden können.

Aktuell darf man damit noch nicht über bebautem Gebiet fliegen — was für ein Flug-Taxi natürlich schon eine Art Handicap ist, sarkastisch formuliert. Aber, um beim beim Sarkasmus zu bleiben: Bislang fliegt das Teil sowieso noch nicht. Erste Testflüge sind für Mitte dieses Jahres geplant. Übrigens soll der CityAirbus, der von vier Doppelmotoren angetrieben wird, eine Reichweite von 50 Kilometern besitzen, autonom fliegen, senkrecht starten und landen können und mit einer Geschwindigkeit von maximal 120 km/h fliegen können.

Die technischen Daten können wir aber meiner Meinung nach vernachlässigen und sollten stattdessen die Politik hinterfragen, die gerade Förder-Millionen für diese Projekte vergibt. Ich halte es wie gesagt für Augenwischerei und für den kläglichen Versuch, im Bereich Transport für eine “wir sind so unglaublich innovativ”-Stimmung zu sorgen.

Klar — wenn sich Frau Bär über die Mecker-Kultur der Deutschen aufregt, dann ist das schon nicht komplett falsch. Dennoch glaube ich, dass man das Recht hat sich zu beschweren, wenn 4G nicht flächendeckend funktioniert, während 5G an die Tür klopft und wenn wir über fliegende Elektrofahrzeuge diskutieren, bevor wir die Kurve bei den fahrenden Elektrofahrzeugen bekommen haben.

Mandatory Credit: Photo by TIMM SCHAMBERGER/EPA-EFE/REX (10150248e)
A general view of the prototype of the electrically-powered vertical take-off and landing aircraft City Airbus in Ingolstadt, Germany, 11 March 2019. The aircraft is developed by Airbus Helicopters for commuting traffic and is able to carry four persons.
Presentation of the City-Airbus in Ingolstadt, Germany – 11 Mar 2019

Man darf gerne träumen und genau so gern darf man Innovationen vorantreiben und Moonshot-Projekte unterstützen. Aber dennoch sollten wir das alles in der richtigen Reihenfolge angehen und nicht versuchen, zu fliegen, bevor wir überhaupt richtig laufen können. Vielleicht seid ihr anderer Meinung, aber ich persönlich halte das ganze Flug-Taxi-Gequatsche aktuell bestenfalls für Marketing-Stunts, schlimmstenfalls für Nebelkerzen, die von den tatsächlichen Problemen ablenken sollen.

An die Regierenden: Seht zu, dass die E-Mobilität unterstützt und vorangetrieben wird. Das schließt neben den Autos auch E-Scooter ein und damit auch die dafür notwendige Infrastruktur. Fangt an, die Städte umzubauen, so dass sie auch morgen für uns nutzbar sind — eine Handvoll Geschäftsmänner, die mit fliegenden Taxis umherdonnern, verhindern nämlich ganz sicher keinen Verkehrskollaps.