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Kurz aufgeregt

Liebe Influencer: Nein, verdammt – ihr seid KEINE Blogger!

Pauschales Influencer-Bashing ist leicht, hab ich auch nicht vor. Aber eine Sache stinkt mir doch ziemlich: Liebe Influencer, nennt euch doch bitte nicht alle "Blogger"! 

von Carsten Drees am 13. Mai 2019

Ich bin schrecklich unvernünftig manchmal. Das äußert sich zum Beispiel so, dass man in Kommentarspalten mitliest, von denen man vorher schon weiß, dass man da ohne Magengeschwür und einer pulsierenden Halsschlagader nicht rauskommt. Manchmal reicht es aber auch schon, dass man sich einfach ein Stündchen mit den Sorgen und Nöten von Influencern beschäftigt.

Vor einigen Tagen stolperte ich über einen Tweet von Palle:

Die Influencerin, um die es in diesem Beispiel konkret geht, nennt sich Anna Ix und weil ich so ein gut erzogener Kerl bin, verlinke ich auch ihren Instagram-Kanal. Auf jetzt.de ist das dazugehörige Interview mit ihr veröffentlicht worden, in dem sie auch von einem wirklich unschönen Erlebnis in der Türkei berichtet. Sie erzählt aber nicht nur von einer Betrugsmasche, bei der es darum ging, Reisepässe von Touristen zu erbeuten, sondern gibt auch Einblicke in den Alltag eines Influencers. Unter anderem lesen wir dort das von Anja Rützel geteilte Zitat, welches ihr in Saschas Tweet lesen könnt:

Wenn eine Reiseagentur einen Trip für Influencer plant, dann ist jeder Tag durchgetaktet. Da steht dann zum Beispiel auf dem Plan: Gerade mal zwei Stunden Zeit für Frühstück im Hotel und danach musst du eine Rundfahrt auf einem Schiff mitmachen. Und zwar auch, wenn du keine Lust hast oder krank bist. Du musst dann eben deinen Job machen. Das ist genauso wie bei einer normalen Arbeit. Anna Ix, Influencerin

Für Anna klingt das nach einem harten Knochenjob, aber ganz ehrlich: Zwei Stunden Zeit fürs Frühstück und danach eine Schiffsrundfahrt — ich nenne sowas Urlaub. Wie andere Influencer auch beklagt Anna, dass viele anscheinend nicht wertschätzen, wie viel Arbeit hinter ihrem Job steckt. Sie beschreibt ihren Arbeitstag im Interview so:

Du bist immer geschminkt, immer gut gelaunt, auch wenn du dich gerade mit deinem Mann gestritten hast. Du musst immer positiv sein und bist ununterbrochen mit deinem Handy beschäftigt. Du musst Bilder machen, sie bearbeiten und ständig neuen Content bieten. Du musst deine Community unterhalten – und zwar wirklich den ganzen Tag. Anna Ix

Ich schrieb es in der Einleitung, dass ich nicht pauschal Influencer oder Influencerinnen bashen möchte, aber wenn jemand erklärt, wie knallhart der Job ist und gleichzeitig bemängelt, dass man auf einer beruflichen Reise nur zwei Stunden zum Frühstücken hat, dann hilft man meines Erachtens nicht gerade dabei, das Bild der Influencer in einem besseren Licht zu präsentieren — eher im Gegenteil.

Die Kameradin hat in knapp fünf Jahren immerhin 590 Beiträge gepostet. Wenn ich mich nicht verrechnet habe — ich hab mal grob 1.800 Tage und 600 Beiträge kalkuliert — ist das ein Beitrag alle drei Tage. Wie das so oft in diesem Business ist, hat sich das bei ihr natürlich auch später professionalisiert, so dass wir berücksichtigen müssen, dass sie anfangs vielleicht eine andere Posting-Frequenz hatte als aktuell. Zumindest in den letzten Wochen war es aber auch so, dass sie ein Bild täglich postet, oft auch alle zwei Tage ein Posting. Ich muss zugeben, dass man da das Bild der hard working woman wirklich nur schwer vermittelt bekommt.

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*Werbung Also was grade abgeht ist für MICH nicht normal 😂 Das Kamerateam von @sat.1 hat bestimmt gedacht, die alte ist durch 😂 Der Mops ist gegen die Scheibe gesprungen, Sven hat oben mein Insta-Zimmer sauber gemacht, ich habe 3748383 Sprachfehler gehabt 🤣 Für mich war das eine krasse Erfahrung, die ich wirklich zu schätzen weiß. Wie das ganze funktioniert, wie das abläuft und wie es am Ende aussieht. Der Bericht war wirklich mal positiv und dafür danke ich @endlichfeierabend 🙏🏻 Mit dem Reporter @reporter_uncle sind wir im Kontakt und werden bestimmt mal ein Kaffee trinken gehen ☺️ Ich war im TV 😭 unten stand Anna Ix – Influencerin 😭 Für mich ist das was großes! Wichtig ist aber das es wirklich alle mitbekommen haben, dass man im 21ten Jahrhundert doch nicht immer sicher ist, dass nicht alle Menschen nett sind. Ich habe definitiv aus der Geschichte gelernt, werde mein nächsten Reisepass kopieren und nur noch die Kopie abgeben 🤞🏼 Vielen Dank auch hier an der Stelle an meine Community die hinter mir steht 😭🙏🏻 das bedeutet mir soooo viel! Ihr seid wirklich Goldwert, meine Freunde und meine Unterstützung! 😘 #tv #annaix #travelblogger #germany #blogger_de

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An ihrem Content will ich gar nicht herummäkeln, denn die Fotos sind meist wirklich toll arrangiert und komponiert, zumindest wirkt das aus meiner Noob-Sicht so.

In der Headline sage ich, dass Influencer keine Blogger sind. Dafür ist Anna jetzt vermutlich ein denkbar schlechtes Beispiel, immerhin ist sie sowohl Influencerin als auch Bloggerin — zumindest technisch gesehen. Soll heißen, ja — sie hat ein Blog. Dort wird zwar nicht wirklich viel geschrieben — das meiste ist Werbung für eigene Produkte und denen von dritter Seite, aber streng genommen ist sie dennoch Bloggerin.

Aber ich schrieb oben ja auch davon, dass ich manchmal schrecklich unvernünftig bin. In diesem Fall äußerte sich das so, dass ich nämlich durch dieses Interview und durch Reaktionen auf Twitter weiter durchs Netz surfte, mir Kommentare von verschiedenen Leuten durchlas und dann bei anderen Influencerinnen landete, die sich eben auch oft “Bloggerin” schimpfen, bei denen aber außerhalb von Instagram überhaupt nichts passiert. Es gibt eine Schnittmenge zwischen Bloggern und Influencern, aber es ist beileibe nicht dasselbe.

Da kommt jetzt vielleicht mein Alter und eine etwas konservative Sicht auf die Dinge zum Vorschein, aber für mich sind diese Menschen eben keine Blogger. Viele würde ich nicht mal “Influencer” nennen, weil für mich nicht ersichtlich ist, dass 150.000 Follower gleichzeitig auch bedeuten, dass man 150.000 oder auch nur annähernd so viele Menschen wirklich beeinflusst — egal, wie oft man die tolle eigene Community lobt.

Und nein, ich halte auch “Wenn ihr Schnuckimaus10 angebt, bekommt ihr den Eyeliner auch 10 Prozent günstiger” nicht für “Influencen”, wenn ihr mich fragt. Aber wie gesagt — vielleicht ist das alles nur eine Frage der Sicht und der Definition.

Ich selbst sehe mich natürlich als Blogger, weil ich privat seit vielen Jahren blogge und weil ich es eben auch beruflich seit Jahren tue. Bloggen geht für mich nicht ohne geschriebenes Wort, wobei es mit Foto- oder Video-Bloggern natürlich andere Sparten gibt, in denen das anders sein mag. Aber das Wort “Blog” hat ja eine Herkunft, die man hier sicher keinem erklären muss und Menschen, die alle zwei Tage ein Foto posten, sind für mich eben keine Blogger.

Daher trifft es mich, dass — von Influencern selbst, ebenso aber von “Fans” und auch medial — die Begriffe Influencer und Blogger oft synonym verwendet werden.

Nochmal: Nichts gegen Anna Ix! Sie soll gerne ihre detailreichen Fotos machen und dafür auch gern Influencerin genannt werden. Aber mit Bloggen hat es für mich nichts zu tun und ich könnte mir vorstellen, dass es auch Reisebloggern ähnlich geht. Deren Pressereisen sehen nämlich vor, dass sie ebenfalls auf Einladung Hotels besuchen und an organisierten Touren teilnehmen, sie ebenfalls verschiedene Kanäle mit ihren Fotos bespielen, dazu aber noch einen ganz anderen Mehrwert für ihre Partner bieten, indem sie ausführlich niederschreiben, was ein Land, eine Region, ein Hotel etc. zu bieten hat.

Romy ist Reisebloggerin, Anja ist Reisebloggerin — Leute, die reisen und darüber schreiben, sind Reiseblogger, egal ob sie es beruflich oder nur nebenher tun. Menschen, die auf Reisen eingeladen werden und ein Foto und ein paar Insta-Stories posten, sind für mich eben keine Reiseblogger. Mich regt es auf und ich bin mir dessen klar, dass das für viele von euch wirken muss, als ob ich mit meinen Ansichten aus der Zeit gefallen bin bzw. die heutige Publishing-Zeit nicht mehr kapiere. Ist mir aber egal, ich musste es dennoch aufschreiben — weil ich Blogger bin.