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Kommt mit der Digitalisierung die große Einsamkeit

Wir feiern oft die Möglichkeiten der Digitalisierung und des Internets. Aber tut uns das wirklich alles gut? Werden wir einsamer durch die neuen Möglichkeiten der Technik?

von Carsten Drees am 21. Juni 2019

Angesichts einer zunehmend individualisierten, mobilen und digitalen Gesellschaft werden wir Strategien und Konzepte entwickeln, die Einsamkeit in allen Altersgruppen vorbeugen und Vereinsamung bekämpfen.

So, Freunde! Jetzt mal ohne das Zitat zu googeln: Wer von euch weiß, wo sich dieser Satz findet? Ihr kommt nicht drauf? Dann will ich es euch sagen: Es befindet sich auf Seite 118 im aktuellen Koalitionsvertrag. Die Unionsparteien und die SPD haben sich also auf die Fahnen geschrieben, in Deutschland gegen die Einsamkeit vorzugehen und anscheinend haben die Parteien mit der “mobilen und digitalen Gesellschaft” auch schon herausgefunden, woran das liegen könnte, dass Menschen sich vielleicht häufiger einsam fühlen könnten als früher.

Es stellen sich mir gleich mehrere Fragen dazu: Wie definiert man überhaupt Einsamkeit? Ist die Zahl der einsamen Menschen tatsächlich gestiegen — oder nur gefühlt? Und wie groß ist der Anteil der Digitalisierung an diesem Einsamkeits-Dilemma?

Wissenschaftler, Ärzte und Philosophen haben sich seit Hunderten Jahren schon an diesem Thema abgearbeitet, so dass ich gerade nicht glaube, dass ich die Antworten in diesem Artikel selbst finde, oder dass die Koalition per Beschluss Einsamkeit verhindern kann. Dennoch lohnt es sich mal auf die Arbeit der Politiker zu schauen, was dieses Thema angeht.

Kürzlich war es nämlich die FDP, die über den oben zitierten Satz des Koalitionsvertrags gestolpert ist und mittels kleiner Anfrage im Bundestag mal hören wollte, wie denn da der aktuelle Stand ist. Um es vorwegzunehmen: Ja, CDU, CSU und SPD wollen nach wie vor was gegen Einsamkeit unternehmen — es fehlt lediglich noch die zündende Idee, wo man da ansetzen könnte.

Ein bisschen konkreter wird immerhin Jens Spahn, seines Zeichens Bundesgesundheitsminister. Der ist derzeit bemüht, die Digitalisierung in deutschen Arztpraxen voranzutreiben. Das bedeutet, dass sich Ärzte bei der Verwaltung ihrer Patienten auf neue Möglichkeiten einlassen und sich von Zettelwirtschaften verabschieden.

Das bedeutet aber auch, dass er realisieren möchte, dass anerkannte Gesundheits-Apps von Ärzten verschrieben werden können — genau so, wie es üblicherweise bei Medikamenten der Fall ist. Eine dieser Apps, die dazu beitragen könnte, dass sich ein Patient besser fühlen kann, ist Moodpath. Der Tagesspiegel schreibt dazu:

Die digitale Anwendung ist ein Stimmungstagebuch, entwickelt von Psychologen, Ärzten, und in enger Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin. Jeden Tag werden dem Nutzer morgens, mittags und abends Fragen gestellt, wie zum Beispiel: Fühlst du dich alleine? Machst du dir häufig übermäßig Sorgen über alltägliche Dinge? Hast du zu Aktivitäten gerade keine Lust?

Diese Fragen beantwortet man über einen Zeitraum von zwei Wochen und bekommt dann eine Auswertung, in der ihr erfahrt, ob sich depressive Symptome gezeigt haben oder nicht. Selbstverständlich ersetzt das keinen Arzt und auch keine Behandlung eines depressiven Patienten. Aber angesichts monatelanger Wartezeiten bei Psychologen und auch angesichts einer recht hohen Hemmschwelle, sich mit einer befürchteten Depression direkt an einen Arzt zu wenden, könnte so eine App tatsächlich eine sehr nützliche Unterstützung sein.

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Sind wir einsamer als noch vor einigen Jahren?

Aber kommen wir wieder zurück zum Thema Einsamkeit. Zweifellos gibt es eine Schnittmenge zwischen depressiven und einsamen Menschen, die Gründe für Einsamkeit sind aber ebenso mannigfaltig wie die unterschiedlichen Bewertungen, wann sich jemand einsam fühlt. So kann es sein, dass ihr ein Mensch seid, der sehr genügsam ist ,was zwischenmenschliche Kontakte angeht und euch mit nur einer Handvoll persönlicher Begegnungen dennoch nicht einsam fühlt.

Andere Menschen hingegen können einen riesigen Pulk aus Freunden und Bekannten haben, die sie regelmäßig in ihre Unternehmungen einbinden und sich dennoch sozial isoliert und einsam fühlen. Es ist also nicht wirklich einfach, Einsamkeit auf eine allgemein gültige Formel herunterzubrechen.

Dummerweise helfen uns hier auch Studien nicht wirklich weiter. Ja, es gibt Studien, die belegen sollen, dass die Menschen aktuell tendenziell öfter Einsamkeit empfinden als noch vor einigen Jahren. Genau so gibt es aber ebenfalls zahlreiche Studien, die da ein anderes Ergebnis hervorbringen und belegen sollen, dass die Zahlen über die letzten Jahrzehnte einigermaßen konstant geblieben sind.

Was wir aber wissen: Zunehmendes Alter erhöht die Wahrscheinlichkeit, sich einsam zu fühlen. Das hängt zu einem großen Teil damit zusammen, dass zu allen Gründen, die Einsamkeit hervorrufen können, im Alter auch tendenziell öfter körperliche Gebrechen hinzukommen, die es uns mitunter schwieriger machen, das Haus zu verlassen und Freunde zu treffen.

So betrachtet müsste die Einsamkeit ja zwangsläufig zunehmen in einer Welt, in der die Menschen — eigentlich ja erfreulicherweise — immer älter werden. Da das aber — je nach Studie — eben nicht eindeutig zu erkennen ist, muss es auch Entwicklungen geben, die eine Zunahme der Einsamkeit verhindern.

Digitalisierung: Fluch oder Segen?

Damit kommen wir zu der Frage, was die Digitalisierung und die Entwicklung des Internets für einen Einfluss haben könnte. Ich kann mich noch bestens daran erinnern, wie man mir in den späten Neunzigern und bis weit ins neue Jahrtausend hinein immer wieder gern erzählt hat, was für ein Sündenpfuhl dieses Internet ist. Es gibt nur Verbrecher und Pornos und Menschen, die man dort kennen lernt, sind durch die Bank andere als die, für die sie sich ausgeben.

Ich kann gar nicht mehr nachhalten, wie viele Menschen ich im Netz kennen gelernt habe, die mir das exakte Gegenteil beweisen. Wenn ich die Liste meiner Freunde, meiner Ex-Partnerinnen und Liebschaften durchgehe (nur eine gedachte Liste, was dachtet ihr denn? :D ), dann finden sich darunter zum größten Teil Leute, die ich ohne das Internet niemals kennen gelernt hätte. Aber bedeutet das dann zwangsläufig, dass das Netz eher nützlich ist?

Nein, leider nicht unbedingt. Durch unsere Abhängigkeiten vom Smartphone, von sozialen Netzwerken und allem anderen, was uns bindet, können logischerweise auch Nachteile entstehen. Wie so oft geht es dabei um die Dosis, die das Gift macht. In dem Moment, in dem euch Instagram so fesselt, dass ihr bereitwillig den Kinoabend cancelt, um lieber noch zuhause auf der Couch mit dem Smartphone rumzulümmeln, verlieren soziale Medien das “soziale”.

Weiter ist auch erwiesen, dass es uns nicht immer gut tut, wenn wir uns ständig vergleichen in diesen Social Networks. Wir sehen nur ein Abbild der tatsächlichen Leben, nur dass, was man uns zeigen möchte. Und das ist dann oft der tolle Abend mit Freunden, der unglaubliche Urlaub in einem fernen Land und die zahlreichen Aktivitäten, denen man in der Freizeit so nachgeht.

Das sorgt mitunter dafür, dass wir uns grundlos schlechter fühlen und wer dazu tendiert, sich sowieso einsam zu fühlen, kann auf diese Weise leicht in einen Teufelskreis geraten. Wie gesagt: Die Dosis macht das Gift — deswegen sollten wir bemüht sein, ein vernünftiges Gleichgewicht zu finden zwischen dem, was uns die Technik heute ermöglicht und die Art und Weise, wie wir uns seit Jahrhunderten mit Menschen umgeben.

Das Smartphone — oder der Laptop — sind Eintrittskarten in eine ganz wunderbare Welt. Ihr könnt auf Dating-Plattformen die große Liebe suchen oder auf Tinder vielleicht eher den kurzfristigen Spaß. Ihr könnt euch mit der ganzen Welt vernetzen und egal, ob nah oder fern, wunderbare Menschen entdecken, die sich genau für die selben Dinge begeistern wie ihr. Ihr könnt auch dann ständig bei euren Freunden und bei der Familie auf dem Laufenden bleiben, auch wenn euch der Job, die Liebe oder sonst was in eine andere Stadt getrieben hat.

Wichtig ist dabei aber eben, dass man sich nicht einigelt und sich lediglich durch das Smartphone-Display mit seinen Freunden und Verwandten verbindet. Nutzt die Möglichkeiten, um diese Menschen auch alle tatsächlich zu treffen. Egal, ob es meine Leidenschaft für Musik ist, das ständige in-Kontakt-bleiben dank Facebook mit den Menschen, die ich schon seit Jahrzehnten kenne oder aber auch die großartigen People, die ich durch diesen Job hier kennen lernen durfte: Stets probiere ich, diese Leute möglichst auch real zu treffen und erfreulicherweise gelingt mir das auch angenehm oft. Caschy von Stadt Bremerhaven wurde so zu meinem allerbesten Freund und immer wieder gehe ich auf Konzert-Trips und Reisen mit Menschen, die ich fast durch die Bank online kennen gelernt habe und in der Folge diese Freundschaften dann “real” festigen konnte.

Daher glaube ich, dass man nicht pauschal die Digitalisierung verteufeln darf. Wir sind eben nicht alle zu Smartphone-Zombies verkommen, auch wenn das manchmal so scheint und für einige Individuen auch tatsächlich zutreffen mag. Wir haben es alle selbst in der Hand, wie wir mit den Möglichkeiten umgehen. Das ändert nichts daran, dass es nicht immer leicht ist und ich bewerte das natürlich gerade auch nur mit meinem Laien-Blick auf die Welt. Dennoch appelliere ich wie so oft auch jetzt mal wieder an euch, dass ihr a) die Technologien nicht pauschal für eure Probleme verantwortlich machen dürft und b) auch lernen müsst, diese Technologien maßvoll einzusetzen.

Abschließend noch die Frage in die Runde: Was denkt ihr denn persönlich — beobachtet ihr, dass in eurem Freundeskreis oder in der Familie mehr Einsamkeit herrscht und das auch auf das Smartphone zurückzuführen ist? Oder fühlt ihr euch gar selbst einsamer als früher und macht es an der Digitalisierung fest? Schreibt es uns bitte in die Kommentare.

via Tagesspiegel

Artikelbild von Grae Dickason auf Pixabay