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Metadaten – das größte Problem der Musikindustrie, das niemanden interessiert

Metadaten von Songs sind unfassbar langweilig und waren es immer schon. Dennoch sind sie ein riesiges Problem für die Musikindustrie - es geht um Geldbeträge in Milliardenhöhe.

von Carsten Drees am 29. Mai 2019

Habt ihr euch jemals mit den Metadaten bei Musik befasst? Keine Angst, wenn das nicht der Fall ist, dann seid ihr sicher nicht allein, denn es gibt in der bunten, glitzernden Musikwelt vermutlich nicht viele Teilaspekte, die langweiliger und dröger sind als eben besagte Metadaten.

Worüber reden wir überhaupt, wenn wir von Metadaten sprechen? Diese Metadaten bei Musik enthalten typischerweise Informationen wie z. B. Titel, Künstler, Komponist, Veröffentlichungsdatum, Musikverlag oder die ISRC-Nummer. Bei digitalen Tracks kann man diese Metadaten direkt in der eigentlichen Datei abspeichern — das bekannteste Beispiel dafür dürften die ID3-Tags von MP3s sein.

Privat bin ich selbst damit auch nie groß in Berührung bekommen, auch wenn ich vor vielen Jahren hin und wieder meine illegal runtergeladenen (ja, shame on me) MP3s mit möglichst korrekten ID3-Tags ausstatten wollte. Wenn diese Metadaten jedoch nicht stimmen, richtet das keinen nennenswerten Schaden an, außer dass ich vielleicht meine Songs nicht so gut finde.

Der Industrie gehen Beträge in Milliardenhöhe durch die Lappen

Wenn man das von der Seite der Musikindustrie aus betrachtet, sieht die Geschichte aber deutlich anders aus. Es ist ein riesiges Problem der Branche — und zudem eines, welches anscheinend niemand wirklich auf dem Schirm hat. Es klingt wie eine Lappalie und um eine unliebsame Arbeit, bei der sowieso niemandem wirklich auffällt, wenn mal was nicht hundertprozentig passt.

Die Wahrheit dahinter ist aber, dass fehlerhafte oder nicht komplett vorhandene Metadaten für Künstler und Autoren eine echte Katastrophe sein können, weil ihnen dadurch möglicherweise hohe Einnahmen verloren gehen. The Verge berichtet über ein konkretes Beispiel, bei dem einem Musiker auf diese Weise satte 40 000 US-Dollar flöten gegangen sind.

Jetzt könnte man denken, dass er Glück im Unglück hat, weil ihm das ja schließlich doch noch aufgefallen ist. So viel Glück hat er aber nicht, denn dieses Geld ist für ihn unwiederbringlich verloren. Sein Problem — und das von vielen Leidensgenossen: Jedes Unternehmen und jede Verwertungsgesellschaft hat andere Regeln, in welchem zeitlichen Rahmen die Lizenzgebühren ausgeschüttet werden können. Für den nicht namentlich erwähnten Künstler war es leider zu spät.

So sehen auf Spotify die Credits für einen Song aus

Was sind die Probleme bei diesen Metadaten?

Aber wie kann es dazu kommen, dass diese Metadaten zu so großen Schwierigkeiten führen? Im Bild oben seht ihr die Credits für den Plainsong von The Cure. Das größte Problem bei diesen Metadaten ist aber gar nicht mal, dass vielleicht der Name eines Songs oder einer beteiligten Person falsch geschrieben wird.

Viel schlimmer ist nämlich, dass es keinen einheitlichen Standard gibt für solche Musik-Metadaten. Die Datenbanken unterscheiden sich von Unternehmen zu Unternehmen. Labels, Verwertungsgesellschaften, Streamer wie Apple Music oder Spotify: Jeder hat seine eigene Datenbank und die unterscheiden sich leider eben oftmals voneinander. Wenn Daten weitergereicht werden und ein bestimmtes Feld in der anderen Datenbank nicht auftaucht, kann man zweierlei machen: Entweder passt man es an — oder man lässt es bleiben und ignoriert die Information. Leider passiert es viel zu selten, dass man sich für letzteres entscheidet und die entsprechenden Daten einfach nicht weitergereicht werden.

Im Beitrag von The Verge erklärt man eines der möglichen Datenbank-Probleme am Beispiel Ariana Grande, Nicki Minaj und Jessie J. Würden die drei Mädels einen neuen Song aufnehmen und würde dieser an Apple Music oder Spotify schicken, würde es eine Fehlermeldung geben, wenn alle drei Namen im gleichen Künstlerfeld geführt würden.

Man spricht dabei von einem “Compound Artist Error”. Ebenfalls würde es nicht funktionieren, wenn der Künstlername als “Nachname, Vorname” angegeben wird. Man kann natürlich die richtigen Metadaten direkt in die Datei des Songs packen, oft genug wird aber von den Distributoren darum gebeten, diese zu entfernen, weil es ansonsten Schwierigkeiten mit dem Upload geben könnte.

Weiter ist es ein Problem, dass die Metadaten von Anfang an nicht richtig erfasst werden könnten. Es werden immer mehr Songs auf den Markt geschmissen und das immer schneller. So eine Veröffentlichung ist oft mit der ganz heißen Nadel gestrickt und da passieren Flüchtigkeitsfehler. Wenn also viele Menschen an einem Lied arbeiten, kann es vorkommen, dass ein Beteiligter einfach mal vergessen wird. Bei “Firework” von Katy Perry beispielsweise gehört die Aufnahme Capitol Records. Aber gleich fünf verschiedene Songwriter mit fünf verschiedenen Musikverlagen besitzen Anteile der Kompositionsrechte, und es müssen zwingend alle Informationen in die Metadaten aufgenommen werden, damit sie gutgeschrieben und an die Beteiligten bezahlt werden können. Mittlerweile sind bei Hits im Schnitt vier Autoren und sechs Verlage beschäftigt.

Vergisst man also einen solchen Coautoren oder fällt sein Name durch die oben erwähnten Probleme der unterschiedlichen Datenbänke durchs Raster, sieht er eben keine Kohle. Selbstverständlich kann man das nachträglich noch korrigieren und die Metadaten richtigstellen. Dummerweise muss man aber erst einmal überhaupt feststellen, dass da was nicht stimmt.

Bemerkt und korrigiert man diesen Fehler jedoch, muss man ihn dann auch in allen anderen beteiligten Datenbanken verbessern, damit alles seinen richtigen Gang geht. Viel zu oft passiert das aber eben leider nicht und so entgehen der Industrie viele Milliarden Dollar. Schätzungen zufolge wäre es möglich, dass auf diese Weise bis zu 25 Prozent der Lizenzgebühren entweder beim falschen Empfänger landen — oder überhaupt gar nicht erst gezahlt werden.

Das hängt auch damit zusammen, dass sich die Musiklandschaft in den letzten Jahrzehnten so unfassbar verändert hat. Früher wurde eine Single, eine Maxi-Single oder ein Album veröffentlicht, heute ist das alles deutlich diverser. Es gibt natürlich immer noch die physischen Tonträger, aber eben auch die Downloads auf vielen verschiedenen Plattformen, die Streaming-Portale und nicht zuletzt auch noch Video-Plattformen wie YouTube. Dort landet dann möglicherweise nicht nur der Song, der als Single aus einem Album ausgekoppelt wird mit einem dazugehörigen Video. Oft werden zahlreiche Songs eines Albums mit Videos und/oder Lyric-Clips hochgeladen.

Zudem ist das Musikalbum eben seit Jahren schon auf dem absteigenden Ast gelandet. Songs werden aus dem Alben-Kontext gerissen bzw. oft auch gar nicht auf einem herkömmlichen Album veröffentlicht. Eine Hit-Nummer kann heutzutage gleich in Dutzenden Versionen existieren, denkt allein an die große Zahl von Remixen.

Vickie Nauman, Consultant für das Musiktechnologie-Unternehmen CrossBorderWorks erklärt: “Wir sind von 100.000 physischen Alben, die in einem Jahr veröffentlicht wurden, zu 25.000 digitalen Songs übergegangen, die täglich zu den Streaming-Diensten hochgeladen werden.” Das sind so unsagbar große Datenmengen, die das ganze Spiel sehr kompliziert und undurchschaubar machen. Je mehr Daten verteilt und verschoben werden müssen und je mehr Unternehmen daran beteiligt sind, desto größer sind auch die Möglichkeiten, dass Fehler passieren.

Wie kann aber die Lösung aussehen? Angeregt wird eine einheitliche Datenbank, wie sie mit IMDb für Filme ja längst besteht. Das scheitert aber dummerweise aus gleich vielen Gründen, zumindest bislang. Unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Urheberrechte in verschiedenen Ländern sind solche Gründe, oftmals hat es aber auch damit zu tun, dass sich viele Unternehmen untereinander einfach nicht grün sind und nicht sonderlich an einer Zusammenarbeit interessiert sind.

Ein Weg zur Verbesserung der Lage könnte sein, dass man Spotify und andere Streaming-Plattformen dazu ermutigt (oder verdonnert?), ausführlichere Credits anzuzeigen. Wären diese Daten dann sichtbarer, hätten die Künstler vermutlich auch ein größeres Interesse daran, selbst darauf zu achten, dass alles richtig erfasst wurde.

Oft wissen die Musiker gar nicht mal, dass es da so einen großen Zusammenhang gibt zwischen dem, was in den Metadaten zu finden ist und was dann letzten Endes auf dem Bankkonto des Künstlers ankommt. Ein Teil der Lösung ist also eine Sensibilisierung der Kreativen, damit sie selbst ein Auge drauf haben, wie diese Metadaten erfasst und weitergeleitet werden. Ein Grammy-nominierter Künstler wird sogar mit der Aussage zitiert, dass er nicht einmal wüsste, wo er nachsehen müsste, wenn er herausfinden wollte, welche Metadaten erfasst wurden.

Wie ihr wisst, beschäftige ich mich ja sehr gern mit Musik in all seinen Facetten und diese Geschichte interessiert mich allein schon deshalb brennend — und ich bin echt erstaunt darüber, dass so eine vermeintliche Kleinigkeit so einen riesigen Impact haben kann. Das ist insofern spannend, weil die Musikindustrie seit Bestehen des Internets jammert (oft natürlich auch aus gutem Grund), aber man allein durch die sorgfältig angelegten Metadaten dafür sorgen könnte, dass es deutlich mehr in der eigenen Kasse klingelt.

Quelle: The Verge