Konzerttickets und Spenden: So könnte Facebook die kleinen Bands retten

Könnte ausgerechnet Facebook den rettenden Strohhalm für kleine Bands bieten, die sich dank illegaler Downloads und Streaming-Diensten oft ihrer Existenz beraubt fühlen? Features wie selbst vermarktete Konzert-Tickets und Spenden-Optionen könnten für kleinere Künstler der Silberstreif am Horizont sein.

Damals – also in einer Welt vor der Jahrtausendwende – verplemperten wir unsere Zeit am Wochenende gerne bei zünftigen Haus-Parties. Wenn nämlich wieder mal die Eltern eines Kumpels oder einer Klassenkameradin den Fehler begangen, ein Wochenende nicht zuhause zu sein, kramten wir gemeinschaftlich alles an Musik zusammen, was wir hatten, kauften alkoholische Getränke und Tiefkühlpizza (oder wir plünderten die Vorräte der Eltern) und dann konnte es eigentlich auch schon losgehen. Das mit der Musik war wichtig, um aus dem Treffen eine gelungene Soiree zu zaubern. Schließlich konnte sich niemand von uns so viel Platten kaufen, dass man alleine einen Abend lang die Partymeute mit neuster Musik zu beschallen wusste.

Jeder brachte also seine jüngsten LPs und Singles mit, später dann natürlich auch CDs. Parties dieser Art finden kaum noch statt (oder ich werde vielleicht einfach nur nicht mehr eingeladen), vermutlich auch, weil wir alle schon ein bisschen länger nicht mehr bei unseren Eltern wohnen ;) Kommen wir dennoch zum Trinken und Musik-Hören zusammen, steht uns jetzt eine ganz andere musikalische Welt zur Verfügung als früher. Selbst die mit Musik vollgestopften USB-Sticks bleiben mittlerweile zuhause, physische Tonträger sowieso. Stattdessen liefern Streaming-Dienste wie Spotify den Soundtrack für gepflegte Suff-Abende, wo jeder von uns auf seine Playlists zugreifen kann, oder man schaut einfach bei YouTube vorbei.

Wieso erzähle ich euch das? Weil die technische Entwicklung uns das Leben in mehrerer Hinsicht deutlich leichter macht, es aber eben auch Leute gibt, die mit dieser Entwicklung nicht ganz so glücklich sind – die Künstler selbst! Wenn ich Adele heiße oder Justin Bieber, dann ist mir das wohl egal – weltweit bekannte Künstler verkaufen viele Songs und Alben auf allen möglichen Wegen und spielen dazu auch noch jede Menge Kohle über die Konzerttourneen, Merchandising und Werbung ein.

Die Bands, die nun aber nicht so eine fette Fanbase im Rücken haben und auch nicht beliebig touren können, die sehen sich mitunter schon jetzt in ihrer musikalischen Existenz bedroht. Nicht wenige fühlen sich mittlerweile außerstande, das Geld fürs nächste Album zusammenzubringen, einige bekommen dieses Geld noch über Crowdfunding rein.

Facebook als Retter in der Not?

Während ich mir gerade jenseits des Musik-Mainstreams anschaue, wie kleinere Bands die Segel streichen, könnte es sein, dass ausgerechnet Facebook diesen kleineren Künstlern zur Hilfe springt – also ein Multikonzern, dem man ja zunächst prinzipiell unterstellt, dass es ihm erst einmal um die eigenen Umsätze und Gewinne geht.

Wie ihr wisst, testet Facebook oftmals eine ganze Reihe Features, von denen aber beileibe nicht alle dann auch später dann genau so im Social Network zum Einsatz kommen. Ideen werden korrigiert oder komplett verworfen, später wieder aufgegriffen usw. Eine dieser Ideen könnte damit zu tun haben, wie sich Bands über Facebook selbst vermarkten können.

Konzertkarten können beispielsweise direkt über Facebook angeboten werden. Bereits im letzten Monat ließ beispielsweise BuzzFeed mit einer Nachricht aufhorchen: Da heißt es, dass Facebook in den nächsten Wochen schon damit beginnen würde, sowohl Ticketmaster als auch Eventbrite ihre Tickets direkt innerhalb von Facebook verkaufen zu lassen.

Depeche Mode Tickets Nizza

Facebook lässt sich eine Provision vom Kartenpreis für die Vermittlung auszahlen und Ticketmaster hofft, dass sich das durch deutlich erhöhte Ticketverkäufe rechnet:

By putting the ability to buy tickets directly within Facebook we hope that we’re going to provide a more seamless purchase experience and sell more tickets. Dan Armstrong, VP and GM of distributed commerce at Ticketmaster

Der Verkauf wird dann direkt innerhalb Facebooks abgewickelt, das Ticket selbst holt sich der Käufer dann aber entweder auf der Webseite oder der Ticketmaster-App ab. Ich bin da nicht so wirklich im Thema, aber selbst, wenn das für Ticketmaster eine erfolgversprechende Idee ist und sich die Nummer auch für Facebook rechnet, dann schließt das meines Wissens kleine Bands oftmals von vornherein aus.

Bei RockFeed ist nun die Rede davon, dass Facebook im Rahmen einer Umfrage im ganz kleinen User-Kreis herauszufinden versucht, ob die Nutzer grundsätzlich daran interessiert ist, Tickets direkt innerhalb von Facebook käuflich zu erwerben. Mag sein, dass Facebook mit dieser Befragung auch Deals mit Dickschiffen wie Ticketmaster im Sinn hat, aber RockFeed spinnt die Idee weiter und malt sich aus, wie es denn wäre, wenn uns (bzw. den Musikern) eine Möglichkeit an die Hand gegeben würde, diese Konzertkarten selbst ohne irgendeinen Umweg abzusetzen!

EventbriteFacebookIntegration

Ohne, dass ein Fan Facebook verlassen müsste und ohne, dass ein Vermittler sich die oft unsinnig hohen Gebühren einstreicht, könntet ihr direkt bei einer Band eure Karten ordern. Da das alles innerhalb Facebooks geschieht, müsstet ihr nicht einmal stets neu Adresse und Bankverbindung oder Kreditkartendaten durchgeben – ihr hättet also die Karten unkomplizierter als auch günstiger gekauft.

Die Künstler würden davon selbstverständlich auch profitieren, denn wenn der Prozess so einfach gehalten wird, ist Facebook einfach der perfekte Ort für den Verkauf: Dort haben die Bands die meisten ihrer Fans, die Veranstaltungs- und Empfehlungs-Features spielen den Musikern als auch deren Anhängern in die Karten und die Hürde für einen Kartenverkauf würde angenehm niedrig gehalten. Das wäre wichtig für die Schar der „Impulskäufer“, die einfach mal spontan nachmittags entscheiden, abends aufs Konzert gehen zu wollen.

Facebook-Messenger-BotAls Facebook vor kurzem seinen 10-Jahres-Plan vorstellte, war auch der Messenger ein großes Thema bzw. die Implementierung von Bots. Die können nicht nur Infos wie neueste News liefern, sondern auch ganze Verkaufsprozesse abwickeln, ohne dass ihr auf einen wirklichen menschlichen Kontakt angewiesen seid.

Denkbar ist also, dass wir künftig auch Konzertkarten einfach so über den Messenger kaufen können und das eben nicht nur über große Unternehmen, sondern direkt über die Bands, die einen solchen Bot an den Start bringen. Das würde für mein Empfinden die Geschichte für die Künstler nochmals runder machen, denn gerade diese Teilzeit-Musiker, die Touren aufwendig mit ihren Urlaubstagen im Hauptjob abstimmen müssen, dürften sehr glücklich darüber sein, wenn solche Verkäufe automatisch abgewickelt würden, ohne dass man sich selbst damit auseinandersetzen muss und ohne, dass noch jemand dazwischengeschaltet ist, der Geld verdienen will (Komission an Facebook mal außen vor).

Video-Stream gegen Bargeld?

Spielen wir die Idee doch mal weiter durch und stellen uns vor, diese Band spielt in einem kleinen Venue mit vielleicht 100-200 Zuschauern. Wenn man nicht gerade personell im Big Band-Bereich unterwegs ist und einigermaßen häufig in Clubs auftritt, kann das allein schon den finanziellen Grundstein für den Fortbestand der Band darstellen. Was aber, wenn Facebook darüber hinaus auch noch die Möglichkeit anböte, Konzerte über Facebook Live auszustrahlen, für die ich als Fans vielleicht ein oder zwei Euro abdrücke, damit ich sie sehen kann?

Aesthetic PerfectionVerkaufe ich 100 Menschen eine Konzertkarte für 15 Euro, ist das die eine Sache – wenn ich als Künstler aber auch noch 1000 Online-Zuschauer hätte, die sich diesen Stream für jeweils einen Euro reinziehen, ohne dass ich auch nur einen Handschlag mehr machen müsste, wäre das doch überlegenswert, oder nicht? Zudem würde die Band davon profitieren, dass die Videos nach dem Auftritt auf Facebook die Runde machen können über die eigene Facebook-Seite.

Wie gesagt: Das sind hier alles Gedankenspiele und haben herzlich wenig mit dem zu tun, was Facebook derzeit tatsächlich plant, aber gesetzt den Fall, dass sich hier sowohl die Bands als auch Facebook die Kohle einsacken können, wäre es doch schön, wenn beim Blauen Riesen in genau diese Richtung überlegt würde, oder nicht?

Ich persönlich gehe unendlich gern auf Konzerte, mag es, dort mit Freunden zu sein, die Stimmung zu spüren, die Künstler direkt vor der Nase zu haben und all das. Wenn „meine“ Band aber heute Abend irgendwo im mittleren Westen der USA auftritt und ich für ’nen Euro dabei sein könnte – ich würde es tun.

Spenden als weitere Einnahmequelle?

Eine weitere Möglichkeit sehe ich noch als Einnahmequelle, die nicht speziell für Musiker gilt, aber dort auch funktionieren könnte: Die Rede ist von einer Möglichkeit, wie man auf Facebook für seine Postings entlohnt werden könnte durch ein Tip Jar – also sowas wie eine virtuelle Sammelbüchse. Auch hier geht es wieder um eine Umfrage, in der Facebook exakt diese Option abgefragt hat.

Facebook Tip Jar Umfrage

Ob Facebook das realisiert und in welcher Form – auch das steht natürlich noch in den Sternen. Daran sehen wir aber, wie intensiv sich das Unternehmen unter Mark Zuckerberg mit diesen Optionen auseinandersetzt. Das größte Social Network der Welt ist man schon lange – nun schickt man sich an, eben auch der größte Marktplatz der Welt zu werden, eine logische Entwicklung.

Mich würde es freuen, wenn Facebook sich dabei tatsächlich nicht nur um die eigene Einnahmen-Seite schert, sondern auch die Betreiber von Facebook-Seiten mit ins Boot holt wie eben die Jungs und Mädels, die auf jeden Euro für ihre Kunst angewiesen sind. Es gibt jede Menge Ansatzpunkte, glaube ich – so wie fairere Bezahlmodelle bei Spotify zum Beispiel. Mag sein, dass sich all das noch einpendeln muss, so dass die Modelle für alle drei Seiten – Musiker, Fans, Unternehmen – funktionieren. Vor allem aber der Ticketverkauf über Facebook ist für mich eine hochinteressante Geschichte, von der ich mir wünschen würde, dass Facebook da Künstlern tatsächlich freie Hand lässt bei einer eventuellen Einführung und nicht nur ein paar ausgewählte große Partner zulässt.

Was sagt ihr denn? Geht ihr da mit bei meinen Ideen oder habt andere Ansätze? Und wenn ihr selbst Musiker seid: Wäre Facebook eine Plattform, die ihr nutzen würdet, oder seit ihr aus irgendeinem Grund eher skeptisch? Schreibt es uns in die Comments!

Quelle: RockFeed (Danke an Niggels fürs Finden), BuzzFeed und The Verge

PS: Ja – na klar weiß ich, dass ich fürs Cover-Bild nicht gerade eine kleine Band ausgewählt hab, aber ich mag das Foto einfach (Depeche Mode live in Bratislava 2013) ;)