Kommentar
LiMux-Ende: Wenn Politiker über Technik entscheiden

Linux ist das Vorzeigeprojekt in Sachen Linux-Desktop: 15.000 Arbeitsplätze in der Verwaltung Münchens laufen derzeit mit Linux und das Ziel unabhängig von einzelnen Herstellern zu werden, wurde wohl erreicht. Doch die Koalition aus CSU und SPD möchte das Projekt jetzt ganz schnell beerdigen. Eine politische und technische Fehlentscheidung.

An verschiedenen Ecken tauchen inzwischen natürlich erste Verschwörungstheorien auf, woher die Entscheidung wohl kommen mag – dabei dürfte die Erklärung doch recht einfach sein: Ahnungslosigkeit derjenigen, die diese Entscheidung getroffen haben und die recht weit verbreitete Vorstellung, dass es doch keinen Unterschied zwischen dem kleinen Heimnetzwerk und einem großen, über mehrere Standorte verteilte Netzwerk mit zentraler Verwaltung gäbe.

Ziele von LiMux

Die Ziele des Projekts LiMux vor 13 Jahren waren ganz klar: Man wollte unabhängig von einzelnen Herstellern werden, in diesem Fall Microsoft. Die Verwaltung sollte mit offener Software, offenen Protokollen und Dokumentformaten arbeiten. Und vor allem sollte die IT und deren Betreuung in dem Zuge auch vereinheitlicht werden. Natürlich gab und gibt es bei den von der Umstellung betroffenen Mitarbeitern dabei immer Kritik, was aber auch nicht verwunderlich ist.

Wer in der Betreuung von IT-Arbeitsplätzen arbeitet oder gearbeitet hat, der kennt die Vorbehalte, die auftauchen, wenn Mitarbeiter plötzlich neue Werkzeuge an die Hand bekommen und mit diesen womöglich nicht mehr als selbst als Admin arbeiten dürfen. Die Hürde hier liegt teilweise enorm niedrig, es reicht oft schon ein Update einer täglich genutzten Software, bei der irgendein Button die Position gewechselt hat.

Aber grundsätzlich läuft die Münchner Stadtverwaltung mit Linux und LibreOffice vielleicht nicht besser, aber offensichtlich auch nicht schlechter als mit Windows und Microsoft Office, schließlich steht München immer noch und das Chaos ist in der Stadt wohl auch nicht ausgebrochen (wenn man mal vom Oktoberfest absieht). Das ist aber kein Argument für die Koalition.

Erste Hinweise im November 2016
LiMux adé – Kickt München Linux und plant die Rückkehr zu Microsoft?

Gegner von LiMux

Die CSU war von Anfang an kein Freund der Umstellung und hat mit dem SPD-Oberbürgermeister Reiter seit 2014 einen Partner gefunden, der ebenfalls kein Fan von Linux ist. Für so ziemlich jedes echte und vermeintliche IT-Problem machte man hier ganz speziell Linux oder Open Source allgemein verantwortlich und auch die Behauptung (oder der „alternative Fakt“), es wären mit Linux keine „modernen IT-Arbeitsplätze“ möglich, wurde schon mal in den Raum geschmissen.

Dabei sind viele der angeblichen Linux-Probleme eben keine Linux-Probleme, sondern Probleme, die in solchen Umgebungen unabhängig von den verwendeten Systemen auftreten. Das Thema „Bring You Own Device“ (BYOD) ist unabhängig vom System eine Herausforderung in großen Unternehmen und Verwaltungen, aber möglicherweise denken sich manche Kritiker von LiMux, sie bräuchten nur einen Windows-Desktop, dann könnten sie wie daheim mal eben schnell iTunes installieren und ihr iPhone dann dran hängen.

Tatsache ist: In keinem Unternehmen der Welt gibt es nur zufriedene Anwender, das ist ein betriebssystemunabhängiges Feature.

Das Gutachten

Accenture hat für die Stadt München ein Gutachten zur zukünftigen IT-Infrastruktur erstellt, dessen Empfehlung ein zweigleisiges Angebot von LiMux und Windows wäre, bei dem größere Verwaltungsteile selbst festlegen könnten, ob sie Linux oder Windows einsetzen wollen – am Ende liefe das auf eine „Abstimmung“ durch die Nutzer hinaus. Es gibt auch an diesem Gutachten viel Kritik, sowohl von LiMux-Befürwortern als auch von Gegnern des offenen Systems. Auch das ist nicht erstaunlich, schließlich sind die Fragen, um die es hier geht nicht immer so ohne weiteres zu beantworten. Alleine die Frage, welchen Wert man der Unabhängigkeit von einem Betriebssystemhersteller gibt: Für die einen ist das eine essentielle strategische Frage, für die anderen spielt das Thema nur eine untergeordnete Rolle. Das ist eine Frage der Prioritäten.

Den Gegnern von LiMux in der Koalition gehen die Empfehlungen des Gutachtens nicht weit genug, daher sollen nach deren Willen nun Linux und LibreOffice möglichst schnell komplett aus der Verwaltung verschwinden – auch wenn das Gutachten aufgrund von über 10.000 Vorlagen und 130 Makros für LibreOffice empfiehlt weiterhin auf diese Office-Software zu setzen.

Schildbürgerstreich

Wenn die Opposition hier von einem Schildbürgerstreich spricht, dann muss man dem zustimmen. Rund 14 Millionen Euro wurden bislang in LiMux investiert, alleine der Austausch von Rechnern, die für den neu einzuführenden Windows-Standard-Client nicht geeignet sind, würde laut den Grünen nochmal 15 Millionen Euro kosten, dazu kämen entsprechende Lizenzen für Windows und Microsoft Office und . Diese ganzen Kosten habe die Koalition nicht im Blick. Als „Unterirdisch und hirnrissig“ bezeichnet der Pirat Thomas Ranft den Beschluss und soweit würde man ihm zustimmen, selbst wenn seine Behauptung, bei einer Umstellung auf Windows könne man die Daten der Bürger auch direkt ins Weiße Haus schicken, doch recht überzogen ist.

Chance vertan

Zumindest würde mit der Beerdigung von Linux und der Rückkehr zu Windows eine große Chance vertan. Während alle Welt immer mehr auf „Cloud-Dienste“ setzt, ob die „Cloud“ hier nun eigene oder anderer Leute Server sind und sich damit unabhängig vom Endgerät und dem dort verwendeten Betriebssystem macht, bastelt man in München wieder an den Endgeräten rum, statt eine zukunftsfähige IT-Infrastruktur aufzubauen, bei der es zukünftig einfach egal wäre, ob ein einzelner Arbeitsplatz in der Verwaltung mit Linux, Windows, macOS oder irgendeinem anderen Betriebssystem läuft. Keines der geschilderten (vermeintlichen) Probleme der LiMux-Gegner liesse sich ausschließlich über einen Wechsel des Client-Systems beseitigen, viele Probleme sind strukturelle Probleme, die betriebssystemunabhängig sind, das bestätigt auch das Gutachten.

Natürlich würde auch eine solche Weiterentwicklung Geld kosten, wahrscheinlich deutlich weniger als der radikale Wechsel zurück zu Windows. Aber selbst wenn diese Weiterentwicklung genau so teuer oder sogar teurer wäre, wäre dies die bessere Investition, immerhin ist das Ziel von einzelnen Herstellern unabhängig zu sein heute noch so erstrebenswert und sinnvoll, wie vor 13 Jahren. Aber möglicherweise dreht eine neue Koalition in einigen Jahren das Thema noch einmal komplett um – Kosten sind ja kein Thema, bezahlt ja alles der Steuerzahler und der wird nicht gefragt, bei dem wird das Geld einfach eingesammelt…

Artikelbild enthält Grafik von ScotXW (http://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Direktorium/LiMux.html, Eigenes Werk. Diese Datei enthält Elemente, die von folgender Datei entnommen oder adaptiert wurden:  Tux-shaded.svg., GPL, Link)