Mercedes EQC

Mercedes EQC: Es ist ein Mercedes

von Robert Basic am 5. September 2018

Wieso kann der nur mit 7,4 kW AC-Laden? Warum packt der nur 450 km NEFZ, das sind doch nur 300-350 km Reichweite ? Wieso kann man den nur mit 110 kW maximal an einem Schnell-Lader andocken? Wieso beschleunigt der nur in 5,1s auf 100? Warum regelt der EQC bei 180 km/h ab? Und wieso sieht der wie ein Mercedes aus?

Fragen, die sich gestern Abend auf der Premiere in Stockholm hunderte von Journalisten gestellt hatten. Googelt einfach nach den Presseberichten, die die News-Meute in größter Eile beim Abschreiben der Specs herausgefeuert haben.

Was ist das Wichtigste an einem Mercedes? Er muss wie ein Mercedes aussehen. Dieses mercedesige haben. Als ich in einer Gruppe aus Slowenen, Kroaten und Serben stand, waren wir uns Jugos alle absolut einig: “To je pravi Merdzo“! Das mag noch aus einer Zeit stammen, als Adidas, Grundig und Mercedes die drei heiligen Marken der Jugoslawen waren. Mercedes hat es bis heute hinübergeschafft.

Was ist noch das Wichtigste in einem Benz? Peace of Mind. Du setzt dich rein, machst die Tür zu und plopp, Stille. Stille. Du, dein Wohnzimmer und dieses Dickschiff. Das war es schon immer. Und wenn das Benz nicht hinbekommt, kauft man sich eben einen Audi, BMW, Lexus oder Jaguar.

Alle diese Marken sprechen gezielt und sehr bewusst eine andere Sprache und damit eine andere Klientel an. Das ist bereits alles, was man verstehen können muss. Du wirst einen begeisterten Audi-Fahrer niemals in diese Luxusschaukel hineinbekommen, damit der in Watte verpackt damit herumwolken kann. Umgekehrt wirst du eine Benzfahrerin niemals in die trockene Innenraumwüste eines BMW hineinbekommen.

Wer das Geld hat, entscheidet primär nach Design und den Fahreigenschaften. Das Design und die Funktionalität drückt die innere Anspruchswelt eines Kunden aus. Das Äußere des EQC geht genau in diese Richtung: Status. Und das auch noch als SUV. Der 2,4 Tonnen wiegt. Mit Zuladung +500 kg. Und mit optional bestellbarer Anhängerkupplung kann man seine Pferde von A nach B kutschieren (Anhängerlast 1.800 kg). Gerade beim Aussehen kommt der EQC auf Bildern super pummelig und pomadig daher. In Realität wirkt der E-Brummer völlig anders. Er riecht nach Status und sieht luxuriös elegant aus. Das, was ein Benz ausstrahlen möchte.

Und die inneren Werte? Es fällt auf, dass die Journalisten (die in den zuvor noch verkleideten EQCs mitfuhren) allesamt von Stille berichteten. Kein Straßenbahnsurren, weder beim Anfahren noch Beschleunigen. Kein Rumpeln über dem Asphalt. Was ebenso mercedesig ist. Du willst von der Straße und der Außenwelt  so wenig wie möglich mitbekommen. Schweben statt Fahren. Wer sich die Bilder unten anschaut, dem wird der Aufbau der Antriebseinheit auffallen. Sie ist soweit möglich komplett von der Karosserie entkoppelt, doppelt. Dazu dient das auffällige Gestänge. Nicht nur wegen Crash-Sicherheit, sondern um den ätzenden, hochfrequenten E-Motorsound vom Fahrer wegzuhalten (eine typische Unart der E-Autos).

Dementsprechend ist die Beschleunigung mit 5,1 s auf 100 eigentlich zuviel. Aber das ist die Power, die ein Mercedes-Kunde zur Not auch mal abrufen können möchte, um so einen schweres Gerät (von E-Klasse bis S-Klasse) zügig vom Fleck wegzubewegen. Abgeregelt wird das bei 180 km/h. Was nur in Deutschland eine Rolle spielt. Dazu reichen die +400 PS locker aus. Es ist ja nicht so, dass wir 400 PS im Autoverkehr brauchen. Leider ist es aber so. Mehr PS gilt als noch mehr Status.

Was mir persönlich negativ aufstößt? Die Ladeleistung zu Hause ist auf 7,4 kW begrenzt. Egal ob man eine 11 kW oder 22 kW Wallbox von Mercedes aufstellen lässt. Auch das ist eine deutsche Eigenheit: Im Ausland sind 7 kW das Limit. Dennoch? Wenn man schon Linksfahrer-Lenkräder einbauen kann, hätte man dem deutschen Stammkunden wenigstens eine Sonderoption für 11/22 kW spendieren können.

Das Gemecker war eher ob der 110 kW Ladeleistung an Schnell-Ladern groß. Unter der Presse. Wieso man denn nicht 150 kW wie der kommende e-tron anbieten könne? Antwort von Mercedes: Es handelt sich nicht um eine kurzfristige Peakleistung, die üblicherweise angegeben wird. Sondern um eine Dauerleistung von 110 kW, damit die Kiste von 10% auf 80% in 40 Minuten geladen werden kann. Das Akku ist übrigens 80 kWh groß. Was laut NEFZ für über 450 km reichen soll. Es werden faktisch unter 400 sein, sobald man die WLTP Messungen offiziell vorgenommen hat (die bei E-Autos für Stadt, Land und Autobahn separat ausgewiesen wird).

Der Innenraum ist übrigens ebenso Mercedes. Aus der CLS-, E-Klasse und vor allen Dingen A-Klasse bekannt. Der Riesenmonitor (das Infotainment läuft auf MBUX-Basis, das in der A-Klasse jüngst eingeführt wurde und weltweit für Anerkennung gesorgt hat) ist ein typisches Merkmal der Mercedes-Modelle. Im MobileGeeks-Team sorgte es eher für Kritik, warum man so einen Monitor einfach in die Landschaft klatschen muss.

Was speziell die Sucherei nach Ladesäulen angeht? Ja, peace of mind: Der Computer wird die umliegenden Ladesäulen mitsamt Belegungsquote, Ladeleistung und Preisen anzeigen. In einem Fahrmodus D kalkuliert das System zudem die beste Fahrweise aus Rekuperation und Segeln, um am zügigsten mitsamt Laden ans Ziel zu kommen. Dynamische Routenführung also? Richtig. Auch hier will Mercedes nicht, dass der Fahrer sich den Kopf machen muss, also keinen Taschenrechner zücken muss.

Zum Fahren hat Mercedes dem Fahrer eine Rekuperationswippe am Lenkrad mitgegeben, damit er fünf verschiedene Stufen einstellen kann. Dazu gesellen sich diverse Fahrmodi von “Gib-Gummi” bis “Slow-Motion”, salopp gesagt. Auch das digitale Gaspedal, das über Impulse anzeigt, ob du vom Gas gehen kannst, um zu segeln/rekuperieren.  Effekt? One-Pedal Driving soll nicht zum nervigen Fahren führen. Ich sagte ja bereits: Mercedes will dem typischen Benz-Kunden sein schwebendes Wohnzimmer entkoppelt von der Außenwelt bieten.

Soweit meine ersten Eindrücke, die im Grunde den Markenkern von Mercedes als Schablone über den EQC legen. Das mag wie Werbegesang klingen, dient jedoch vielmehr dem Vermitteln warum Daimler diesen Gesamtweg gewählt hat. Um einen Mercedes und kein Raumschiff hinzustellen, das Benzfahrer abschrecken würde. Andere Kunden, andere Geschmäcker, andere Autowahl eben.

So gesehen hat Daimler fast alles richtig gemacht. Ich bin überzeugt davon, dass dieser Pkw-Benzfahrer mit Elektroneugier anlocken wird. Sobald sie drinsitzen und die erste Proberunde drehen, war es das: Mehr Stille denn je. Um nichts anderes geht es. Das werden Audi, BMW und Teslafahrer verächtlich zur Kenntnis nehmen. Prima, jeder und jede hat seine und ihre passende Wahl, die er oder sie treffen kann.

Wie ich als Ex-Jugo oben sagte: to je pravi Merdzo!

Ach ja, und Preis? Unbekannt, aber es ist ein offenes Geheimnis: knapp 70.000 zum Einstieg. Wann kaufbar? Ab März 2019. Die ersten EQC sollen Mai 2019 Kunden übergeben werden. Erst Europa, dann China, dann USA.

Zur Bildershow:

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