Mobile Banking sei Dank: Bankfilialen werden in 10 Jahren aussterben

In zehn Jahren werden die Bankfilialen aussterben, sagen immer mehr Finanzexperten. Schreckensszenario für die Banken und Sparkassen oder überfälliger Wandel? Letzteres, tippen wir - die Internet-Alternativen werden die meisten Filial-Services obsolet machen.

Ein von mir äußerst gering geschätzter Comedian aus der deutschen Hauptstadt würde seine Anekdote mit „Wahre Jeschichte“ und diversen „Banken – Kennste?“ beginnen, aber ich erspare uns das jetzt mal. Dennoch handelt es sich um einen tatsächlichen Dialog, den ich dieses Wochenende mit einem Bekannten geführt habe. Er erzählte von den Vorzügen seiner Bank – was gleich doppelt bemerkenswert ist: Wer redet a) schon positiv von seiner Bank und tut das b) während man dabei ist, sich am Samstagabend zu betrinken?

Sei es drum: Er ist Kunde der ING DiBA und schwer begeistert. Keine Kontoführungsgebühr und die Möglichkeit, an massig Geldautomaten ebenfalls ohne Gebühren Geld abheben zu können – tatsächlich Gründe, die für ein Girokonto dort sprechen könnten. Als größten Vorteil nannte mir mein Bekannter aber den tollen Service, denn jedes Mal, wenn er einen Wunsch oder eine Frage hat, kann er telefonisch jemanden erreichen – 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche.

Was für ihn ein wirklich wichtiges Kriterium ist, wäre mir nahezu egal. Ich kann es an einer Hand abzählen, wie oft ich mich an einen persönlichen Ansprechpartner bei meiner Bank wenden musste in den letzten zehn Jahren. Er machte ein paar Beispiele, wann er diesen Telefonservice mal in Anspruch nimmt – Szenarios, die allesamt für mich wenig spannend waren. Aber so oder so: Weder er, der auf telefonischen Service setzt, noch ich benötigen im Normalfall eine Bankfiliale.

Das erzähle ich euch, weil ich gestern über eine Prognose gestolpert bin, nach der binnen zehn Jahren die meisten Bankfilialen verschwunden sein werden. Komplett neu ist die Ansage, dass es den Bankfilialen an den Kragen geht, dabei gar nicht mal. Bereits vor drei Jahren hieß es im Focus:

Nach Angaben des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV) sank die Zahl der Filialen in den vergangen vier Jahren von 15 812 auf 15 296. Davon sind 2633 Zweigstellen ohne Personal.

In 10 Jahren werden die meisten Bankfilialen verschwunden sein

2013 dachte man, dass man schon ein düsteres Banken-Bild der Zukunft zeichnet, wenn man davon ausgehe, dass bis zum Jahr 2020 die Zahl der Filialen um zehn Prozent abnimmt. Aktuell entwickelt sich die Branche aber so rasant, dass die Einschnitte für die Banken noch viel deutlicher ausfallen könnten. Gegenüber CNBC zum Beispiel erzählte Brett King, seines Zeichens Gründer der Mobile-Banking-App Moven:

Bank tellers will be the telegraph operators of 21st century when we look back in 100 years, the most-impacted job, This will hurt. Brett King, Moven

Er geht davon aus, dass sich die Banken-Branche binnen zehn Jahren stärker verändern wird, als sie es in den letzten 300 Jahren getan habe!

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In die gleiche Kerbe haut Peter Diamandis, Executive Chairman sowie Mitgründer der Singularity University, der im Rahmen der Exponential Finance Conference in New York City vor kurzem sagte:

Finance will be the most disrupted industry in the next 10 years. Bank branches will most be gone … this decade.  Peter Diamandis, Singularity University

Bereits vor über einem Jahr schrieb Bernd Rubel für uns seinen Artikel über die Digitale Disruption. Dort nannte er auch schon Bankangestellte als eine der Personengruppen, die sich schon mal leise Sorge um ihren Job machen könnten. Demnach stehe die Chance, binnen 20 Jahren durch einen Computer bzw. durch einen Algorithmus ersetzt zu werden, für einen Bankkaufmann bei 97 Prozent.

97 Prozent aller Bankangestellten verlieren Arbeistplatz

Die Entwicklung bei der künstlichen Intelligenz, die Entwicklung weg von Bargeld bzw. Barzahlungen und ein generell verändertes Nutzerverhalten – in der Finanzbranche kann man mehrere Faktoren nennen, wieso dort derzeit eine solche Disruption erwartet wird für die nächsten Jahre.

Banken im Dornröschenschlaf

Sind die Banken, die uns vor wenigen Jahren nebenbei in die schlimmste weltweite Finanzkrise manövrierten, deswegen nun in heller Aufregung und bestrebt, sich zu modernisieren? Jein, würde ich sagen. Ja, sie verändern sich und suchen auch Wege, moderner zu arbeiten und auf das veränderte Verhalten der Kunden zu reagieren. Andererseits stecken sie leider bei diesem Vorhaben auch unvernünftig viel Geld in die Modernisierung ihrer Filialen.

In diesem Beitrag nennt Thorsten Linz die Deutsche Bank als Paradebeispiel für diese derzeitige Planlosigkeit: Es werden massiv Stellen als auch Filialen gestrichen, gleichzeitig aber auch Unsummen in die verbleibenden Filialen gesteckt, um diese vermeintlich besser für die Zukunft aufzustellen. N26 beispielsweise – einst als Number26 an den Start gegangen vor eineinhalb Jahren – hat jüngst eine offizielle Banklizenz von der Europäischen Zentralbank erhalten, kann also künftig auch „Leistungen in den Bereichen Vermögens- und Kapitalanlagen, Kreditvergabe und Versicherungen anbieten“, wie man im eigenen Blog verkündet.

Moven, N26 – hierbei handelt es sich lediglich um zwei der zahlreichen, aufstrebenden Mobile-Banking-Vertreter, von denen noch unzählige nachrücken werden. Hierbei geht es nicht nur darum, dass der Bankkunde Online-Banking dem Gang zur Filiale vorzieht, sondern es geht schon einen Schritt weiter: Banking über das Smartphone, was Vorgänge wie Überweisungen nicht nur noch flexibler gestaltet, sondern auch noch die Abwicklung sowohl unkomplizierter als auch schneller möglich macht. Ich muss unweigerlich wieder an die Sparkassen-Werbung denken mit den Fähnchen – nur, dass besagte Sparkassen aufpassen müssen, nicht selbst zur dort skizzierten 08/15-Bank zu verkommen, die in den nächsten Jahren durch harte Zeiten gehen müssen.

Banking der Zukunft: Tech-Unternehmen statt Banken

Davon ausgehend, dass bis zum Jahr 2020 wenigstens zwei Drittel der Weltbevölkerung online sind, werden in wenigen Jahren drei Milliarden Menschen – eher mehr – das Internet nutzen können. Der oben schon zitierte Peter Diamandis sagt, er könne nicht verstehen, wieso die Banken-Branche das nicht verstehen will, dass hier von über drei Milliarden neuen Kunden für die globale Finanzwirtschaft die Rede ist. Und Brett King sagt:

The biggest banks in the world in 2025 will be technology companies, and banks that grew through branch acquisitions in the ’80s and ’90s, that grew by physical bank presence, will have a real problem. Brett King, Moven

Derzeit lernen wir die verschiedensten alternativen Zahlungsmöglichkeiten kennen, die es uns ermöglichen, auch an der Supermarktkasse bargeldlos mit Hilfe unseres Smartphones zu zahlen. Google, Apple und viele mehr wollen sich dabei ihr Stück vom Kuchen sichern und bringen ihre Systeme auf die mobilen Devices. Wir schrieben bereits darüber, dass Länder wie Schweden vorpreschen und schon in wenigen Jahren komplett bargeldlos sein könnten, außerdem nannten wir in einem weiteren Beitrag u.a. Bargeld, Schecks, Kreditkarten, und auch Geldautomaten als Dinge, die bereits binnen fünf Jahren weitestgehend verschwinden könnten.

5 Dinge, die in den nächsten Jahren aussterben könnten

Es ist so oft wie in der Industrie: Nicht die Großen fressen die Kleinen – die Schnellen hängen die Langsamen ab! Dabei scheinen diese Langsamen viel zu oft immer die einstigen Platzhirsche zu sein, die eine Veränderung nicht erkennen, nicht erkennen wollen und auch nicht mitgehen wollen. Ich erinnere nochmal an den Werbespot oben: Genau so stelle ich mir vor, wie man in den Gremien der Banken zusammensitzt und sich überlegt, wie man die Kunden wieder in die Filialen lockt und davon abhält, sich mittelfristig für Mobile Banking zu entscheiden.

Das halte ich für einen kolossalen Fehler, wenn die Finanzbranche denkt, dass man mit neu gestalteten, moderner aussehenden Filialen die Menschen wieder einfangen könne. Liebe Filialbanken: Die Leute hauen euch nicht ab, weil eure Filialen aussehen wie in den Siebzigern. Sie hauen ab, weil sie die meisten Dinge einfach schneller und unkomplizierter abwickeln können – auf der heimischen Couch, an der Supermarktkasse, im Restaurant, eigentlich überall und jederzeit.

Ich persönlich tue mich jetzt schon schwer als Commerzbank-Kunde, eine Cash Group-Filiale (Commerzbank, Dresdner Bank, Postbank, HypoVereinsbank) in unmittelbarer Nähe meiner Wohnung in der Dortmunder Innenstadt zu finden. Filialen machen zu oder Geldautomaten sind abends nicht mehr zugänglich. Außer zum Geldholen brauche ich die Dinger heute schon nicht und je leichter es mir andere Dienste und Geschäfte machen, bargeldlos zu zahlen, desto weniger werde ich auch diese Anlaufstellen benötigen.

Die Banken tun was und arbeiten an Konzepten, wie man die online-affinen Menschen ab- bzw. wieder zurückholen kann, aber ich fürchte, dass das zu schwerfällig vonstatten geht und man dennoch lieber auf schöne neue Filial-Designs setzt als auf entsprechende mobile Angebote, die zumindest einem Teil der Belegschaft den Job retten könnten. Mag sein, dass eine Bankfiliale für ältere Menschen und außerhalb der Städte noch eine Weile ein beliebter Anlaufpunkt sein könnte – für Millenials und in den Städten dürfte das zunehmend seltener der Fall sein.

Quelle: CNBC