Kommentar: Deutsche Telekom greift Facebook und Apple an – ich lache immmr noch

Im Silicon Valley wird man unruhig: Die Deutsche Telekom will mit dem Messenger immmr Unternehmen wie Facebook, Apple und Microsoft angreifen. Ein Kommentar.

Erst mal zu den Fakten und worüber wir hier reden: Ein 70-köpfiges Team – ein Berliner Start-Up unter dem T-Labs-Dach – hat seit zwei Jahren für die Deutsche Telekom einen neuen Messenger entwickelt. Der nennt sich immmr und will damit punkten, dass er immer und überall verfügbar ist. Auf diese Weise will man Konkurrenten wie Facebook, Apple und Microsoft attackieren, heißt es in einer Exklusiv-Story der Capital.

“Ein neuer Messenger-Dienst der Deutschen Telekom soll Facebook und Apple Konkurrenz machen. Start ist in der Slowakei.” heißt es dort in der Einleitung – “keine Pointe” möchte man automatisch hintendran hängen. Der Ansatz ist nachvollziehbar: Die Deutsche Telekom hat massig in den Netzausbau gebuttert und muss hilflos mit ansehen, wie US-Anbieter wie Facebook mit dem Messenger und WhatsApp, Apple mit iMessage oder Facetime und Microsoft mit Skype dafür sorgen, dass niemand mehr SMS verschicken möchte, sprich: Niemand mehr fürs Verschicken von Nachrichten zahlt.

Die Capital erwähnt die Londoner Marktforscher von Ovum, nach denen 345 Mrd. Euro an Umsatz durch die OTT-Dienste (siehe Over-the-top-Messaging) verloren gehen. Der Feind sitzt jedoch nicht ausschließlich im Silicon Valley, auch in Asien gibt es genügend Messenger-Dienste mit Hunderten von Millionen Nutzern. Das ist insofern interessant, als bei immmr die globale Karte gespielt wird, man aber scheinbar ausschließlich die Messenger als Konkurrenz ansieht, die sich die hiesigen Märkte gekrallt haben.

Wir erleben es ja öfters, dass entweder die Industrie oder die Politik hierzulande anregen, den großen US-Konzernen wie Facebook, Apple, Google, Amazon oder Microsoft was entgegenzusetzen. Das ist nicht verwerflich, im Gegenteil – sogar erstrebenswert. Lediglich der Ansatz, wie man etwas Konkurrenzfähiges etablieren will, wirkt oft unbeholfen, manchmal hanebüchen.

immmr-screenshot

immmr – nicht der erste deutsche Anlauf

Das gilt auch für den Messenger-Markt. Wir erinnern uns: Bereits 2012 berichteten wir über Joyn – einen Messenger, der von der Deutschen Telekom, Vodafone und O2 eigentlich schon 2011 an den Start gehen sollte und der mit message+ mittlerweile bereits einen eigenen Nachfolger erhalten hat. Schon damals hatten die hiesigen Netzbetreiber erkannt, dass ihnen die einst massiven SMS-Umsätze wegbrechen. 2014 schließlich war es die Deutsche Post, die mit SIMSme einen eigenen Messenger etablieren wollte.

Wieso man von beiden so wenig hört? Genau – weil es irgendwie so ziemlich niemand nutzt(e). Das ist die Crux bei den Messengern: SIMSme scheiterte nicht daran, dass es technisch nicht taugte – man setzte auf die Karte “Sicherheit” und präsentierte einen tatsächlich ansprechenden Messenger, dem schlicht bis zum heutigen Tag die Nutzer fehlen.

Damit nähern wir uns auch dem Problem, welchem sich auch immmr stellen muss: Wieso noch ein Messenger? Daran haben sich schon so viele Unternehmen die Zähne ausgebissen, die ebenfalls ambitionierte Message-Dienste ins Rennen schickten. Nicht falsch verstehen: Natürlich kann (und muss) man versuchen, den Markt mit guten Produkten zu bedienen, auch wenn diese Märkte schon versorgt scheinen. Schließlich hat Samsung nach dem Erscheinen des iPhone auch nicht aufgehört, Mobiltelefone zu bauen und Facebook ist riesengroß geworden, obwohl damals MySpace das Social Network der Massen war.

Ein Messenger muss die kritische Masse erreichen und meiner Meinung nach müssen da viele Dinge zusammen passen. Das Design, das richtige Timing/Momentum und vor allem ein technischer Twist – irgendein Alleinstellungsmerkmal, welches dafür sorgt, dass sich massenweise Leute wirklich dafür entscheiden, die Zelte bei WhatsApp und Co abzureißen und bei dem neuen Service an Bord zu gehen.

Immmr ist ein globales Produkt, mit dem wir weltweit Telekom-Dienste anbieten können. Claudia Nemat, Telekom-Vorstand

Ich selbst hab massig Messenger getestet – Telegram war davon noch der nach den großen Konkurrenten noch der am weitesten verbreitete und selbst da kam ich nur auf eine Handvoll Menschen in meinen Kontakten und vielleicht zwei oder drei, die ihn auch tatsächlich nutzten. Telegram als auch Threema profitierten seinerzeit davon, dass WhatsApp von Facebook geschluckt wurde und konnten sich mit dem Fokus auf das Thema Sicherheit zumindest in einer Nische etablieren. Welches sind die Asse, die immmr im Ärmel hat, um uns zum Wechsel zu bewegen? Schauen wir nochmal auf die immmr-Seite:

  • Video, messaging, and calls for free from any device. Desktop. Tablet. Home. Or abroad. Just login.
  • Open – Video, message, or call anyone—instantly. Even if they aren’t on immmr.
  • Simple – Access your contacts, chats, and calls from the cloud. Wherever you are, on whatever device.
  • Smart – Save with wifi calls, cheap calling rates, and multiple numbers.

Womit also will immmr punkten, was wir noch nicht von einem anderen Service kennen? Menschen erreichen, die selbst nicht auf immmr sind – können nicht viele, zugegeben. Interessant ist auch, dass ihr hier mehrere Nummern nutzen könnt. Es gibt also durchaus Trümpfe, bei denen ich mich aber frage, ob sie stechen. Gibt es genügend Nutzer mit mehreren Nummern, die immmr zu einer großen Masse an Usern verhelfen kann? Und was die Erreichbarkeit eurer Kontakte angeht: Wie viele eurer Freunde, Bekannte und Kollegen könnt ihr bis dato nicht über Facebook Messenger, WhatsApp, iMessage usw. erreichen?

immmr-Kunden untereinander sollen übrigens kostenlos übers Internet telefonieren können, für Gespräche mit Nicht-immer-Nutzern soll es “kostengünstige Tarife” geben.

immmr

Worauf ich hinaus will: Die Deutsche Telekom möchte laut Capital also Facebook angreifen… und Apple… und Microsoft. Und versucht das, indem man von 70 Leuten in zwei Jahren einen Messenger entwickeln lässt, der vom Funktionsumfang im Wesentlichen das bietet, was alle anderen auch können und sich mit seinen Alleinstellungsmerkmalen allenfalls in einer Nische platzieren kann. Der dann mit “immmr” einen mehr als kruden Namen verpasst bekommt und der zunächst von Slovak Telekom in der Slowakei angeboten wird, danach in Kroatien an den Start gehen soll. Ein Deutschland-Start dieses deutschen Produkts ist aktuell offiziell nicht einmal anvisiert und vom Erfolg in den obigen Ländern abhängig.

Tobias hat drüben bei Basic Thinking mit einem interessanten Beispiel Kosten und Nutzen eingeordnet:

Immmr wurde laut Capital seit 2014 von 70 (ja, siebzig!) Mitarbeitern in Berlin gebaut, die Kosten kann man sich ungefähr ausrechnen. Zum Vergleich: Als Facebook 2012 Instagram für eine Milliarde US-Dollar gekauft hat, saßen dort inklusive der Chefs 12 (ja, zwölf!) Mitarbeiter. Tobias Gillen, Basic Thinking

In der Capital können wir zudem lesen, dass immmr der Telekom helfen soll, “die Vorherrschaft der Amerikaner im Kommunikationsgeschäft zu knacken”. Sorry, da möchte ich gerade eigentlich noch nicht mal mehr drüber lachen – fast will man der Telekom bescheinigen, da einen lupenreinen Oettinger gebaut zu haben.

Ich mag Dienste eigentlich nicht schlechtreden und ihnen den “Dead on Arrival”-Stempel verpassen, bevor ich überhaupt einen Blick drauf werfen konnte, aber so sehr ich das Bestreben begrüße, dass das nächste Facebook, eBay, WhatsApp, Instagram oder das nächste große Irgendwas aus Deutschland kommen könnte: immmr wird sicher kein Erdbeben im Silicon Valley auslösen und es bleibt abzuwarten, ob ein Mark Zuckerberg jemals von der Existenz dieses Messengers erfahren wird.

Ihr könnt mich gern eines Besseren belehren, indem ihr mir in den Comments erzählt, dass ihr schon ungeduldig mit den Hufen schart und auf den Deutschland-Start wartet. Unabhängig davon habe ich mich für die geschlossene Beta angemeldet und werde immmr bei Verfügbarkeit auch antesten. Aber es ändert nichts daran, was ich vorab für einen Eindruck von dem ganzen Unterfangen habe und ich wünschte, die Telekom hätte die Kohle für zwei Jahre Entwicklungsarbeit woanders investiert. Also: Was sagt ihr? Interessantes und hoffnungsvolles Projekt – oder eher Totgeburt?

via Basic Thinking