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Mercedes-Benz F 015 Luxury in Motion – Weiß Mercedes-Benz wirklich, was wir wollen?

Mercedes-Benz möchte uns Menschen etwas schenken: Nichts Geringeres als Raum und Zeit. Aus Sicht des Herstellers sind das Luxusgüter, die heute bereits knapp sind und zukünftig noch knapper werden. Das gilt es zu verhindern. Mercedes hat auch schon eine Idee, wie das funktionieren könnte und stellte bei der CES (Consumer Electronics Show) im Januar 2015 in Las Vegas das neue Forschungsfahrzeug „F 015 Luxury in Motion“ vor.
von Sarah Sauer am 12. Januar 2015
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„We at Mercedes are going to show you an innovation that actually gives you more time and more space. That really is priceless. That is luxury“, sagte Dr. Dieter Zetsche, Vorstandvorsitzender der Daimler AG am Vorabend der CES-Weltpremiere.

Dr. Dieter Zetsche bei der Präsentation des Mercedes-Benz F 015 auf der CES Las Vegas

Ein Auto als Repräsentant für mehr Raum und Zeit? Den visionären Ideen von Mercedes-Benz zufolge ja. Und wie? „Autonomes Fahren“ ist das Schlüsselwort. F 015 ist eine autonom fahrende Luxuslimousine und, so der Hersteller, Vorbote einer bevorstehenden und notwendigen Mobilitätsrevolution. Und nicht nur das. F 015 steht zudem für positive Veränderungen, die Bereiche wie Kommunikation, Urbanisierung, Sicherheit, menschliches Wohlbefinden oder Designkonzepte betreffen.

Zahlen der Zukunft

Der Premium-Hersteller sieht in Sachen automobile Zukunft Handlungsbedarf. Als Entwicklungsgrundlage für den F 015 Luxury in Motion nannte Zetsche diese Zahlen: Bis 2025 wird der PKW-Markt um 30 Prozent gewachsen sein, was einer verkauften Stückzahl von knapp 100 Millionen pro Jahr oder 270.000 pro Tag entspricht. Ganz nebenbei wird es ja auch der Menschen auf diesem Planeten nicht weniger. Insbesondere Großstädte leiden an chronischer Verstopfung, und diejenigen, die dort leben oder tagtäglich rein- und rausfahren müssen, an Stress, Hektik, Raum- und Zeitmangel. Die Urbanisierung schreitet voran, parallel wächst das Bedürfnis nach Privatsphäre und Rückzugsmöglichkeiten. Kein Grund, das Auto abzuschaffen, sondern erst recht daran festzuhalten – als Garant für einen geschützten, behaglichen Raum sowie eine entlastende Fortbewegung durch die autonome Fahrweise.

Der F 015 von vorne auf der CES

Dieses Szenario heißt „Stadt der Zukunft 2030+“ und wurde von vielen Experten bei Mercedes-Benz entwickelt. Dazu gehört auch die Vorstellung, dass die urbane Infrastruktur insofern umgestaltet werden kann, als dass es in den Cities spezielle Sicherheitszonen gibt, in denen sich nur autonome Fahrzeuge bewegen dürfen. Durch selbstständiges Parken an der Peripherie, durch den Rückbau nun unnötig gewordener Straßen und Verkehrsschilder könnten Flächen frei werden, geeignet zum Wohnen, Flanieren, Einkaufen. Städte seien heute autogerecht, sollen zukünftig aber menschengerecht werden. Die Visionäre bei Mercedes sind der Meinung, dass die sich auflösende Trennung von Wohn-, Erholungs- und Verkehrsflächen zu mehr Lebensqualität für alle Stadtbewohner führt.

Erwartungen an das zukünftige „Autonomil“

Auf Basis dieser Überlegungen soll das autonom fahrende Auto, ein so genannter „Third Place“ sein, ein dritter Raum neben den Räumen „Zuhause“ und „Arbeit“. Ein „mobile home“, ein „cocoon on wheels“, ein freundliches, intelligentes, kommunizierendes, gut aussehendes Wesen, oder, zusammengefasst: „F 015 Luxury in Motion“.

Konkreter: Das Auto soll zu einem privaten Rückzugraum mutieren, fernab von Stress und Hektik, in dem sich die Gäste – von „Fahrern“ ist nicht mehr die Rede – wohl fühlen, ihre neu gewonnene Zeit qualitativ verbringen, indem sie arbeiten, relaxen, spielen.

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So geht’s: Das Interieur wird von vier drehbaren Lounge-Chairs dominiert. Die im Innenraum rundum installierten Displays – im Prinzip sind die Fenster nichts anderes als Bildschirme – visualisieren Informationen jeglicher Art. Es gibt keinerlei Knöpfe, immerhin aber noch ein Lenkrad. Nur für den Fall der Fälle. Steuerbar sind die Screens über Gesten, Touchfunktion und Eye-Tracking. Geschwindigkeit, freie Parkplätze oder Tische in Restaurants können darin angezeigt werden, Videokonferenzen durchführen, E-Mails checken, Playlists abrufen, Musik hören, Ambient-Light einstellen und so vieles mehr ist beispielsweise ebenfalls möglich.

Mercedes-Benz F 015 Luxury in Motion

Mehr noch: Die Gäste können die Außenwelt in das Fahrzeug hineinholen, indem die Fahrzeugroute als Zeitstrahl inklusive Points of Interests angezeigt wird. Darüber hinaus haben die Passagiere die Möglichkeit, sich virtuelle Welten anzeigen zu lassen. Wem das aktuelle „Draußen“, das während der Fahrt in Form von Partikelströmen dargestellt wird, nicht passt, spielt einfach Naturlandschaften wie Wälder, Seen, Gebirge oder Küstenregionen ein. Letztlich geht es dabei um einen stetigen Informationsaustausch zwischen Fahrzeug, Passagieren und Außenwelt, ermöglicht durch ein Interieur, das eine Symbiose von virtueller und realer Welt erlaubt. Dabei soll der Mensch aber immer der Souverän und Dirigent bleiben. Das Fahrzeug übernimmt die Aufgaben, die der Mensch nicht leisten kann oder will.

Das Auto soll die angespannte Verkehrssituation entspannen, weil es intelligent ist und auch so fährt.

So geht’s: F 015 verfügt über eine umfassende Sensorik – „Extended Senses“ – mit dessen Hilfe sich das Fahrzeug jederzeit verorten kann und seine Umgebung so interpretiert, dass Kollisionen oder gefährliche Situationen vermieden werden. Über große LED-Displays vorn und hinten kommuniziert es mit seinem Umfeld. Blaues Licht beispielsweise bedeutet: Ich fahre autonom. Weißes Licht steht für manuell. Textanzeigen im Heck wie „Stop“ oder „Slow“ gehören zu seinen Funktionen genauso wie die Fähigkeit, einen Passanten zu erkennen und ihm einen Zebrastreifen auf die Straße zu projizieren. Über eine wellenförmge Lichtsequenz in der Front weiß der Fußgänger, dass er vom Auto gesehen worden ist. Statt also mit dem Fahrer eines Autos zu kommunizieren, findet nun eine direkte Mensch-Maschine-Kommunikation statt.

Mercedes-Benz F 015 Luxury in Motion

F 015 Luxury in Motion soll die bisherige Idee vom Automobil als reines Transportmittel revolutionieren und auch andere Hersteller dazu animieren, Form, Design, und Funktion der zukünftigen Fahrzeuge zu überdenken bzw. anzupassen. Gewichtige Worte, ambitionierte Vorstellungen.

Angst – aber wovor?

Ich persönlich neige dazu, bei derart großen Worten schnell dicht zu machen. Die Arme zu verschränken, mich zurückzulehnen und die Stirn in Falten zu legen. Schnell ist sie da, die Skepsis, insbesondere in Anbetracht einer derart umfassenden Zukunftsvision. Schnell ist auch die Angst da, und zwar eine recht diffuse. Wovor fürchte ich mich?

Und dann fällt mir auf: Wir sind schon mittendrin, im Kleinen, auf dem Weg zum großen Neuen – ob es tatsächlich so aussehen wird, wie von Mercedes illustriert, sei jetzt mal dahingestellt. Tatsächlich aber haben sich schon längst autonome Funktionen in unseren Alltag eingeschlichen, insbesondere im Umgang mit Autos: Assistenzsysteme, die selbstständig abbremsen, Abstände halten, beim Einparken unterstützen, die Spur halten etc. sind heute keine wirklichen Besonderheiten mehr.
Ich sehe durchaus auch die Notwendigkeit, „groß“ und scheinbar übertrieben mutig zu denken – genau das ist es ja, was einen überhaupt erst zum Nachdenken bringt, andere und neue Ideen initiieren kann, einen Diskurs anregt. Die Reaktionen der Besucher am Mercedes-Benz-Stand auf der CES waren ein perfekte Beispiel dafür: F 015 verleitete zum Innehalten, in den Gesichtern der Menschen spiegelten sich Ungläubigkeit, Faszination, Interesse, Belustigung und viele andere Emotionen.

Mercedes-Benz F 015 Luxury in Motion

Ich für mich habe ein paar Tage gebraucht, um mein Gefühlsleben in Anbetracht Mercedes-Benz‘ großer Vision zu sortieren. Jetzt weiß ich, welche Aspekte mich persönlich noch pieksen, mal ganz abgesehen von vielen anderen, bisher noch unklaren Themen wie Datenschutz oder Haftungsfragen: Da ist die Sache mit dem Kontrollverlust und die Sache mit den verschwindenden Grenzen.

Autonomes Fahren: Kontrollverlust?

Autonomes Fahren setzt voraus, dass ich ein Stück weit die Kontrolle abgebe. Nun ist es kein Geheimnis, dass insbesondere Kontrollverlust Stress bedeutet. Das ist der Grund, weshalb wir zuweilen unseren Vordermann anbrüllen – „Faaaaahr doch, du %&/§!“, oder im Stau nervös werden. Es sind Momente, in denen wir die Kontrolle verloren haben, wir können nichts daran ändern, dass der Vordermann zu langsam fährt oder dass ich in einer Blechkolonne feststecke. Bisher können wir lediglich versuchen, die Situation zu akzeptieren und damit für innere Ruhe sorgen. Nun kann es ja tatsächlich sein, dass Stau und ätzende Verkehrsteilnehmer durch autonomes Fahren passé sein werden – dann wären diese Stressfaktoren schon mal weg.
Die Frage ist: Schaffen wir uns dadurch neue? Können wir autonomes Fahren überhaupt ertragen? Können wir uns dazu überwinden? Stresst uns das? Müssen wir das erst lernen? Möchte ich das lernen? Reicht das Wissen, jederzeit wieder das Lenkrad übernehmen zu können?

Was bleibt übrig von meinem mobilen Lebensraum, meinem Kokon auf Rädern, wenn ich gleichzeitig die Möglichkeit habe, diverse Grenzen zu durchbrechen?

Mercedes-Benz F 015  Luxury in Motion

Werden wir uns noch verorten können?

Zum Anderen sieht das Konzept von Mercedes-Benz vor, dass das Auto im Allgemeinen zu einem Rückzugsraum werden soll, zu einem Kokon. Zugleich sieht das Interieur speziell von F 015 eine „perfekte Symbiose von virtueller und realer Welt“ vor. Das Wort Symbiose im Zusammenhang mit Rückzugsort ist für mich der Knackpunkt. Wie gesund ist es, Grenzen aufzulösen? Die Realität da draußen auf Berührung nicht nur ausblenden, sondern, wie bereits oben beschrieben, sogar verändern zu können: Berglandschaften statt Skyscraper in meinem Fenster. Oder die Möglichkeit, mir das Außen virtuell ins Innere holen zu können.
Was bleibt übrig von meinem mobilen Lebensraum, meinem Kokon auf Rädern, wenn ich gleichzeitig die Möglichkeit habe, diverse Grenzen zu durchbrechen? Was passiert mit unseren Sinnen, unseren Hirnzellen? Verkümmern unsere Kapazitäten, verändert sich nichts oder werden wir gar noch leistungsfähiger? In der Stadt der Zukunft löst sich außerdem die Trennung von Wohn-, Erholungs- und Verkehrsflächen auf.
Verschmelzung, Fusion, Symbiose: F 015 soll sich dank seiner Sensorik perfekt in dieser zukünftigen Welt verorten können – werden wir Menschen das dann auch noch können?

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Fotos: Mercedes-Benz, Sarah Sauer