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Kommentar zur aktuellen Situation um Huawei

Der Handelskrieg zwischen China und den USA bereitet Huawei mächtige Probleme. Aber ist die Situation so dramatisch, wie sie medial dargestellt wird und wie sollten wir uns als Nutzer aktuell verhalten?

von Carsten Drees am 12. Juni 2019

China und die USA schaukeln sich gegenseitig in einem Handelskrieg hoch und wenn wir über die Kollateralschäden dieses Krieges reden, fällt zwangsläufig der Name Huawei. Der Konzern ist den Vereinigten Staaten schon seit Jahren suspekt, der Vorwurf, dass der Netzwerk- und Smartphone-Gigant gegenüber der chinesischen Regierung ein bisschen zu auskunftsfreudig ist, steht im Raum.

Deswegen machte Trump unlängst Nägel mit Köpfen und setzte Huawei auf eine Black List. Jedes Unternehmen, welches mit Huawei zusammenarbeiten möchte, braucht dafür eine Lizenz. Die Folge: Ohne eine solche Lizenz gäbe es keine Android-Updates mehr, keine ARM-Prozessoren und vieles mehr. Wir berichteten ja im letzten Monat darüber, dass es ernsthafte Komplikationen für Huawei geben könnte, wenn China und USA in ihrem Handelskrieg nicht vom Gas gehen.

In den USA hat man Angst vor Backdoors in Huawei-Hardware und damit davor, dass Geheimdienste diese Hardware anzapfen könnten. Die Sorge ist nicht ganz unbegründet — schließlich wäre es nicht das erste Mal, dass es einen Skandal um Geheimdienste, Backdoors und ausspionierte Privatpersonen gibt. Klitzekleines Detail dazu: Der erwähnte Geheimdienst ist die National Security Agency (NSA), also ein US-Geheimdienst und die Backdoors wurden u.a. auf der Hardware von Cisco installiert, also einem US-Unternehmen. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass Huawei deswegen solche Backdoors nicht oder zumindest nicht bewusst zulässt, zumindest bislang gibt es für so ein Vorgehen jedoch keinerlei belastbare Informationen.

Allein die Tatsache, dass wir mit den USA ein Land haben, welches bereits so einen Datenskandal mit Geheimdienstbeteiligung hinter sich hat und die Beweislage diesbezüglich gegenüber Huawei sogar noch weniger als dünn ist, sollte uns zeigen, dass es hier gar nicht tatsächlich um ein Unternehmen geht, sondern um den besagten Handelskrieg und um schlichtes Kalkül.

Gefährlich: Trumps Vorgehen geht (vorerst) auf

Nicht, dass ihr denkt, ich würde gerade einer Regierung wie China nicht zutrauen, noch neugieriger und datenhungriger zu sein als der Trump-Regierung — wie gläsern die Bürger im Reich der Mitte mittlerweile sind und mit welchen Restriktionen, Limitierungen und mit welcher Zensur man in China rechnen muss, wissen wir ja irgendwie alle.

Dennoch erreicht das für mein Empfinden gerade eine neue Qualität und das macht mir tatsächlich Sorgen. Es geht nicht darum, einem vermeintlich schwarzen Schaf auf die Finger zu klopfen. Stattdessen geht es darum, sich aus wenig sportlichen Gründen einen unfairen Vorteil auf dem Markt zu verschaffen und dafür auch nicht Halt davor zu machen, einem wirtschaftlich höchst profitablen Unternehmen mit einem Fingerschnippen ohne jegliche Beweise die Geschäftsgrundlage zu torpedieren.

Ich vermag gerade nicht vorherzusagen, wie die Situation sich um Huawei entwickelt. Wir wissen, dass Google grundsätzlich an der Zusammenarbeit festhalten möchte und nach Wegen sucht, dieses Ziel zu erreichen. Wir wissen auch, dass Huawei an einem ganz eigenen OS arbeitet, einen eigenen App-Store besitzt und sich somit zumindest für eine Google-freie Zeit rüstet. Wir wissen aber auch, dass man derzeit so gut wie kein Smartphone erwerben kann, welches ohne ARM-basierte Prozessoren auskommt. Spätestens an diesem Punkt muss einem der gesunde Menschenverstand sagen, dass die Drohungen und Maßnahmen aus Washington höchst unangemessen sind — und “höchst unangemessen” ist dabei schon meine diplomatischste Wortwahl.

Wenn wir uns den Smartphone-Markt anschauen, dann sehen wir unzählige Unternehmen, die sich dort tummeln, aber eigentlich nur drei Schwergewichte: Apple, Samsung und eben Huawei. Dahinter folgen dann massig weitere Hersteller, oftmals ebenfalls aus China. Wenn die USA also ohne Beweise und aus deutlich erkennbarer Motivation einem Konzern wie Huawei den Saft abdrehen, kann man sich zumindest die Frage stellen, wen es dann als nächsten erwischt.

Wird man als Argument im Handelskrieg weiter versuchen, chinesische Unternehmen eins nach dem anderen wegzuknipsen? Wenn ja: Wie lange wird das so gehen? Bis China einlenkt? Oder bis Trump merkt, dass es seiner Nation auf lange Sicht nicht hilft, sondern schadet? Wenn wir uns eine weitere Eskalation ausmalen, könnte ja vielleicht China irgendwann dafür sorgen, dass deren Unternehmen nicht so ohne weiteres mit US-Konzernen zusammenarbeiten dürfen. Erklärt das dann mal Apple und Foxconn — oder Millionen iPhone-Fans, die dann entweder keine oder deutlich teurere Smartphones aus Cupertino erwerben können.

Aber vielleicht belässt es die US-Administration ja gar nicht bei einem Handelskrieg mit China. Die Arschtritte aus Washington gibt es ja auch für andere Länder wie Mexiko oder für Länder in der EU. Was, wenn man sich mit Südkorea anlegt, weil Donald Trump seinem neuen Buddy Kim imponieren will? Ja, klingt absurd, aber das sind viele von Trump bereits getroffene Entscheidungen ebenfalls.

Sei es drum: Egal, ob es um tatsächlich nachvollziehbare wirtschaftliche Auseinandersetzungen geht, um die rücksichtslos durchgesetzte Marktmacht oder um Schnapsideen eines Präsidenten mit Hang zum Größenwahn — wir dürfen nicht dabei zusehen, wie Politik so entscheidend und unfair in Märkte eingreift mit dem Ziel, die eigene Nation zu stärken. Das würde in einem Desaster enden, bei dem es außer verbrannter Erde unzählige Verlierer auf allen Seiten gäbe.

Politik, Medien, Nutzer — alle mal einen Gang runterfahren

Damit komme ich jetzt zu dem Appel-Teil meines Kommentars. Der Teil, der auch mit einem kleinen “mea culpa” daher kommt. Ich kann ja schließlich nicht fordern, dass die Medien sachlicher mit Huawei umgehen sollen, wenn wir uns ebenfalls gern auf Nachrichten stürzen, die davon berichten, dass es angesichts der Situation zu Panikverkäufen kommt, oder Apps wie Facebook nicht mehr vorinstalliert werden.

Beides ist zwar bis zu einem gewissen Maße richtig, aber wir sollten bemüht sein, die Dinge auch direkt richtig einzuordnen. Wenn sich die Tech-Medien (und nicht nur die) darauf stürzen, dass eventuell Facebook nicht mehr auf Huawei-Smartphones vorinstalliert wird, sollte gleichzeitig auch erklärt werden, dass

  • aktuelle Smartphones davon überhaupt nicht betroffen sind (und ja: auch nicht die, die ihr jetzt erst noch kauft)
  • es für die nächste Zeit (mindestens bis August) sowieso noch Google Play auf den Smartphones der Chinesen gibt und somit regulären Zugriff auf Apps wie Facebook, WhatsApp oder Instagram
  • es auch für ganz normale, nicht-nerdige Smartphone-Nutzer keine Raketenwissenschaft  ist, sich eine App wie Facebook selbst auf dem Handy zu installieren

Das andere Thema — der “dramatische Rückgang” bei Huaweis Smartphone-Verkäufen — ist mir unabhängig davon derzeit sowieso zu wacklig. Klar, selbst Huawei räumt ein, dass man die Maßnahmen aus den USA zu spüren bekommt, wie ihr bei RP Online nachlesen könnt. Spätestens aber bei — je nach Medium — stark voneinander abweichenden Angaben zu Huaweis Markteinbußen und dem Verweis auf die sehr stark schwankenden Statistiken der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) würde ich mir wünschen, dass wir alle ein wenig mehr Ruhe bewahren.

Das gilt für uns von der schreibenden Zunft, wenn wir vielleicht einfach mal auf eine reißerische Headline verzichten, wenn wir im Artikel die Fakten dann eh wieder auf ein weniger spektakuläres Maß zurechtrücken. Das gilt aber auch für jeden von uns, der diese Medien konsumiert und sich in seinem Kaufverhalten dadurch beeinflussen lässt. Ja, natürlich spielt es eine Rolle, ob ich viele Hundert Euro für ein Smartphone investiere, welches vielleicht in absehbarer Zeit keine Android-Updates mehr erhält.

Man sollte aber auch den ganz normalen Preisverfall bei Android-Smartphones berücksichtigen, die durchschnittliche Zeit, die wir ein solches Gerät nutzen und auch die Dinge, die wir mit so einem Smartphone hauptsächlich machen. Wenn ich ein durchschnittlicher Nutzer bin, der vielleicht nicht einmal weiß, welche Android-Version installiert ist, kann ich vermutlich auch gut damit leben, dass in einem Jahr kein Update auf eine neue Version erfolgt, solange man von Huawei mit Sicherheits-Updates versorgt wird. Und wenn ich mein Smartphone tatsächlich zwei Jahre oder länger nutze, dann ist mein Argument für die Anschaffung ja auch ganz sicher nicht der hohe Wiederverkaufswert. Schaut beispielsweise auf das Huawei P10 Plus, welches einst für 750 Euro in den Handel kam und zwei Jahre später für 299 Euro angeboten wird — ihr könnt euch ungefähr selbst ausrechnen, wie viel Geld ihr dafür noch bekommt, wenn ihr es als gebrauchtes Alt-Gerät noch irgendwo verticken wollt.

Ich will hier nichts schönreden, denn die Lage ist für Huawei gelinde gesagt eine sehr ärgerliche und auch finanziell unerfreuliche. Dennoch tue ich mich schwer damit, wenn wir jetzt alle genau so anfangen zu tanzen, wie es eine US-Regierung gerne hätte. Wie soll das irgendwann enden, wenn Trump und seine Unterstützer mit dieser Masche durchkommen? Deswegen glaube ich, dass wir da jetzt alle gefragt sind: Die Smartphone-Käufer, indem sie sachlich abwägen und kluge, nicht von Panik getriebene Kaufentscheidungen treffen. Wir Blogger und Journalisten, indem wir die tatsächlich vorhandenen Probleme ansprechen, ohne sie zu sehr zu dramatisieren und uns dessen bewusst sind, dass eine Clickbait-Headline unabhängig ganz unabhängig von Huawei einfach keine gute Idee ist.

Nicht zuletzt setze ich aber auch noch viel Hoffnung in Unternehmen wie Google und Apple, deren Philosophien bezüglich einer globalisierten Welt so gar nicht mit dem konform gehen, was die Trump-Administration da so plant und veranstaltet. Wenn sich genügend US-Giganten finden, die entsprechende “mit uns nicht”-Signale senden, dann dürfte das auch in Washington nicht ungehört verhallen.

Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass man zulässt, dass ein so innovatives und erfolgreiches Unternehmen wie Huawei zwischen den Mühlen des Handelskrieg zerrieben wird. Das wäre nicht nur ein fatales Signal, welches raus in die Welt gesendet würde, sondern auch für die Anhänger jeglicher Tech-Innovationen ein Tritt in den Allerwertesten. Gäbe es nicht so große Konkurrenz wie aktuell zwischen Apple, Samsung und Huawei, würden wir sicher nicht so herausragende Produkte kaufen können, wie sie allein diese drei derzeit anbieten.

PS: Mag sein, dass ihr meine Meinung nicht vertretet oder generell meine Einschätzung der Situation nicht teilt. Genau deshalb solltet ihr unbedingt beim Huawei-Blog vorbeischauen. Unsere Freunde dort haben nämlich sehr viele Meinungen von lieben Kollegen zu diesem Thema eingeholt (ich Ochse hab wegen meines Urlaubs die Deadline verpasst), so dass ihr dort herausfinden könnt, wie andere Tech-Blogger über die aktuelle Huawei-Misere denken.