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Liebe Social Media-Halbgötter: Lernt Verantwortung!

Die Säue, die derzeit durchs Medien-Dorf getrieben werden, heißen aktuell Amani und Palmer. Vor allem Enissa Amani nutzt gerne und ganz bewusst ihre Reichweite. Es ist wie immer: Mit Macht wächst auch die Verantwortung - dessen sind sich viele anscheinend nicht bewusst. 

von Carsten Drees am 24. April 2019

Grundsatzfrage: Wer liegt richtig? Der mit den besseren Argumenten oder doch der mit der größeren Zahl an zustimmenden Followern? In Zeiten eines Präsidenten Trump und alternativen Fakten eine komplexere Frage, als man es eigentlich annehmen sollte. Nahezu täglich bemerken wir in den sozialen Medien, dass es leider lange schon nicht mehr darauf ankommt, tatsächlich im Recht zu sein. Wenn Du 100 Follower auf Twitter hast, kannst Du ruhig erzählen, dass der Himmel blau ist. Wenn Dir dann jemand mit 100.000 Followern ans Bein pinkeln will, erzählt er einfach, dass der Himmel grün ist und seine Follower-Schar wird Dich dafür beschimpfen, dass Du so dämlich bist, einen blauen Himmel zu sehen. Das ist nicht schön, aber es ist leider ganz oft so derzeit.

Spontan fällt mir dazu ein Politiker ein, der das Parteibuch der Grünen besitzt, in dieser Eigenschaft Oberbürgermeister in Tübingen ist, sich aber meistens eher anhört, als wäre er einer blau-braunen Partei zugehörig. Die Rede ist natürlich von Boris Palmer, der jüngst dadurch auffiel, sich an der Webpräsenz der Deutschen Bahn abzuarbeiten. Auf Facebook postete er gestern Folgendes:

Der shitstorm wird nicht vermeidbar sein. Und dennoch: Ich finde es nicht nachvollziehbar, nach welchen Kriterien die…

Gepostet von Boris Palmer am Dienstag, 23. April 2019

Palmer erwartet förmlich einen Shitstorm — und er bekommt ihn. Und er stellt in seinem Posting die Frage:

Alle, die mich jetzt fragen, warum ich dieses Thema aufgreife, frage ich zurück: Wenn die Auswahl dieser Bilder vollkommen belanglos, normal, unbedeutend ist, warum regt ihr euch dann so auf? Boris Palmer, Die Grünen

Palmer ist Medien-Profi. Ich mag auf seine Frage und generell auf sein Thema gar nicht eingehen an dieser Stelle, ich halte seinen Ansatz einfach für hanebüchen. Aber er weiß, wie Social Media funktioniert, wie die Leute reagieren und wie sich Menschen instrumentalisieren lassen. Dass er für seine Provokationen von der AfD deutlich mehr Applaus bekommt als von seiner eigenen Partei, steht dabei auf einem anderen Blatt.

Aber ich möchte ja von Verantwortung in den sozialen Medien reden und da gibt es aktuell ein viel besseres Beispiel, die zweite der oben angekündigten Säue, die derzeit durchs mediale Dorf getrieben werden. Es geht um die Comedienne (ich nehme mal dieses Wort, um “Komikerin” zu vermeiden) Enissa Amani.

Dazu muss ich was vorwegschicken: Als ich vor Jahren ihre ersten Auftritte sah, fand ich sie wirklich unterhaltsam. Nicht jede Pointe funktionierte für mich, aber das gilt ja für so ziemlich jeden in der Branche. Irgendwie wurden die Gags aber für meinen Geschmack lahmer, vielleicht bin ich da auch einfach zu weit weg von der Zielgruppe. Ihre TV-Show auf Pro Sieben fand ich katastrophal schlecht, dennoch hatte ich ihr gewünscht, dass sie damit mehr Erfolg hat. Das lag auch daran, dass sie sich in Talkshows immer sehr eloquent und intelligent präsentierte und mir viele ihrer Ansichten gefielen.

Das ist übrigens auch heute mitunter noch so, wenn sie sich beispielsweise mal wieder gegen die AfD in die Schlacht wirft. Aber auch sie ist eben nicht davor gefeit, sich mal komplett zu verrennen und ich fürchte, genau das passiert derzeit.

Ein Influencer-Award, eine Journalistin – und eine “Komikerin”

Was war passiert? Zunächst einmal nichts wirklich Wildes: Letzte Woche Donnerstag wurden die “About You”-Awards vergeben. Das ist sowas wie die Oscar-Verleihung für Influencer, die letzte Woche bei Pro Sieben über die Bühne ging. Es gab jede Menge bekannte und weniger bekannte Gesichter, die mit Awards ausgezeichnet wurden, logischerweise eine Jury und auch Laudatoren.

Ich mag jetzt nicht schon wieder erzählen, was ich generell von dieser Influencer-Blase halte und ebenso will ich nicht pauschal Menschen in dieser Blase absprechen, hart für ihren Erfolg zu arbeiten. Man kann auch generell davon halten, was man möchte und wer nichts damit anfangen kann, muss sich die Show eben nicht reinziehen. Hab ich auch bei der Ausstrahlung nicht getan, dennoch erreichten mich selbstverständlich die Auswüchse dessen, was dort über die Bühne ging.

Vermutlich hätte ich nicht einmal von dieser Awards-Show erfahren, hätte nicht Anja Rützel anschließend einen ihrer berüchtigten Wortbeiträge zu diesem TV-Spektakel verfasst. Rützel ist dafür bekannt, dass sie sehr scharfzüngig formuliert, sie geht dabei aber generell nicht unter die Gürtellinie.

Das gilt auch für ihre Betrachtung der Influencer-Awards und wie ihr es euch denken könnt, hat sie an den meisten Protagonisten kein gutes Haar gelassen. An dieser Stelle kommt dann auch Enissa Amani ins Spiel. Sie war sowohl Jury-Mitglied als auch Laudatorin und Rützel schrieb in ihrer Kolumne:

Jurymitglied Enissa Amani hält einen sehr langen, extrem sonderbaren Vortrag darüber, dass sie sich als Stand-upperin diskriminiert fühlt, wenn man sie “Komikerin” nennt (und dass sie sich “Nutten” für ihre Bühnenshow wünscht). Ja, sie kündigt gar an, nach Nicaragua auswandern zu wollen, um dort fürderhin Papayas zu züchten, sollte sie von der Presse noch einmal als “Komikerin” bezeichnet werden …

Rützel nutzt selbstverständlich die Gelegenheit, Amani wieder und wieder “Komikerin” zu nennen und betont abschließend noch einmal: “Nur noch mal zur Sicherheit: Komikerin.” Die Intention ist klar: Natürlich wird hier niemand aufgefordert, sich zwecks beruflicher Veränderung gen Nicaragua zu orientieren. Vielmehr geht es darum, der Leserschaft mitzuteilen, wie viel — oder weniger — man von dem Humor der Comedienne hält.

Amani hat jedes Recht, sich dazu zu Wort zu melden, wenn sie sich da mies behandelt fühlt. Aber ehrlich: Sie wird nicht wirklich angegriffen, nicht beleidigt und hätte mit der ganzen Nummer entspannter umgehen können. Stattdessen macht sie aber auf Twitter, Facebook und vor allem Instagram mobil gegen Anja Rützel. In ihren Instagram-Stories schießt sie sich auf Rützel und auf den in ihren Augen zu einem Schmierblatt verkommenen Spiegel ein, wie ihr auf den nächsten Screenshots seht:

Schon an diesem Punkt weiß ein Medien-Profi — und Amani ist zweifellos ein solcher –, dass sich jetzt Scharen von Fans auf die Suche nach Rützels Instagram-Account machen. In der Folge arbeitet sich Amani in weiteren Beiträgen an der Journalistin ab, heizt ihre eigenen Fans weiter an und spart auch nicht mit Häme, als Rützel aufgrund der Vielzahl von Beschimpfungen auf ihrem Profil ihren Instagram-Account auf privat schaltet. Hier sind noch drei Screenshots:

Anja Rützel hat die ganze Geschichte übrigens bei Twitter chronologisch aufbereitet, schaut also unbedingt dort vorbei. Feststeht, dass keine der beiden Damen verdient hat, dass sich Menschen unflätig zu Wort melden, sie beleidigen oder ihnen gar drohen. Genau das passiert aber vielfach, wir ihr euch denken könnt.

Wie oben erwähnt habe ich durchaus Sympathien für Amani, auch wenn ich über ihren Humor schon lange nicht mehr lachen kann. Aber hier verrennt sie sich definitiv, kann es aber leider nicht erkennen, weil sie unter ihren jeweils 500.000 Followern auf Instagram und Facebook so viele Schulterklopfer hat, dass ihr ein objektiver Blick einfach nicht mehr möglich ist. Ich stoße mich da gleich an mehreren Punkten:

  1. Anja Rützel schreibt eine Kritik über diesen Award. Amani beklagt mangelnde Konstruktivität, aber in einer TV-Kritik geht es um alles Mögliche, sicher aber nicht darum, konstruktiv die kritisierte Show zu verbessern.
  2. Amani leitet aus dem wiederholten Erwähnen der “Komikerin” ab, dass Rützel tatsächlich möchte, dass sie das Land verlässt. Das ist selbstverständlich Quatsch, der auch eigentlich keiner weiteren Erwähnung bedarf.
  3. Daraus resultierend meldet sich Amanis derzeitiger Lieblings-Feind Andreas Winhart von der AfD und wiederholt Rützels (nie getätigte) Aussage, dass Amani das Land verlassen soll. Es geht nicht, dass Rützel dafür gerade stehen soll, dass sie ohne ihr Zutun von der AfD instrumentalisiert wird.
  4. Enissa Amani erkennt (vielleicht mutwillig) nicht, dass es sich nicht um ein objektives Stück Journalismus handelt, sondern um einen Meinungs-Artikel.

Unappetitlich geht es auch weiter, als nämlich Amanis Überheblichkeit glatt in Größenwahn umschlägt. In einem mittlerweile wieder gelöschten Tweet erklärt sie: “Tja, wir sind eben die neue Presse, nur mit mehr Reichweite.”

Sie geht nicht ins Detail, wen sie mit “wir” meint. Wir Jüngeren? Wir Comedians? Wir Social-Media-Nutzer? Wir Influencer? Vielleicht löst Amani das ja irgendwann noch auf. Feststehen dürfte allerdings, dass das lautere Geschrei der eigenen Follower nichts mit tatsächlicher Deutungshoheit zu tun hat. Wer lauter schreit, hat eben noch lange nicht recht.

Was Enissa Amani komplett verkennt: Sie wettert so gerne — und auch berechtigt — gegen die AfD, zieht jetzt aber ihren Rützel-Feldzug mit genau denselben populistischen Waffen durch wie die von ihr gehasste Partei und ist sich auch nicht zu blöd, die Frage nach Richtig oder Falsch mit der größeren Reichweite beantworten zu wollen.

Nebenher macht sie noch einen weiteren Kriegsschauplatz auf, weil mittlerweile auch Micky Beisenherz eine Kolumne verfasst hat. Die nennt sich treffenderweise Enissa Amani oder wenn die Narzissmen blühen. Darin schreibt Micky mit Blick darauf, dass Amani-Anhänger mit Schaum vorm Maul von Rassismus sprechen:

Wenn der Fall Amani überhaupt Beleg für einen grassierenden -Ismus ist, dann weniger für Rassismus, sondern vielmehr Narzissmus und gekränkte Eitelkeit. Ein Wesenszug, der in der deutschen Comedy noch verbreiteter scheint als im Deutsch-Rap. Was eigentlich schon fast unmöglich ist.

Damit schließt sich in diesem Beitrag der Kreis, denn Narzismus ist auch die nicht ganz so geheime Superkraft des eingangs erwähnten Donald Trump. Gleichzeitig ist es auch ein sehr gefährlicher Charakterzug, bei dem ich nicht weiß, ob eine große Follower-Schar in den sozialen Medien diesen überhaupt erst aktiviert, oder ob er dadurch lediglich sichtbar wird.

Mein Problem mit dieser ganzen Geschichte, um dann jetzt doch mal langsam zum Ende zu kommen: Immer mehr Menschen erliegen diesem Machtgefühl, welches mit einer großen Gefolgschaft einhergeht. Mir ist das komplett scheißegal, wenn eine Million oder hundert Millionen Menschen abartige Musik abfeiern oder über schlechte Witze lachen. Schwierig wird es aber dann, wenn das große Gefolge dazu missbraucht wird, Meinung zu machen bzw. eine eigene Meinung als Fakt zu verkaufen.

Wir alle müssen immer noch lernen, mit dem relativ neuen (hihi) Medium “Internet” umzugehen. Welche Wirkung erzeuge ich, was darf ich wie teilen und was lieber nicht, wie erkenne ich Fake-News und vieles mehr. Aber es gilt eben auch für die Social-Media-Halbgötter mit vielen, vielen Tausend Followern und für die ist es noch viel schwieriger. Die bekommen nämlich von Fans, die ihnen vielfach nach dem Maul reden, so unendlich viel Applaus im Netz, dass der eigene Werte-Kompass da durchaus schon mal verrutschen kann.

Genau daher mein Appell an Enissa Amani (und an jeden anderen Promi, der sich über eine große Zahl Fans freuen kann):

Liebe Enissa,

werde Dir Deiner Verantwortung bewusst! Du kannst gegen Micky Beisenherz wettern und auch Rützels Kritik unangemessen finden. Meinetwegen kannst Du auch so viel Contenance verlieren und Dich dazu hinreißen lassen, beiden zu unterstellen, dass sie Deinen Namen missbrauchen für mehr Aufmerksamkeit oder mit Deiner fetten Netflix-Kohle prahlen. Beides ist kacke, aber ich muss ja auch nicht alles gut finden, was Du tust.

Aber lerne doch bitte, bitte ganz flott, wie man mit der großen Verantwortung umgeht. Lerne, dass viele Schulterklopfer nicht bedeuten, dass man richtig liegt. Lerne den Unterschied zwischen objektivem Journalismus und Meinungsbeiträgen. Und rede Dich nicht damit raus, dass Du — wie in diesem Fall — nicht einmal den Account des Kontrahenten erwähnt hast. Du bist Profi genug und weißt, wie engagierte und teils verblendete Fans sich im Netz verhalten, wenn Du ihnen ihr Opfer auch nur indirekt vorwirfst.

Dein Carsten

PS: Da Du Dich ja über das Wort “Komiker” so echauffierst und es damit verglichen hast, dass damals alle statt “Rappern” von “Sprechgesanglern” gesprochen haben: Nein, es wurde zwar (von Rappern selbst) das Wort “Sprechgesang” verwendet, aber niemand hat je “Sprechgesangler” gesagt. Vielleicht solltest Du da ein bisschen toleranter werden, wenn Dich jemand einen Komiker bzw. eine Komikerin nennt.

PPS: Und Micky Beisenherz wirft Dir aus gutem Grund Narzismus vor. Selbst bei einer Ego-Nabelschau wie so einem Influencer-Award muss man nicht fünf von sieben Laudator-Minuten damit verbringen, über sich selbst zu quatschen. Auch hier wäre ein bisschen mehr Selbstreflexion angesagt. Ich verlinke Dir die Show hier nochmal: Schau bei etwa 41 Minuten selbst noch mal rein und zähl gegebenenfalls mal mit, wie lange Du da nicht über die Nominierten sprichst.


Gruselig finde ich vor allem, dass Enissa Amani eine intelligente Person ist. Von einem intellektuellen Einzeller wie Mario Barth erwarte ich gar nichts anderes, als lautes Trommeln und populistischen Mist. Aber von einer Frau Amani habe ich mir eigentlich mehr erwartet. Das finde ich deswegen gruselig, weil es mich befürchten lässt, dass mehr und mehr Promis diesem Machtrausch erliegen und immer öfter die Deutungshoheit verloren geht. Wir dürfen nicht vergessen, wie wichtig guter Journalismus ist und wie wenig dieser Journalismus mit Kommentaren, Glossen, Kritiken und ähnlichen Meinungsbeiträgen zu tun hat.