Hatespeech
Kommentar: Von Fußball-Kommentatorinnen und vergewaltigten Frauen

Eine Frau wird vergewaltigt und vor Gericht und in den sozialen Medien verhöhnt, eine andere Frau macht angeblich ein Großereignis wie die EURO 2016 kaputt, in dem sie nichts anderes tut, als ein EM-Spiel zu kommentieren. Auch das ist Deutschland im Jahr 2016, auch das ist Hatespeech und ich bin schwer sauer!

Ein Satz vorneweg: Nein, es geht nicht um Technik in diesem Beitrag. Wer sich daran stößt, kann sich das Lesen direkt sparen.

Zwei Fälle der letzten Tage, zwei Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen und denen für mein Empfinden in unverschämtem Maße unschön mitgespielt wird – trotz der Parallelen sind es zwei Fälle, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Rede ist zum einen vom C-Promi-Sternchen Gina-Lisa Lohfink, zum anderen von der Sport-Kommentatorin Claudia Neumann, die neulich erstmals überhaupt bei einem wichtigen (Männer-)Fußball-Event als Frau ein Spiel im deutschen Fernsehen kommentieren durfte.

Gina-Lisa – “Hör auf” und “Nein Nein Nein” ist zu wenig

Fangen wir mit Gina-Lisa an: Was ich von ihr halte, was sie alles dafür unternimmt, um irgendwie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird und für wie clever ich sie halte – das spielt hier alles keine Rolle. Stattdessen spielt ein Ereignis eine Rolle, welches bereits vor vier Jahren stattfand und das nun vom Stern ausführlich aufbereitet wurde anlässlich des Prozesses.

Ganz kurz zusammengefasst die Story: Lohfink feiert auf einer Party in Berlin mit zwei Männern, dann Filmriss, nächsten Nachmittag ist sie wieder in ihrem Hotelzimmer. Erst nach und nach bekommt sie mit, was da gelaufen sein könnte, bis dahin kursiert aber schon ein Video, in welchem die beiden Typen mit ihr Sex haben und in welchem sie mehrmals “Hör auf” und auch “Nein Nein Nein” sagt und ganz augenscheinlich komplett neben sich steht.

Ob man ihr KO-Tropfen verabreicht hat, oder ob sie von Alkohol und Drogen vernebelt war, soll dabei eigentlich egal sein. Der Punkt ist, dass sich später herausstellen sollte, dass die Männer das vorab genau so geplant hatten – also ein Sex-Video aufzunehmen und damit möglichst Geld zu verdienen. Wieso ich sauer bin deswegen? Eigentlich gleich doppelt: Einmal, weil die Nummer vor Gericht nicht annähernd so gelaufen ist, wie man es erwarten sollte. Zwei Männer vergewaltigen eine Frau, das Gericht entscheidet es aber anders: Aus dem Opfer wird die Täterin, die wegen Falschverdächtigung sogar noch zu einer Strafe von 24 000 Euro verdonnert wurde.

Die ganze Geschichte kann man als Außenstehender vermutlich nicht wirklich objektiv und fundiert beurteilen. Aber alle, die dieses Video gesehen haben, äußern sich identisch dazu: Lohfink scheint nicht zu wissen, was da passiert, wirkt benommen und äußert drei Mal, dass die beiden Männer aufhören sollen. Sorry, für mich ist das kein einvernehmlicher Sex und die Vergewaltigung liegt sogar als Video vor – dennoch wird so entschieden.

Was mich aber jetzt fast noch mehr aufregt: Habt ihr zu der Geschichte mal die Reaktionen in den Netzwerken gelesen? Auf Facebook, wo sich der Bodensatz der Gesellschaft ja immer wieder gern ein Stelldichein gibt und von Diffamierungen über Vorurteile bis zu Androhungen von körperlicher Gewalt die ganze Klaviatur des Online-Abschaums rauf und runter gespielt wird, hatte man auch schnell eine Meinung zu den Geschehnissen um Gina-Lisa Lohfink.

Die Palette der Reaktionen reicht von hämischem Lachen über “selbst Schuld”-Kommentare, auf Pornhub wird das Video über eine Million mal aufgerufen und bekommt immerhin zu 50 Prozent “Daumen hoch”-Bewertungen! Daumen hoch für ein Vergewaltigungs-Video, Freunde!! Wenn ihr den oben verlinkten Stern-Bericht gelesen habt, wisst ihr, dass die Polizei geschlampt hat, die erst Wochen später eine Hausdurchsuchung durchführt, dass das Gericht das Opfer zum Täter macht, Lohfink überdies noch während des Prozesses bei Gericht von drei Zuschauern der Verhandlung als Hure beschimpft wird und daraufhin auf der Damen-Toilette weinend zusammenbricht. Es ist nur eine weitere schaurige Randnotiz, dass man den Dreien weder ihre Handys abnimmt (sie filmten aus dem Gerichtssaal und wollten ebenfalls die Videos verhökern), noch ihre Namen aufnimmt nach dem Zwischenfall.

Ich halte Gina-Lisa für eine echte TV-Nervensäge und Skandalnudel und empfinde es persönlich so, dass sie sich durch ihre Schönheits-OPs schlimm verschandeln ließ. Dennoch: All das hat doch nichts damit zu tun, dass für jeden Menschen in diesem Land die gleichen Regeln und Gesetze gelten, oder? Nur, weil ihr Körper ihr Kapital ist, sie ansonsten freizügig und kein Kind von Traurigkeit ist und bereits ein Sex-Video von ihr an die Öffentlichkeit geraten ist, sollte das nichts daran ändern, wie man diesen Menschen betrachtet in so einer Situation. Auch dieser Mensch hat dadurch sicher nicht sein Recht verwirkt, als Opfer eines Sexualdeliktes ernst genommen zu werden.

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Ich vermisse die Aufschreie der AfD-Spacken und all jener, die nach der Silvester-Nacht von Köln am liebsten pauschal alle Nord-Afrikaner des Landes verwiesen hätten. Wieso protestieren da so wenige? Weil sie es verdient hat? Weil es zufällig kein Flüchtling war, der da übergriffig wurde? Ich bekomme das nicht in den Kopf, ganz ehrlich. Das gilt für die ekelerregende Häme und auch für die “selbst schuld”-Einstellung. Nicht zuletzt wird es Frauen durch solche Reaktionen immer schwerer gemacht, sich überhaupt nach einer solchen Sexual-Straftat bei der Polizei zu melden und den Fall zur Anzeige zu bringen. Immer öfter merke ich, wie mich Menschen – gerade auf Facebook anwidern – und wie ich langsam aber sicher zum Misanthropen mutiere aufgrund dieses Verhaltens.

“Bitte einfach keine Frauen mehr”

Kommen wir zu dem neueren Fall, der mich ähnlich aufregt: Das ZDF hat es gewagt, mit Claudia Neumann tatsächlich eine Frau das EM-Spiel zwischen Wales und der Slowakei kommentieren zu lassen. “Tatsächlich” sage ich deswegen, weil es das in der deutschen TV-Geschichte der WM- und EM-Übertragungen (bei den Männern) noch nie gegeben hat. Es dauerte nur Minuten nach Anpfiff, als die wütenden und sexistischen Kommentare bei Twitter und Facebook aufliefen. Erfreulicherweise gab es auch Reaktionen wie die von Patrick, der sagte:

Mir ist es eigentlich egal ob ein Mann, eine Frau, ein Dazwischen oder eine KI ein Fußballspiel kommentiert. Hauptsache es ist nicht Karl-Heinz Rummenigge. Patrick Breitenbach

Er schrieb das direkt als Reaktion auf die Kommentare, die sich unter dem Ankündigungs-Video des ZDF flott eingefunden haben.

Sehr schnell wurde während ihrer Kommentation die fachliche Kompetenz in Frage gestellt, aber noch schlimmer: Allein wegen der Stimme wurde sie angefeindet, von vielen regelrecht gehasst und die übliche Empörungswelle mit den angeblich verschenkten TV-Gebühren und den Ankündigungen, nun nicht mehr weiterschauen zu wollen, ergoss sich über das Internet. Frauen haben schließlich nicht diesen Männer-Sport zu kommentieren. Auf Tapfer im Nirgendwo wurden mehrere dieser Reaktionen gesammelt, wobei das ZDF auf seiner Seite die schlimmsten sogar schon gelöscht hat.

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Es gab Beschimpfungen und Drohungen, Männer kündigten an, das Programm bzw. die EM-Berichterstattung boykottieren zu wollen – wegen ihres Geschlechts bzw. ihrer Stimme. Wir fanden beim Zuschauen auch hier und da einen Spruch oder eine Einschätzung ihrerseits daneben, aber a) unterläuft das anderen Kommentatoren ebenso und b) ist das dann immer noch unabhängig vom Geschlecht.

Ich bemühe jetzt nochmal die Silvester-Nacht in Köln. Aus ganz gruseligen Ecken der Gesellschaft kamen sie plötzlich ans Tageslicht gekrochen, die vermeintlich tapferen Helden, die lediglich die Frauen und ihre Rechte verteidigen wollten und die ihren Rassismus dahinter versteckten. Und während anlässlich der EURO nun deutsche Männer (junge, männliche Ausländer ohne Familien, ihr wisst schon) aka Hooligans ukrainische Fans durch die Straßen jagen und mit Biergläsern und Stühlen bewerfen, sitze ich hier und warte darauf, dass sich massiv darüber beschwert wird, wieso eine Vergewaltigte allen Ernstes zum Täter gemacht wird, über den man sich öffentlich lustig macht und wieso die Stimme einer Frau im Jahre 2016 im so weit entwickelten und zivilisierten Deutschland allen Ernstes ein Problem darstellen kann. Ich bekomme das einfach nicht in den Kopf und die Reaktionen (ja, ich lese einfach zu viel von dem Mist) auf Facebook machen mich furchtbar wütend.

In vier Tagen wird Claudia Neumann wieder kommentieren – das Spiel Italien gegen Schweden. Ich bin ziemlich sicher, dass es wieder Proteste geben wird und würde mir wünschen, dass es dieses Mal noch mehr aufbauende Kommentare gibt, die das ZDF zu dieser Entscheidung beglückwünschen, als es beim ersten Spiel der Fall war.

Sexismus fängt nicht erst da an, wo Männer am Bahnhof Frauen belästigen. Dieser Alltagssexismus lodert überall in den Kommentarspalten auf Facebook, wo eine vergewaltige Frau Häme und eine kommentierende Frau Wut hervorrufen. Ich bin eigentlich ziemlich sicher, dass sich diese Art Arschlöcher nicht unter unseren Lesern befinden (damit meine ich nicht diejenigen, die den Kommentar von Claudia Neumann schlicht nicht hören wollen, sondern diejenigen, die daraufhin anfangen, öffentlich wüst deswegen zu schimpfen). Aber ich kann mir denken, dass ihr auch über diese Reaktionen stolpert und wenn ich mir was wünschen darf, fände ich es stark von euch, wenn ihr diesen Kommentaren was entgegensetzt. Die miesen, negativen Stimmen sind irgendwie immer zahlreicher und lauter – dagegen muss doch was zu machen sein, oder meint ihr nicht?

Über Hatespeech (und auch Cybermobbing) auf Facebook haben wir ja schon öfters geredet hier. Facebook selbst wird das so flott sicher nicht in den Griff bekommen, aber für mein Empfinden fängt das Problem aber auch schon vor dem Posten des abfälligen Kommentars an. Die Gedanken sind ja scheinbar in den Köpfen dieser Menschen, bevor sie dann ausformuliert zu lesen sind. Ein Allheilmittel dagegen wird es nicht geben, fürchte ich, aber man kann zumindest dagegen halten und solchen Menschen virtuell auf die Finger klopfen.

Ich zumindest will nicht wahrhaben, dass die Menge der strunzdummen, rassistischen und sexistischen Menschen in diesem Land so viel größer sein soll als die Menge der intelligenten, differenzierten und eloquenten Menschen – wir müssen eigentlich nur dafür sorgen, dass man uns hört. Dann überstehen wir auch eine Kommentatorin, deren Stimme uns nicht passt, ohne uns sexistisch im Ton zu vergreifen und dann gestehen wir auch einem Skandal-Sternchen wie Gina-Lisa zu, dass sie als Vergewaltigungs-Opfer um ihr Recht kämpft, ohne dafür ausgelacht und beschimpft zu werden.