Kommentar: Wir brauchen dringend Smartphones mit noch mehr Kameras

Angeblich bringt Samsung mit dem Galaxy A9 Star/Pro in wenigen Wochen ein Smartphone mit 4 (!) rückseitigen Kameras. Wird der Irrsinn jemals ein Ende finden?
von Carsten Drees am 27. September 2018

Ich bin alt. So alt, dass ich als Pubertierender meine ersten zart sprießenden Barthaare noch mit einem Nassrasierer traktierte, der mit einer einzigen Klinge auskam. Irgendein kluger Mensch kam dann auf die Idee, dass die Rasur viel gründlicher wird, wenn man statt einer direkt zwei Klingen nutzt.

Die Dinger verkauften sich wie geschnitten Brot, bis dann irgendwann jemand eine irrsinnige Eingebung hatte: Lasst es uns doch mal mit drei Klingen probieren. Heute rasieren sich viele Männer mit Rasierern, die auf ein System mit fünf Klingen setzen und es gibt sogar exotischere Anbieter mit noch mehr Klingen.

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Wieso erzähle ich euch hier was von Nassrasierern? Erstens, weil ich mich über den geschickt platzierten Ref-Link dumm und dämlich verdienen möchte und zweitens, weil das Wettrüsten im Smartphone-Game mich stark an diese Rasierklingen-Nummer erinnert. Es erinnert mich deswegen daran, weil ich bei beiden Produkten glaube, dass ab irgendeinem Punkt der Nutzen für den Konsumenten deutlich geringer ist als für das Marketing des Unternehmens.

So hören wir aktuell, dass OPPO das erste Smartphone mit 10 (!) GB Arbeitsspeicher in der Pipeline hat. Ich hab mit meinem Samsung Galaxy S9+ wahrlich keine Performance-Probleme mit seinen “nur” 6 GB RAM. Ich glaube, dass selbst modernste Smartphones keine 8 GB RAM benötigen und tue mich daher auch schwer damit, den Nutzen in 10 GB RAM zu erkennen — abgesehen von dem Unternehmen, welches mit “erstes Smartphone mit…” werben kann.

Ich mache schon länger keinen Hehl mehr daraus, dass mich die aktuelle Entwicklung bei den Smartphones hart langweilt und das aus verschiedenen Gründen. “Lasst uns ohne irgendeinen Grund auch eine Notch integrieren, damit es wie ein iPhone aussieht” ist einer dieser Gründe. Vielfache Ideenlosigkeit ist ein weiterer Grund.

Ich verstehe es ja, dass es immer haariger wird, wirkliche Kaufgründe und Alleinstellungsmerkmale anzubieten in diesem Meer aus wirklich toll funktionierenden Smartphones. Die Frage ist aber, welche absurden Blüten dieses Spiel noch treiben wird. Die Geschichte mit dem Arbeitsspeicher ist dabei nur eines von vielen Beispielen. Ähnlich absurd entwickelt sich das derzeit auch bei den Kameras.

Das Smartphone-Kamera-Spiel hat sich über die Jahre verändert. Anfangs stieg einfach die Zahl der Megapixel. Zuvor war es schon eine Innovation, dass neben einer rückseitigen Cam auch vorne eine Kamera verbaut wurde. Ab da gab es dieses Wettrüsten mit mehr und mehr Megapixeln, was nur bis zu einem gewissen Punkt für bessere Fotos steht.

Die Dual-Cam ist hier auch noch eine Entwicklung, die ich nachvollziehen kann. Der optische Zoom gefällt mir wirklich gut und bietet einen tatsächlichen Mehrwert. Allerdings beweist Google mit seinem Pixel 2, dass man auch Weltklasse-Fotos mit einer Single-Cam knipsen kann. Derweil bietet uns HTC mit dem U12+ ein Smartphone, welches die Dual-Cam vorne wie hinten verbaut und es gibt sogar Gerüchte, dass das Samsung Galaxy S10 vorne zwei Kameras und hinten derer drei verbauen könnte.

Dass drei Kameras hinten funktionieren, hat uns Huawei mit dem P20 Pro bewiesen. Alles schwärmt — aus gutem Grund — von den tollen Fotos, die mit dem Device möglich sind. Das liegt aber meines Erachtens nicht an drei Kameras, sondern hauptsächlich daran, dass da herausragende Technik verbaut wird, bei der alles perfekt ineinander greift. Ich kann auch fünf Krüppel-Kameras verbauen, ohne dass die Fotos auch nur einen winzigen Tick besser werden — Masse kann also Klasse nicht ersetzen.

Lesenswert: Über DxOMark, Kamera-Bewertungen ohne Bedeutung und Clickbait-Artikel

Bei Samsung scheint man das jedoch anders zu sehen, um noch ein Beispiel zu bringen. Wie unsere Freunde von AllaboutSamsung berichten, haben die Koreaner ein Smartphone der Galaxy A-Reihe in Vorbereitung, welches auf der Rückseite direkt mal vier Kameras aufbieten soll. Zusammen mit der Front-Cam kommen wir dann auf fünf, die Gerüchten zufolge so aussehen sollen:

  • 8 MP Weitwinkel Kamera mit 120° FOV
  • 24 MP Hauptkamera
  • 10 MP Zoomkamera
  • 5 MP Zoomkamera
  • (24 MP Sony IMX 576 Frontkamera)

Wie sie angeordnet sind, ist derzeit noch nicht bekannt, Lars hat für sein Blog allerdings schon mal ein Design präsentiert.

Vergleicht ihr dieses Bild mit unserem Artikelbild oben, werdet ihr feststellen, dass ich dieses Konzept missbraucht habe, um mit meinen eher abenteuerlichen Photoshop-Skills ein absurdes Smartphone mit 16 Kameras auf der Rückseite zu erschaffen. Ich mag Samsung jetzt gar nicht anzählen auf Basis eines Leaks oder Gerüchts, das wäre nicht sonderlich seriös. Aber das angekündigte Event mit dem Claim “4x Fun” weist schon ein wenig in diese Richtung, ebenso häufen sich auch die Leaks aus bislang zumeist zuverlässigen Quellen.

Mag sein, dass ich mich hier jetzt auch komplett zum Löffel mache, weil uns Samsung beim Launch-Event des Galaxy A9 Star/Pro klar macht, dass wir künftig tatsächlich alle Smartphones benötigen, die mit vier Kameras hinten ausgestattet sein sollten für bestmögliche Resultate. Viel mehr glaube ich aber, dass das Kombinieren von hochwertigen Kamera-Sensoren mit der immer besser werdenden künstlichen Intelligenz weitaus erfolgversprechender ist als das unmotivierte Hinzufügen zusätzlicher Kameras. Ihr habt es mittlerweile natürlich längst erkannt, dass die Headline dieses Artikels reine Ironie ist. Spezielle Kamera-Smartphones mit mehr Zoom, besseren Sensoren etc. können funktionieren — aber meiner Meinung nach eher in der Nische.

Davon ab kann ich mir auch nicht vorstellen, dass das Ziel sein kann, dass in wenigen Jahren alle Smartphones mit randlosem Display, mit Notch, mit zu viel RAM und mit zwei Cams vorne sowie vier oder mehr Cams hinten an den Start gehen. Machen wir uns nichts vor: Das Smartphone-Game wird langweiliger und ich befürchte, dass wir in den nächsten Jahren weniger wirkliche Innovationen und viel mehr Marketing-Stunts erleben werden.

Wie denkt ihr darüber? Verrenne ich mich und ist es schlicht logisch, dass RAM, Zahl und Taktung der Prozessoren, Display-Auflösung und eben auch die Zahl der Kameras weiter und weiter in die Höhe getrieben werden müssen? Oder haben wir es in der Tat mit ziemlich überzogenem Wettrüsten zu tun, welches zu großen Teilen nichts ist als Effekthascherei?