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#HackwiththeBest

Mercedes Benz Hackathon: App-Entwicklung für die Automobilindustrie

Vor einigen Tagen hat Mercedes Benz einen Hackathon veranstaltet, bei dem sich die hellsten Köpfen aus dem Silicon Valley dem Thema "Automotive" widmeten und bei dem Wettbewerb ihre Entwicklungen vorstellten. Nicole Scott war für die Mobile Geeks vor Ort als Mitglied der Jury, so dass es uns auch möglich ist, einen Blick hinter die Kulissen der Veranstaltung zu werfen, bei der aus 120 Entwicklern und 47 Pitches die drei Finalisten ausgewählt werden, die in zwei Wochen dann den Gewinner unter sich ausmachen.

von Carsten Drees am 23. Juni 2015

Das Auto ist wohl das teuerste mobile Device, welches ihr euch zulegen könnt (okay, so lange ihr nicht die Anschaffung einer Privat-Yacht oder eines Privat-Jets plant), so dass es nicht überraschend kommt, dass die Entwickler mobiler Apps sich nun eben auch auf das Automobil stürzen.

Falls ihr euch fragt, welche Einblicke Nicole als Jurorin beim Hackathon gewinnen konnte und welches die Fallstricke sind, mit denen man sich als Entwickler für Automotive-Apps befassen muss, dann solltet ihr hier weiterlesen. Möchtet ihr lediglich wissen, welche drei Finalisten ermittelt wurden, dann könnt ihr getrost zum Ende des Artikels scrollen, wo wir sie euch vorstellen.

Mercedes Benz Hackathon 02

Wenn man Apps für den Automotive-Bereich entwickelt, laufen die Dinge ein wenig komplizierter ab als in anderen Sparten: Hier trifft die übliche Update-Mentalität der App-Developer auf eine Branche, in der die Entwicklung eines Autos vom Reißbrett bis zum fertigen Modell wenigstens drei, aber auch schon mal sieben Jahre dauern kann. Diese nach wie vor konservative Vorgehensweise sorgt dafür, dass ausgerechnet zwischen unseren wichtigsten zwei mobilen Devices ein großes Ungleichgewicht herrscht, welches es zu beseitigen gilt

Der Mercedes Benz Hackathon startete freitags mit 47 Pitches, die von einer vierköpfigen Jury bewertet wurde mithilfe von roten und grünen Karten. Zusätzlich wurden an einzelne Entwickler der Teams Poker-Chips vergeben und dann in der Summe ein Ergebnis ermittelt, bei dem es dann 19 Teams zu den Sonntags-Pitches schafften. Bevor wir jedoch zu den qualifizierten Teams kommen, wollen wir noch auf ein Projekt hinweisen, bei dem uns leider der Name fehlt (falls ihn hier jemand weiß – Info bitte in die Comments!) und welches schon in der ersten Runde ausschied.

Mercedes Benz Hackathon 03

Der Entwickler hat ein Identifikations-System für selbstfahrende Autos vorgestellt. Wenn diese autonomen Autos erst mal selbstverständlich sind und euer Fahrzeug euch einsammeln kommt: Woher wisst ihr mit Bestimmtheit, dass es euer Auto ist? Über die entwickelte App könnte auch eine Smartwatch in der Farbe des Autos aufleuchten, wenn das Fahrzeug beispielsweise losgeschickt wird, um eure Oma einzusammeln. Klingt alles noch ein bisschen sehr nach Zukunft, aber wer in den USA schon mal in ein falsches Uber- oder Lyft-Auto gestiegen ist, wird erkennen, dass ein solches Szenario auch schon auf den heutigen Alltag übertragbar ist. Zudem beweist das ambitionierte Projekt, dass auch unter den Verlierern der ersten Hackathon-Runde schon tolle Ideen mit Potenzial zu finden waren.

Mercedes Benz Hackathon 04

Nachdem die Teams ausgewählt worden waren, hat sich Nicole für den Freitag verabschiedet, schaute jedoch Samstag nochmal vorbei, als ein Nest- und Nokia HERE-Workshop stattfand. Von Nicole wissen wir ja sowieso, dass sie absolutes Nokia HERE-Fangirl ist – erinnert sei an dieser Stelle zum Beispiel an ihren Trip nach Paris, bei dem sie reichlich Gebrauch von Nokias Kartendienst machte. Alleine wegen seiner Offline-Möglichkeiten ist HERE aktuell unschlagbar. 13 der 19 Final-Teams nutzten dann auch die API, während kein einziges mit Nest arbeitete.

Mercedes Benz Hackathon 05

Nicole fand das ein wenig enttäuschend, denn in ihrer Vision der Zukunft dockt ihr “Super-Computer-Auto mit dem Super-Computer-Haus” an, aber zumindest bei diesem Hackathon lag der Fokus dann augenscheinlich nur auf der Experience im Auto selbst. Pfiffig wäre beispielsweise gewesen, dass der Nest-Thermostat zuhause anhand der Position des Autos herausfindet, wann er zuhause die Temperatur rauf- oder runterdrehen muss. Fairerweise muss man dazu sagen, dass wir alle uns hier noch auf ungewohntem Territorium bewegen und auch Developer erst einmal die Möglichkeiten im Auto nach und nach ausloten müssen – das Smart Home ist da nochmal eine ganz andere Veranstaltung.

Die Pitches dauerten insgesamt sechs Minuten, die Teams hatten dabei jeweils zwei Minuten Zeit auf der Bühne, für eine Demonstration und für einen Q&A-Teil. Wir beschäftigen uns jetzt erst einmal mit den spannendsten Projekten, die es nicht unter die letzten Drei schafften.

Dem Finale so nah – und doch so fern

Mercedes Benz Hackathon 30

C.A.R.V.I.S. ist ein Personal Assistant fürs Auto, der aus eurer lästigen Pendelfahrt eine produktive machen soll. Ihr habt den Verkehr damit stets im Blick – Unfälle auf der Strecke, Stau-Situationen, die nächsten Tankstellen, ebenso euer Auto, beispielsweise den Kilometerzähler. Ihr könnt bequem nochmal die Unterlagen des letzten Meetings durchgehen, aber Nicole kann sich wesentlich mehr vorstellen, beispielsweise dass man dank C.A.R.V.I.S. Stoff zu einem Thema paukt oder sogar nebenbei eine andere Sprache lernt.

Mercedes Benz Hackathon 31

StreetShield ist ein Projekt, welches man sich jetzt schon fürs Auto wünschen würde: Bei der Parkplatz-Suche kann es euch anzeigen, wo der nächste freie Platz ist und die App erinnert euch auch daran, dass die Parkzeit bald abläuft. Wenn man noch einen Schritt weiter denkt an autonome Autos, könnte über StreetShield das Auto vor Ablaufen der Parkzeit auch einfach seine Position wechseln und sich woanders hinstellen, um dem Knöllchen zu entgehen.

Mercedes Benz Hackathon 32

Auch Get Insyde ist ein Pitch, den man sich als fertiges Produkt schon heute im Auto wünscht. Leider lassen viele Leute ihre Haustiere, ja manchmal sogar ihre Kinder im geparkten Auto zurück. Get Insyde ist ein Alarm, der per Smartphone informiert, falls es zu heiß im Auto sein sollte und bei dem im Ernstfall sogar die Scheiben automatisch runterfahren und ein Alarmton ausgelöst wird. Definitiv auch ein Projekt, welches weiterentwickelt werden sollte und seinen Weg in Autos finden muss.

Mercedes Benz Hackathon 33

Hyperdrive bedient sich der Gamification-Idee und bringt sie zu Autos mit Verbrennungsmotor und lässt euch Sprit sparen und sicherer fahren, aber auch eure Werte zu bestimmten Streckenabschnitten mit denen von anderen Autofahrern vergleichen. Auf diese Weise könnt ihr spielerisch lernen, die Strecke effizienter zu fahren – großartige Idee.

Mercedes Benz Hackathon 35

Tailgating Justice ist wieder so ein Projekt mit massig Potenzial: Beim vorgestellten Pitch werden Sensoren dazu genutzt, Autos zu ermitteln, die euch zu dicht auffahren. Ist das der Fall, werden automatisch Videos erstellt vom Übeltäter. Wir können wohl davon ausgehen, dass Versicherungsunternehmen die Idee lieben werden. Aus dieser Grundidee kann man sicher eine Menge nützlicher Apps basteln, aber bei diesem hochklassig besetzten Hackathon hat es dennoch nicht für die Top Drei gereicht.

Mercedes Benz Hackathon 36

Attention Assist Plus arbeitet mit der Intel Real Sense Kamera-Technologie und lässt die Kamera euer Gesicht tracken. So kann ermittelt werden, wenn ihr am Lenkrad eindöst. Dieser Assistent könnte  also ein reiner Lebensretter werden. Wer weiß, welche unglaublichen Möglichkeiten die Intel-Technologie besitzt, kann sicher erahnen, wie viele Ideen hier noch entstehen werden.

Mercedes Benz Hackathon 37

Accidental BlackBox nimmt jeweils die letzten 15 Sekunden auf Video auf und im Falle eines Unfalls wird daraus ein GIF erstellt, welches zusammen mit vielen Daten – nächstes Krankenhaus, GPS-Daten und mehr – verschickt wird. Niemand mag wohl eine Mail bekommen, in der man ein GIF sieht von einem geliebten Menschen, der gerade – schlimmstenfalls tödlich – verunglückt. Andererseits kann das ähnlich wie bei Tailgating Justice eine äußerst nützliche Hilfe sein, um einen Unfall zu rekonstruieren.

Leider krankt die gute Idee an etwas, was wir auch bei anderen Projekten im Rahmen dieses Hackathons feststellen mussten: Der Datenverbrauch! Das Video in ein sparsames GIF umzuwandeln ist schon mal ein guter Plan, aber dazu kommt dann auch noch, dass ununterbrochen Daten an die Blackbox geschickt werden, was empfindlich an eurem Daten-Plan knabbern dürfte. Mag sein, dass wir irgendwann alle unabhängig sind von irgendwelchen Traffic-Grenzen – aktuell allerdings ist das der große Haken bei vielen tollen Projekten.

Mercedes Benz Hackathon 38

And the Winner is….

Nicole – und natürlich auch die anderen Juroren – haben sich die Entscheidung wirklich nicht leicht gemacht angesichts so vieler toller Ideen, die man sich am liebsten alle jetzt schon in seinem Auto wünscht. Aber es konnten schließlich nur drei Teams ins Finale kommen und die heißen BenzPay, CoPilot und Jerri!

Mercedes Benz Hackathon 39

BenzPay ist exakt das, wonach es sich anhört: Ein Payment-System für Mercedes Benz-Fahrzeuge, welches sowohl Kreditkarten als auch Bitcoin berücksichtigt. Künftig könnte man mit BenzPay direkt an andere Autos bezahlen: “Drei Euro, wenn du mich sofort überholen lässt”. Starke Idee, die zur rechten Zeit kommt und die auch sehr viel Potenzial mitbringt.

Mercedes Benz Hackathon 40

Bei CoPilot hatte Nicole zunächst die Befürchtung, dass es sich dabei wieder einmal um eine Möglichkeit handelt, bei der das Auto verhindern soll, dass ihr am Steuer einnickt. Erfreulicherweise hat CoPilot aber noch einen besonderen Twist, der nämlich noch eine soziale Komponente berücksichtigt: Es werden nämlich eure Freunde eingeschaltet, um euch am Steuer wach zu halten. Das funktioniert auch ohne eigene Freunde, aber die Interaktion mit Bekannten könnte beim Wachhalten tatsächlich mehr helfen als die Bordmittel des Autos.

Mercedes Benz Hackathon 41

Jerri schließlich will die Art und Weise revolutionieren, wie wir unser Auto betanken. Jerri ist ein intelligenter Assistent, der feststellen kann, dass bald wieder eine Tankfüllung fällig ist – und lässt das autonome Auto dann selbstständig zum tanken fahren, während ihr zuhause seid oder auf der Arbeit. Der Tank ist auf diese Weise immer voll! Aber damit noch nicht genug: Jerri organisiert die Trockenreinigung, Post-Pakete können im Kofferraum landen und es können auch spezifisch Botengänge arrangiert werden, die die Kombination aus eurem Auto und Jerri zum ultimativen Personal Assistant machen.

Es wird jetzt spannend zu sehen, wie sich die Projekte weiter entwickeln, sobald sie vollen Zugriff auf die Mercedes Benz-API bekommen und zusammen mit Mercedes Geschäftsmodelle entwickeln und auch einen Crash-Kurs für die Plattform des Unternehmens bekommen. Darüber hinaus können sie natürlich auch auf einen Mercedes-Fuhrpark zugreifen, um ihre Projekte in einer echten Umgebung testen zu können.

 

Nicole hat an vielen Hackathons teilgenommen und kann abschließend sagen, dass sie an dem Wochenende etwas komplett anderes erfahren hat als das, was sie bislang kannte, sowohl visuell als auch in der Ausführung. Bei #HackwiththeBest, dem Mercedes Benz-Hackathon ging es nicht nur darum, Produkte zu entwickeln, die wir uns in unseren Autos vorstellen können, sondern darum, die ganze Art und Weise, wie wir mit unseren Fahrzeugen interagieren, auf ein komplett neues Level zu hieven.

Nicole wird die Teams auch weiterhin verfolgen bis zum 7. Juli: Da steht dann die Entscheidung an und die Finalisten stellen ihre Projekte in einem neuerlichen Pitch dem Daimler Board of Managemernt vor. Welches Projekt schließlich Sieger des Hackathons sein wird, entscheiden dann in der Folge die Daimler-Vorstände.

Wenn ihr mehr wissen wollt, schaut auf der Daimler-Seite vorbei.