iPhone vor einem Fernseher

Umfrage der Woche
Mehr TV-Werbung, mehr europäische Inhalte – liegt die EU richtig?

Die EU-Komission hat eine überarbeitete Richtlinie zu den "audiovisuellen Mediendiensten" vorgelegt. Im Klartext bedeutet das, dass sie u.a. mehr TV-Werbung bewilligen will, mehr europäische Inhalte auf den US-Streaming-Plattformen sehen möchte und uns Streaming auch im Ausland ermöglichen will. Was sagt ihr? Durchdachter Vorschlag oder ein Grund mehr, die EU-Politik infrage zu stellen?

Vor wenigen Tagen hat euch Bernd bereits in seinem Artikel EU-Quote: Netflix & Co. sollen zu europäischen Produktionen gezwungen werden ausführlich darüber informiert, dass eine EU-Komission die Bestimmungen für den ausdiovisuellen Bereich aktualisieren möchte. Wie so oft bei Vorschlägen dieser Art klingt das sehr nüchtern formuliert, hätte aber Auswirkungen auf uns alle – zumindest alle von uns, die gern TV schauen, oder sich die Zeit mit dem Streamen von Serien auf Plattformen wie Netflix und Amazon Prime vertreiben. 

In unserem Beitrag ging es im Wesentlichen darum, dass die EU gerne eine geregelte Quote für die US-Streaming-Plattformen festlegen möchte, die einen festgeschriebenen Anteil an europäischen Inhalten voraussetzt. Soll in der Praxis so aussehen, dass 20 Prozent des Contents aus rein europäischen Produktionen stammen soll. Nicht zu unrecht wird davon bereits als “digitalem Protektionismus” gesprochen.

Jetzt liegt jedenfalls der Entwurf offiziell vor und bestätigt all das, was vorab schon durchgesickert war. Die 20 Prozent-Quote hat es tatsächlich ins Papier gebracht und jetzt lässt sich fabelhaft darüber diskutieren, ob das eine Schnapsidee ist oder eine sinnvolle Aktualisierung der geltenden Bestimmungen. Ist es grundsätzlich ein Drama, wenn 20 Prozent des Netflix-Contents aus Europa käme? Nein, eigentlich nicht – genau genommen erfüllt Netflix diese Quote laut einer Studie des European Audiovisual Observatory bereits jetzt, Apple iTunes kommt auf 21 Prozent und bei weiteren 75 überprüften Video-on-Demand-Services wurde sogar ein Durchschnitt von 27 Prozent ermittelt.

Wir denken bei so einer Quote schon an das Schlimmste – Rosenheim Cops und Alarm für Cobra 11 in Dauerschleife, aber ganz so schlimm dürfte es nicht werden. Immerhin kommen auch aus dem europäischen Ausland genügend wirklich starke Serien, wenn ich allein an die Krimis aus Skandinavien oder an Produktionen der BBC denke. Dennoch sträubt sich bei mir alles gegen so eine Quote, nicht zuletzt, weil mich persönlich bei einer Serie die Qualität interessiert, nicht wo sie her kommt und weil es mir nicht in den Kopf will, wieso für gebührenfinanzierte Produktionen noch ein zweites Mal abkassiert werden soll. Denn auch das sehen die neuen Richtlinien vor: Die Streaming-Dienste werden dazu verdonnert, einen finanziellen Beitrag zu europäischen Werken zu leisten – mit euren monatlichen Kosten für Netflix und Amazon Prime bezahlt ihr also die Produktion von Inhalten, die ihr durch die Fernsehgebühren bereits bezahlt.

“Freut euch” auf noch mehr Werbung zur Primetime

Aber der Entwurf zu den neuen Richtlinien hält natürlich noch weitere Punkte parat. Punkte, die sich auch mit dem klassischen TV beschäftigen. Wenn ihr mich fragt, hat die Lobby-Armee dieser Industrie ganze Arbeit geleistet, denn zu den Neuerungen soll gehören – so der Vorschlag dann auch so angenommen wird – dass wir mit mehr Werbung im Fernsehen leben müssen.

Konkret plant man, dass die Sender statt bisher alle 30 Minuten sogar alle 20 Minuten Werbung zeigen dürfen. Zudem – und gerade das finde ich verheerend – gilt die Quote von maximal 20 Prozent Werbeanteil am Programm nicht mehr pro Stunde, sondern für die gesamte Zeitspanne von sieben Uhr morgens bis 23 Uhr abends. Was das bedeutet? Bislang galt es wie gesagt pro Stunde, was 12 Minuten Werbung maximal bedeutet innerhalb von 60 Minuten Programm.

Nach diesem Entwurf nun aber können diese 12 Minuten deutlich überschritten werden, indem man nämlich viel mehr Werbung dann ins Programm ballert, wenn – beispielsweise zur Primetime – sehr viele Zuschauer vor den Geräten sitzen. In den Phasen mit viel weniger Zuschauern läuft dann entsprechend weniger Werbung. Denke ich an die Serien, Hollywood-Filme und Shows, die ProSieben auf den Premium-Slot um 20.15 Uhr programmiert und bei denen ich sowieso schon immer denke “Echt jetzt? Schon wieder Werbung?”, dann kann man sich auf wirklich üble Dinge vorbereiten.

Unser nach wie vor deplatziert wirkende Mann in Brüssel Günter Oettinger hat natürlich auch direkt den passenden Vorschlag parat:

Wir glauben, dass hier der Fernsehzuschauer im Mittelpunkt stehen kann: Dort, wo zu viel Werbung ist, kann man abschalten, umschalten, durchzappen oder auf Video-on-Demand-Angebote übergehen Günther Oettinger, EU-Kommissar

Auf gut Deutsch: Euch nervt Werbung? Schaut halt nicht hin! Damit offenbart er sein Verständnis von unseren TV-Gewohnheiten: Er sieht uns als Menschen, die einfach nur irgendwas schauen wollen oder sollen und gegebenenfalls weiterzappen zu einem Kanal, auf dem gerade keine Werbung läuft. Dass jemand wirklich einen bestimmten Inhalt sehen will, der uns in letzter Konsequenz vom wegschalten abhält, kommt ihm dabei nicht in den Sinn. Stellt euch also schon mal drauf ein, dass ihr mehr Werbung präsentiert bekommt – und öfter!

Die Werbung soll aber über alle Plattformen hinweg angepasst werden. Immerhin ist den Herrschaften in Brüssel – so fair muss man sein – klar, man verschiedene Plattformen unterschiedlich handhaben muss. Das bedeutet, dass bei den neuen EU-Richtlinien auch Video-Angebote wie YouTube einbezogen werden und sich an neue Werbe-Regeln halten sollen.

Hierbei sollen vor allem Minderjährige vor schädlichen Inhalten wie Pornografie und Gewalt geschützt werden, außerdem unabhängig vom Alter alle Zuschauer vor Aufstachelung zum Hass. Dazu sollen Systeme gehören, die wirksam das Alter einer Person überprüfen und Mechanismen, mit denen man schädliche Inhalte melden und anzeigen kann. Hierzu sind die Betreiber dieser Video-Plattformen eingeladen, sich mit den Politikern an einen Tisch zu setzen und im Rahmen einer Allianz für einen besseren Schutz von Minderjährigen im Internet an dem künftigen Verhaltenskodex mitzuarbeiten.

Außerdem lockert man auch die Regeln für Produktplatzierungen und Sponsoring und will zudem sicherstellen, dass Regulierungsstellen sowohl von der Industrie als auch den jeweiligen Regierungen unabhängig arbeiten.

Hurra, Streaming im Ausland

Ich will gar nicht den Eindruck erwecken, dass da in Brüssel nur Ahnungslose zusammengekommen sind, um diesen Entwurf fertig zu klöppeln, denn es finden sich eben durchaus auch interessante und richtige Ansätze in den Papieren, wenngleich der Spruch “gut gemeint ist was anderes als gut gemacht” auch hier gilt. Prinzipiell möchte man die veränderte Situation am Markt mit all seiner Vielschichtigkeit und den unterschiedlichen On- und Offline-Angeboten berücksichtigen und allen Plattformen gerecht werden.

Zu den Punkten, die in die richtige Richtung gehen gehört es definitiv, dass man die schwierige Lizenz-Thematik in den Griff bekommen möchte. Dazu gehört, dass die jeweiligen Inhalte für jede Nation neu ausgehandelt werden und die Angebote daher von Land zu Land variieren. Das wiederum führt dazu, dass ihr zwar zuhause Netflix und Co genießen könnt, nicht jedoch aber, wenn ihr euch im europäischen Ausland befindet.

Zwar will man dieses Geoblocking nicht komplett bzw. dauerhaft auflösen, zeitlich limitiert also schon. Wenn ihr also beruflich im EU-Ausland unterwegs seid oder euch im Urlaub in einem dieser Länder befindet, werdet ihr eure Lieblings-Serie dennoch weiter verfolgen können.

Und? Wie steht ihr zu den neuen EU-Richtlinien?

Im Pressetext zu diesen vorgeschlagenen Änderungen der EU-Richtlinien heißt es, dass es diverse Initiativen im Vorfeld gab und weitere bis Jahresende folgen sollen:

Diese neuen Initiativen im Rahmen der Strategie für einen digitalen Binnenmarkt werden heute zusammen mit einem Maßnahmenpaket zur Förderung des elektronischen Geschäftsverkehrs in der EU (Pressemitteilung) vorgestellt.

Die heutigen Maßnahmen folgen auf eine Reihe von Initiativen zur Digitalisierung der europäischen Industrie (Pressemitteilung), Vorschläge zum Urheberrecht (Pressemitteilung) und zu digitalen Verträgen (Pressemitteilung) sowie den Entwurf eines Beschlusses zur Frequenzkoordinierung (Pressemitteilung). Die Strategie für den digitalen Binnenmarkt sieht 16 Initiativen vor, die bis zum Ende dieses Jahres vorgestellt werden sollen.

Mit der Vorstellung ist natürlich noch lange keine dieser Änderungen in Stein gemeißelt und beschlossen. Dennoch glaube ich, dass man diese Vorschläge weitestgehend auch so durchwinken wird und auch glaubt, das im Interesse aller Beteiligten zu tun. Ich persönlich glaube ja, dass man speziell mit den Änderungen bezüglich der TV-Werbung den Fernseh-Dinosauriern keinen Gefallen tut, wenn das die Lobbyisten auch aktuell noch anders sehen. Viel mehr glaube ich, dass man die Zuschauer nur noch schneller in die Arme von Amazon Prime, Netflix und allen anderen treiben wird.

Mich interessiert jetzt aber, wie ihr über diese Änderungen denkt: Glaubt ihr, dass die Entwürfe kompletter Quatsch sind oder könnt ihr stattdessen vollumfänglich zustimmen? Oder gibt es einzelne Punkte, die für euch Sinn ergeben oder nicht? Beteiligt euch an unserer Umfrage und wie immer möchte ich nicht nur euer Voting, sondern bestenfalls auch ein Statement in den Comments: Wieso sind die Punkte durchdacht oder nicht, was würdet ihr euch wünschen und was glaubt ihr realistisch, wie sich die TV-Landschaft speziell nach diesen neuen EU-Richtlinien verändern wird – haut es uns alles in die Kommentare.

Quellen: europa.eu und ec.europa.eu via golem.de