Künstliche Intelligenz sucht den Superstar

Kann KI helfen, den nächsten Musik-Star zu entdecken? Ein schwedisches Label glaubt fest daran.

von Carsten Drees am 11. Februar 2020

Wie ihr wisst, bin ich ein großer Fan von künstlicher Intelligenz. Ich bin naiv genug zu glauben, dass sich durch KI nicht irgendwann die Maschinen anschicken, die Menschheit zu unterjochen. Gleichzeitig bin ich fest überzeugt davon, dass KI so unglaublich viel Mehrwerte schaffen kann für nahezu unendlich viele Bereiche unseres Lebens.

Kommt es zum Thema Musik — eine meiner größten Leidenschaften — bin ich wiederum zwiegespalten. Bei Dingen, bei denen Kreativität gefragt ist, ist es für mich immer ein bisschen schwierig, wenn auf die Hilfe von Algorithmen gesetzt wird. Algorithmen können aufgrund von Nutzerverhalten ermitteln, wie die perfekte TV-Serie zusammengeklöppelt werden muss, KI berechnet aus ein paar Strichen ein authentisches Gemälde und KI kann sogar Musik komponieren, die den Stil der Beatles imitiert.

Spätestens da wird es für mich ein bisschen zu viel, weil man hier nicht kreativ einen Song schreibt, sondern einfach Wahrscheinlichkeiten berechnet: Welche Akkordfolgen, welche Instrumente, welche Lyrics muss man in das Lied packen, damit es sich nach den Beatles anhört? Fairerweise muss man dazu sagen, dass erfolgreiche Produzenten oft genau so arbeiten und schlicht nach einer solchen Formel Musik am Fließband produzieren.

Aber genug davon. Lasst uns lieber überlegen, wo KI einen tatsächlichen Mehrwert in der Musik schaffen kann. Ich glaube, das Label Snafu Records hat da einen erfolgversprechenden Ansatz:

Unsere proprietären Algorithmen analysieren Millionen von Datenpunkten bei über 150.000 Songs pro Woche, um die wenigen Künstler zu finden, die mit ihrer Musik einen großen kulturellen Einfluss ausüben können. Dann setzen wir unsere Ressourcen ein, um sicherzustellen, dass die Musik ihr Potenzial erreicht.

Okay, die Selbstbeschreibung des Labels klingt noch ziemlich dröge. Es geht darum, dass die Art und Weise, wie neue Künstler entdeckt werden, immer noch einem Muster folgen, welches sich über viele Jahre wenig verändert hat und sehr, sehr viele Künstler pauschal ausschließt. Gegenüber TechCrunch erklärt der CEO Ankit Desai:

Wenn es in Indonesien ein Mädchen gibt, dessen Musik die Welt unbedingt hören sollte, wird sie nie die Gelegenheit dazu bekommen. Die Brücke, die sie mit der Welt verbindet, ist heute nicht vorhanden. Das Musikgeschäft ist in einer sehr alten Arbeitsweise verwurzelt, bei der Künstler durch Mund-zu-Mund-Propaganda gefunden werden. Ankit Desai, CEO Snafu Records

Snafu setzt generell darauf, Musik so präzise wie möglich auszuwerten. Wie ihr oben lesen könnt, werden wöchentlich 150.000 Songs unter die Lupe genommen – Songs von Künstlern, die bislang noch nirgends unter Vertrag stehen. Dafür untersucht man die großen Streaming-Plattformen, berücksichtigt, wie oft welche Songs in Playlists landen oder favorisiert werden und hat auch die sozialen Medien im Blick.

Der CEO verweist darauf, dass es vorher bereits Software gab, die Musik in ähnlicher Weise analysiert — Software wie das Chartmetric-Tool. Aber der Mann, der vorher schon bei Capitol Records und Universal Music Group angestellt war, erkannte für sich, dass es wenig Sinn macht, einem Unternehmen des 20. Jahrhunderts mühevoll eine Technologie des 21. Jahrhunderts überzustülpen. Deswegen beschloss er, mit Snafu einen ganz neuen Anlauf zu nehmen und ein neues Label aus dem Boden zu pressen.

Augenscheinlich mit Erfolg: Songwriter von Snafu Records haben mittlerweile einer Vielzahl von Künstlern, darunter Ariana Grande, Martin Garrix, Avicii, Nicki Minaj, The Weeknd und Taylor Swift zu Hits verholfen. Teil des Konzepts ist aber eben nicht nur, Starts noch erfolgreicher zu machen, sondern eben unbekannte Stimmen zu entdecken und sie einem großen Publikum zugängig zu machen.

Die Millionen Datenpunkte, die da wöchentlich in den bereits erwähnten 150.000 Songs ausgewertet werden, führen dann dazu, dass unterm Strich nur 15-20 Lieder pro Woche übrig bleiben. Um diese zu ermitteln, orientiert man sich an den Top 200 von Spotify. Desai spricht hier von einem “Sweet Spot”, der etwa bei 70 bis 75 Prozent liegt. Auf gut Deutsch: Ähnelt ein Song zu diesem Prozentsatz der Musik, die auf Spotify die Charts dominiert, ist genau der Punkt erreicht, an dem die Musik zwar so ähnlich klingt wie bereits erfolgreiche Nummern, birgt aber auch noch genügend eigene Elemente, um als neu und frisch wahrgenommen zu werden.

Hat man diese bis zu 20 Songs pro Woche dann ausgesiebt aus diesem riesigen Musik-Pool, kommen die menschlichen Teams ins Spiel. Es wird eben Kontakt aufgenommen zu diesen Künstlern, um sie einem möglichst globalen Publikum präsentieren zu können. Ich kann gerade nicht wirklich abschätzen, wie erfolgreich diese Art des Scoutings funktioniert. Die Frage für mich ist auch, ob es tatsächlich um Nachhaltigkeit und um Unterstützung von unterprivilegierten Musikern geht — oder einfach nur darum, möglichst vor allen anderen das “next big thing” zu finden. Sucht man nur die nächste Sau, die man durchs Pop-Dorf treiben kann und die dann schneller am Pop-Himmel verglüht, als man “zweites Album” buchstabieren kann? Wie gesagt, ich weiß es nicht. Wenn es tatsächlich dazu führen würde, dass die Chancen für Musiker etwas gleichmäßiger verteilt werden, dann wäre es eine gute Sache. Wenn nicht, dann wäre es nur ein weiterer Schritt in eine Musikwelt, die auf industriellem Level Massenware produziert statt Kunst. Wie sind eure Meinungen dazu?

Quelle: TechCrunch via t3n