Kommentar
#MenAreTrash: Das ist die Art, wir wir 2018 konstruktiv diskutieren wollen?

#MenAreTrash - ein Hashtag macht die Runde auf Twitter und will auf die strukturell bedingten Benachteiligungen von Frauen hinweisen. Für mich schießt die Aktion deutlich übers Ziel hinaus und erkläre in meinem Kommentar auch, wieso ich das denke.

Dies hier wird wieder eines der Postings, bei dem ich schon vorm Schreiben des ersten Satzes förmlich greifen kann, dass ich in den Kommentaren bzw. den sozialen Medien wieder ordentlich Gegenwind bekomme. Das denke ich nicht, weil ich vorhabe, etwas total Provokantes, Gewagtes zu schreiben oder gedenke, meinen Text mit obszönen Vokabeln zu spicken. Ich denke das, weil wir im Internet bei einer Art des Diskurses angekommen sind, der mich zusehends ratloser zurücklässt und bei dem es nicht mehr um Diskutieren geht, sondern um “Ich habe recht, Du hast unrecht”. Da kann man nicht mehr Stellung beziehen, ohne dass man von einem Teil der Leute als der vermeintliche Feind gesehen wird.

Das ist mir aber jetzt gerade egal, weil ich über das Thema sprechen möchte und zugegebenermaßen auch an euren Ansichten dazu interessiert bin. Ich bin auch noch dabei, mir abschließend eine Meinung zu bilden, glaube dennoch, dass wir uns hier auf dem ganz falschen Weg befinden. Aber der Reihe nach:

#MenAreTrash

Ein Hahstag erobert derzeit Deutschland und hat es dabei sogar geschafft, in den Trends aufzutauchen: Das Hashtag lautet #MenAreTrash und wie so oft steckt dahinter ein dringendes Anliegen. Es geht um das Patriarchat, also um eine gesellschaftliche Struktur, in der der Mann alles dominiert und die Frau unterdrückt wird. Auslöser der aktuell in Deutschland geführten Debatte ist ein Tweet von Sibel Schick, der noch ohne das Hashtag auskam:

Ich habe wirklich ein Problem damit, wie sie denkt und wie sie sich äußert. Ich möchte der Vollständigkeit aber ergänzen, dass Frau Schick als Reaktion auf ihre Tweets und Aussagen nicht nur unflätig beschimpft wurde, sondern zudem auch massiv bedroht. Das ist allerunterste Schublade und logischerweise verurteile ich solche Äußerungen aufs Schärfste.

Kann sein, dass ich mich selbst in Sachen Empathie manchmal überschätze, aber ich tue mich sehr schwer mit einem solchen Hashtag. Es ist wieder so eine Geschichte, die man als Mann am besten nur dulden soll, aber besser nicht kommentieren, weil man damit Gefahr läuft, das Hashtag zu bestätigen. Das zumindest ist mein Eindruck nach dem Lesen einiger Tweets.

Diese fiesen Filterblasen, wer kennt sie nicht. Sie machen, dass wir die Welt anders sehen, als sie tatsächlich ist. Wir müssen uns da immer wieder herauswagen um mitzubekommen, was sonst noch so los ist – bzw. um unsere Sicht auf die Welt wieder zu korrigieren und ein bisschen dazuzulernen. Das gilt natürlich in erster Linie und täglich wieder für jeden selbst und damit selbstverständlich eben auch für mich, aber ich unterstelle anderen Leuten ehrlich gesagt schon, dass sie etwas weltfremd agieren, wenn davon gesprochen wird, dass Männer in den meisten Fällen Täter sind.

Aber zurück zu #MenareTrash: Auch, wenn es jetzt in Deutschland verstärkt aufploppt, ist es nicht neu und schon gar nicht hier initiiert. Die ersten Tweets mit diesem Hashtag stammen aus Südafrika und sollen die Öffentlichkeit auf die Abgründe aufmerksam machen, die sich dort bezüglich häuslicher Gewalt auftun. Viel zu oft sterben dort Frauen an den Folgen der Gewalt, die ihnen vom eigenen Partner zugefügt wird.

Ich kann die Situation in Südafrika nicht einschätzen, aber wir brauchen uns natürlich nicht darüber unterhalten, dass diese Verbrechen jede Aufmerksamkeit verdient haben und das ganz sicher nicht auf Südafrika begrenzt ist. Wir haben hier auf dem Blog Themen wie häusliche Gewalt und Stalking ja selbst in letzter Zeit mehrfach angeschnitten.

Das ändert aber für mein Empfinden nichts daran, dass plötzlich alle Mittel recht sind, solange sie in die eigene Agenda zu passen scheinen. Ich finde im konkreten Fall #MenareTrash dieses Hashtag zunächst schon mal pauschalisierend. Das ist immer – wirklich immer – falsch. Weil eben nicht alle Männer gleich sind, so wie eben auch nicht alle Frauen, alle Muslime und alle Schwulen gleich sind.

Bevor ihr euch jetzt bereits einen Text zurechtlegt, den ihr mir in den Comments um die Ohren hauen möchtet: Ja, ich habe heute genügend Artikel und Tweets gelesen, die mir erklären wollen, dass man Männer pauschal als Müll bezeichnen darf, weil es ja der Sache dienlich ist und man provozieren und überspitzen muss, damit man gehört wird. Ich erinnere euch dran, wenn das nächste mal die AfD pauschal Geflüchtete an den Pranger stellt.

Viele Frauen erklären derzeit auch, dass sie natürlich ganz wunderbare Männer in ihrem Leben haben, aber man eben zu drastischen Mitteln und Formulierungen greifen muss, damit man die Dinge ändern kann. Für mich klingt das nicht schlüssig, sorry. Ich bleibe bei dem AfD-Beispiel: Wenn dort formuliert wird, dass wir keine Terroristen mehr ins Land lassen sollen mit dem Hashtag #FlüchtlingesindTerroristen — wäre das eine legitime Überspitzung, weil man ja schließlich nur die Terroristen unter den Geflüchteten meint und nicht all diejenigen, die einfach nur auf der Suche nach einem Leben in Sicherheit sind?

Das Hashtag #MenAreTrash trifft alle Männer. Es trifft einen Vergewaltiger und den, der zuhause seine Frau verprügelt und den, der breitbeinig in der Bahn sitzt. Und es trifft den Mann, wegen dem Du gerade Schmetterlinge im Bauch hast, den Mann, der Dir hilft, den Kinderwagen die Treppe herunter zu befördern, den Mann, den Du deinen Vater, deinen Bruder oder vielleicht auch Deinen erwachsenen Sohn nennst. Alles Abfall — pauschal, weil es ja der Sache dienen soll.

Wir brauchen nicht darüber reden, dass es eine erstaunliche Zahl an Männern gibt, für die “Trash” noch eine sehr wohlwollende Umschreibung wäre und wir brauchen auch nicht darüber reden, dass wir dieses strukturelle Problem besser in den Griff bekommen müssen. Aber ich weigere mich zu akzeptieren, dass sich die Dinge in den letzten Jahren und Jahrzehnten nicht verbessert hätten.

Ich glaube in der Tat, dass ich mich selbst heutzutage deutlich mehr hinterfrage in meinem Tun als noch vor einigen Jahren und dass ich damit sicher nicht allein stehe. Damit meine ich nicht, dass ich vor zehn Jahren ein Arsch war und heute nicht mehr, sondern dass ich versuche, die Sicht der Frauen zu sehen und zu verstehen — und dass Unterdrückung und Sexismus nicht erst da beginnen, wo ein Mann übergriffig wird.

Der Weg zu einer wirklichen Gleichberechtigung ist ein schwieriger und anscheinend auch ein sehr langer und wir gehen ihn. Es könnte durchaus ein bisschen flotter vorangehen, aber wir gehen ihn. Aber man muss das doch anders diskutieren können,  ohne dass man Menschen als Abfall bezeichnet, findet ihr nicht?

Ich hab hier ganz bewusst drei Tweets von Frauen ausgewählt, die widerspiegeln, dass #MenAreTrash sicher nichts ist, wo ein Konsens unter allen Frauen herrscht. Vielmehr erinnert es mich an einen Pegida-Marsch, der “Wir sind das Volk” skandiert. Apropos rechter Rand: Der AfD bescheinigt man ja gerne mal, dass sie Katastrophen und auch Tote gerne mal benutzt, um die eigene politische Agenda zu befeuern. Wie ihr auf dem Bild sehen könnt, ist von dieser Vorgehensweise auch eine Sibel Schick anscheinend nicht gefeit:

Frau von Storch hätte es nicht besser formulieren können

Vielleicht kann Frau Schick ja nochmal ein wenig recherchieren und herausfinden, dass Aretha sich nicht nur zeitlebens für die Black Community oder Frauen eingesetzt hat, sondern in der Tat für Gleichberechtigung — unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religion oder was auch immer.

You need me And I need you Without each other there ain’t nothing people can do Aretha Franklin - Think

Aber …

… durch provokantes Formulieren wird die Debatte befeuert – hat doch geklappt!

Nein, es hat nicht geklappt, Freunde. All das, was wir immer Populisten wie Trump vorwerfen — laut trommeln, die Gemäßigten übertönen, die Wahrheit dehnen, Lösungsansätze bis zur Unkenntlichkeit verkürzen — all das gilt auch dann, wenn es Leute mit einer Agenda tun, die wir für richtig erachten. Oder kurz gesagt: Mittel, die wir normalerweise für unangemessen halten, werden nicht richtiger, wenn wir es sind, die sie einsetzen.

Und ja — natürlich wird derzeit darüber geredet, aber von wem und in welcher Form? Ist das Hashtag in den Trends gewesen, weil ein wichtiges Thema endlich diskutiert wird? Oder vielleicht doch eher, weil es so polarisiert, dass sich der radikale Kern der Feministinnen und ein Haufen idiotischer Sexisten gegenseitig hochschaukeln? Aufmerksamkeit ist da — Punkt für die Pro-“#MenAreTrash”-Fraktion. Aber bringt es die Sache wirklich weiter, wenn man die konstruktiven Diskussionen, die es zweifellos gibt, mit der Lupe suchen muss in einem Meer aus Vorurteilen, Beschimpfungen und Drohungen?

… es sind ja nicht alle Männer gemeint

#metoo oder #metwo sind doch gute Beispiele dafür, wie man sein Anliegen unters Volk bringen kann, auf einen Missstand hinweist, ohne pauschal Menschen in Sippenhaft zu nehmen. Das sollte also auch hier ein bisschen anders funktionieren, ohne alle Wut, Hass und Verachtung mit der Gießkanne über alle Männer zu verteilen.

Wir versuchen Rechten und Konservativen zu erklären, dass ein muslimischer Attentäter eben nicht als Indiz zu werten ist, dass alle Muslime Attentäter oder zumindest deren Sympathisanten sind. Wieso kann so ein zugespitztes Hashtag dann der richtige Weg sein, um über das Patriarchat zu diskutieren? Wieso glaubt man, dass man mit Provokation und Überspitzung ein mehrheitlich konstruktiv geführte Debatte anstoßen kann?

Weil uns das Internet gelehrt hat, dass konstruktive Debatten hauptsächlich aus Provokationen und Überspitzungen entstehen? Stimmt, die Erfahrungen machen wir ja jeden Tag aufs Neue in den Kommentarspalten, nicht wahr?

Ich hab wirklich viel gelesen heute zu dem Thema, auch von Menschen, die ich kenne und deren Meinung ich sonst wirklich sehr schätze. Ich kann nicht begreifen, dass all die Mechanismen außer Kraft gesetzt werden sollen, auf deren Einhaltung ihr sonst aus guten Gründen pocht. Wieso darf ich auf einmal beleidigen? Und wieso flächendeckend?

… Niels Ruf

Ja, ich habe es gelesen. Zu dem Zeitgenossen fällt mir nicht mehr viel ein. Damals — zu VIVA 2-Zeiten — fand ich ihn wirklich unterhaltsam, muss ich gestehen. Von diesem Menschen ist aber schon lange nichts mehr übrig geblieben außer ein sich selbst überschätzendes und ein wirklich übelste Beleidigungen mit Humor verwechselndes Abziehbild der Person, die er vielleicht mal war. Aber nochmal: Es hat doch niemand behauptet, dass es diese strukturellen Nachteile für Frauen nicht gäbe, oder dass es keinen unanständig großen Berg an Arschlöchern gäbe. Die Existenz von Sexisten und Arschlöchern bestätigt aber keinesfalls, dass deswegen alle Männer angezählt werden müssen.

… so viel Mimimi wegen einer kleinen Beleidigung?

Frauen werden ihr ganzes Leben lang erniedrigt und unterdrückt, da wird man ja wohl mal eine kleine Beleidigung oder ein Pauschalisieren über sich ergehen lassen können, stimmt’s? Nein, sehe ich nicht so – zumindest nicht so, dass das eine das andere rechtfertigt. Ich schrieb es weiter oben schon, dass wir uns als Gesellschaft weiter entwickelt haben und der Gleichberechtigung in den letzten Jahrzehnten ein gehöriges Stück näher gekommen sind.

Dennoch bleibt unendlich viel zu tun und es ist wahrlich kein leichter Job, den Feministinnen da machen. Aber nochmal: Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel! Viele Frauen werden mies behandelt und wirklich fast jede Frau wird laufend mit Sexismus konfrontiert. Das sehe und verstehe ich. Aber die Lösung kann nicht sein, dass wir gesellschaftliche Errungenschaften an einer Stelle vernachlässigen, um an anderer Stelle nachzubessern.

Es fühlen sich Männer verletzt und beleidigt, die eigentlich mit euch an eurer Seite kämpfen möchten. Weil sie genau wissen, dass ein Ungleichgewicht herrscht und wir das gemeinsam in Ordnung bringen müssen. Und dann gibt es noch die Männer, die das einen Scheiß interessiert und die einfach weitermachen wie bisher. Oder schlimmer noch: Die voll in die eskalierte Diskussion einsteigen und all die sexistischen Arschloch-Sprüche raushauen, die sexistische Arschlöcher nun mal raushauen.

Ertrage ich ein übles Hashtag? Ja, bestimmt — aber es motiviert mich als Mann nicht gerade dazu, euch bei nächster Gelegenheit wieder Unterstützung angedeihen zu lassen, wenn sie angebracht wäre bzw. wenn genau die oben erwähnten Arschlöcher euch das Leben schwer machen. Das sage ich nicht, weil ich bockig bin oder eingeschnappt oder weil ich gerne rumjammere. Das sage ich, weil ich verunsichert bin. Bei #metwo habe ich kapiert, dass ich eine Meinung zu Migranten in Deutschland haben kann, mir aber eben nicht herausnehmen sollte, Migranten zu erklären, wie sie ticken oder fühlen sollen.

Bei #metoo ebenso: Wenn eine Frau von sexistisch motivierten Übergriffen berichtet, ist ein “… mir ist da auch schon mal xyz passiert” einfach unangebrachter Quatsch. Das kapiere ich alles und auch künftig bin ich gewillt, dazuzulernen. Aber mich auf die Seite derjenigen zu schlagen, die mich als Müll bezeichnen, da fehlt mir gerade tatsächlich ein kleines bisschen die Fantasie.

Und nun?

Sorry, es ist schon wieder so eine Textwüste geworden, obwohl ich mich eigentlich deutlich knapper zu dem Thema äußern wollte. Zeigt euch aber hoffentlich, dass es mich wirklich beschäftigt und damit meine ich nicht lediglich ein für mein Empfinden verunglücktes und falsches Hashtag, sondern die Debatte, die damit ursprünglich angestoßen werden sollte.

Verwechselt die Twitter-Schlachten, die gerade stattfinden,  bitte nicht mit einer konstruktiven Debatte. Das liegt an der Thematik, die auf allen Seiten zwangsläufig immer Idioten auf den Plan ruft, aber es liegt eben auch daran, dass man es mit so einem Hashtag unnötig provoziert. Erzählt mir bitte nicht, dass sich in der Welt nur Dinge ändern können, indem man andere verletzt oder indem man provoziert und überspitzt. Denkt an #metoo, #metwo, #aufschrei oder #blacklivematters.

All diese Hashtags legen Finger in empfindliche Wunden und haben teils globale Diskussionen angestoßen. Das geht also und zwar, ohne dass man Menschen unnötig vor den Kopf stößt. Mir ist bewusst, dass mein Text in den richtigen Kreisen entweder als “mimimi” gesehen wird oder als Bestätigung dafür, dass Männer das strukturelle Problem nicht erkannt haben, auf das #MenAreTrash hinweisen möchte. Damit kann ich aber leben und ich hoffe, dass die meisten von euch auch mit meiner Sicht auf die ganze Nummer klar kommen.

Lasst mich wissen, wie ihr über #MenAreTrash denkt und wenn es geht, macht das bitte, ohne dass ihr euch (oder mir ^^) in den Kommentaren die Köpfe einhaut. Ich bin überzeugt davon, dass wir Diskussionen nur zusammen in die richtige Richtung steuern können und ein fairer Umgang in den Comments wäre meiner Meinung nach schon mal ein ordentlicher Anfang einer solchen Diskussion ;)

PS: Ich habe es schon bei ähnlichen Diskussionen immer wieder gesagt: Bei diesen ganzen Gender- und Sexismus-Nummern stolpere ich immer auf eine kleine, überschaubare Blase von Hard-Core-Feministinnen, die sich zwar “Feminismus” auf die Fahnen geschrieben haben, im Grunde aber nur Männerhass leben. Auch bei diesem Hashtag sind sie alle wieder dabei und ich bin überzeugt davon, dass diese ganzen mit Schaum vorm Mund geäußerten Tweets dem tatsächlichen Feminismus und dessen Verfechtern einen Bärendienst erweisen. Lasst euch da bitte nicht vor einen solchen Hass-Karren spannen!