Kommentar: Ein schönes Bild – nicht mehr, nicht weniger

Ein Bild wird tausende Male geteilt -- inklusive Bashing, Polemik und faktisch falschen Aussagen. Schade, dass man so etwas heute anscheinend nicht mehr als das teilen kann, was es ist: Einfach ein schönes Bild. 

von Carsten Drees am 11. August 2020

Treibe ich mich aus nicht-beruflichen Gründen im Netz herum, prallen da oft zwei komplett unterschiedliche Empfindungen aufeinander. Zum Einen verliere ich mich dann gerne mal in Entdeckungen. Wenn mir jemand ein schönes Lied vorspielt, eine tolle Location zeigt oder irgendwas anderes, was mich anspricht, forsche ich gerne dazu nach. Bei einer Band würde ich mir also weitere Songs anhören, Wikipedia-Einträge und Alben-Kritiken lesen usw.

Gerade Wikipedia ist dabei oft eine reine Zeitfalle: Man stößt beim Lesen vielleicht auf eine Kollaboration mit einem anderen Musiker, den man dann ebenfalls nachschlägt, landet von dort aus wieder woanders und eine Stunde später schließlich findet man sich auf der Wikipedia-Seite eines alten Schlosses in der Bretagne wieder und hat keinen Schimmer mehr, wie man dorthin gelangt ist.

Wenn ich diese Zeit habe, ist es oft ein absoluter Gewinn, was man dann in dieser Stunde erfahren hat. Viele Orte konnte ich so virtuell bereisen (und mir so auf meine “muss ich noch besuchen”-Liste packen), viel Spannendes über Persönlichkeiten erfahren und viele Zusammenhänge erkennen und verstehen.

Die andere Empfindung ist aber eine negative, denn im Netz stoßen wir halt nicht nur auf schöne, sehenswerte Dinge, sondern auch auf unendlich viele Meckerbirnen, Besserwisser und Populisten, die schimpfen, hetzen, ihre Häme und Giftpfeile versprühen und dabei gerne mal an Fakten und Wirklichkeit vorbeireden.

Eben stieß ich auf ein wirklich schönes Bild, welches für mich diese beiden Dinge — wieder einmal — zusammenbrachte: Die Neugier, etwas über den Ursprung des Bildes zu erfahren, gleichzeitig auch diese immer öfter lähmende Müdigkeit angesichts der Dummheit von Menschen und meinem Unverständnis denen gegenüber, die komplett faktenbefreit drauflos poltern. Hier ist zunächst mal besagtes Bild:

Wir sehen einen sehr originellen Veranstaltungsort, umrahmt durch illuminierte Strohballen und ein Konzert, welches vor hunderten Besuchern stattfindet. Mehr dazu später. Jetzt zeige ich euch noch den Text, der mit diesem Bild geteilt wurde. Ich verlinke bewusst nicht den Typen, weil ich seine Unwahrheiten und seine Polemik nicht noch weiter verbreiten möchte. Außerdem ist es einfach nur eine Privatperson, die man hier nicht unnötig vorführen muss. Er schrieb:

“KORNROLLEN

Da gibt es also Architekten, die studieren 20 Semester Architektur, belegen nebenbei noch das Fach Akustik, und drehen dann dem Bürgermeister einer 20 000 Einwohnerstadt einen Konzertsaal an, der 30 Millionen kostet.

Und dann gibt es findige Leute. Ohne Architekturstudium, vielleicht sogar Landwirte, Praktiker also, die stapeln 150 KORNROLLEN auf, immer 3 Stück übereinander.

Eine Rolle kostet maximal € 45.- . Macht also € 6750.- für einen Freiluftkonzertsaal, absolut bezahlbar für eine Saison. Und das Klangerlebnis dürfte bestens sein….sofern keine Windmühle oder Autobahn in der Nähe ist.

Und Korn schluckt Schall. Allein die Akustikplatten aus Filz in der Berliner Philharmonie haben Zigtausende gekostet.

Einfach genial. Sofern auch das Wetter mitspielt.”

Das Bild wurde — allein aus dieser einen Quelle, ein deutscher Facebook-Nutzer — aktuell mehr als 3.200 mal geteilt. Es ist also durchaus ein virales Posting, was den katastrophalen Text um so schlimmer macht. Viele Menschen haben es einfach wortlos geteilt oder mit einem Kommentar wie “Wow, genial” oder so ähnlich versehen.

Viele werden die Idee, die Umsetzung oder einfach nur das Bild toll finden, viele klinken sich aber auch in die Aussage des Ursprungspostings mit ein, welches mit dem Bild verbreitet wird. Deswegen möchte ich noch ein paar Sätze dazu verlieren: Es geht schon mit der Headline in Großbuchstaben los: “Kornrollen” heißt es dort, was bedeutet, dass der Autor des Beitrags bereits mit dem allerersten Wort den Pfad der Fakten verlässt. Korn werden wir in den Rollen nämlich keines mehr finden, stattdessen haben wir es mit ganz üblichen Strohrundballen zu tun.

Im Text geht es dann los mit Architekten-Bashing. Die durchschnittliche Studienzeit bis zum entsprechenden Bachelor an einer deutschen Fachhochschule oder Uni dauert sechs bis acht Semester. Wenn der Mann also von zwanzig Semestern spricht, haut er also erst mal pauschal raus, dass alle Architekten unanständig lange für ihren Studiengang benötigt haben. Mit ihrem anstudierten Wissen ziehen sie dann — laut Posting — los und drehen Dorf-Bürgermeistern überteuerte Konzerthäuser an.

Ja, es gibt Konzerthäuser in kleineren Orten in Deutschland, logisch. Aber das sind vielmals uralte Gebäude mit einer langen Tradition und wurden seinerzeit sicher nicht von herumstreunenden Architekten für Millionen-Summen erbaut. Meines Wissens verkaufen aber auch nicht Architekten ihre Entwürfe, indem sie bei Bürgermeistern vorstellig werden, sondern sie werden beauftragt. Zumeist gibt es mehrere Entwürfe von unterschiedlichen Architekten und dann entscheidet eine Stadt, was wie gebaut werden soll. Dass die Kostenvoranschläge dann teils deutlich niedriger sind als die tatsächlich entstehenden Kosten, ist ein komplett anderes Thema und vermutlich auch nicht dem Architekten allein anzulasten.

Ich hab gerade auch mal schnell nach Strohballen gegoogelt. Zwischen 200 und 1000 Kilo können die wiegen, je nachdem, wie fest gepresst sie sind. Der durchschnittliche Preis in Deutschland beträgt aktuell etwa 97 Euro pro Tonne. Das wäre ein Hunderter für fünf der leichtesten Ballen — oder eben für einen der schweren Ballen. Ich mag nicht beurteilen, wie schwer die Ballen im Bild sind, aber wenn die Dinger maximal eine Tonne wiegen können und 150 zum Einsatz kommen, sind es dann eben doch fast 15.000 Euro. Aber auf einen falschen Preis will ich den Autoren des Postings gar nicht festnageln, denn vielleicht sind sie ja sogar günstiger als veranschlagt.

Spannender finde ich die Annahme, dass diese Ballen da einen Konzertsaal bilden, der eine ganze Konzertsaison durchhält. Es darf also nicht einmal regnen über viele Monate, denn sonst ist die Nummer durch. Das Thema Sicherheit und Brandschutz bleibt komplett unerwähnt, denn zumindest hierzulande dürfte man eine so große Veranstaltung ohne zweiten Notausgang und ohne ausreichenden Brandschutz niemals durchziehen. Auf diesem Bild seht ihr aus einer anderen Perspektive auf die Location und Feuerwehr ist dort leider keine zu sehen. Mag sein, dass die Rettungskräfte hier einfach etwas weiter weg stehen, dennoch wäre so etwas in Deutschland nicht machbar.

Dann wird noch über die gute Akustik nachgedacht mit der Begründung, dass Stroh Schall schluckt. Tut es tatsächlich, was dazu führt, dass von außen vermutlich nicht viel zu vernehmen ist für Anwohnende. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass es eine gute Akustik gibt — tatsächlich könnte ich mir sogar eher das Gegenteil vorstellen. Dazu kenne ich mich damit aber zu wenig aus und möchte nicht über den Klang spekulieren.

Am Schlimmsten finde ich aber diesen Vergleich zwischen so einer temporären Installation und einer für viele Jahre oder Jahrzehnte gebaute Konzert-Location. Wollen wir uns allen Ernstes darüber unterhalten, dass ein riesiger Konzertsaal mit allen seinen Vorzügen eines festen Gebäudes inklusive Dach deutlich teurer ist als eine Anordnung von Strohballen, die nicht im Ansatz den gleichen Zweck erfüllen? Was kommt als nächstes? Der Vergleich zwischen Schubkarre und Auto, weil man mit beidem super eine Kiste Bier transportieren kann? Absurd!

Wir haben es hier also wieder einmal mit faktenfreier Polemik zu tun, die sich wohl irgendwie gegen studierte Architekten richtet und dagegen, wie “die da oben” unser Geld verprassen. Diese Annahme gipfelt in dem Satz: “Und dann gibt es findige Leute. Ohne Architekturstudium, vielleicht sogar Landwirte, Praktiker also, die stapeln 150 KORNROLLEN auf, immer 3 Stück übereinander.”

Hier wird auch wieder nur blind spekuliert, dass diese “findigen Leute” nicht Architektur studiert haben und womöglich Landwirte sind. Das ist deshalb besonders witzig, weil sich herausstellt, dass die Installation das Ergebnis eines Architektur-Wettbewerbes war und tatsächlich ein Architekt für das Werk verantwortlich ist.

Damit kommen wir zu den tatsächlichen Fakten: Verantwortlich für diese ungewöhnliche Konzert-Location ist der Architekt Josep Maria Puigdemasa Hospital. Sie befand sich im Juni 2017 im katalanischen Lleida in Spanien. Der Künstler wollte mit der Installation auf dem Feld einen Kreislauf symbolisieren: Das Stroh stammt von einem solchen Feld, wird nach dem Konzert als Futter für Schweine genutzt, die Gülle produzieren, welche wiederum dann wieder auf dem Feld landet.

Das wäre dann jetzt also der Teil, den ich oben ansprach — der, bei dem ich mich bei der Recherche auch gerne mal ein wenig verlieren kann. Dabei fand ich dann auch einen Ausschnitt aus diesem Konzert ,welches dort tatsächlich stattfand, ungeachtet der möglichen Sicherheitsbedenken.

Und die Moral?

Und worauf will er nun mit seiner Geschichte hinaus? Gute Frage! Tatsächlich geht es mir wieder einmal um die Frage, wieso man auf den Gedanken kommt, so wissentlich faktenlos zu agieren und auch wieder einmal darum, Medienkompetenz einzufordern. Bereits unter dem Original-Beitrag finden sich einige Links, die auf die Quelle hinweisen und klären, dass es sich beim Architekten-Bashings-Posting tatsächlich um die Arbeit eines Architekten handelt. Gäbe es diese Links nicht, hätte man sich auch mit der Rückwärtssuche auf Google dieses Ergebnis in Windeseile erarbeiten können.

Das gilt nicht nur für den Kollegen, der sich mit seiner Story schön blamiert hat, sondern noch mehr für die, die es ungeprüft und ähnlich konnotiert weiterteilen — oftmals mit dem Gedanken, dass man “sowas” ja jetzt in Corona-Zeiten durchaus mal überlegen könnte. Vielen geht es beim Teilen aber auch gar nicht um den katastrophalen Text, sondern einfach nur um die schöne Idee. Gerade dann sollte man doch eine andere Quelle für das Bild suchen und es entsprechend kommentiert teilen, oder nicht? Wieso gemein machen mit einem solchen Geschwurbel?

Im Endeffekt würde ich mir wünschen, dass man auch einfach mal wieder ein tatsächlich schönes, inspirierendes Bild wie dieses teilen kann, ohne dass man es direkt wieder für ein Bashing nutzt. Vielleicht kann man selbst darauf hinweisen, dass die Brandschutzfrage die Nummer ein wenig heikel wirken lässt. Vielleicht belässt man es jedoch auch einfach dabei, dass es ein schönes Bild und ein schönes Projekt ist, welches man mit der Welt teilen wollte. Nicht mehr — aber auch nicht weniger.

Weitere Infos zum Projekt:

arquitectes.cat

montpelyeah.com