Kommentar
Lieber Tim Cook: Nein, das iPad Pro ist nicht das Ende der PC-Ära

Tim Cook äußert sich pünktlich zum Verkaufsstart des Apple iPad Pro über das Ende der PC-Ära. Niemand mehr braucht wirklich noch Desktop-PCs und Notebooks, findet der Apple-Chef. Das sehe ich komplett anders und will auch erklären, wieso.
von Carsten Drees am 11. November 2015

Seit heute können wir auch in Deutschland das Apple iPad Pro bestellen. Damit läutet Apple eine neue Ära ein mit dem größten iPad aller Zeiten und liefert uns ein Gerät, welches mit optionalem Stylus und Tastatur zwar deutlich an ein Surface Pro 4 erinnert, jedoch das erste iPad sein soll, mit dem man wirklich produktiv arbeiten kann.

Um die Werbetrommel für den 12,9 Zoll großen Hobel zu rühren, hat Tim Cook – seines Zeichens Apple-CEO – dem Telegraph ein Interview gegeben. Darin geht es um verschiedene Themen – ein neues Health-Wearable wird vermeintlich angeteasert und auch Security ist ein Thema. Durch die Medien ging aber im Wesentlichen folgendes Zitat:

I think if you’re looking at a PC, why would you buy a PC anymore? No really, why would you buy one? Tim Cook, Apple

Und weiter:

Yes, the iPad Pro is a replacement for a notebook or a desktop for many, many people. They will start using it and conclude they no longer need to use anything else, other than their phones. Tim Cook, Apple

Tim Cook zeichnet damit das Bild einer Welt, in der wir lediglich noch das iPad Pro und ein Smartphone benötigen, um Desktop-PCs und Notebooks adäquat zu ersetzen. Mit Abstrichen würde ich das für ein Surface Pro 4 unterschreiben (und selbst Microsoft legt mit dem Surface Book noch ein anderes Device nach), niemals aber für ein iPad Pro.

Mit Verlaub, Mr. Cook – Sie irren sich!

Eigentlich will ich dem guten Tim Cook gar nicht unterstellen, dass er sich irrt – vermutlich weiß er nämlich selbst ziemlich genau, dass ein iPad Pro nicht auf jedes Arbeits-Szenario passt, aber da ihm daran liegt, die Tablet-Verkäufe des Unternehmens wieder anzukurbeln, muss man halt auch mal ein bisschen auf den Putz hauen. Dass der PC-Markt rückläufig ist und das trotz bärenstarker Windows 10-Devices in allen Farben und Formen, ist zudem schon länger so und sicher keinem Riesen-iPad geschuldet.

Cook nennt ganz bewusst zwei Bereiche, um seine These zu untermauern: Das sind einmal die kreativen Köpfe, die von den Fertigkeiten des Apple Pencils begeistert sein werden, ist sich Cook sicher. Als zweite Gruppe sieht er die Menschen, die auf einem Tablet Filme und Musik konsumieren wollen und das auf dem hochauflösenden Display und dem ja wirklich starken Sound-System aus vier Speakern auch sicher bestens bewerkstelligt bekommen.

Was die Kreativen angeht, so kann ich mir absolut vorstellen, dass sie den Pencil bzw. das Arbeiten mit diesem neuen Stylus mögen werden. Zwei Fragen stellen sich mir dennoch: Wie viel Prozent der Menschen, die einen Rechner produktiv nutzen müssen, sortieren wir in dieses kreative Fach ein, welches am ehesten von dem Pencil profitiert? Die Zahl derjeniger, die auf einen Pencil gut verzichten können, dürfte deutlich höher sein. Und zweitens: Wie schnell kommen besagte Kreative dann doch am Ende der Fahnenstange an, weil für anspruchsvolle Software die Prozessor-Power nicht ausreicht oder diese anspruchsvolle Software (Photoshop zum Beispiel) nicht auf einem Device mit einem mobilen OS genutzt werden kann?

Hier sehe ich die 2-in-1-Lösungen mit Windows 10 deutlich im Vorteil, Stylus hin oder her: Wer produktiv arbeiten möchte – und dieses produktive Arbeiten sich auf mehr als eine Handvoll E-Mails pro Tag beläuft – der dürfte mit einem Tablet-Notebook-Hybriden mit Windows 10 deutlich besser bedient fühlen als bei einem Gerät mit iOS. Hier habt ihr nämlich dann tatsächlich einen vollwertigen Rechner, der nicht immer, aber sicher oft tatsächlich einen normalen Laptop oder Desktop-PC ersetzen kann.

Wer tatsächlich im Wesentlichen Filme, Serien und Musik konsumieren will, findet eine Vielzahl der unterschiedlichsten Geräte auf dem Markt, die das ermöglichen und oftmals für deutlich weniger Geld zu haben sind. Cook geht davon aus, dass für die meisten Menschen ein iPad Pro das Notebook ersetzen kann – bei den Kreativen stimmt es nur bedingt, der Fraktion mit den Medien-Inhalten bieten sich unzählige Alternativen. Daher scheinen die von ihm genannten Zielgruppen entweder schlecht gewählt – oder die Zielgruppe ist doch nicht so groß wie erwartet.

Zwei Haken: Das Betriebssystem und der Formfaktor

Wie oben schon angesprochen, liefert Apple seine neue Produktivitäts-Maschine mit iOS aus. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Für ein mobiles OS ist es wirklich leistungsstark und erfüllt auf iPad und iPhone absolut seinen Zweck – aber es bleibt nun mal ein mobiles OS. Das bedeutet, dass die Software mitunter gar nicht für das iPad Pro zu haben sein wird, die zum produktiven Arbeiten benötigt wird und dass ihr jede Menge Kohle raushaut: Ihr bezahlt 899 Euro für die kleinste Ausführung mit 32 GB Speicherplatz (was ebenfalls zu einem Nadelöhr werden kann, da der Speicher nicht erweitert werden kann), zusammen mit dem Geld für Tastatur und Pencil liegt ihr dann schon bei knapp 1.200 Euro – eine Menge Holz für ein mobiles Device und Geld, welches man ebenso gut in ein vollwertiges Notebook investieren könnte.

Dazu kommt dann als zweiter Haken noch der Formfaktor: 12,9 Zoll Bildschirmdiagonale mag für viele Nutzer sicher ausreichen, sowohl um zu arbeiten als auch Medien zu konsumieren und vielleicht können sich auch viele mit der optionalen Tastatur arrangieren. Die Frage ist jedoch: Wie gut schreibt es sich auf dem iPad Pro, wenn der Ständer eher eine Notlösung ist und sich das Display so auch nur in einem einzigen Winkel aufrichten lässt?

iPad Pro mit Ständer

Sowohl beim Betrachten von Filmen dürfte es hinderlich sein, dass man lediglich eine einzige Einstellung zur Verfügung hat, beim Arbeiten sieht es ganz genau so aus. Probiert es mal der ursprünglichen Bedeutung des Wortes Laptop folgend und platziert das iPad Pro auf eurem “Lap”, also dem Schoss: Es macht weder einen stabilen noch einen bequemen Eindruck und kann so mit Sicherheit kein normales Notebook ersetzen, bei dem ich mein Display variabel justieren kann.

Was bleibt also übrig von Tim Cooks Ansage, dass das iPad Pro in Kombination mit dem Smartphone dafür sorgt, dass wir weder Desktop-PC noch Notebook benötigen? Nicht mehr wirklich viel! Und nochmal: Ich bin sicher, dass das der Chef eines so großen Konzerns auch selbst realistisch genug einschätzen kann, aber durch dieses Statement generiert er natürlich jede Menge Aufmerksamkeit, die man selbstverständlich gut gebrauchen kann zu einen Produkt-Launch.

Darüber hinaus – und wir hatten die rückläufigen PC-Verkäufe ja bereits erwähnt – kann er sogar eventuelle künftige Verkaufsrückgänge beim Mac Pro damit erklären, dass sich der Markt verändert habe und ein iPad Pro als Arbeitsmaschine absolut ausreicht. Hoffentlich hat sich Tim Cook bei dem Interview auch gut überlegt, dass er Konkurrent Microsoft hier mit seiner Argumentation schwer in die Karten gespielt hat – die Vorzüge der Windows 10-Hybriden, die es bereits zuhauf zu kaufen gibt, habe ich ja weiter oben genannt.

Der klassische Desktop-Rechner mag ein Auslaufmodell sein, welches in vielen Anwendungsbereichen von anderen Geräten abgelöst wird, auf Notebooks mit vollwertigen Betriebssystemen können wir aber so bald nicht verzichten – sorry, Mr. Cook!