Ein ♥ Liebesbrief an Facebook

Facebook hat uns stellvertretend für eine ganze Reihe anderer Plattformen in den zurückliegenden Monaten sehr beschäftigt. Immer wieder gingen wir und andere mit Mark Zuckerbergs Sozialem Netzwerk hart ins Gericht und kritisierten z.B. die Zusammenführung von Daten mit WhatsApp, seltsame Löschungen, noch seltsamere Werbefilter, mögliche Wahlmanipulationen oder Fake News.

Carstens Verzweiflung über Fakes, Hass und Nazis auf Facebook gipfelte in einem offenen Brief an Mark Zuckerberg, während zwei Autoren der Süddeutschen Zeitung kurzerhand die von uns ans Tageslicht gezerrten Einsichten in die “geheimen” Löschregeln der Plattform als ihre #InsideFacebook Exklusiv-Story ausgaben – geschenkt. Zwar reichte es bei neu vorgestellten Features immer wieder für ein anerkennendes Nicken, doch rückblickend prangt über dem Facebook-Jahr 2016 ein dickes, fettes “Meh!”.

Tatsächlich?

Wer in den vergangenen Wochen und an den zurückliegenden Weihnachtstagen gegen den Ratschlag von Experten verstieß und die angeblich unglücklich machende Plattform etwas ausgiebiger und aufmerksamer benutzte, sah vielleicht noch intensiver als sonst, je nach eigenem Umfeld auch das “andere” Facebook.

Dass die Plattform längst für viele Menschen zum elementaren Bestandteil ihrer täglichen Kommunikation mit Freunden, Bekannten und der Familie geworden ist, braucht man eigentlich nicht mehr zu erwähnen. Facebook überbrückt nicht nur räumliche und zeitliche Distanzen und kann Menschen, die sich gar nicht “kennen”, näher zueinander bringen. Echte Freundschaften entstehen heute eben auch digital und nicht nur über (mitunter bot-verseuchte) Partnerbörsen.

Kritiker der Plattform betonen immer wieder, dass diese völlig oder hauptsächliche digitale Ebene oder Basis einer Freundschaft allenfalls ein Anlass sei, die vermeintlichen Freundschaften zu überdenken. “Echt” sei schließlich nur, was “real” stattfinde, im besten Fall als Gespräch mit einem anwesenden Gegenüber, dem man “in die Augen schauen” könne.

Dabei wird gerne übersehen, dass dies nicht nur für viele Menschen, die privat oder beruflich ihren Lebensmittelpunkt wechseln mussten oder regelmäßig müssen, einfach unmöglich ist. Auch der ganz normale Wahnsinn – Alltag genannt – hindert einen nicht unerheblichen Teil der Menschen an Restaurant- oder Kinobesuchen oder ähnlichen Aktivitäten, die man gemeinhin als “reale” Pflege von Freundschaften betrachtet.

Wer das ignoriert, diskreditiert das Bemühen dieser Personen, die ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten für ein soziales und mitunter sogar ganz bewusst vom realen Leben abgekoppeltes Umfeld zu nutzen. Seien wir doch mal ehrlich: der Zahl der Kollegen, Nachbarn oder Eltern von Freunden des eigenen Kindes, mit denen man unbedingt seine Freizeit verbringen oder seine Freuden und Sorgen besprechen möchte dürfte bei den meisten recht überschaubar sein. Die 500 Kilometer entfernt lebende Freundin aus Kindheitstagen oder die Zufallsbekanntschaft aus Neuseeland ist vielleicht sogar wegen der (gegenseitigen) Distanz der wesentlich bessere Gesprächspartner?

Digitaler Selbstmord vs. Lebensbewältigung

Wenn ansonsten hauptsächlich mit Aktienkursen beschäftigte Journalisten wie Christoph Rottwilm im Manager Magazin zum digitalen Selbstmord aufrufen und dabei minutiös auflisten, wie “böse” Facebook sei, dann wird nicht nur diesem Punkt immer wieder viel zu wenig Beachtung geschenkt. Bezeichnenderweise ignorieren viele gleichlautende Tiraden gegen Facebook, wie real und wie wichtig die Plattform, aber insbesondere die darüber erreichbaren Menschen für Viele sind.

Es gibt einen Punkt, der noch weit über diese sehr persönliche Kommunikationsebene hinaus reicht, aber oft – und eben auch oft zu unrecht – mit negativen Attributen wie “digitaler Exhibitionismus” behaftet ist. Die Plattform kann nicht nur eine hervorragende Möglichkeit sein, einem berechtigten Ärger oder Entsetzen über ein Ereignis Luft zu machen. Sie befriedigt mitunter auch das eigentlich doch ganz menschliche Bedürfnis, “die ganze Welt” an einem schönen Erlebnis teilhaben zu lassen, und sei es “nur” mit einem Bild von ‘nem guten Essen oder einem Sonnenuntergang. Was soll daran “falsch” sein? Und vor allem: wer entscheidet das?

Hinzu kommt: Tatsächlich wird Facebook gar nicht so selten von Menschen zur öffentlichen Bewältigung von entscheidenden Lebensfragen, Problemen oder sogar Schicksalsschlägen genutzt. In meinem virtuellen (erweiterten) “Freundeskreis” befinden sich beispielsweise Menschen, die im zurückliegenden Jahr ihre Eltern, einen Lebenspartner oder ein Kind verloren haben und irgendwann dazu übergegangen sind, das in einer ungewohnten, für einige Beobachter vielleicht auch unangenehmen, aber für sie persönlich offenbar richtigen Weise öffentlich zu verarbeiten. Das Feedback, das diese Menschen sowohl von Freunden und Bekannten als auch von völlig unbekannten Menschen erhalten, scheint – wie auch immer man das individuell definiert – “wichtig” zu sein. Und das nicht nur für die unmittelbar Betroffenen, sondern auch für die Menschen, die sich offenbar mit diesen und ähnlichen Lebensfragen beschäftigen.

Auch hier sind wir bei dem Punkt, der bei der momentan hitzigen Diskussion um Facebook am häufigsten missachtet wird, nämlich bei der Perspektive des Einzelnen. Nicht nur viele Politiker, Journalisten, Datenschützer und “Social Media Experten” sondern auch die selbsternannte digitale Avantgarde übersieht in einer an Arroganz grenzenden Attitüde, dass jeder einzelne von uns den “Wert” und “Sinn” von Facebook & Co. eben in weiten Teilen selbst definiert. Vielleicht ist es gerade diese Individualisierung oder sogar “Demokratisierung” des “Sinns”, in der so manche Institution und Instanz die eigentliche Gefahr für die eigene Daseinsberechtigung sieht und dementsprechend vehement reagiert?

Kurzum: wir sollten bei allem durchaus berechtigtem und gelegentlich über- oder untertriebenem Ärger über Facebook vielleicht nochmal einen Schritt zurücktreten und anerkennen, welche (vielleicht sogar vieles andere überlagernde) Bedeutung die Plattform nicht ohne Grund für viele Menschen hat. Wer Facebook & Co. auf “Hate Speech” (?), Datenspionage, Zeitvergeudung oder das Geschrei von Rechten, Linken, Extremisten, Rattenfängern oder anderem Gesocks reduziert, tut der Plattform nicht nur ganz gewaltig unrecht, er gibt dieses wunderbare Werkzeug auch auf.