Liebes Silicon Valley, lös doch bitte zuerst die Probleme auf der Erde!

Mars! The final frontier... Die Welt will man veraendern und verbessern. Darunter geht es im Silicon Valley einfach mal gar nicht. Alle Krankheiten besiegen, Internet bis in den letzten Dschungel und jetzt auch noch den roten Planeten besiedeln. Dabei bekommen die Visionaere in Kalifornien noch nicht einmal simpelste Infrastrukturen auf die Reihe!

Grosseltern sind doch irgendwie immer die Besten! Ich mache gleich Anfangs das pauschale Fass auf und verneige mich vor den Lebensweisheiten saemtlicher Omas und Opas auf diesem Planeten. Vor allen Dingen vor der Generation, die den radikalen Wandel der letzten 70 Jahre am eigenen Leib zu spueren bekam. Denen Krieg und Wiederaufbaujahre nicht nur eine gewisse Genuegsamkeit, sondern auch die Sensibilitaet fuer ganz weltliche Probleme und Konflikte verschaffte.

“Schling nicht so, es ist genug da” oder “nimm ruhig noch eine Scheibe mehr, wir haben da noch einige von”! Diese Saetze meiner Grossmutter haben sich fuer immer in mein Langzeitgedaechtnis gebrannt und doch brauchte ich so viele Jahre um zu verstehen, mit welchem Background die Kriegsgeneration solche Statements machte. “Wir hatten doch damals nichts” ist nicht der plumpe Versuch, ein emotionales Totschlagargument zu setzen, es entspricht voll und ganz der Realitaet. Um so mehr freuten sie sich nun, dass sie nicht nur “genug hatten”, sondern vor allen Dingen auch teilen konnten!

Ich hatte das Glueck einen Grossvater zu haben, der mich schon sehr schnell mit allen moeglichen Wissensgebieten konfrontierte und dazu gehoerte nicht nur der dicke Brockhaus, der sich ueber 2 Meter Breite und als zentraler Blickfang im Wohnzimmer-Regal positioniert hatte. Fernsehen wurde in sehr bewussten Dosen verabreicht… da mal “aus dem Reich der wilden Tiere” und vielleicht noch ein wenig “ZDF Ferienprogramm” mit Anke und Benny. Aber was viel wichtiger und spannender war… diese grosse Schublade im Arbeitszimmer meines Opis. Denn da lag der View-Master drin:

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So ein 3D View-Master war in den 70ern so etwas wie die analoge Variante einer Oculus Rift oder HTC Vive. Aber mit ohne Bewegung! Die stereoskopischen Bilder waren statisch, entwickelten aber in meinem Kopf gedankliche Explosionen, die mich direkt von Disneyland, nach Cap Kennedy und zurueck in das Haibecken von Seaworld beamten. Immer und immer wieder lag ich im Arbeitszimmer auf dem Teppich und glitt in diese so reale Welt voller Abenteuer ein. Ja, ich glaube, in der Zeit habe ich dann den Entschluss gefasst, nicht mehr Muellmann zu werden und das obwohl ich damals nichts spannender fand, als auf diesem Trittbrett des Wagens von der Muellabfuhr mitzufahren. Die hatten ein Leben!

Nein, ich interessierte mich von da an fuer das Berufsbild des Astronauten… ach was sage ich denn da? Das hoert sich viel zu hoelzern an. Weltall-Abenteurer und Entdecker wollte ich werden. Wobei ich diese Momente besonders intensiv erlebte, wenn im Hintergrund die bekannte Titelmelodie eine neue Folge von Captain Future oder Raumschiff Enterprise ankuendigte.

Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 1979. Die sind die Abenteuer des kleinen Sascha, der ohne irgendwelche Besatzung seit vielen Jahren unterwegs ist um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Realitaet entfernt dringen Saschas Tagtraeume in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat

Stundenlang konnte ich mich mit diesen gerade einmal 5 View-Master Fotoscheiben beschaeftigen und denke auch heute noch immer gerne an diese wunderbare Zeit zurueck. Der kleine Sascha von damals inspiriert mich durch seine unkonditionierte Naivitaet, die es schaffte alles um sich herum auszublenden. Im hier und jetzt zu leben und dennoch hunderte Jahre in die Zukunft zu schauen.

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Der Silicon Valley Kindergarten

Jetzt, 35 Jahre spaeter gibt es sie immer noch. Die Tagtraeumer! Aber inzwischen haben diese zum Teil Firmen um sich herum gebaut, die in 30 Minuten mehr Gewinn einstreichen, als der durchschnittliche Mittelklasse-Arbeitnehmer in 45 Jahren. Think big!

Ich weiss nicht wie es euch geht, aber meine erste Online-Session im Jahre 1985 hat fuer mich jegliche Grenzen aufgeloest. Als ich dann Jahre spaeter durch meinen ersten Compuserve-Chat zur Erkenntnis kam, dass diese beiden Gespraechspartner aus den USA und Japan ja eigentlich genau so ticken wie ich, da wusste ich, dass die Revolution nun doch vor dem Bildschirm stattfand. Yahoo und Google gab es damals noch nicht und Apple baute noch diese wunderbar kleinen Macs, mit einer Tastatur, die wohl auch einem direkten Atomschlag standgehalten haetten.

Jetzt reden wir hier ueber 2 der reichsten Unternehmen der Welt. Firmen, die so viele Barschaften angehaeuft haben, dass sie mit einem Fingerschnipps die fundamentalen Probleme wie Hunger und Obdachlosigkeit zumindest teilweise loesen koennten.

Und was machen die nach Schulterklopfern duerstenden CEOs dieses technologischen Powerhouse? Nichts oder sagen wir mal besser fast nichts!

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Klar koennen wir nun alle den Mark Zuckerberg feiern, weil er mit seiner Stiftung augenscheinlich auf den ueberwiegenden Teil seines Vermoegens verzichtet und selbst mich zu einer ueberschwenglichen Danksagung hinreissen liess. Aber so langsam aber sicher manifestiert sich der Glaube, dass all dies ne ganz feine PR-Nummer eines “Hans Guck in die Luft” war. Warum? Wer mit 3 Milliarden alle Krankheiten der Welt besiegen will, der hat offensichtlich nicht viel begriffen und lebt in seiner bunten Weltverbesserer-Community.

Mal davon abgesehen, dass er voelligst die Anpassungsfaehigkeit von Erregern ausblendet, so sind $3 Milliarden einfach nur Peanuts. Nicht nur gemessen am Umsatz von Facebook oder dem Vermoegen Zuckerbergs. Alleine in Deutschland haben Bund und Laender im letzten Jahr diese Summe um den Faktor 5 uebertroffen. Fuenf mal mehr Geld in Grundlagenforschung investiert, als es Zuckerberg in den naechsten 10 Jahren tun will.

Ich sag ja… Peanuts!

Seht zu dass die Kids was zu futtern bekommen!

Wir koennen uns auch darueber unterhalten wie sinnvoll es ist nun zum Mars zu fliegen und die Transformierung zu einer “multiplanetaren Lebensform” anzustossen. Oder wie wichtig es denn waere, die bisher infrastrukturell eher vernachlaessigten Gebiete in Afrika mit Internet zu versorgen, welches ueber riesige Ballons garantiert werden soll. Ker gebt denen endlich was zu fressen und ein Dach uebern Kopp! Das brauchen die, ihr Hirsche!

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Sorry, es brach einfach aus mir heraus und das liegt wohl auch daran, dass ich mal aehnlich gedacht habe. Damals so vor 12 Jahren, als ich in einer Schule in Mali Rechner an Solarzellen anschloss, damit die Kids nun in das Zeitalter von Bits und Bytes aufbrechen durften. Dass die Haelfte davon aber noch nicht einmal Schuhe anhatte und zum Pinkeln hinter den spaerlich vorhandenen Bueschen verschwinden musste, das hat mir dann doch zu Denken gegeben. Was wollen die hier mit einer, zumindest energietechnisch, autarken Client/Server-Architektur, wenn sie aufgrund der Unterernaehrung Oberarme haben, wie ein Spatz Krampfadern?

Das Valley ist doch selber 3. Welt

Erst die tollsten Headquarters in die Landschaft zimmern und dann fuehren da nur Strassen ohne Buergersteige, Radwege oder oeffentliche Verkehrsmittel hin.

Nein, das Silicon Valley kommt gar nicht auf die Idee, derartig weltliche Probleme anzugehen. Ist von euch schon einmal jemand durch selbiges gefahren? Voellig egal, ob mit dem Caltrain oder ueber den Highway, die Infrastruktur erinnert mich an die des Deutschlands der Nachkriegszeit. Asphalt war auf den Autobahnen noch ein Fremdwort und aus diesem Grund platzen auch unter der kalifornischen Sonne oft halbe Fahrspuren weg. Und lasst mich bitte nicht anfangen ueber den Caltrain zu laestern. Jede Disneyland Kinder-Bimmelbahn scheint sich schneller zu bewegen, ohne an jedem Briefkasten anhalten zu muessen.

Das Valley kennt nur “Inselentwicklung”. Erst die tollsten Headquarters in die Landschaft zimmern und dann fuehren da nur Strassen ohne Buergersteige, Radwege oder oeffentliche Verkehrsmittel hin. Erinnert mich irgendwie an Indien…. ok vielleicht nicht ganz so extrem. In Mumbai oder Bangalor trittst du aus dem Hotel raus und waehnst dich auf einmal im Westen Beiruts, kurz nach einem Autobombenanschlag.

Mensch, die bekommen nicht einmal fundamentale Infrastrukturen in der Bay Area hin und wollen nun den Mars besiedeln? Die schaffen es doch nicht nicht einmal, das Blut von den Akkus fuer ihre Autos und Smartphones abzuwischen, welches die Koltan-Minen in Afrika produzieren!

Ein wenig mehr Bescheidenheit waere angesagt. So ein bischen Realitaetssinn oder vielleicht einfach mal nur die Erkenntnis, dass wir nur eine Erde haben und der Mars auch in tausenden Jahren immer noch so sein wird, wie ihn die Sonden und Roboter der letzten Jahrzehnte vorgefunden haben.

Einfach mal zuerst vor der eigenen Haustuer kehren, bevor man sich schon den naechsten Planeten Untertan machen moechte!