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Testfahrt mit dem selbstfahrenden Mercedes S500 in Sunnyvale

Im Rahmen des Mercedes Benz TecDay 2014 hatten wir die Moeglichkeit im Fond des Mercedes S500 mitzufahren, der sich wohlgemerkt voellig von alleine durchs Silicon Valley fuhr. „Intelligence Drive“ nennt Mercedes dies und genau so fuehlte es sich auch an.

von Sascha Pallenberg am 20. Dezember 2014

Als ich im Januar 2014 die Mercedes Pressekonferenz waehrend der CES besuchte, wurde mir innerhalb weniger Minuten vor allen Dingen eines klar: Der Stuttgarter Automobil-Pionier positioniert sich nicht nur neu, er kehrt zu seinen Wurzeln zurueck und verwaltet nicht nur ein – wenn auch sehr lukratives – Erbe seiner Gruender und ruht sich nicht auf der selbstgeschaffenen Premium-Marke aus.

Ein Jahr zuvor noch wurde ich auf der Detroit Autoshow um Geduld gebeten: „Sascha, wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und innerhalb der naechsten 2 Jahre wirst du sehen, wie sehr sich Mercedes den neuen Herausforderungen stellen wird“. Ich weiß, ich bin ein Noergler, denn die Marke, mit der ich aufgewachsen bin (sowohl mein Großvater als auch mein Vater waren/sind seit Jahrzehnten loyale Mercedes-Kaeufer) ließ fuer mich ein wenig den Weitblick vermissen. Wie stellt man sich die Zukunft der Marke vor? Wie kann man die Generation Smartphone an die hauseigenen Plattformen  binden und damit genau das schaffen, was zumindest in meiner Familie bereits ganz gut funktionierte?

Die CES 2014 gab hierauf nicht nur eine Antwort, Mercedes hatte es geschafft ein dickes Ausrufezeichen zu setzen, welches im Grunde genommen direkt an die Eroeffnung des neuen R&D-Center im Kalifornischen Sunnyvale anschloss, auf dem man noch (ganz untypisch) ein Concept Car fuer GT 6 auf der Playstation enthuellte.

Mercedes will mobile Bueros schaffen. Neue Raeume, die uns auf langweiligen Autobahnfahrten oder innerhalb von Stauperioden ein rares Luxusgut zurueck geben sollen: Zeit. Und anstatt diese aufmerksam, aber unproduktiv hinter dem Lenkrad zu verbringen, soll das Auto der Zukunft uns genau dies  ermoeglichen. Selbstfahrend!

Wer unsere Techlounge-Berichterstattung waehrend der CeBIT 2014 verfolgte, kann sich vielleicht noch an das hochinteressante Interview mit Eberhard Kaus erinnern, einem der Koepfe hinter „Intelligent Drive“ und der u.a. die sogenannte Martha Benz-Fahrt mit einem selbstfahrenden S-Klasse Modell ermoeglichte.

Zwischen der Fahrt von Mannheim nach Pforzheim und der Silicon Valley Demo des Mercedes S500 Intelligence Drive ist viel Wasser den Neckar runtergeflossen. Die inzwischen 300 Ingenieure im Bereich „Aktive Sicherheit“ (wozu auch 20 Softwareentwickler in Sunnyvale gehoeren) mussten sich in dieser Zeit u.a. den Herausforderungen des nordamerikanischen Straßenverkehrs stellen – und genau dies ist alles andere als ein Zuckerschlecken.

Mit dem Mercedes S500 durch Sunnyvale

Sunnyvale, 10:20 Uhr am Morgen des 17. November. Nomen est Omen im suedlichen Silicon Valley, denn der wolkenlose Himmel laesst nicht nur die Temperaturen bereits auf 24 Grad hochschnellen, sondern auch die Sonnenbrillen auf den Nasen der beiden uns nun begleitenden Mercedes-Ingenieure rutschen. Axel und Michael sind gut drauf, was man angesichts ihres Jobs und der Location durchaus nachvollziehen kann. Jens Stratmann und meine Wenigkeit bekommen einen Crashkurs in Sensorik verpasst, waehrend wir um den schwarzen Versuchstraeger laufen. Ein Mercedes S500 soll uns gleich durch Sunnyvale kutschieren und dabei wird Axel sozusagen voll auf Autopilot schalten. Die Frage, ob wir denn hiervon Videos oder zumindest Fotos machen koennen, wird mit einem Grinsen verneint. Verstaendlich, denn der S500 ist vollgepackt mit Technologie die man vor der Konkurrenz noch moeglichst lange verbergen will. Kameras und Sensoren an der Front und Windschutzscheibe, GPS-Empfaenger auf dem Dach und doch sieht das alles gar nicht mehr nach einem Hack aus, den man mal eben schnell zusammengeschustert hat. Das quer durch die Branche bekannte Mantra 2020 (dann sollen die ersten selbstfahrenden Wagen verfuegbar sein) steht ploetzlich vor uns und sieht relativ zivil aus.

Wir steigen ein, Jens und ich nehmen auf den Ruecksitzen Platz und Axel faehrt den S500 vom Parkplatz. Ruhig, bequem, angenehm. Auf den Straßen ist kaum was los. Hier ein paar Fußgaenger, die eine Kreuzung vor dem neuen Linkedin-Hauptquartier ueberqueren. Fuer uns der Moment, als Axel dann die Haende vom Steuer nimmt und den Autopiloten aktiviert. Die Ampel zeigt gruen, der S500 faehrt ein paar Meter vor und biegt selbstaendig nach links ab… Wohlgemerkt ebenso „smooth“ wie es Ingenieur Axel vorgemacht hat. Auch wenn ich diesen Ablauf bereits in diversen Videos gesehen habe, so ist es doch ein ganz einschneidendes Erlebnis. Da faehrt uns nun die Rechenzentrale einer Luxuskarosse wie von Geisterhand durchs Silicon Valley, erkennt selbständig Ampeln, Fahrspuren und Objekte – was wir uebrigens auf zwei Nexus 10 Tablets verfolgen koennen, die an den Kopfstuetzen der Vordersitze angebracht sind. „Die US-Straßen sind nicht so ohne, insbesondere in den Staedten“, so Mercedes-Mitarbeiter Axel. „Ampeln an Ueberfuehrungen, die Art und Weise wie Abbiegespuren angelegt sind… Da mussten wir unsere Hausaufgaben machen“.

Mercedes-Benz S500 Inteligent Drive TecDay Autonomous Mobility Sunnyvale 2014

Waehrend der S500 zuegig am Gas haengt  und abermals links auf einen Highway abbiegt, verfolge ich gespannt die Daten, die auf den Tablets vor uns durchrauschen. Die Schwarz-Weiß- Bilder zeigen uns den Blick voraus. Autos auf unserer Spur werden von blauen Kaesten eingerahmt, entgegenkommende rot. Auf der Mittelkonsole steht ein Laptop mit einer fuer mich nicht einzuordnenden Linux Variante, die einen Gnome Desktop nutzt. Axel kann darueber den „Autopiloten“ an- und ausschalten und wir können uns anschauen, wie unser Wagen aus der Vogelperspektive aussieht. Objekte werden spezifiziert, Fahrspuren, Kreuzungen… „Wie viele Gigabyte an Daten haut ihr hier eigentlich pro Stunde durch die Leitung? Das sind doch bestimmt mehr als 100, oder?“ frage ich, noch ganz vertieft in Flut an Information auf den verschiedenen Screens. Genau beziffern koenne man diesen Wert nicht, man speichere diese aber eh nicht ab, sondern werte sie entsprechend in Realtime aus.

Mercedes-Benz S500 Inteligent Drive TecDay Autonomous Mobility Sunnyvale 2014

Macht Sinn, denn wenn ich mir anschaue, was da durchgenudelt wird, mache ich mir gleich Gedanken ueber die entsprechenden Speichermedien. „Immer noch Core i-Prozessoren von der Stange oder kommen nun GPUs zum Einsatz?“ Ich kann nicht locker lassen und will natuerlich erfahren, welche evolutionaeren Schritte Mercedes seit der Martha Benz-Fahrt unternommen hat. „Wir setzen hier natuerlich auf GPUs um die optischen Daten zu verarbeiten und entsprechend auszuwerten.“ Insgeheim freue ich mich in diesem Moment ueber Pioniere wie NVIDIA, die diesen Markt frueh genug erkannten und mit inzwischen nicht weniger als 19 Automobil-Herstellern zusammenarbeiten. Ich mag Vordenker und ich mag diesen S500.

Ab und zu kommt mir Berta (so wird die Computerstimme des Systems genannt) ein wenig roboterhaft rueber, aber auch daran wird gearbeitet. Wir biegen nach einer 15-minuetigen Fahrt durch die City und auf dem Highway wieder auf die Straße zum Mercedes R&D-Center ein. Axel uebernimmt.

Jens und ich sind begeistert, bedanken uns bei den beiden Ingenieuren und freuen uns die folgende Session mit dem Titel „Virtual Interior Experience“, die uns genauer erklaeren soll, wie der Innenraum des selbstfahrenden Autos in Zukunft aussehen koennte.

Virtuelle Rundfahrt im Mercedes der Zukunft

Mercedes hat es offenbar an diesem sonnigen November Tag wirklich auf mich abgesehen. Das individuelle Programm entspricht eigentlich genau dem, was ich fast 2 Jahre zuvor in Detroit eingefordert habe. Lasst euch inspirieren vom Vibe des Valleys, probiert aus, spielt rum und begeistert mich. Die Sessions zur Designphilosophie und den abermals spannenden Ausfuehrungen von Alexander Mankowsky zur urbanen Entwicklung und „Future Studies“ folgte dann ein Event, welches wie fuer mich gemacht war. Die großartige Vera Schmidt und ihr Team ermoeglichten uns eine virtuelle Rundfahrt in einem selbstfahrenden Mercedes Prototypen des Jahres 2020 (?).

4 cremefarbene Schalensitze warteten auf uns, an deren Rueckenlehnen Ocolus-Rift Headsets hingen. In der Mitte zeigte jeweils eine 3D-Kamera auf den entsprechenden Sitz, die mit ihrer Tiefenerkennung einen fuer mich bis dato nicht erlebten virtuellen Raum erschuf.

TecDay Autonomous Mobility Sunnyvale 2014/ Virtual 360° interior experience

Mit 3 weiteren Teilnehmern nehme ich Platz und setze die Rift auf. Das Programm startet. Ich befinde mich in einem angenehm runden Innenraum wieder. Der Begriff „Cocooning“ schießt mir durch den Kopf und die Designs von Futuristen der 50er und 60er. Nein, das ist kein Retroschick, das sieht alles sehr natuerlich und sinnvoll aus. Ploetzlich dreht sich mein Fahrersitz um 180 Grad und ich nehme zum ersten Mal auch meine Haende, Arme und Beine wahr, die dank der 3D-Cam mit in diese virtuelle Welt uebernommen wurden. „Mahlzeit!“ sage ich unbewusst, denn inzwischen sehe ich, dass ich auch 3 Mitfahrer habe. Wohlgemerkt ebenfalls virtuell und noch ein wenig ungelenk. Interaktion mit diesen ist nicht moeglich und ich verkneife mir ein Wi nken oder gar „Highfive“. Aus der hinteren Mittelkonsole faehrt ein Tisch, der in unserer Sitzgruppe nun auch als Display fungiert. Der virtuelle Zeitgenosse vor mir bedient diesen umgehend und ruft Mails ab.

Unterhalb der Seitenfenster der Tueren sind Displays eingelassen, die man ueber Wischbewegungen steuern und bedienen kann. Displays, das ist generell das Stichwort. Was ich seit Jahren in Reden propagiere, scheint von Mercedes in Zukunft umgesetzt zu werden: Leere Flaechen sind potentielle Displays.

Die Illusion ist verblueffend. Unser virtuelles Auto faehrt durch eine digitale Stadt und mir faellt es schwer, das Headset von meinem Kopf zu ziehen. Noch viel schwieriger ist es nun einzuschaetzen wie ich sitze. Der Fahrersitz dreht sich waehrend dieser Demo um 180 Grad und ich frage mich ob dies nun auch wirklich geschehen ist. Alles fuehlt sich verdammt real und das trotz der nicht unbedingt hoechsten Aufloesung der eingesetzten Rifts (ich gehe davon aus, dass es sich hier um die von Kickstarter bekannte Entwicklerversion handelte).

Oculus runter. So sieht also die Wirklichkeit aus… Ich will fast sagen dass ich mir das Programm gerne noch einmal komplett von vorne geben moechte. Schmidts Team hat ganze Arbeit geleistet und die Vorgaben der Designer haargenau umgesetzt. Das ist also dieser dritte Raum neben Wohnung und Office, von dem Mercedes so gerne spricht. Gefaellt mir, mehr davon bitte!

Angekommen in der Zukunft

Was keine Bewerbung fuer eine zukuenftige „Godfather of futurism, marketing and anything else“ Position bei Mercedes ist, darf vor allen Dingen als Seufzer der Erleichterung verstanden werden. Vor knapp 2 Jahren hat Mercedes mich im Geduld gebeten und jetzt liefern sie auf eine Art und Weise ab, die mir zeigt, mit wieviel Leidenschaft die Teams in Stuttgart, Bangalore, Peking und Sunnyvale an den zukuenftigen Herausforderungen arbeiten.

Eine Leidenschaft und Strategie, die sich auch auf die Konzernspitze uebertraegt. Am 5. Januar wird Vorstandschef Dieter Zetsche auf der CES in Vegas waehrend seiner Keynote ein voellig neues Projekt vorstellen und jetzt ratet mal wer sich dies erwartungsvoll vor Ort anschauen wird? Ganz genau und ich bin mir nahezu sicher dass die Stuttgarter dann einen ganz tiefen Griff in die Trickkiste wagen werden.

Mercedes S500 Intelligence Drive 16

Die Deutsche Automobil-Industrie hat die Herausforderungen der Zukunft nicht nur angenommen, sie zeigt einmal mehr dass sie bereit ist ihren Erfahrungs- und Technologie-Vorsprung auszuspielen und das nicht indem man Fahrzeuge zeigt, die eher an den Autoscooter der oertlichen Kirmes erinnern.