Kommentar: Wir brauchen weniger Empörung – und mehr Grautöne

Terror, deutsche Kriegsbeteiligung, Xavier Naidoo, Flüchtlinge, Olympia - all diese Themen haben scheinbar eins gemeinsam: Mit spielender Leichtigkeit können wir erklären, wer die Guten und wer die Bösen sind, wer Recht hat und wer nicht. Stimmt zwar nicht, aber wer sich auf Facebook, Twitter und in den Kommentarspalten aller möglichen Online-Publikationen umschaut, könnte diesen Eindruck gewinnen.
von Carsten Drees am 30. November 2015

Etwas mehr als zwei Wochen ist es her, dass die Ereignisse in Paris uns alle aufgerüttelt haben und in der Folge ließ ich in einem Kommentar anklingen, dass wir alle anders miteinander umgehen sollten, als das bei dem Thema der Fall zu sein scheint. In dem Text habe ich mir Einiges von der Seele geredet: Die immer gleiche Chronologie der Ereignisse im Netz, die Rolle der Medien, habe Geduld erbeten und nicht zuletzt auch eingefordert, dass wir allesamt einen Gang runterschalten müssen.

Seitdem sind nur wenige Tage vergangen und ich habe – unabhängig von den nach wie vor andauernden Diskussionen um die Flüchtlings-Frage und die Folgen der Terror-Ereignisse in Paris – beobachten können, wie nacheinander zwei Säue durchs deutsche Internet-Dorf getrieben wurden: Vor einigen Tagen war es das Thema Xavier Naidoo und gestern Abend die Olympia-Entscheidung der Hamburger gegen die Ausrichtung der olympischen Spiele 2024 in der Hansestadt.

Ihr merkt schon: Beide Themen sind auf einer Relevanz-Skala verglichen mit dem Terror in Paris oder dem Krieg gegen Daesh ein paar Nummern kleiner – einmal geht es um eine Sportveranstaltung, einmal um einen Musik-Wettstreit. Wenn ich mir aber anschaue, mit welcher Vehemenz, welchem Hass und welcher Wut die Anhänger der verschiedenen Lager online aufeinander eingeschlagen haben verbal, muss man sich die Frage stellen, ob dort die eigenen Leben mit diesen getroffenen Entscheidungen verknüpft waren oder gar davon abhingen.

Jeder, der nicht für mich ist, ist mein Feind

Bei den Streitigkeiten um Xavier Naidoo und seiner Nominierung zum ESC sowie der Rolle rückwärts des NDR ist es mir so stark aufgefallen wie niemals zuvor: Sehr, sehr vielen Menschen geht es überhaupt nicht mehr um ein Thema an sich, um sowas Überflüssiges wie Argumente und Hintergründe oder um die einfachsten Regeln des Miteinander-Umgehens. Vielmehr geht es darum, Recht zu behalten und klar zu machen, dass es immer zwei Lager gibt und man sich selbst im richtigen befindet.

Feind

Mich persönlich hat das ganz besonders mitgenommen, wurde ich in der Diskussion selbst plötzlich zum Rassisten erklärt. Wer mich kennt und/oder online liest, wird wissen, wie weit ich davon weg bin, aber das hat in diesen Tagen einige Menschen eben nicht weiter interessiert. Vermutlich muss ich mir den Schuh anziehen, dass ich es hätte kommen sehen müssen, als ich mich darüber freute, dass Naidoo nun doch nicht für Deutschland antritt und ich ihn einen Affen nannte: Auf die Assoziation dunkelhäutiger Mensch – Affe – Rassist bin ich zugegebenermaßen nicht gekommen und ich kann von Fremden nicht erwarten, dass sie wissen, wie inflationär ich Leute gerne als Affen beschimpfe (davon ab bin ich der Meinung, dass es eher rassistisch ist, die Art seiner Beschimpfung nach der Hautfarbe des Empfängers ausrichten zu müssen).

Screenshot Rassist

Was ich aber erwarte: Dass sich jemand mein Facebook-Profil ansieht (mein entsprechendes Posting befand sich ja auch auf Facebook) und meine Gesinnung überprüft, bevor er ungefragt einen Screenshot von meinem Posting teilt und mich im begleitenden Text als Rassisten tituliert. Ich war zudem nicht einmal verlinkt und hätte von der Aktion niemals erfahren, hätte mich nicht eine Freundin drauf hingewiesen. Tut mir einen Gefallen (und das hat natürlich nichts mit meinen eigenen Erlebnissen zu tun, sondern ist allgemeingültig): Passt euch nicht, dass euer Facebook-Freund ein bestimmtes Bild postet, welches augenscheinlich einen radikalen oder volksverhetzenden Hintergrund hat, er einer falschen Seite sein “Like” gegeben hat oder er einfach eine Meinung vertritt, die euch unverständlich erscheint – schaut auf seine Seite und das, was er sonst noch so tut auf diesem Social Network oder generell im Netz.

Bestätigt sich da der erste Eindruck und er entpuppt sich als rechte Pfeife, könnt ihr ihn meinetwegen unter vier Augen anpöbeln, ihm den Kopf waschen oder ihn als FB-Freund entfernen, vielleicht auch alles gleichzeitig. Findet ihr jedoch heraus, dass ihm da ein Fauxpas unterlaufen ist, er fälschlicherweise ein Statement einer rechtsradikalen Facebook-Seite geteilt hat oder irgendwas lediglich im falschen Kontext brisant wirkt, dann sprecht mit diesem Menschen und erklärt es ihm – und bitte nicht öffentlich.

Ein schönes Beispiel dafür ist die deutsche Anonymous-Seite. Die hat bekanntlich mit Anonymous im eigentlichen Sinne gar nichts mehr gemeinsam und ist wirklich nur noch volksverhetzender Mist. Dennoch befinden sich unter den eigenen Freunden aber oftmals immer noch Leute, die diese Seite liken, weshalb in den letzten Tagen vermehrt drauf hingewiesen wurde, was mit der Seite faul ist. Weist eure Leute gern drauf hin, was da Phase ist, aber stellt sie nicht an den Pranger, schon gar nicht wenn ihr die Motivation der jeweiligen Person nicht kennt.

Zurück zu Xavier: Ich habe da ein bemerkenswertes Phänomen beobachten können, welches meine Zwischen-Headline erklärt. Vermutlich gehört aktuell zur Diskussions-“Kultur” für viele Menschen dazu, dass man sich schnell positioniert und alle anderen, die anderer Meinung sind, ebenso schnell ins feindliche Lager einsortiert. Immer, wirklich immer, wenn derzeit online diskutiert wird, kann ich diese Entwicklung beobachten: Nur ein schrecklich kleiner Anteil gesteht es sich ein, dass man vielleicht nicht die ultimative Lösung einer Frage parat hält und es mitunter nicht nur Schwarz und Weiß gibt, sondern jede Menge dazwischen. Die große Masse positioniert sich aber leider eben sehr schnell und eindeutig und lässt keine Chance verstreichen, den Leuten der jeweils anderen Seite zu verdeutlichen, was für ein bemitleidenswerter, uninformierter Abschaum sie sind.

Das führte bei Xavier zum oben angesprochenen Phänomen: Verkürzt gesagt haben sich in der Flüchtlingsfrage zwei Parteien gebildet – “Gutmenschen” und “Nazis”. Ist beides Quatsch, wisst ihr selbst, aber dummerweise denken sehr viele Menschen nur noch in diesen Kategorien. Jetzt erscheint mit dem Streit um Naidoo ein ganz anderes Thema auf der Bildfläche, die Kategorien bleiben aber interessanterweise die Gleichen: Leute, die zuvor jeden mit einer anderen Meinung als Nazi verschrien haben, behalten das jetzt bei Xavier so bei – dummerweise gibt es sowohl bei Flüchtlings-Freunden als auch Flüchtlings-Gegnern Leute, die Pro-Xavier und Contra-Xavier sind. Die Gruppen werden bunt durchgemischt, die Beschimpfungen bleiben die Gleichen. Das Resultat daraus ist dann eben beispielsweise, dass man mich (Contra-Xavier) als Nazi verunglimpft.

Wir brauchen wieder eine Diskussions-Kultur

Gestern Abend wurde die Entscheidung der Hamburger Bevölkerung gegen die Ausrichtung der olympischen Spiele 2024 verkündet. Die Reaktionen darauf waren nicht so umfangreich wie beim Thema Flüchtlinge, Terror oder auch Naidoo – das gleiche Muster konnte man da auch wieder erkennen. “Der ist nicht meiner Meinung, also gehört er zu den Pegidioten” – Punkt. Das ist furchtbar dumm und entschieden zu kurz gedacht, zudem alles andere als guter Diskussions-Stil.

Normalerweise, wenn ich mich in einem Kommentar zu Wort melde, dann versuche ich zum Ende hin gerne, euch sowas wie einen Lösungsansatz mit auf den Weg zu geben. Ich muss zugeben, dass mir bei diesem Thema langsam die Puste ausgeht und ich nicht weiß, wie man dieser Verrohung der Diskussions-Sitten entgegenwirken kann. Klar – eigentlich ist es leicht: Beschimpft die Leute nicht pauschal, informiert euch sowohl über die Themen als auch die diskutierenden Personen und ihren Antrieb, eine andere Meinung zu vertreten, gesteht euch ein, nicht die ultimative Lösung zu wissen. Das sind aber keine neuen Dinge, sondern die, die ich eigentlich bei jedem Menschen mit ein wenig gesundem Menschenverstand und Anstand voraussetze. Leider sind das aber auch exakt die Dinge, die ich immer wieder gerade in Online-Diskussionen vermisse.

Daher kann ich hier zum Ende nur appellieren, auch wenn ich mich damit wiederhole: Fahrt einen Gang runter, entspannt euch – egal, bei welchem Thema. Ich bekomme es auch nicht in den Kopf, wie man allen Ernstes Menschen nicht vergönnt, dass ihnen in Deutschland geholfen wird. Dennoch funktioniert es nicht, jeden Flüchtlings-Gegner pauschal als Nazi anzuzählen. Denkt wieder mehr in den Grautönen, die es zuhauf zwischen Schwarz und Weiß gibt, entpört euch, geht wieder so miteinander um, wie ihr es auch gerne hättet, dass man mich euch umgeht.

Die Themen sind dabei egal: Man kann anderer Meinung sein, egal ob es um Xavier Naidoo geht, um deutsche Kriegseinsätze in Syrien, um Terror, um olympische Spiele oder um Android vs iOS. Auch zoffen ist okay, wenn man gewisse Formen einhält und dabei nicht persönlich wird. Reflektiert sowohl eure Meinung als auch die der anderen – vielleicht ist man im Kern doch nicht so weit auseinander, hat selbst etwas nicht bedacht, was einen umdenken lässt oder vielleicht bringt etwas Sachlichkeit sogar den anderen dazu, sich eurer Meinung anzuschließen.

Die Welt ist eine schwierige und wir haben uns vielen Problemen zu stellen – lasst es uns nicht durch blindes, unnötiges Pöbeln noch schlimmer machen.

Ich habe vielfach festgestellt, wie ich selbst beim Lesen diverser Kommentarspalten auf Betriebstemperatur komme und oft auch darüber hinaus. Ich habe mich über Leute lustig gemacht, weil sie mir die Welt erklären wollen, sich als Patrioten sehen, selbst aber nicht einen einzigen deutschen Satz fehlerfrei geradeaus schreiben können und ich muss zugeben, mich so manches Mal dann auch überlegen gefühlt zu haben.

All das ist – sorry für die Ausdrucksweise – richtig scheiße und führt niemals dazu, dass man der Lösung eines Problems auch nur einen einzigen Schritt näher kommt, stattdessen verhärten sich die Fronten nur noch mehr. Versteht mich nicht falsch: Ich denke immer noch, dass wir Menschen in unser Land lassen müssen und dass man anders denkende Leute davon überzeugen muss, statt sich an ihren Hass zu gewöhnen. Ich denke aber eben auch, dass wir das nicht Erreichen, wenn wir noch mehr Schreien, noch mehr Beschimpfen, noch schneller empört sind. Das gilt für die wirklich wichtigen Themen, aber auch für so profane Dinge wie den European Song Contest. Die Welt ist eine schwierige und wir haben uns vielen Problemen zu stellen – lasst es uns nicht durch blindes, unnötiges Pöbeln noch schlimmer machen. Wäre doch cool, wenn die Diskussionen von denen dominiert würden, die die besseren Argumente haben – und nicht von denen, die lauter schreien.