Kommentar
Mobbing bringt Menschen um – und nicht etwa TV-Serien

"Tote Mädchen lügen nicht" startet jetzt bald auf Netflix mit der zweiten Staffel. Deshalb wird auch derzeit wieder kontrovers diskutiert, wie explizit Suizid in so einer Serie behandelt werden darf. Ein Kommentar.

Die von mir über die Maßen geschätzte Kathrin Weßling beginnt ihren heutigen Artikel wie folgt:

Meine Schulzeit war die Hölle. Die meiste Zeit verbrachte ich damit, Angst vor der Schule zu haben, Angst vor den anderen. Als ich viele Jahre später darüber schrieb, bekam ich noch immer Nachrichten von ehemaligen Mitschülern, was für eine Fotze ich sei, wie scheiße, dumm und hässlich.

In ihrem Kommentar reflektiert sie ihre schwierige Schulzeit und der Anlass für ihre Zeilen ist eine beliebte Netflix-Serie, die ab dem 18. Mai in die zweite Season startet. Es geht dabei um „13 Reasons why“, die in deutschsprachigen Gefilden unter dem Namen „Tote Mädchen lügen nicht“ zu sehen ist.

Die Serie war 2017 die erfolgreichste Netflix-Serie in Deutschland, noch vor anderen großen Namen wie Stranger Things. Zumindest, wenn man danach geht, welche Serie die Zuschauer am häufigsten ohne den Partner, oder aber mit der Familie geschaut haben. Sie ist allerdings auch eine der umstrittensten Serien, die ihr derzeit zu sehen bekommt. In den USA haben Psychologen, Ärzte und Gesundheitsorganisationen sogar vor der Serie gewarnt, weil die Handlung psychische Probleme hervorrufen oder verstärken könnte.

In der Serie geht es um das Mädchen Hannah Baker, die Selbstmord begeht und auf sieben verschiedenen Kassetten 13 Gründe (und Schuldige) für ihren Suizid nennt. Sexuelle Belästigung und Vergewaltigung gehören dazu, ebenso Gewalt generell und auch Mobbing. Die Kritiker glauben nun, dass eh schon labile Menschen durch diese Serie zusätzlich getriggert werden und womöglich eher mit dem Gedanken spielen könnten, ihr Leben selbst zu beenden.

Ob die Serie tatsächlich zu mehr Suiziden führt, ist bislang nicht mit Fakten zu untermauern, aber zumindest stiegen die entsprechenden Suchanfragen zum Thema in den USA um 20 Prozent an. Ich zweifle die Kausalität ehrlich gesagt ein wenig an, denn wenn ich mir eine Serie wie The Rain anschaue, dann tue ich das ja auch, weil mich die Serie interessiert und nicht, weil ich mit verseuchtem Regen rechne. Aber klein reden möchte ich diese Zahl natürlich auch nicht, denn auch die Suchanfragen nach konkreten Suizidmethoden stiegen im selben Zeitraum an.

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So oder so kann ich verstehen, dass Kathrin durch diese Diskussion an ihre Schulzeit erinnert wird. Ihr Text wiederum hat mich getriggert und an meine Schulzeit erinnert. Zeit für ein Geständnis, oder nein — für zwei Geständnisse:

1. Hässlich

Vermutlich war ich schon als Kind etwas sonderlich. Ich hatte durchaus Freunde in der Nachbarschaft. Die Kinder, mit denen man Fußball spielte, Banden gründete und durch den nahen Park streunte. Aber von diesen Jungs abgesehen hab ich in der Schule lange Jahre nicht viele Freunde finden können.

Ehrlich gesagt hat mich das nicht beunruhigt. Ich hatte wie gesagt Freunde, schrieb meistens gute Noten in der Grundschule und hatte auch das Gefühl, dass wir eine glückliche Familie waren. Damals aber schon verbrachte ich viel Zeit vor dem Radio — Musik war wohl immer schon mein größtes Hobby und meine größte Leidenschaft.

Schwieriger wurde es dann, als der Wechsel zum Gymnasium erfolgte. Eine Handvoll Klassenkameraden wechselte mit, viele andere fanden sich nach der Grundschule auf der Real- oder Hauptschule wieder. Ich traf erstmals auf Gleichaltrige, die mir das Gefühl gaben, dass ich als Mensch weniger wäre als sie.

Es ging um die Kleidung, die man trug, um Freundinnen, die man hatte oder nicht, es ging um die Häuser und Berufe der Eltern. Wir hatten immer wenig Geld, wohnten in einer Wohnung zur Miete, die nicht einmal eine Zentralheizung hatte und die Tatsache, dass ich mich um Mode wenig scherte und Markenklamotten für mich eh unerschwinglich waren, machten mein Leben nicht gerade leichter.

Meine Eltern waren fleißige Menschen und dazu gaben sie mir die wirklich wichtigen Werte mit auf den Weg. Damit kann man aber nicht punkten bei den Klassenkameraden. Nicht mit einem Vater, der sich den Arsch aufreißt und auch nicht mit einer Mutter, die sich um den ganzen Haushalt zu kümmern hat und nebenher noch von einer Putzstelle zur nächsten eilt, damit man Geld zum Überleben hat.

Okay, bei der Sache mit den Mädchen war ich einfach naiv. Ich ließ mich von 11-Jährigen dafür auslachen, dass ich noch nie was mit einer „Frau“ hatte und war behämmert genug, denen ihre Casanova-Träumereien abzukaufen. Ich glaube, ich verbrachte meine Nachmittage viele Jahre damit, nur am Radio zu hängen, Musik zu hören und Cassetten aufzunehmen.

Soweit ich mich erinnern kann, ging das mit acht, neun Jahren los, aber exzessiv wurde das 1981, als ich eben die Schule wechselte. Mir gefiel die Schule nicht. Ich kam mit dem elitären Denken der Schüler und auch der Lehrer nicht klar und fühlte mich mehr und mehr ausgeschlossen. Ich war nie das typische Mobbing-Opfer, dem man das Taschengeld abzieht und die Butterbrote durchs Klassenzimmer wirft.

Aber man merkte, dass ich keiner von den anderen war. Witze wurden gerne auf meine Kosten gemacht, „der bekommt nie eine Freundin“ war ein Running Gag, der jahrelang ausgereizt wurde und die Tatsache, dass ich neben den teuer angezogenen Klassenkameraden wie ein Lumpensammler aussah, wurde mehr und mehr zu einer Belastung für mich.

Einige der Jungs gaben sich durchaus mit mir ab, ließen mich aber dennoch gerne spüren, dass ich optisch eher sowas wie eine miese Laune der Natur bin. Welchen Spitznamen man mir gab? „Hässlich“! Sie nutzten die Vokabel nicht als Verb und als Zusatz zu irgendeinem Namen, nein — sie nannten mich einfach nur „Hässlich“. Hab ich übrigens noch nie jemandem erzählt, glaube ich — geht sorgfältig mit der Info um.

Ich kann nicht mehr genau sagen, was das in mir gemacht hat. Nachträglich glaube ich, dass mich andere Dinge mehr fertig gemacht haben als dieser „Name“. Schlimm war es nur einmal: Es sollte eine Party stattfinden, zu der ich tatsächlich auch eingeladen war — alles andere als selbstverständlich damals. Eine Handvoll Klassenkameraden kam mich abholen, vermutlich das einzige Mal in diesen Jahren, dass mich jemand besuchen kam, den ich nicht sowieso schon aus der Nachbarschaft kannte.

Einer der Jungs fragte mich im Beisein meiner Mama irgendwas und hängte seine Frage an die Einleitung „Sag mal, Hässlich“ an. Ich fühlte da keine Wut oder sowas — viel mehr fühlte ich mich irgendwie entlarvt oder ertappt. Bis dahin konnte ich meinen Eltern klar machen, dass die Schule super ist und in meinem Leben alles passt. Als mich später meine Mutter darauf ansprach, ob die mir tatsächlich diesen Namen verpasst hätten und ich ihren Blick dabei sah, brach mir das das Herz. Und eigentlich tut es das jetzt gerade wieder, wenn ich ehrlich sein soll.

Es gibt nur eine Handvoll Fotos aus der Zeit, als ich noch ein Kind war. Aus speziell diesen Jahren, so bis 1984 oder 1985 gibt es meines Wissens überhaupt keine Bilder von mir. Jemand, der eingeredet bekommt, circa das unansehnlichste Wesen der Stadt zu sein, vernichtet pflichtbewusst jedes Foto, welches er in die Finger bekommt. Rückblickend kann ich wohl sagen, dass ich noch Glück gehabt habe, weil ich in einer Welt ohne Internet aufgewachsen bin.

Foto: Pixabay/jwfein

2. Hurra, ich bin’s nicht

Spulen wir vor zum Ende der Achtziger Jahre. Ich flog irgendwann vom Gymnasium, besuchte dann die Realschule und machte dort meinen Abschluss. Ich fand tolle Freunde, besuchte meine ersten Depeche Mode-Konzerte, spielte selbst in einer Band und konnte mich generell nicht beschweren, zumindest im Vergleich zur Zeit davor.

Da die höhere Handelsschule proppenvoll war und nur eine bestimmte Zahl Schüler aufnahm, musste ich ein Berufsgrundschuljahr einlegen, wo ich quasi geparkt wurde. In diesem Jahr hatte ich ziemlich viel Spaß, ehrlich gesagt. Wir feierten coole Parties, der Lernstoff war nicht zu anspruchsvoll und die Klasse generell war absolut in Ordnung.

Dann kam — mitten im Schuljahr — ein neuer Schüler in unsere Klasse. Er war jetzt optisch auch nicht gerade in der „Traumprinz“-Abteilung unterwegs, war zudem ein irgendwie motziger und unangenehmer Zeitgenosse. Sein Pech: Einer meiner Klassenkameraden kannte ihn noch von seiner letzten Schule.

Dort war er das klassische Mobbing-Opfer. Derjenige, über dessen Aussehen Witze gemacht wurden, dessen Kopf in die Kloschüssel gedrückt wurde und alles, was zu diesem unseligen Spiel dazu gehört. Was passiert, wenn man auf eine neue Schule kommt und dort jeder erfährt, dass man das Klassen-Opfer war? Genau — man wird direkt auch in dieser Klasse wieder in diese Rolle gedrückt.

Dummerweise befeuerte er das immer noch dadurch, dass er sich allen gegenüber wie ein Arschloch benahm und so konnte ich vor mir rechtfertigen, dass ich ihn ebenfalls wie ein Arschloch behandelte und Dinge zu ihm sagte, für die ich mir gerne jetzt noch ins Maul hauen möchte.

Aber wisst ihr was? Mein Schuldbewusstsein damals war deutlich weniger ausgeprägt als die schiere Erleichterung darüber, dass es ihn erwischt hatte und nicht mich: Hurra, ich bin’s nicht!

Nach den sehr entspannten Jahren auf der Realschule wurde mir nämlich schlagartig wieder klar, wie viel Glück ich gehabt habe. Was, wenn mit mir ebenfalls einer aus meiner Klasse die Schule gewechselt hätte? Was, wenn meine späteren Freunde mich nie so mit offenen Armen aufgenommen hätten und ich sofort wieder „Hässlich“ für alle gewesen wäre?

Ich schäme mich dafür, aber damals war es wirklich erleichternd, dass jemand anders diese Rolle spielen musste.

… und heute?

Mittlerweile schreiben wir also das Jahr 2018 und ich kann mir nur im Ansatz vorstellen, was die Kids heute in der Schule mitmachen. Der Leistungsdruck ist deutlich höher, Menschen benehmen sich anderen Menschen gegenüber per se deutlich arschiger als früher und dann ist da noch das Internet!

Viele dumme Fotos von früher hab ich wie gesagt nicht, aber generell wurde halt auch weniger geknipst in diesen analogen Zeiten. Heute wird jede Situation, jede Aktion, jeder Patzer fein säuberlich dokumentiert, mit ein bisschen Pech sogar direkt live im Videostream. Egal, ob wir von Mobbing, Cyber-Mobbing oder Bullying sprechen: Hier werden leichtfertig Leben zerstört.

Und damit komme ich jetzt wieder zurück auf den Artikel von Kathrin: Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie sie ihr Schulleben empfunden hat. Ich kann mich noch erinnern, wie schwer mir mein Leben vor kam und ich glaube, man war zu mir nicht ansatzweise so gemein wie zu Kathrin.

Egal, was Menschen mit Dir anstellen — Selbstmord wird nie gerechtfertigt sein als Reaktion. Das Dumme dabei: Die Person, die gerade intensiv über Suizid nachdenkt, ist für solche positiven Gedanken nicht besonders empfänglich.

Wenn man sich in die Enge gedrängt fühlt, dann scheint dieser Ausweg nämlich die einzig gangbare Option zu sein und so verwundert es auch nicht, dass jährlich 800.000 Menschen Selbstmord begehen und unter 15-29-Jährigen Suizid die zweithäufigste Todesursache ist (Quelle: WHO). Selbst millionenschwere Mega-Stars und Familienväter werden durch Depressionen in den Tod getrieben — da sollte es klar sein, was ein für Außenstehende nicht besonders existenzielles Problem mit einem Teenager anrichten kann, oder?

Von Depressionen, Aufmerksamkeitsspannen und schlechter werdenden Bands

„Es hat seine Gründe, warum Du alleine bist!“

Ich persönlich weiß, dass mich solche Attacken auch heute noch empfindlich treffen können. Erst diese Woche entfreundete ich bei Facebook einen Menschen, der bereits im Vorfeld mich beleidigt hatte, meine Freunde beleidigt hatte und mit dem ich mir unter einem Facebook-Posting ein Wortgefecht lieferte.

Zur Erklärung: Ich hab nichts gegen widersprüchliche Meinungen und ich hab auch ein dickes Fell, wenn man mir mal einen dummen Spruch drückt. Manchmal erreicht man aber einen Punkt, an dem man weiß, dass man einen Menschen in seinem Leben nicht braucht — erst recht nicht, wenn bereits verschiedene Dinge vorgefallen sind.

Grundsätzlich ist das für mich kein Drama, wenn das jemand ist, den man eh nur flüchtig kennt und mit dem man im „real life“ nicht viel am Hut hat. Ich verabschiede mich dann auch nicht mit viel Pathos, sondern sortiere einen Menschen aus, den ich nicht mehr gebrauchen kann. Im Normalfall habe ich dann auch nicht mehr viel zu diskutieren mit der Person und antworte auch nicht auf weitere Beleidigungen (ich verstehe auch nicht, wieso man jemanden dafür beleidigt, dass er nicht Dein Facebook-Freund sein möchte).

Dann gibt es aber dennoch irgendwann einen Moment, in dem Dich ein Spruch auf dem falschen Fuß erwischt. Beispielsweise so ein Satz wie der, den ich erst gestern über mich lesen musste: „Es hat seine Gründe, warum Du alleine bist!“

Ganz ehrlich, das tut mir weh, auch wenn ich ein Mann im Alter von 46 Jahren bin (fast 47, ich hoffe, ihr habt alle eure Geschenke für mich bereits!). Ich mag mir jetzt gar nicht ausmalen, was so eine Ansage mit mir machen würde, wenn ich 14 wäre und im Gegensatz zu damals auch schon online.

Ja, es ist so einfach: Sei einfach kein Arsch!

Wieso erzähle ich euch all das? Weil der Beitrag von Kathrin mir wieder so viele Erinnerungen in den Kopf gezaubert hat und ich ihren Gedanken  zur Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ auch so gut nachvollziehen kann:

Es ist eine Serie, von der ich mir in meiner Schulzeit gewünscht hätte, dass es sie schon gegeben hätte. Kathrin Weßling

Wir können und müssen vermutlich darüber diskutieren, ob einzelne Personen durch so eine Serie getriggert werden, aber ich persönlich denke, dass das Reden über diese Thematik mehr bringt, als wenn man es tabuisiert. Mobbing, Unterdrückung, Gewalt — das sind alles keine Dinge, die man sich bieten lassen muss und vielleicht hilft es jungen Menschen, wenn sie sehen können, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine in der Welt sind.

Ich denke, dass jemand, der sich wirklich das Leben nehmen möchte, ganz sicher auch ohne die Serie auf diese Idee kommt — oder durch entsprechende Bücher oder Songs. Wichtig ist doch, dass wir darüber reden, das alles im richtigen Kontext betrachten und einordnen, stets ein offenes Ohr und den Blick für unsere Mitmenschen haben und das Allerwichtigste und gleichzeitig eigentlich auch das Einfachste:

Mobbt keine anderen, lacht nicht mit, wenn andere gemobbt werden und schaut auch nicht weg, wenn andere gemobbt werden. Stellt euch diesen Dingen entgegen und macht euren Leuten klar, dass sie immer mit euch reden können, egal, worum es geht und egal, wie schlimm ein Problem in der Welt des anderen auch zu sein scheint. Dann bräuchten wir vielleicht auch nicht darüber diskutieren, ob eine Serie wie „13 Reasons why“ problematisch ist oder nicht.

Und jetzt lest bitte Kathrins Artikel bei bento!


Habt ihr das Gefühl, dass euer Leben ausweglos ist und plagen euch vielleicht sogar suizidale Gedanken? Schnappt euch jemanden zum Reden! Vertraut euch Freunden oder Familie an – eine Situation ist niemals so bedrohlich, dass sich nicht ein deutlich besserer Weg findet als ein Selbstmord. Also – seid laut!

Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und für jedermann 24/7 erreichbar unter den Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222. Diese Telefonate tauchen übrigens weder im Einzelverbindungsnachweis noch auf der Telefonrechnung auf. Alternativ erreicht ihr die Seelsorge auch nach einer kurzen Anmeldung im Chat oder per Mail!