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Kommentar: Ich vermisse eure Erklärungen und Geschichten

Irgendwie ist Social Media kaputt. Viele Fake-News, viel Hass, viel Hetze. Aber heute will ich über was anderes reden - etwas, was einen positiven Ansatz verfolgt und mich dennoch traurig macht. 

von Carsten Drees am 25. Mai 2020

Vorab: Ich bin auch nur Gefangener meiner Bubble und weiß, dass es in euren Filterblasen nicht haargenau so aussieht wie bei mir und euch deswegen manche Dinge schlicht nicht betreffen, die mich stören. Und ja, wenn ich heute speziell über die Nutzung von Facebook spreche, bin ich mir auch dessen bewusst, dass es keine allgemein gültigen Regeln gibt, nach denen Facebook benutzt werden muss. Ich will euch aber mit meinem Text auch nichts vorschreiben, sondern nur erklären, was mich stört — und wie ich es mir viel schöner vorstellen könnte.

Zunächst mal, worüber rede ich überhaupt? Es geht wie gesagt um Facebook und es geht um unzählige Beiträge, die ich dort jeden Tag sehe. Ich schrieb schon Ende März über die vielen verschiedenen Challenges und Kettenbriefe auf Facebook, dass es mich nervt — und dass es im Grunde mein ganz eigenes Problem ist, dass mich sowas nervt. Damals erwähnte ich auch bereits, dass ich euch nicht vorschreiben kann, wie Facebook zu benutzen ist und ihr mich genau so wenig ernst nehmen müsst wie ich es selbst tue.

Corona-Krise: Ganz Facebook ist eine Challenge

Keine Erklärungen, keine Bewertungen, nur Cover!

Heute will ich darüber reden, was ich in besagtem Artikel auch schon kurz ansprach — Postings wie folgendes:

10 Alben, die meinen Musikgeschmack stark beeinflusst haben. Ein Album pro Tag. Keine Erklärung, keine Bewertungen, nur Cover.

Keine Erklärung, keine Bewertungen, nur das Cover und eine Nominierung. Gerade der Shizzle mit den Nominierungen nervt mich ja immer besonders. Ich lebe in einer sehr musikaffinen Blase, in der sehr vielen Menschen sehr viele Alben sehr wichtig sind. Das bedeutet, dass ich in einer Phase, in der diese Alben-Challenge die Runde macht, förmlich zugeschissen werde mit Beiträgen, die nur Cover zeigen.

Übrigens gibt es dieses Phänomen nicht erst jetzt in der Corona-Krise. Auch letztes Jahr musste ich mich schon darüber lustig machen, als Facebook ein technisches Problem hatte und keine Bilder abgebildet wurden:

 

 

Oft sind es Cover von Alben, die ich auch zu meinen Lieblingen zähle und dennoch nervt es mich. Weil die Dosis das Gift macht und es nichts Positives für mich hat, wenn ich nur noch an Abbildungen von Alben vorbeiscrolle und kaum noch andere Inhalte vorfinde. Und genau das ist der Punkt, auf den ich hinaus will. Wenn ihr Musik liebt und problemlos ein Füllhorn von Alben benennen könnt, die euch geprägt haben und zu dem machten, was ihr heute seid: Wieso erzählt ihr mir dann nicht davon?

Bei welchem Album hat es bei euch “Klick” gemacht und ihr wusstet, dass das “eure” Musik ist? Welche Songs halfen euch durch den schlimmsten Liebeskummer eures Lebens? Welche besondere Begebenheit erinnert euch auch heute noch immer an dieses eine Album und umgekehrt?

Wenn ihr Musik so liebt wie ich, dann funktionieren Songs auch für euch wie kleine Vier-Minuten-Zeitmaschinen. Beim Hören ist man für einen kleinen Augenblick wieder 15 Jahre alt, zum ersten mal verliebt und weiß nicht nur, welchen Song man beim ersten Kuss gehört hat. Man weiß auch noch, wie das Mädchen geduftet hat, spürt förmlich noch die Sonnenstrahlen auf der Haut, riecht das frisch gemähte Gras auf der Wiese, auf der wir mit Freunden saßen.

Stripped: Einer dieser Momente…

Ich bin ein neugieriger Mensch. Ich möchte daher nicht nur bis zum letzten Atemzug weiter neue Musik kennen lernen — ich möchte auch eure Geschichten hören. Ich möchte gerne von euch erklärt bekommen, was bestimmte Alben euch bedeuten und wieso das so ist. Ich möchte eure Erinnerungen erklärt bekommen und mich in den Kommentaren in euren und meinen Erinnerungen verlieren für einen kleinen Moment.

Viele dieser Challenge-Dinger fangen damit an, dass man der ganzen Negativität was entgegensetzen und Facebook mit irgendwas Positivem füllen möchte. Das Positive ist aber nicht ein lieblos gepostetes Bildchen von einem Album, sondern eine Erklärung dazu. Lasst uns doch darüber reden, was damals bei euch los war, welcher Song euch auf dem Album am meisten abholt oder wie sehr ihr einen verstorbenen Künstler vermisst. Bevor ich noch viel mehr quatsche, verweise ich auf den lieben Nilz Bokelberg, der seine Gedanken — die so exakt meine sein könnten — in ein Facebook-Posting gepackt hat:

Erst eure aufrichtige Schwärmerei, erst das, was euer Herz zu dieser und jener Platte zu sagen haben, machen sie wertvoll.[…] Deswegen: Macht alle bei diesen Challenges mit, aber schreibt dazu, was und warum euch diese Dinge so viel bedeuten. Denn das ist der Wert den sie haben. Das macht sie zu wahren Schätzen: Der Blick durch euer Herz. Nilz Bokelberg, TV-Moderator, Podcast-Held, Tausendsassa

Das gilt übrigens für alle Challenges dieser Art, egal ob man Schwarz-Weiß-Fotos ohne Personen im Bild posten soll, Filmplakate oder von mir aus die zehn liebsten Erinnerungen an Rosenkohl (hau raus, Dennis ^^).

Klar, natürlich könnt ihr es so machen wie immer: 10 Tage in Folge je ein Posting, keine Erklärungen, jeden Tag jemanden nominieren. Aber ganz persönlich würde es mich freuen, wenn ihr nicht einfach in 10 Tagen ein Bilder-Pflichtprogramm runterspult und allen Mitlesern stattdessen in losen Abständen eure Geschichten zu einem Album, einer Band, einem Film oder einem Foto erzählt. So, ich glaub, ich mach mal langsam Feierabend hier — und hör ein bisschen Musik, solltet ihr auch tun =)

PS: Falls ihr euch fragt — ja, das Titelbild zeigt ziemlich viele meiner Lieblingsalben. Da fehlen aber noch sehr viele und ja: Ich wette, wir könnten uns zu jedem dieser Alben lange miteinander unterhalten.