Kommentar

Liebe Hater, kommt drauf klar: Autos in Städten werden weniger – und elektrisch

Die guten News häufen sich: Mehr Radwege in den Städten, mehr Auswahl bei den Stromern, politische Entscheidungen zugunsten emissionsfreier Antriebe. Gleichzeitig steigt aber auch der Hate in den sozialen Medien. Liebe Hater: Kommt mit den Veränderungen klar! 

von Carsten Drees am 24. September 2020

Machen wir uns nichts vor: 2020 wird als Katastrophenjahr in die Geschichte eingehen. Die Coorna-Pandemie ist für viele Tote verantwortlich, Erkrankte leiden mitunter langfristig unter den Folgeerscheinungen und was Covid-19 der Wirtschaft angetan hat, brauchen wir ebenfalls nicht diskutieren. Großbritannien hat die EU verlassen, der Rest der EU ist heillos zerstritten und bietet — Stichwort Moria — bei der Flüchtlingsthematik derzeit ein haarsträubendes Bild.

Nehmt dazu dann noch die Ereignisse in den USA, egal ob Trump, die Plünderungen und Unruhen, die Waldbrände und den grassierenden Rassismus und dann kann man in Kombination mit allem, was ich vorher aufzählte, wohl zweifellos schon jetzt ein ganz mieses Resümee für 2020 ziehen.

Aber ich will mich ja nicht in die totale Depression reden, sondern eigentlich erzählen, dass es ja auch erfreuliche Entwicklungen gibt. Wie so oft liegt dieses “erfreulich” aber im Auge des Betrachters, das stellt man vor allem mit Blick in die sozialen Medien fest. Gerade freue ich mich darüber, dass Kalifornien sich mittelfristig und verbindlich von Benzinern und Diesel verabschiedet, dass bundesweit immer mehr Städte und Gemeinden dafür sorgen, dass die Cities Fahrrad-freundlicher werden und allgemein das Thema Klimawandel und Mobilität nicht mehr aus den Nachrichten und den politischen Agenden wegzudenken ist.

Von Euphorie bin ich zwar noch meilenweit entfernt, weil viel zu viele Dinge noch nicht passen. Aber es tut sich eben was. Vor Jahren haben wir hier davon fabuliert, dass es mal eine Entwicklung geben könnte, an deren Ende Innenstädte stehen, die nicht mehr von Autos so brutal dominiert werden, wie das aktuell noch der Fall ist. Danach kamen dann Städte wie Wien, Kopenhagen, Amsterdam und Barcelona und machen vor, wie man sowas angehen kann. Und jetzt passiert es eben auch hier — im Land der Autofahrer.

Autohersteller kapieren, dass sie nicht nur Autos herstellen dürfen, wenn sie morgen noch eine Rolle spielen wollen, sondern Mobilitäts-Dienstleister werden müssen. Politiker, die moderne, nachhaltige Konzepte durchsetzen wollen, die auf Nachhaltigkeit setzen, besitzen nicht mehr zwingend ein grünes Parteibuch, sondern kommen aus (fast) allen politischen Lagern. Selbst hier in Dortmund bewegt sich was und das Beste daran ist, dass sich das alles mehr und mehr im Bewusstsein der ganzen Bevölkerung festsetzt.

Was ich eigentlich sagen will? Es geht mir um all diejenigen, die mit Feuereifer ihren Hate im Netz versprühen, egal ob bei Facebook, Twitter oder sonst wo. Erst heute habe ich mich in Kommentarspalten wieder mit Menschen herumgeärgert, die so offensichtlich nicht an Diskurs interessiert sind, die Faktenlage nicht mal ein bisschen kennen und die außer Plattitüden, auswendig gelernten Phrasen und Vorurteilen maximal noch Beschimpfungen zu bieten haben.

Und wisst ihr was? Es wird mir bestimmt noch eine Million mal auf den Sack gehen, dass es diese Leute gibt, die so wenig lernfähig sind und die einfach aus Protest so gar keinen Nerv auf nur ein kleines bisschen Veränderung haben — aber im Grunde feiere ich es ab, dass man sieht, dass sie mit ihren altertümlichen Ansichten, ihrem verzogenen moralischen Kompass und ihrer kolossalen Fehleinschätzung der globalen Situation faktisch auf der Verliererstraße angelangt sind.

Wieso ich euch das erzähle? Kein Schimmer — die einen werden es eh vermutlich genau wie ich sehen und die anderen beschimpfen mich sicher eh wieder, wie immer, wenn man hier die Nachhaltigkeits-Karte spielt. Ich hoffe jedenfalls inständig, dass all die Menschen, die mich auch heute wieder hämisch belehrt haben, dass es ohne Auto einfach nicht geht, in zehn oder fünfzehn Jahren durch ihre Innenstädte marschieren und sich ärgern, dass man weit und breit kaum noch ein Auto sieht.

Oder nee, anders: Eigentlich hoffe ich, dass diese Hater in zehn oder fünfzehn Jahren durch die City gehen, sich die flanierenden Menschen und die begrünten Flächen anschauen und sich denken: “Ach doch, ist eigentlich geil”.

PS: Morgen ist wieder großer Aktionstag von #FridaysForFuture – geht hin, wenn ihr könnt und unterstützt die jungen Menschen, die innerhalb eines Jahres so viel mehr erreicht haben, als die ganze, versammelte Hater-Schar.