Zur Seite, Twitter: Mastodon ist (vielleicht) das „next big thing“

Mastodon ist wie Twitter - allerdings dezentral und Open-Source. Das sind aber nicht die einzigen Gründe, wieso derzeit ein Hype um diesen Dienst entfacht wird.

Wenn wir eine neue Sau durchs Tech-Dorf treiben, dann verfallen wir oft in eine etwas martialische Sprache. Das macht aus einem E-Auto einen Tesla-Killer, aus einem neuen Android-Smartphone einen iPhone-Killer – und eben aus einem Microblogging-Tool wie Mastodon einen Twitter-Killer.

Was ist Mastodon und wie funktioniert es?

Mastodon also – wieder mal ein Dienst, der sich anschickt, Twitter Konkurrenz zu machen – zumindest, wenn man dem ein oder anderen Experten zuhört. Hören wir aber erst mal darauf, was Mastodon über sich selbst sagt:

Mastodon is a free, open-source social network. A decentralized alternative to commercial platforms, it avoids the risks of a single company monopolizing your communication. Pick a server that you trust — whichever you choose, you can interact with everyone else. Anyone can run their own Mastodon instance and participate in the social network seamlessly.

Stellt es euch also vor wie Twitter, aber zum einen als Open-Source-Variante, zum anderen dezentral aufgebaut. Das bedeutet für euch, dass es verschiedene Instanzen gibt, auf denen ihr euch anmelden könnt, oder einfach selbst eine eigene Instanz ins Leben ruft. So oder so könnt ihr natürlich mit allen Mastodon-Nutzern kommunizieren, also genau so, wie ihr es von Twitter auch kennt.

Das Interface erinnert ein wenig an Tweetdeck, ist entsprechend dunkel gehalten und nachdem ihr euch erfolgreich bei irgendeiner Instanz angemeldet habt, fällt direkt auf, dass ihr hier ein anderes Zeichen-Limit habt als bei Twitter: 500 Zeichen sind es, die den Unterschied zum großen Rivalen machen sollen. Außerdem ist Privacy ein Thema – ihr könnt einzelne Beiträge privat teilen. Mastodon nennt aber auch noch einige Argumente mehr:

  • Timelines are chronological
  • Public timelines
  • 500 characters per post
  • GIFV sets and short videos
  • Granular, per-post privacy settings
  • Rich block and muting tools
  • Ethical design: no ads, no tracking
  • Open API for apps and services

Oben im Bild seht ihr den Aufbau von Mastodon: Links findet ihr euer Eingabe-Fenster sowie die Suche, in den Spalten daneben seht ihr euren Feed und die Mitteilungen, wenn euch zum Beispiel ein Nutzer folgt. Ganz rechts schließlich könnt ihr entweder dem öffentlichen oder dem lokalen Feed folgen, könnt euch aber auch einzelne Beiträge oder User anschauen.

Prinzipiell kennt ihr sehr vieles dort von Twitter – die Replies, das Folgen der anderen Nutzer, das Favorisieren – alles also altbekannt und bewährt. Falls ihr übrigens keinen Bock drauf habt, dass ihr als Username1989 oder etwas ähnlich kryptischem geführt werdet, weil alle guten Nutzernamen schon vergriffen sind: Bei Mastodon gibt es jeden Nutzernamen nur einmal – pro Instanz! Ist euer Nick also schon vergeben auf einer Instanz, könnt ihr euch einfach bei einer anderen anmelden – as simple as that.

Ich hab „Casi“ zumindest auf zwei der Instanzen für mich beansprucht, aber es sind noch genug Casis für euch frei ;) Ach ja: Ich werde nicht versprechen können, dass ich da mega-aktiv sein werde, aber wer mir folgen will, findet mich über die Mastodon-Suche oder klickt auf https://social.tchncs.de/@casi. social.tchncs ist dabei eine der beiden Instanzen, die Eugen Rochko selbst empfiehlt. Seine eigene Instanz mastodon.social platzt derzeit nämlich aus allen Nähten, so dass dort aktuell keine Anmeldungen möglich sind.

If you’d like to get started someplace other than mastodon.social run by me, here are two instances run by people I trust:

 

Wieso zu Mastodon wechseln?

Ich muss zugeben, dass ich mich schon seit längerer Zeit sehr wenig mit Twitter befasse. Trotzdem verfolge ich die Entwicklungen und denke, dass mehr und mehr Twitter-Nutzer unzufriedener sind mit dem Dienst. Das liegt u.a. daran, dass dort – beispielsweise im Vergleich zu Facebook – viel zu wenig passiert, was den Microblogging-Service voranbringt. Wenn dann was passiert – wie die neuen Replies – dann sind es zumeist Änderungen, die der Masse so gar nicht gefallen wollen.

Letzteres dürfte auch der Grund dafür sein, wieso Mastodon gerade in diesen Tagen so einen Zuspruch erhält. Wirklich brandneu ist der Dienst nämlich nicht, sondern existiert bereits seit einem halben Jahr. Ins Leben gerufen wurde Mastodon von Eugen Rochko (Software-Entwickler aus Jena, Thüringen), der einfach unzufrieden war mit dem, was aus Twitter geworden ist, auch bereits App.net nutzte und somit nun seinen eigenen Klon erdachte.

Genau diese Unzufriedenheit mit Twitter (und den neuen Replies) ist es auch, die dafür gesorgt hat, dass Mastodon plötzlich und unerwartet Fahrt aufnimmt: Allein in den letzten zwei Tagen konnte die Nutzerzahl um über 73 Prozent auf mehr als 41.000 Nutzer gesteigert werden, nachdem in den ersten sechs Monaten 24.000 Menschen Mastodon-Accounts anlegten. Die Zahl gilt für die offizielle Instanz auf mastodon.social, insgesamt dürfte die Nutzerzahl aktuell bei round about 60.000 Nutzern liegen.

Schauen wir auf die Nutzerzahlen bei Twitter oder gar bei Facebook, dann sind das natürlich Peanuts, von denen wir hier reden. Es gilt aber, diese Zahlen bei Mastodon im Blick zu behalten – wächst man noch ein paar Tage so weiter, kann man durchaus Relevanz erreichen mit diesem Twitter auf Steroiden. Passiert das nicht und meldet sich nur die übliche Early Adopter-Blase bei Mastodon an, dürfte es ein ähnlicher Erfolg werden wie zum Beispiel Ello, um das es auch einen riesigen Hype gab, aber die breite Masse nie erreichte.

Mastodon – erster Eindruck

Ich informiere euch hier zunächst einmal lediglich über Mastodon, nachdem ich mir dort selbst erst einen allerersten Eindruck machen konnte. Soll heißen, dass ihr hier noch nicht umfassend über den technischen Unterbau der Plattform lesen könnt, oder die 50 besten Tipps und Tricks zu Mastodon geliefert bekommt. Viel mehr will ich euch auf diesen neuen Twitter-Konkurrenten aufmerksam machen, von dem Mashable schreibt Bye, Twitter. All the cool kids are migrating to Mastodon und Motherboard Mastodon Is Like Twitter Without Nazis, So Why Are We Not Using It? titelt.

Wie viele sich tatsächlich von Twitter abwenden und Mastodon zu ihrer ersten Social Media-Anlaufstelle machen, wird sich nun erst noch zeigen müssen. Eugen hat allerdings seinem Service wirklich ein paar sehr gute Features verpasst, Mastodon verfolgt einen Ansatz, der nicht auf Monetarisierung ausgerichtet ist, folglich werbefrei ist und zudem werden explizit Nazis von der Plattform verbannt.

Logisch, dass trotz toller Geschichten wie dem Zeichen-Limit von 500 der Funktionsumfang noch zulegen kann (und sicher auch noch wird). Erste Apps für iOS und Android sind immerhin bereits am Start, aber da dürfte auch noch einiges nachkommen. Auf den ersten Blick macht das alles einen sehr vielversprechenden und sinnigen Eindruck, eben wie ich weiter oben schon schrieb ein „Twitter auf Steroiden“ oder besser noch: Ein Twitter, wie es sein sollte. Wenn die ganze Nummer noch ein bisschen angenehmer von der Bedienung wird, noch ein paar mehr Menschen mitmachen und auch solide Apps für iOS und Android die Runde machen, dann könnte Mastodon durchaus eine Chance haben, Twitter auch weiterhin Nutzer abzujagen.

Ich werde mich jedenfalls weiter dort umschauen und mit Mastodon vertraut machen, werde mal sehen, welche Early Adopter man dort finden kann und mir nebenher Gedanken machen, ob es wirklich pfiffig ist, sein „next big thing“ ausgerechnet nach einem ausgestorbenen Tier zu benennen. Letzteres (also der Name, nicht dass das Tier ausgestorben ist ^^) ist übrigens dem Umstand geschuldet, dass Eugen Fan der Band Mastodon ist – die Jungs der Band haben übrigens auch schon Wind davon bekommen:

Ach ja, zum Schluss noch kurz: Was bei Twitter twittern oder tweeten ist, heißt bei Mastodon – dem Tier entsprechend – „Toot“. In der deutschen Übersetzung hat man sich schlicht für „Tröt“ entschieden. Während ich auch über diese Vokabel noch nachdenke, warte ich jetzt darauf, dass ihr euch anmeldet und mir irgendwas trötet. Und erzählt uns in den Comments, ob Mastodon wirklich eine Chance haben könnte, oder ob es wieder mal nur eine neue Hype-Plattform ist, von der in wenigen Monaten niemand mehr sprechen wird.

Weiterführende Links:

Welcome to Mastodon von Eugen Rochko

Mastodon.social is an open-source Twitter competitor that’s growing like crazy

Artikelbild: Christopher Mineses/Mashable/Mastodon auf Mashable

Mastodon bei GitHub

Liste der verschiedenen Instanzen