Daimler Actros
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LKW Problem: Der tote Winkel

von Robert Basic am 6. Oktober 2018

Auf der Nutzfahrzeugmesse in Hannover stellte Daimler ein digitales Rückspiegelsystem für Actros vor (so nennt Daimler seine schwere LKW-Baureihe): die Mirror Cam. Die es mir auf einem Demostand angetan hatte. Bevor wir jedoch darauf eingehen, ein kurzer Schwenk zum klassischen Rückspiegel-System.

Wir alle haben leider von schweren und tödlichen Unfällen mit Radfahrern gelesen. Genau dort geht es regelmäßig um den toten Winkel beim Abbiegen eines solchen schweren Trucks. Obgleich zahlreiche Spiegel angebracht sind, die den Sichtbereich weitestgehend abdecken, lässt sich dennoch ein Unfall nie ausschließen. Woran das liegt? Das erklärt uns Mike Erdmann, der seit über zwei Jahrzehnten als Berufskraftfahrer auf Achse ist. Auf seinem unter Truckern bekannten und beliebten Blog Truckonline.de. Kurzum: Der Trucker muss beim Abbiegen irgendwann den Blick von der Beifahrerseite zwingend abwenden, um auf den Gegenverkehr beim Einfahren zu achten. Genau in diesem Moment nutzt auch kein bestens eingestelltes Spiegelsystem mehr. Wer als Radler dann immer noch auf seine Vorfahrt besteht, wird eine böse Überraschung erleben. Rücksicht besteht eben nicht nur aus Vorfahrtsregeln.

Hierzu bitte unbedingt dieses Video eines weiteren Berufskraftfahrers (Axel Flaake) anschauen und auch Euren Kizz zeigen:

Die Mirror-Cam des neuen Actros

Kommen wir zum besagten digitalen Spiegelsystem im Daimler-Truck. Zunächst einmal verfügt der Actros über Seitenradare, die im hinteren Bereich der Zugmaschine eingebaut sind. Die Radare überwachen den Seitenbereich nach hinten und vorne. Ob es nun genau jeweils 180 Grad sind, konnte ich nicht herausfinden. Diese sind aber immens wichtig, um den Trucker vor Objekten zu warnen, die sich seitlich von ihm befinden. Das ist ein Bestandteil des Sicherheitssystems. Der zweite Aspekt dreht sich direkt um die Mirror Cam. Dazu einige Bilder, um das deutlich zu machen, worum es hierbei geht:

Actros Mirror Cam

Es befindet sich jeweils ein Kameragehäuse oben links und rechts an der Fahrerkanzel. Das die herkömmlichen Außenspiegel ersetzt. Ein Effekt: Der Fahrer hat keine Eigenobjekte mehr vor sich, die sein Sichtfeld stören. Die Mirror Cams sind nach vorne und nach hinten abklappbar, so dass herunterhängende Äste geringstmöglichen Schaden verursachen. Hier ein näherer Blick auf das Gehäuse:

Actros Mirror Cam

Und so sieht es in Fahrerkabine aus:

Actros Mirror Cam

Der Fahrer schaut jeweils links und rechts auf zwei 15 Zoll vertikal platzierte Monitore. Das untere Drittel bietet eine Weitwinkelansicht, die oberen zwei Drittel entsprechen dem üblichen Blick am Anhänger entlang. So sind auch die normalen Lichtspiegel aufgebaut. Dieses System bietet laut Daimler mehrere Vorteile:

Es verbraucht weniger Diesel, angeblich um 1,5%.

Es sei bei Nacht deutlich lichtstärker (Restlichtverstärkung).

Durch dynamische Ansichten, Symboliken und Hilfslinien soll es für mehr Sicherheit sorgen.

So sieht von unten aus:

Actros Mirror Cam

Während der Fahrt auf Autobahnen werden vier Hilfslinien eingeblendet. Die unterste ist manuell einstellbar und symbolisiert das Ende des Sattelaufliegers. Die oberen drei Linien zeigen Entfernungen von á 30, 60 und 90 Metern an. Das soll dem Trucker helfen, wenn er zum Überholen ansetzt. Was ich hier nicht zeigen kann: Sobald der Truck einen anderen Truck überholt, wird eine weitere Symbolik eingeblendet, die dem Fahrer das sichere Einscheren signalisiert.

Actros Mirror Cam

Desweiteren gibt es beim Abbiegen eine Pfeilsymbolik, die dem Trucker anzeigt, ob der Auflieger durch den Verlauf der sogenannten Schleppkurve ein Objekt wie etwa eine Ampel nebenbei weggrätschen würde. Zudem wird die Ansicht automatisch so verändert, damit der Fahrer den ganzen Auflieger auf der kurvenzugewandten Seite komplett einsehen kann. Ein entscheidender Clou beim Abbiegen, um womöglich Radfahrer zu entdecken. Zusätzlich wird das Seitenradar Alarm schlagen (vergleichbar mit Totwinkelwarnern bei Pkws). Der Fahrer wird akustisch und visuell alarmiert, zusätzlich wird der Truck per Systemeingriff eingebremst. Daimler nennt das System „Sideguard Assist“.

In einem älteren Video zu einem Actros-Prototypen sieht man die Funktionsweise, die im neuesten Actros durch die Mirror Cam an Zusatzsicherheit gewinnen soll:

Nein, die Kamera selbst hierbei schwenkt nicht, sondern das digitale Gesamtbild wird vom System neu berechnet.

Beim Rückwärtsfahren wird eine weitere Perspektive genutzt, die mittels der Hilfslinie das Aufliegerende symbolisiert:

Actros Mirror Cam

 

Da ich kein Trucker bin, kann ich nicht beurteilen, ob die Mirror Cam das Allheilmittel ist. Bereits das Sideguard Assist mit Notbremsaktivierung klingt für mich schlüssig. Gerade für den Moment, wenn der Trucker auf den Gegenverkehr beim Einbiegen achtet. Inwiefern weitere Truck-Hersteller solche Systeme anbieten, weiß ich natürlich nicht, da die Welt der Trucks nicht mein eigentliches Jagdrevier ist.

Ok, soweit ein kleiner Ausflug in die Welt der Trucker. Mit besonderem Augenmerk auf den Totwinkel.

Wer sich für Weiteres rund um den Actros interessiert, für den habe ich diese Video aufgetrieben: