05 - New Kids On The Blog
Marco Reus – Fussballromantik Is Coming Home

Ein Tag, der in die Geschichtsbücher eingehen wird. Zumindest in die Geschichtsbücher Dortmunds.

Dienstag, 10. Februar 2015. Ein trüber morgen. So früh, weit weg vom Ruhrpott, bereitet sich ein klirrend kaltes New York auf die Fall/Winter 2015-2016 Fashion Week vor. Am Lincoln Center werden von schlecht gelaunten Bauarbeitern, denen die parallel angelieferten hektisch in der vergangenen Nacht final zusammen genähten Last-Minute-Haute-Couture-Einzelstücke für die Shows maximal als Handschuh passen würden, erste Fashion-Week-Banner aufgehängt. Touristen schlendern vorbei und machen aufgeregt Fotos. Einige scheinen länger verharren zu wollen, wohl in der Hoffnung, ihnen würde Giselle Bündchen in die Arme laufen, ein Hollywood-Star oder wenigstens Toni Garrn, auch wenn sie wohl ohne Leonardo diCaprio über den noch unentschuldigt fehlenden roten Teppich flanieren würde.

In den provisorisch eingerichteten PR-Büros der großen Label, die diesen Winter in New York angetreten sind, um der Welt die neusten Schnitte und Trends zu präsentieren, brüten eigentümlich frisierte PR-Agenten mit den Marketingleitern und den Celebrity-Verantwortlichen über den Sitzordnungen der Front Rows.

 

„Every year the women of New York leave the past behind and look forward to the future … this is known as Fashion Week.“

Carrie Bradshaw

 

Nicht alle Labels drängeln sich um die Slots in den drei Spots des Lincoln Centers. Einige – das kannte man zum Beispiel von Hugo Boss während der Fashion Weeks in Berlin – halten sich für größer, wichtiger und cooler als die jungen Designer, die sich auf dem Messegelände präsentieren und veranstalten eigene Shows in separaten, exponierten Locations in der ganzen Stadt. Während der Fashion Week, zu der Models aus der ganzen Welt auf eigene Kosten anreisen, in der Hoffnung, irgendwo ein Casting zu ergattern und eine Show laufen zu dürfen, ist ganz New York ein Ausrufezeichen der Mode. Einkäufer, Marketingleute, Journalisten, seit einigen Jahren auch die Blogger und die Celebrity-Magazine und TV-Sender, geben sich in jedem Szene-Café die Klinke in die Hand. Selbst für einen schnellen Mittags-Lunch läuft in den angesagten Restaurants der Stadt nichts mehr, wenn man nicht entweder vor 6 Monaten reserviert oder Sex mit dem Restaurantmanager hatte – oder Kayne West ist, der einfach mal ein paar Brandmanagern von Levi´s pro Mann 5.000 $ cash in die Hand drückt, um deren Tisch am Fenster für sich und seine Entourage zu übernehmen.

 

„Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“

Karl Lagerfeld

Und während in den Dixiklo großen PR-Büros noch gerätselt wird, ob Pharell und Taylor Swift am Sonntag bei DKNY im Cedar Lake Theatre in der Front Row sitzen werden und wen man aus der zweiten Reihe vorziehen sollte, falls Taylor dann doch nicht kommt, ohne andere so kurz vor der Show vor den Kopf zu stossen, macht unten vor dem Foyer ein junger Japaner in einem Borussia Dortmund Trikot ein Selfie.

Sein strahlendes Lächeln und sein weithin leuchtendes gelbes Jersey löst einen Schlüsselinstinkt in mir aus, wie der Vorbote eines legendären Erlebnisses, das man tief im inneren seiner selbst irgendwie zu kommen spürt.

Die Stadt, die niemals schläft (obwohl sie das mal tun sollte, um zwischendurch z.B. mal kurz die Subways durch zu wischen), hält vor meinem inneren Auge kurz still.

Ich ziehe mein Handy aus meiner dicken Winterjacke. Ich sehe hier ziemlich deplatziert aus, in diesem dicken, dunkelblauen Wärmetraum einer Daunenjacke, die mich vor den Minus 11 Grad schützen soll, die mich heute morgen empfangen haben und behangen mit diversen Einlassberechtigungen. 9 von 10 Passanten halten mich vermutlich für eine mies gelaunte Servicekraft, die hier einen Würstchenstand aufbauen soll oder penetrante Touristen davon abhalten, sich die großen Fashion-Week-Stehlen als Souvenir unter den Arm zu klemmen. Ich zoome an den BVB-Japaner ran, der weiterhin Selfies produziert, als würde sein Facebook-Account gesperrt werden, wenn er nicht im Minutentakt visuell darlegt, wo er sich gerade befindet. Er trägt, das kann ich nun durch die Zoom-Funktion der iPhone 6 Kamera erahnen, die „11“ auf dem Rücken. Marco Reus.

Mein Vater hat mich mit ins Westfalenstadion genommen, als ich noch keine 2 Jahre alt war. Ich habe die Liebe zum Fussball in einer leidgeprüften Gegend wie Dortmund mit der Muttermilch aufgesogen. Noch heute ist eines meiner Lieblingszitate das von Albert Camus: „Alles, was ich über Moral und Verpflichtung weiss, verdanke ich dem Fussball“.

 

Ein Stück Fussballromantik kehrt nach Hause

Ich verdanke dem Fussball ebenfalls einiges. Die Demut vor einer Region wie dem Ruhrgebiet, wo sich Millionen von hart und ehrlich arbeitenden Menschen jahrzehntelang die Gesundheit ruiniert haben, um für uns alle das Wirtschaftswunder möglich zu machen. Und dazu ein ausgesprochen außergewöhnliches Verhältnis zu meinem Vater, der ein Borussia Dortmund Fan war, seit er – lebend im schönen Dortmund-Hombruch – als Kind versucht hat, sich illegal ins Stadion Rote Erde zu schleichen, weil kein Geld da war für eine Eintrittskarte, um dort legendäre Spiele zu sehen, von denen ich aus seinen Erzählungen beinahe so viel weiss, als wäre ich selber dabei gewesen.

Wie ferngesteuert treibt mich dieser Impuls, ausgehend von einem Japaner in einem Marco Reus Trikot, dazu, auf meinem Handy die einschlägigen Sportseiten zu öffnen. Und es trifft mich unverhofft und unvorbereitet, und doch spüre ich umgehend eine Gänsehaut, die vermutlich nur Menschen verstehen können, die jemals in die glücklichen Gesichter von Fussballfans gesehen haben, für die ihr Verein etwas so besonderes ist, wie der Ballspielverein Borussia Dortmund von 1909 für seine Fans. Die einen nennen es Religion, obschon die Götter, die angebetet werden, von Woche zu Woche variieren. Mal ist es Jürgen Klopp, dann ist es Mats Hummels, dann ist es Ciro Immobile – aber eine schlechte Grätsche, eine verpatzte Torchance später sind sie wieder die „Trottel“ denen die „Millionen in den Arsch“ geschoben werden für „null Leistung“. Der Fussballfan an sich redet Tacheles – auch mal über die Grenzen der Rationalität hinaus. Aber ich mag das. Denn am Ende steht dieser Fan, zumindest wenn es ein echter Fan ist, doch wieder auf der Südtribühne, auch wenn er den Verein schon 100 mal verteufelt, das Trainergespann entlassen und die Schlüsselspieler verschenkt hat. Heute, morgen, bei Wind, bei Regen, bei Schnee – und auch in der 2. Liga. Eine Liebe, die niemals endet. Das fasziniert mich.

Jeder Mensch hat eine Lieblingsjacke, einen Lieblingsfilm, einen besten Freund, eine Lieblingsspeise. Aber man wird älter, man sieht neue Dinge, das Leben verändert sich. Aber der Verein, den man im Herzen trägt, bleibt. Er bleibt, wenn man auf den Seychellen im Bikini am Strand liegt, in New York bei minus 11 Grad friert oder in Singapur unter der Luftfeuchtigkeit ächzt. Wenn sein Verein spielt, setzt man alles in Bewegung, um das Spiel zu sehen.

 

„Marco Reus verlängert seinen Vertrag bei Borussia Dortmund bis 2019 – Ohne Ausstiegsklausel“.

 

Ich bin wie in Trance. Es ist mir klar, dass es auf der Welt einige Millionen wichtigerer Probleme gibt, als dass ein junger Nationalspieler mit einer mittelmäßig akzeptablen Frisur und dem Hang dazu, schnelle Autos ohne Führerschein zu fahren, seinen Vertrag verlängert. Und dennoch hocke ich plötzlich auf einer Bank zwischen zwei großen Fenstern, die den Blick auf einen langen Springbrunnen und eine langsam aus der Kältestarre erwachenden Stadt frei geben, aus deren U-Bahn-Stationen junge Mädchen in viel zu dünnen Klamotten in die Kälte gespuckt werden, alle umgeben von diesem Schimmern der Hoffnung und dem unerschütterlichen Glauben an eine bessere Zukunft als Model in der Fashion Industrie, und wische mir eine Träne aus dem Augenwinkel.

Ich denke an die vielen Menschen dort im Ruhrpott, für die heute Weihnachten und Ostern auf einen Tag fällt. Den 10. Februar. An die Menschen, denen die Mode, die hier in den kommenden Tagen Trends setzen soll, so egal ist, wie sie es vermutlich allen sein sollte. An die Menschen, die sich teilweise ein Jahr lang Teile ihres kleinen Lohns zurück legen müssen, um sich die Dauerkarte für das Stadion überhaupt leisten zu können. Die jeden Cent in Auswärtsfahren investieren und ihr Team selbst in der tiefsten Ukraine aus dem Gästeblock anfeuern, als würden sie ihre Stimme danach nie wieder benötigen. An den Hohn und den Spott, den sie und ihr Verein Borussia Dortmund in den letzten Monaten ertragen musste – zurecht natürlich, nach den Leistungen, die die Mannschaft geboten hat.

Was für ein Signal. Der Verein, der gerade erst den letzten Platz verlassen hat, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der kommenden Saison die Champions League nur vom heimischen Sofa aus verfolgen wird, auf den in den Boulevardmedien der Abgesang bereits eingeläutet wurde und deren Trainer von diversen „Fussballexperten“ zum Rücktritt gedrängt werden sollte, verlängert in dieser Situation mit einem der weltbesten Offensivspieler.

Mit einem Spieler, der sich laut der Medienwelt lediglich noch zwischen gigantisch viel Geld (FC Bayern München) oder fantastisch viel Geld (Real Madrid) entscheiden müsse.

Heute ist ein Feiertag für Dortmunder und ein Feiertag für alle, die Financial Fair Play ernst nehmen. Es ist ein Feiertag für das kleine Bisschen Fussballromantik, das wir alle in der Industrie Profifussball rudimentär zu erahnen hoffen. Es ist ein Feiertag für Menschen, die an Entscheidungen des Herzens glauben.

 

Marco Reus: „Dortmund ist einfach meine Stadt, der BVB ist mein Verein. Ich gehöre hier hin.“

 

Ich stehe in New York und schreibe eine SMS an meinen Vater. Den vielleicht wichtigsten Menschen in meinem Leben, der nicht genau versteht, was ich hier überhaupt mache und der meinen Job nach wie vor eher für eine Art Hobby hält, aber der sich freuen wird über diese SMS, weil auch er ein Fussballromatiker ist. Der Fussballromantiker, der verhindert hat, dass ich mich mit Barbies beschäftigte als ich klein war und Fussballtrikots zum Sportunterricht trug.

Ich spüre, dass sich mit diesem Tag etwas geändert hat. Jemand wie Marco Reus, den ich nicht mal persönlich kenne, hat mir eine Lektion darin erteilt, dass es nicht immer um finanzielle Optimierung oder garantiertes Gewinnen geht. Sondern darum, dort zu sein, wo man sich wohl fühlt. Wo Freunde sind. Heimat. Familie.

1168909_157020161175824_161053192_nIch mache mit meinem Vater aus, dass ich nach meiner Rückkehr mit ihm das nächste Heimspiel besuchen werde. Ich werde ein Marco Reus Trikot tragen und ich werde lächeln. Lächeln über jemanden, der ein Zeichen gesetzt hat, das keiner mehr erwartet hätte. Und über die Fans des FC Bayern, die in den einschlägigen Fussball-Foren den Tag damit verbracht haben, der Nation zu erklären, dass der FC Bayern ja ohnehin kein Interesse mehr an Marco Reus hatte. Klugscheisserei ist mir zuwider, daher werde ich mich nicht dazu äussern, wie wahrscheinlich es ist, dass der FC Bayern wirklich kein Interesse daran hatte, einen jungen Deutschen Nationalspieler zu verpflichten, der mit Ausstiegsklausel deutlich unter Marktwert zu haben gewesen wäre und den jeder Topclub der Welt mit Kusshand genommen hätte.

Und das ist vielleicht der Unterschied zwischen dem Ruhrgebiet und München. Aber zumindest ist es der Unterschied zwischen Marco Reus und Mario Götze.

 

Danke Marco – Und geniesse das Denkmal, das die Fans Dir jetzt bauen werden.