Kommentar
Lieber Mesut Özil, lieber Jogi Löw, liebe Fans: Alles wird gut

Die WM ist vorbei - zumindest für Deutschland. Medial und in den Netzwerken wird natürlich kräftig diskutiert - viel zu oft dabei nur über Özil. Ein offener Brief, nein - drei offene Briefe: An Özil, an Löw und an alle anderen!

Lieber Mesut Özil,

Mann, Mesut! Ich sag mal „Du“ — das lockert die Atmosphäre ein wenig auf. 92 Länderspiele hast Du bislang bestritten, in denen Du immerhin 23 Buden gemacht hast. Du bist Weltmeister geworden, hast in Spanien und England Meisterschaften und Pokale gewonnen. In der Welt kann man über Dich lesen:

Liebe Mesut-Özil-Kritiker, lassen wir die Zahlen sprechen: 383 angekommene Pässe, 16 von 20 gewonnenen Dribblings und vor allem 18 kreierte Torchancen. In jeder dieser Statistiken belegt Mesut Özil Platz drei aller EM-Spieler.

EM? Ja, richtig gelesen — der Text hat schon zwei Jahre auf dem Buckel und wurde anlässlich der letzten Europameisterschaft geschrieben. Das zeigt, dass wir es hier mit einer gewissen Duplizität der Ereignisse zu tun haben. Als amtierender Weltmeister, der auch 2014 ein ordentliches Turnier gespielt hat und als Nationalspieler, der laut Statistik zu den Top-Spielern der EM gehörte, hat Dich dennoch damals schon der Zorn des Volkes getroffen.

Die Vorwürfe waren damals wie jetzt oft identisch: Was für eine Körperspannung/-sprache, kein wirklicher Leader, singt die Hymne nicht mit, spielt schlecht. Für Deine Körperspannung kannst Du anscheinend nichts, Mesut und ganz unter uns: Ein wirklicher Führungsspieler im eigentlichen Sinne warst Du auch noch nie. Das ist aber okay — nicht jeder hat das Zeug zum Spieler, der stets voran geht. Der Rest ist Quatsch! Weder hängt die Qualität der Mannschaft von der Zahl der Stimmen bei unserer Hymne ab, noch hast Du spielerisch mehr enttäuscht als andere.

Ich finde auch, dass das ein schöner Fingerzeig ist, wenn man zu erklären versucht, wieso jetzt plötzlich alles auf Dich einprasselt. Dazu kommt selbstverständlich noch die Nummer mit dem Erdogan-Foto. Das war suboptimal, weißt Du mittlerweile selbst. Im Nachhinein ist für mich das Schlimmste daran nicht, dass man eigentlich wissen müsste, was für eine Strahlkraft ein solches Bild für den Despoten in seinem Land hat. Schlimmer ist, dass eigentlich absehbar war: Wird Deutschland nicht Weltmeister, dann wird dieses Foto direkt wieder eine Rolle spielen.

Dein Kumpel Gündogan hat sich mit halbgaren Statements irgendwie aus der Nummer herausgerettet. Was man von ihm spielerisch in Russland gesehen hat, war übrigens weit unter seinen Möglichkeiten und auch unterhalb dessen, was Du abgeliefert hast, aber das nur am Rande.

Wir befinden uns in einer merkwürdigen Lage derzeit in Deutschland. Wie in Trump-Land gewinnt man immer mehr den Eindruck, dass nicht mehr die besseren Argumente zählen, sondern nur noch, wer am lautesten schreit. So ein Mist bringt die AfD in den Bundestag, bringt das UK raus aus der EU, bringt Trump ins Weiße Haus — und bringt mich letzten Endes auf die Palme. 100 Experten können geduldig erklären, was im deutschen Spiel schief gelaufen ist und dabei belegen, dass es beileibe nicht (nur) an Dir gelegen hat, Mesut. Dennoch trifft ein unanständig großer Teil der Kritik fast ausschließlich Dich.

Kommentar: Die „Gaucho-Affäre“ – Da ist er wieder, der hässliche Deutsche

Das ist nicht in Ordnung und das lässt befürchten, dass das nicht nur damit zusammenhängt, dass viele Kritiker sich deutlich zu wenig mit dem Sport auseinandersetzen. Viel mehr dürfte es so sein, dass dieser Türke, der da unverschämterweise das deutsche Trikot trägt, einer großen Zahl von Leuten schon immer ein Dorn im Auge war. Man kann aber nichts sagen, wenn Du Weltmeister wirst. Deswegen war es 2014 ruhig nach dem Turnier. 2016 sahen die Dinge dann schon anders aus. Wir kamen zwar weit im Turnier, scheiterten aber dennoch. Außerdem hatten wir zuvor eine Menge Flüchtende ins Land gelassen, was auch 2016 schon einen Keil durchs Volk trieb.

Aber jetzt? Die AfD ist wie gesagt im Bundestag angekommen, sitzt in vielen Landtagen und wenn man der CSU zuhört, kann man erkennen, dass sich der erschreckende Rechtsruck nicht nur auf eine Partei begrenzt. Die EU ist ein riesengroßes Pulverfass, bei dem eine schwächelnde Kanzlerin Mühe hat zu verhindern, dass uns alles um die Ohren fliegt. Und in genau so einer Stimmung kommt nun auch noch das historische Debakel einer deutschen Nationalmannschaft dazu.

AfD wirkt 😉

Gepostet von Alice Weidel am Samstag, 23. Juni 2018

Das bedeutet nicht nur, dass sich die AfD-Riege an Dir abarbeitet, sondern auch, dass all diejenigen, denen Du schon immer ein Dorn im Auge warst, jetzt endlich einen Grund gefunden haben, Dich auch öffentlich scheiße finden zu dürfen. Nichts gegen konstruktive Kritik — weißt Du selbst, dass das nicht Dein Turnier war. Aber gegen Südkorea hat niemand in unserer Elf mehr Vorlagen gegeben als Du: Sieben Stück! Damit warst Du nicht nur der beste Vorlagengeber in Deiner Mannschaft: Zu dem Zeitpunkt hat niemand in irgendeinem der anderen Spiele dieses Turniers einen besseren Wert gehabt!

Es sind aber nicht nur irgendwelche Rechtsausleger, die in das ohrenbetäubende Läster-Konzert einstimmen. Vornweg marschieren viele Medien, für die Dein Antlitz das personifizierte Gesicht des Scheiterns einer ganzen Mannschaft darstellt. Immer wieder musste ich feststellen, dass es nicht Kroos oder Hummels waren, nicht Müller oder Kimmich — sondern wieder und wieder Dein Gesicht, mit dem der Niedergang des Teams bebildert wurde. Vorneweg marschiert da selbstverständlich die Bild.

Ich hoffe, dass Du Dir jetzt alle Zeit der Welt nimmst, um Dir zu überlegen, wie es weiter geht. In England wirst Du sowieso auf hohem Niveau pöhlen, da mache ich mir keine Sorgen. Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass die derzeitige übertriebene Kritik einem Feingeist wie Dir zusetzt und Du beschließt, Dir das nicht weiter anzutun.

Verstehen könnte ich es, aber sei Dir sicher, dass es genügend Menschen gibt, die eben nicht vergessen haben, welche Verdienste Du auf der Haben-Seite stehen hast. Von erfreulich vielen geschätzten Menschen lese ich Einschätzungen, die wirklich widerspiegeln, was schief gelaufen sein könnte. Die eben nicht blind hetzen und sich auch nicht feige einen Einzelnen herauspicken, an dem dann das Scheitern festgemacht wird.

#DEUTSCHLAND IST RAUS:Wenn die Sättigung alle Ambitionen auffrisstVorrunden-Aus, als Gruppenletzter. Vor vier Jahren…

Gepostet von Baumgart's Fussballblog am Mittwoch, 27. Juni 2018

Weil das so ist und weil ich nach wie vor naiv genug bin, um an das Gute zu glauben, bin ich ganz sicher, dass auch Du die unschöne Zeit in Russland schnell abhaken kannst. Alles wird gut, versprochen!

Dein Fan Casi


Hallo Jogi,

weißt Du, wen ich Mittwoch getroffen habe? Den Benedikt Höwedes! Guter, sympathischer Kerl und eine echt ehrliche Haut. Wir haben auf Einladung von Hisense zusammen das Korea-Spiel geschaut und glaub mal, wir waren beide ziemlich bedient. (Sieht man auf dem Foto nicht, das ist vor dem Anpfiff entstanden ;) ):

Der Benedikt Höwedes wollte unbedingt ein Foto mit unserem @Carsten machen. #SeeTheIncredible mit Hisense in Berlin. #KORGER

Gepostet von Mobilegeeks Deutschland am Mittwoch, 27. Juni 2018

Ich erwähne ihn, weil er nicht nur ein gutes Haar an den Mitspielern gelassen hat, zu denen wir ihn befragt haben. Er hat auch gerade über Dich nur Lobendes erzählt und wusste zu berichten, mit welcher Hingabe, mit welcher Leidenschaft und mit welcher Akribie Du all die Jahre versucht hast, die Mannschaft voranzutreiben.

Das hat viele Jahre sehr gut geklappt: 2004 haben wir die EM komplett an die Wand gefahren — besonders ärgerlich, weil doch die WM im eigenen Land vor der Tür stand. Klinsi hat mit Dir an seiner Seite übernommen und brachte uns immerhin ins Halbfinale. Und egal, ob EM oder WM: Seit dieser Zeit und nach 2006 unter Deiner alleinigen Regie, hat es das deutsche Team fertig gebracht, nie ein Halbfinale zu verpassen.

In der Regelmäßigkeit kann das keine einzige Nation auf diesem Planeten vorweisen. Dieses Jahr ist es eben nicht so gut gelaufen. Ungefähr 80 Millionen Menschen in Deutschland haben gerade ordentlich damit zu tun, die Gründe fürs Scheitern zu benennen und allein die Tatsache, dass die Antworten vielschichtig sind, lässt erahnen, dass man das Debakel nicht so einfach erklären kann.

Vielleicht muss man es aber auch an diesem Punkt noch gar nicht erklären können. Vielleicht reicht es erst mal schon, dass wir es hin nehmen und den Spott gelassen ertragen, der sich gerade völlig zurecht über uns ergießt. Schließlich waren wir ja auch nicht sparsam damit, wenn es gegen andere ging — frag mal nach in Italien oder den Niederlanden.

Und das ist der Moment, in welchem ich Dich erst mal mit meinen Gedanken in Ruhe lasse und mich unabhängig von jeder Entscheidung, die Du jetzt bezüglich der DFB-Elf treffen wirst für die ganzen großartigen Jahre bedanke, in denen Du die Geschicke der Mannschaft geleitet hast. Dabei wollen wir auch nicht vergessen, dass es nicht nur um erfolgreiche Zeiten geht, sondern zudem auch noch um einen wirklich attraktiven Fußball, dem man gerne zugesehen hat.

Ich schaue seit Ende der Siebziger Länderspiele und in den ganzen Jahren war das fast nie der Fall, dass der Fußball ansehnlich war! Wir waren immer schon die deutschen Panzer, die Turniermannschaft, die Elf, vor der die Welt gezittert hat. Nicht, weil wir so filigran waren, so technisch beschlagen und trickreich, sondern weil wir effektiv waren, kampfstark und von einem unerschütterlichem Glauben angetrieben, dass so ein verdammtes Fußballspiel normalerweise nicht zu enden hat, solange wir nicht mehr Tore geschossen haben als die anderen — frag Gary Lineker!

Du hast uns also den ansehnlichen und erfolgreichen Fußball gebracht und Dich 2014 dafür selbst belohnt. Ich mag nicht entscheiden, ob Du auch noch 2020 oder 2022 bei den Turnieren an der Seite stehen solltest. Als Fan der deutschen Nationalmannschaft und als Fußballbegeisterter sage ich artig Dankeschön für alles, was Du für den deutschen Fußball getan hast und für all die großartigen Momente, die wir Dir verdanken.

Mit beschden Grüßen,

Dein Casi


Hallo Fans der deutschen Mannschaft, Hallo Fans der anderen Nationen, Hallo Hater,

auch an euch möchte ich ein paar Sätze verlieren. Uns alle eint vermutlich gerade, dass wir uns fragen, woran es gelegen hat. Einige Schlaue können ja generell nachträglich immer haarklein analysieren, wo der Schuh gedrückt hat, einige nicht so richtig Schlaue haben sich wie bereits erwähnt darauf eingeschossen, dass es die Schuld des Mesut Özil ist und alle anderen rätseln immer noch fleißig, woran es gelegen hat.

Ich hab es eben schon in der Nachricht an Jogi gesagt: Vielleicht ist das jetzt erst mal gar nicht wichtig, was da im Einzelnen daneben gegangen ist. Vermutlich ist es auch gar nicht der eine Fehler, der da gefunden werden kann, sondern eine Vielzahl von kleinen Rädchen, die nicht so schön ineinander gegriffen haben wie noch vor vier Jahren.

Auf der Suche nach Erklärungen

Das Erdogan-Foto hat sicher viel Unruhe hereingebracht. Ich glaube aber auch, dass das Team von 2014 das damals besser weggesteckt hätte. Vielleicht muss man der Führungsriege ankreiden, dass sie die Diskussion ums Foto schroff für beendet erklären wollten. Sowas klappt in der Regel nicht. Klar, beide Spieler hätten mit der Situation souveräner umgehen können, oder sich bestenfalls schon vorher gegen so eine Aktion entscheiden. Das mag ein Grund dafür sein, dass die Stimmung im Team nicht so toll war wie vor vier Jahren, der alleinige Grund fürs Scheitern ist es definitiv nicht.

Dann wird diskutiert über einen Riss zwischen den Weltmeistern von 2014 und den Confed-Cup-Siegern von 2017. Vielleicht hätte Löw tatsächlich mehr Jungen das Vertrauen schenken sollen, vielleicht hätten die aber auch in der Vorbereitung mehr Wert aufs Sportliche legen sollen, anstatt Ansprüche anzumelden (so es denn so gewesen ist).

Immer und bei jedem Turnier ein Thema: Hat der Trainer das richtige Personal nominiert. Das schlug dieses mal auch hohe Wellen, höher noch als bei den letzten Turnieren. Hat 2014 eigentlich irgendeiner noch die Rufe nach Kruse oder Gomez gehört, oder sind die im Siegestaumel irgendwie untergegangen? Natürlich hätte Löw Sané mitnehmen können. Hätte er ihn aber mitgenommen und die Elf wäre dennoch gescheitert, hätten die selben Menschen Löw angekreidet, dass er nicht Wagner mitgenommen hat. So ist das nun mal: Hinterher sind alle immer schlauer.

Wollt ihr wissen, was derzeit für mich eine der besten Erklärungen ist, wieso es so weit kommen konnte? Ich sag’s euch: Fußball verändert sich — ständig! In einem Jahr reden wir über die Doppel-6, in einem anderen über eine falsche 9 und wer weiß, was beim nächsten Turnier en vogue ist. Dieser ständige Wandel ist es, was diesen Sport so großartig macht — und den Trainer-Job so schwierig.

Wenn nämlich jemand mit einem System besonders erfolgreich ist, passieren zwei Dinge: Die anderen fangen auch an, dieses System zu spielen — und sie stellen sich zudem drauf ein, wie man gegen einen Gegner besteht, der so spielt. Weder Mexiko noch Schweden oder Südkorea konnten wirklich überrascht werden. Sie haben sich perfekt auf unser Spiel eingestellt, viel hinten drin gestanden und dann wird es eben schwierig.

Fragt mal die Spanier oder Franzosen — die sind schließlich auch schon als Weltmeister in der nächsten Vorrunde ausgeschieden. Dazu gehört nicht nur der Fußball an sich, sondern auch das, was der Titel im Kopf mit Dir macht. Wenn Du als Kind schon in der Bettwäsche Deines Clubs pennst und nur den Traum hast, ein einziges mal diesen Pokal in die Höhe zu stemmen — dann wird es schwierig, die selbe Motivation und die selbe Leidenschaft für das Bestreben aufzubringen, diesen Pokal ein zweites mal zu gewinnen.

Ich glaube auch, dass das nichts ist, was eine Person selbst entscheiden kann. Niemand sagt, dass er gegen Südkorea erst mal mit angezogener Handbremse pöhlt und niemand ist unmotiviert vor so einem Turnier, welches nur alle vier Jahre stattfindet. Stattdessen steckt es irgendwo tief im Unterbewusstsein und sorgt dafür, dass man statt 100 Prozent dieses mal nur 99 Prozent abruft. Nehmt dann noch eine Formkrise dazu, die beknackten Erdogan-Bilder und vielleicht noch eine kürzliche Verletzung und man ist weit weg von dem, was man im optimalen Falle zu leisten vermag.

Mein letzter Erklärungsansatz: Das Glück! 2014 haben wir Portugal direkt mal 4:0 weg gefiedelt. Das Ergebnis ist höher ausgefallen, als es im Spiel selbst ausgesehen hat, ist aber dennoch absolut verdient gewesen. Danach gab es aber ein hart umkämpftes 2:2 gegen Ghana, bei dem uns lediglich ein sensationeller Manuel Neuer am Leben hielt und danach ein dünnes 1:0 gegen die USA.

Im Achtelfinale wartete dann Algerien und ganz ehrlich: Nach der Verlängerung und dem zähen 2:1 waren in Deutschland nicht gerade alle davon überzeugt, dass die Elf jetzt definitiv Weltmeister wird. Manchmal ist sie eben nur hauchdünn, die Grenze zwischen tosendem Jubel und Staatstrauer. Hummels hätte gegen Südkorea seinen starken Kopfball nur ein bisschen genauer platzieren müssen. Führt die Elf erst einmal 1:0, lassen sie sich das auch nicht mehr nehmen, spekuliere ich jetzt mal. Das hätte aus einem mäßigen Kick immer noch keine Vollgasveranstaltung gemacht, aber wir würden komplett anders über die Mannschaft reden und eben nicht alles in Frage stellen.

Wieso so viel Wut, Hass und Häme?

Schlussendlich bringt alles Überlegen und Diskutieren aber nichts: Das Turnier läuft weiter, auch ohne Deutschland. Ich drücke Ländern die Daumen, die noch nie Weltmeister waren wie Schweiz, Kroatien oder Belgien und hoffe eigentlich heimlich auf England. Irgendwas in mir sagt mir aber, dass zumindest einer der vier Großen — Brasilien, Spanien, Frankreich, Argentinien — halbwegs glücklich durchmarschiert und das Ding nach Hause holt.

Aber eine Wette halte ich: Egal, welches Team sich den Titel holt — wenn es schon längst abgereist ist und den Pokal stolz den heimischen Fans präsentiert, werden wir immer noch diskutieren. Und schlimmer noch: Wir werden nicht nur diskutieren, denn das ist ja legitim, sondern wir werden auch immer noch diesen ganzen Hass, die Wut, die Häme spüren.

Vor ein paar Tausend Wörtern oben im Artikel habe ich schon mal erwähnt, dass es nicht besonders erbauliche Zeiten sind, in denen wir leben. Dass es merkwürdige Menschen gibt, die sich am Scheitern anderer erfreuen, gab es auch schon 1980. Ich kann mich an kein Turnier erinnern, wo nicht irgendwelche Leute in Deutschland gesagt haben, dass die Deutschen hoffentlich früh weg sind vom Fenster. Wenn es dann hin haut, so wie 2004, ist der Jubel bei diesem kruden Teil der Bevölkerung natürlich groß.

Dieses Jahr ist das Scheitern noch desaströser, weil sich für mein Empfinden wirklich unsagbar viele Menschen anscheinend aufrichtig darüber freuen. Woher diese Missgunst kommt, kann ich euch nicht sagen. Ich glaube, dass es einfach gesellschaftsfähig geworden ist, anderen Leuten auf ihrer Party mit Inbrunst einen fetten Haufen aufs Büffet zu setzen.

Poste ich, dass ich einen Song besonders wundervoll finde, erklären mir postwendend Leute, dass der Song scheiße ist, die Melodie geklaut, der Sänger mittlerweile viel zu kommerziell oder ähnliches. Genau so ist es beim Sport, nur dass es hier mit einer nie zuvor gesehenen Wucht passiert.

Ich glaube, dass einige Menschen tatsächlich aufrichtiges Glück empfinden, wenn Schwarz-Rot-Gold am Boden liegt. Nichts geht einem dann so leicht über die Lippen wie ein selbstgefälliges „Hab ich’s doch gewusst“ oder ein „Geschieht denen recht“. Ja klar, Arschloch – natürlich hast Du es gewusst. Du sagst seit 100 Jahren, dass Deutschland verkackt und irgendwann passt es dann eben mal.

Nie zuvor hab ich auch eine derartige Verquickung von Fußball und Politik gesehen. Darf man sich die WM überhaupt anschauen wegen der Oligarchen und wegen der dopenden Russen? Darf man Gündogan und Özil trotz Erdogan-Foto mitnehmen? In Deutschland brodelt es und nicht nur die unsägliche AfD nimmt den Ball (haha, was ein Wortwitz) dankend auf, um die WM für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren.

Viel zu viele Menschen auch in meinem Bekanntenkreis haben sich über Wochen daran abgearbeitet, dass die WM 2006 und dieses ganz neue Gemeinschaftsgefühl damals eine Mitschuld an der Existenz der AfD tragen. Als Party-Patrioten werden Leute gebrandmarkt, weil sie Fähnchen am Auto, am Fenster oder geschminkt auf den Wangen zeigen. Es wird so getan, als beginnt ein vier Wochen dauerndes bundesweites Oktoberfest mit trinkenden, kotzenden und marodierenden Horden, denen — betrunken von Siegen und zu viel Alkohol — angesichts der Deutschland-Fahne einfällt, plötzlich rechtsradikal zu werden.

Das ist so ein hanebüchener Unsinn und ich verstehe allen Ernstes nicht, wieso immer mehr Menschen einfach die Begeisterung der anderen nicht mehr ertragen können. Es gibt genügend Gründe, wieso man den Fußball kritisch sehen kann und muss. Die können wir auch alle zu gegebener Zeit diskutieren. Aber ganz ehrlich: Die Kritik an den Scheiß-Millionären, die sich nicht für ihr Land interessieren und dieses ewige in den Dreck ziehen von Fußball-Anhängern und das dauernde alles-schlecht-Reden geht mir unendlich auf den Sack und macht mich auch traurig.

Ich hab mir jetzt so ziemlich alles von der Seele geschrieben, was mir an diesem spielfreien Tag unter den Nägeln brannte und werde in den nächsten Tagen versuchen, einigermaßen entspannt noch ein paar schöne Spiele zu sehen und mich mit den Siegern zu freuen. Die nächste WM beginnt am 21. November 2022.

Bei uns in Deutschland dürfte es da knackig kalt sein und vielleicht sind bis dahin ja die Gemüter auch weniger erhitzt und so Gott will, haben wir dann auch keine AfD mehr im Bundestag. Man wird ja wohl noch träumen dürfen, oder?

Euch allen noch ein schönes Turnier – alles wird gut,

euer Casi