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Liam Neeson ist ein schlechter Mensch – und ich bin es vermutlich auch

Liam Neeson hat sich mit einem Geständnis ins Abseits katapultiert und ist plötzlich als Rassist gebrandmarkt. Ich glaube, wir verpassen den Menschen heute zu schnell solche Stempel. Ein Kommentar.

von Carsten Drees am 6. Februar 2019

1993 wurde Liam Neeson weltberühmt, als er nämlich im Film Schindlers Liste die Rolle des Oskar Schindler verkörperte. Dieser Oskar Schindler hat im zweiten Weltkrieg eine vierstellige Zahl Juden vor dem sicheren Tod bewahrt, bis zum heutigen Tag ist dieser Streifen einer der wichtigsten und eindrucksvollstem zu diesem düsteren Kapitel der deutschen Geschichte.

Kann ein Rassist so eine Rolle spielen? Kann man für die herausragende Darstellung eines Menschenfreundes wie Schindler eine Oscar-Nominierung einheimsen und dennoch Vorurteile gegenüber anderen Menschen haben aufgrund ihrer Hautfarbe? Genau das passiert gerade, weil Liam Neeson ein öffentliches Geständnis abgelegt hat, welches sehr viele Menschen schockiert.

Der Vorfall, den er dem Independent gegenüber schilderte, liegt dabei über vierzig Jahre zurück. Neeson berichtet von einer Frau, die er damals sehr geliebt habe und die von einem dunkelhäutigen Mann vergewaltigt wurde. Er fragte sie, ob er wisse, wer es war und danach dann fragte er nach der Hautfarbe des Mannes.

“I went up and down areas with a cosh, hoping I’d be approached by somebody – I’m ashamed to say that – and I did it for maybe a week, hoping some [Neeson gestures air quotes with his fingers] ‘black bastard’ would come out of a pub and have a go at me about something, you know? So that I could,” another pause, “kill him.”

Er rannte also eine Woche lang — mit einem Totschläger bewaffnet — durch die Straßen, in der Hoffnung, einen Mann schwarzer Hautfarbe zu finden, der ihm einen Anlass bietet, ihn niederschlagen und ja, ermorden zu können.

Gleichzeitig ließ Neeson wissen, dass er sehr schnell bemerkte, auf welchem Irrweg er sich damals befand. Er war schockiert von seinem eigenen Tun und suchte sich Hilfe, um diesen Zorn und diese Rachegelüste in den Griff zu bekommen.

An diesem Punkt stehe ich jetzt — also mit genau diesen Informationen und der Gewissheit, dass Liam Neeson medial gerade gegrillt wird. Damit nähere ich mich jetzt dem Kern dieses Kommentars bzw. den Fragen, die mich aktuell umtreiben. Ihr wisst ja, dass ich hier öfter in meinen Kommentaren den Standpunkt vertrete, dass man sich einfach nicht wie ein Arschloch benehmen soll.

Wenn jemand Selbstjustiz in Erwägung zieht, dabei aber nicht einmal auf der Suche nach dem tatsächlichen Täter ist, sondern schlicht nach jemandem mit der entsprechenden Hautfarbe, dann macht ihn das zweifelsfrei zu so einem Arschloch. Dennoch tue ich mich gerade schwer damit, mir eine Meinung über diesen Mann zu bilden.

Er wurde nicht ertappt oder überführt und noch wichtiger: Er kam zur Besinnung, bevor er tatsächlich was Böses getan hat. Er erklärt, dass die Hautfarbe damals egal gewesen wäre und er zweifelsfrei kein Rassist ist. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass ihm sehr, sehr viele Menschen das nicht abkaufen und ihn nichtsdestotrotz nun als Rassisten beschimpfen.

In seinem neuen Film “Cold Pursuit” spielt er einen Mann, der nach dem Mord seines Sohnes auf einen Rachefeldzug geht. Vermutlich ist es diese Thematik, die diese Geschichte, die tief in ihm schlummerte zutage gefördert hat. Andere würden vielleicht sogar so weit gehen zu behaupten, dass die Geschichte komplett erfunden wäre, nur um mächtig Buzz für den Film zu erzeugen.

Die Premierenfeier in New York wurde unterdessen abgesagt, auch Neeson selbst erschien nicht zur Premiere des Films. Nicht wenige sind jetzt der Meinung, dass seine Karriere durch dieses Geständnis komplett im Eimer sei. Und mein Problem ist es (mal wieder), dass ich einfach nicht so schnell bin mit dem Bilden meiner Meinung, wie online über ihn gerichtet wird.

Ich bin tatsächlich hin und her gerissen, was Neeson angeht. Weil der Schmerz und seine Wut so nachvollziehbar sind. Weil ich aber gleichzeitig niemals vor mir rechtfertigen könnte, selbst ein Menschenleben auslöschen zu wollen. Schon gar nicht, wenn ich wahllos ein Opfer suche, solange es nur eine bestimmte Hautfarbe besitzt.

Vielleicht brauche ich ein paar Tage, um mir da endgültig eine Meinung für mich bilden zu können. Eigentlich habe ich Respekt vor dem Mann, der so eine sprichwörtliche Leiche im Keller hat und sie ohne Not ans Tageslicht zerrt. Gerade, weil er sich dessen bewusst ist, dass das falsch war, was er damals getan hat. Und weil er glaubt, dass in jedem von uns solche dunkle Seiten schlummern können. In einem anderen Interview sagte er:

Wir alle geben vor, dass wir politisch korrekt seien. Aber manchmal kratzt man an der Oberfläche und entdeckt diesen Rassismus und diese Engstirnigkeit. Liam Neeson, Schauspieler

Es geht mir nicht darum, ihn zu verteidigen. Was er damals vor hatte, war einer der größten denkbaren Arschloch-Moves und es ist lediglich dem Zufall geschuldet, dass da kein unschuldiger Mensch ums Leben kam. Viel eher geht es mir aber darum, dass ein Mensch einen großen Fehler einsehen kann und jetzt auch bereit ist, dafür den Kopf hinzuhalten.

Sind wir nicht alle böse Menschen?

Lösen wir uns jetzt mal von Liam Neeson und auch von all den Menschen, die ihn bereits als Rassisten verurteilt haben. Schauen wir auf uns selbst und schauen wir auf die Kommentarspalten in den sozialen Medien. Ich sehe tagtäglich Menschen, die gegen andere Menschen hetzen. Oft ist der Grund lediglich der, dass sie aus einem fremden Land kommen.

Es wird nicht nur gehetzt, sondern es wird auch ein pauschales Urteil gefällt, bei dem beispielsweise von einem Geflüchteten auf alle Geflüchteten geschlossen wird. Es wird auch zur Gewalt aufgerufen, nicht nur Geflüchteten gegenüber. Ich erinnere mich an sehr viele Beiträge mit Fotos von misshandelten Tieren, mit News zu entführten Menschen, missbrauchten Kindern, vergewaltigten Frauen. Immer und immer wieder liest man unter solchen Meldungen von den Gewaltfantasien ganz normaler Nutzer. “Ich wüsste schon, was ich mit dem machen würde”, liest man immer wieder. Auge um Auge, Zahn um Zahn – im vermeintlichen Gefühl, die Wahrheit zu kennen und der Gerechtigkeit verpflichtet zu sein, werden wir dann irgendwann alle zu Menschen auf einem Rachefeldzug.

Dann sind da auch Menschen, die sowas schreiben wie “Was würdest Du machen, wenn es Dein Kind wäre”. Ja eben – was würdest Du machen? Wie weit würde ein junger Vater gehen, wenn man seinem Kind was Furchtbares antut? Wer von uns kann für sich ausschließen, nicht mit dieser Wut im Bauch Dinge zu tun — oder zumindest zu denken — die komplett untypisch für ihn sind?

Nochmal, ich will Neesons Tun damals nicht rechtfertigen, aber ich würde mir wünschen, dass wir fairer werden im Umgang mit unseren Mitmenschen. Diese Geschichte ist wirklich eine sehr krasse, die mich derzeit wirklich beschäftigt und die ich noch nicht einordnen kann. Aber ich selbst werde oft angefeindet, ohne dass ich vorher ahnen konnte, dass es dazu kommen könnte. Was mich faktisch auch zu einem bösen Menschen macht, zumindest aus dem Blickwinkel dieser Menschen betrachtet.

Wenn ich sage, dass ich weniger Fleisch essen möchte, dann werde ich von denen angepöbelt, die mich für einen schlechten Menschen halten, weil ich überhaupt noch Fleisch esse. Ich hab mich schon billig über andere Menschen lustig gemacht, bin vielleicht zu viel in der Welt herumgeflogen für jemanden, der behauptet, dass ihm das Klima auf dem Planeten am Herzen liegt. Ich hab unbedacht Dinge gesagt, die mir nicht hätten rausrutschen dürfen und die mir später leid taten.

Ich hab gelogen, habe Menschen enttäuscht und hängen lassen. Ich melde mich zu oft nicht bei Freunden und vergesse ihre Geburtstage. ich hab mich in Marokko mit ‘nem angeketteten Affen fotografieren lassen und ich hab sogar einmal im Leben eine Frau betrogen. Interessiert euch alles nicht? Gut, geht klar, aber das ist hier auch nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass ich mich für einen reflektierten, intelligenten Menschen halte. Für jemanden, der sich auch dann beide Seiten einer Medaille anschaut, wenn der erste Eindruck eine klare Sprache spricht. Der keine Menschen vorverurteilt — nicht wegen Herkunft oder Hautfarbe, nicht wegen Alter, Religion oder Parteizugehörigkeit und auch nicht wegen sexueller Präferenzen. Das macht mich nicht zum Anwärter auf den Friedensnobelpreis, sorgt aber zumindest dafür, dass ich mir jeden Tag vor dem Spiegel in die Augen schauen kann.

Und trotzdem hab ich all diese Leichen im Keller. Mal hab ich tatsächlich Scheiße gebaut und muss später dafür gerade gestehen. Ganz oft aber sehe ich in meinem Tun nichts Schlimmes, werde aber online dennoch angezählt und das hängt für mein Empfinden mit dieser hohen Empörungsbereitschaft zusammen, mit dem regelrechten Durst danach, dass jemand abgestraft wird. Bei mir persönlich ist das alles noch erträglich, aber ich sehe online viele Menschen, die absolut ungerechtfertigt in einen Shitstorm geraten. Dieser Shitstorm ist drei Tage später vielleicht vorbei und die Meute stürzt sich auf das nächste Ärgernis — die Betroffenen aber haben oft noch sehr viel länger daran zu knabbern.

Mir fällt gerade noch ein Beispiel ein: Ein sehr guter Freund hat einen Berg Stofftiere verschenkt. Stofftiere, die sich in seiner Familie über die Jahre angehäuft haben und mit denen seine Kinder nicht mehr spielen. Man konnte sich auf Facebook unter dem jeweiligen Foto melden und bekam dann das jeweilige Stofftierchen. Halte ich für eine geile Nummer und selbstlos obendrein auch noch. Und wie reagieren Leute? Meistens natürlich ebenso positiv wie ich, aber es gibt auch Leute, die ihm das vorwerfen. Er wolle sich über andere erheben und als Wohltäter darstellen.

Was ich mit all dem sagen will: Egal, ob es um Stofftiere geht, um unflätige Bemerkungen, aber auch um wirklich verwerfliche Taten, wie Neeson nun eine gestanden hat — wir sollten uns immer, wirklich immer die Zeit nehmen, uns eine Meinung zu bilden. In vielen Fällen reicht es, einfach mehrere Newsquellen zu checken, um etwas einordnen zu können. Wenn es eine Geschichte aus dem privaten Umfeld ist, kann man die Beteiligten befragen und das allerbeste — und das funktioniert im eigenen Bekanntenkreis ebenso gut wie mit Fremden auf Facebook: Man kann auch einfach mal sagen: “Jau, war scheiße”, und die Nummer dann einfach mal abhaken.

Nicht jeder dumme, unbedachte Spruch ist ein Übergriff und nicht jeder Tweet oder jeder Kommentar muss zwingend mindestens eine Entfreundung, ein Blockieren oder den Ruf nach beruflichen Konsequenzen mit sich ziehen.

Vermutlich ist das jetzt dem einen oder anderen ein bisschen zu schwammig, wenn ich hier mal von einem geplanten Mord und mal von einem unbedachten Spruch rede, aber ich denke nun mal wirklich, dass wir besonnener mit solchen Informationen umgehen müssen. Wir müssen versuchen, Dinge zu verifizieren und aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Und wir müssen wieder lernen, bei manchen Geschichten festzustellen, dass es wirklich kacke war, sowas zu sagen/zu tun — und dann einfach weitermachen.

Was den konkreten Fall Neeson angeht, überlege ich immer noch. Ich überlege, wie ich mich selbst positioniere, überlege, was in diesem Menschen damals vorging und heute vorgeht und überlege, welche Konsequenzen ein einziges Interview auf sein restliches Leben haben könnte. Vielleicht könnt ihr mir ja ein bisschen auf die Sprünge helfen – ich würde mich freuen.