Smart City
Mobilitätsforscher fordert: Private Autos raus aus Berlin!

Autos müssen aus dem Stadtbild Berlins verschwinden, fordert Mobilitätsforscher Andreas Knie und sagt, dass Parkraum in der Innenstadt flächendeckend verknappt und verteuert werden muss.

Es wird viel über Smart Cities geredet, auch bei uns auf dem Blog. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Thema Autos und immer häufiger fällt dabei auf, dass beide Themen immer öfter ineinander greifen. Wir müssen uns eben nicht nur Gedanken zu Design oder Technik der Fahrzeuge machen, sondern auch dazu, wie sich Autos künftig ins Gesamtbild smarter Innenstädte einfügen und wie wir Autos effektiver nutzen, als wir es bislang tun.

Bereits vor einigen Monaten äußerte ich einen Wunsch: Den, dass die privaten Autos aus den Innenstädten verschwinden. Das klingt natürlich schwer nach Auto-Hasser, aber dem ist beileibe nicht so. Allerdings müssen wir uns bei einigen Dingen hinterfragen, die wir heute für selbstverständlich hinnehmen. So ist es anscheinend keiner besonderen Überlegung wert, dass sich Abertausende Autos Tag für Tag auf den Weg in die Städte machen mit je einem Pendler an Bord.

Bundesweit stehen somit all diese Fahrzeuge unnütz in diesen Innenstädten herum — bis die Pendler zum Feierabend wieder aus der Stadt hinaus gurken. Um das zu ändern, geht es nicht darum, platt zu fordern, dass Autos in Innenstädten verboten werden. Vielmehr müssen wir sehen, mit welchen Maßnahmen wir in wie vielen Jahren dazu kommen, dass es für die Pendler einfach attraktivere Möglichkeiten gibt, zur Arbeit zu gelangen und viele Autos somit einfach obsolet werden.

Ich beschäftige mich mit diesen Gedanken, weil ich heute ein sehr interessantes Interview gelesen habe. Die Berliner Zeitung hat nämlich den Mobilitätsforschers Andreas Knie befragt, der nicht nur selbst schon seit den frühen Neunzigern auf ein privates Auto verzichtet, sondern sich wünscht, dass es ihm die Berliner gleichtun.

Dabei geht es gar nicht mal nur um das Auto an sich. Klar — ein Fahrzeug, welches nur von einer Person genutzt wird, ist nicht besonders wirtschaftlich und der umwelttechnische Aspekt dürfte sowieso jedem klar sein. Knie geht es aber auch darum, welchen Platz diese vielen Autos gerade in Berlin beanspruchen — in einer Stadt, in der der Raum zunehmend knapper wird.

Für mich absolut nachvollziehbar regt er sich über Politiker wie Sebastian Czaja auf, seines Zeichens Fraktionschef der FDP in Berlin. Der Politiker bemängelt, dass der Senat nichts für die Autofahrer unternimmt und für Andreas Knie atmet eine solche Forderung den stinkigen Mief der fünfziger oder sechziger Jahre. Folgerichtig spricht er von “Kneipen mit vergilbten Gardinen und Asbach Uralt-Schildern”, an die er sich bei derlei Äußerungen erinnert fühlt.

Es muss in die Köpfe hinein, dass das Bevorraten von tonnenschweren Geräten auf öffentlichem Raum der Wahnsinn schlechthin ist. Mobilitätsforscher Andreas Knie

Ich würde es vermutlich nicht so drastisch formulieren, aber in der Tat haben wir uns diesbezüglich seit vielen Jahrzehnten kaum merklich weiter entwickelt. Das Auto ist der zentrale Punkt, um den herum Städte seit hundert Jahren entwickelt werden. Für sehr viele Jahre war das auch durchaus sinnig, aber wir sind mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem das nicht mehr passt.

Die Hersteller und die Politik haben sich in einem Urwald aus Lobbyismus und Selbstbeweihräucherung verrannt, in dem es Jahrzehnte lang sehr angenehm auszuhalten war und man sich dafür feiern konnte, weltweit auf diesem Markt führend zu sein. Dass die Welt sich verändert, müssen auch deutsche Auto-Giganten einsehen und erfreulicherweise sind sie aktuell auch dabei, ihre Konzepte entsprechend auszurichten.

Aber wie gesagt: Wir reden nicht nur über neue Antriebe, neue Sharing-Konzepte und autonome Technologien. Wir müssen in diese veränderte Planung auch unsere Städte einbeziehen und wenn wir das konsequent und nachhaltig gestalten wollen, dann dürfen eben nicht mehr diese Massen an Autos in den Städten vorzufinden sein. Das formuliert auch der Mobilitätsforscher entsprechend konsequent und stößt sich vor allem daran, dass das Parken in der Hauptstadt viel zu günstig sei:

Wir haben immer noch die Dieselprivilegierung und -subventionierung, wir haben immer noch eine Parkraumsubventionierung. Auch in Berlin dürfen Autofahrer ihr Auto fast überall kostenlos abstellen. Nur acht Prozent des Stadtgebietes unterliegen der Parkraumbewirtschaftung, und selbst dort sind die Parkgebühren lächerlich niedrig. Anwohner können für 10,20 Euro pro Jahr parken, also quasi kostenlos.

Das ist eine unglaubliche Okkupierung von wertvollem öffentlichem Raum. Es muss in die Köpfe hinein, dass das Bevorraten von tonnenschweren Geräten auf öffentlichem Raum der Wahnsinn schlechthin ist. Ich kann nicht verstehen, dass dies noch kein Thema in der Stadt ist. Autos sollen fahren und nicht dumm ’rumstehen! Man muss den Autobesitzern klar sagen: Ihr genießt Privilegien, doch diese sind eine Plage für die Menschen ohne Auto. In Berlin liegt der Anteil der Haushalte ohne Auto immer noch bei knapp 50 Prozent.

Wenn es nach dem Mann geht, der als Sozialwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin und Professor für Soziologie an der TU Berlin beschäftigt ist, führt kein Weg daran vorbei, Parkplätze deutlich zu verknappen und die verbleibenden Parkplätze ebenso deutlich zu verteuern.

Was den Preis dieser beanspruchten Fläche angeht, verweist er auf eine Untersuchung der Technischen Universität Dresden, derzufolge ein Autostellplatz pro Jahr 3500 bis 5500 Euro kostet, inklusive “Bau- und Unterhaltskosten zum Beispiel für Winterdienst und Instandhaltung”. Sein Vorschlag: Innerhalb des S-Bahn-Rings Zehn Euro pro Tag für Dauerparker und fünf Euro pro Stunde für Kurzparker. 

Es geht ihm also nicht darum, dass er Autofahren oder Autofahrer pauschal verbannen möchte. Es muss nur finanziell wieder in ein vernünftiges Verhältnis gesetzt werden, wobei gleichzeitig natürlich auch entsprechende Alternativ-Angebote geschaffen oder ausgeweitet werden müssen. Wem es das wert ist, wird zumindest für einige Jahre des Übergangs ganz normal in die Stadt pendeln. Viele andere hingegen werden nicht bereit sein, diesen Preis für die Individualität und Bequemlichkeit zu zahlen.

Knie schlägt vor, dass bereits ab 2030 keine neuen Diesel-Fahrzeuge mehr zugelassen werden sollten und ab diesem Zeitpunkt im Stadtkern nur noch elektrische Kraftfahrzeuge zugelassen sein sollten — egal, ob PKW oder Bus.

Ich kann mir angesichts seiner Vorstellungen und meiner Begeisterung für diese Ideen vorstellen, wie einige von euch sich gerade schon mal wütend in Stellung bringen für entsprechende Kommentare. Immerhin ist ein Auto für sehr viele nicht nur das Produkt, welches einen von A nach B befördert, sondern eben viel mehr. Es ist Hobby und Leidenschaft, ein Ausdruck von Individualität und Freiheit und nicht zuletzt in der Stadt auch ein Rückzugsraum. Hier muss man sich eben nicht mit pöbelnden U-Bahn-Gästen auseinandersetzen, deren Gerüche, Gespräche und Musik ertragen.

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Das verstehe ich alles, glaube aber eben dennoch, dass wir uns bewegen müssen — und das ist dieses mal im übertragenen Sinne gemeint. Unabhängig davon, dass ich “Freiheit” für einen großen Begriff halte, wenn es lediglich darum geht, von außerhalb in die Stadt zu pendeln.

Damit das funktioniert, müssen alle an einem Strang ziehen. Es geht also beileibe nicht darum, dass nur die Autofahrer etwas tun müssen. Autohersteller müssen sich ebenso bewegen und vor allem natürlich muss die Politik entsprechende Wege ebnen. Es müssen brauchbare und bezahlbare Sharing-Konzepte her, ebenso müssen aus öffentlichen Parkplätzen Stellplätze für diese Sharing-Fahrzeuge geschaffen werden. Wir benötigen die Möglichkeiten für viele elektrisch betriebene Autos, mit Strom versorgt zu werden und Berlin braucht vor allem einen öffentlichen Nahverkehr, der nicht wirkt wie ein Überbleibsel aus längst vergangenen Tagen.

Gerade bei letzterem ist meiner Meinung nach noch so viel Luft nach oben, egal ob wir über die Wagen der S-Bahn reden, über die Takte, in denen gefahren wird und auch über die Dichte des Netzes, die jedem von außerhalb ermöglichen muss, flott ins Zentrum Berlins zu gelangen. Und ich bin auch bei der Idee des Herrn Knie, der sich wünscht, dass in den neu entstehenden Siedlungen entsprechende Zeichen gesetzt werden: Schienenanbindung statt privater Parkplätze. Leute, die sich dort ansiedeln sollen also von vornherein wissen, dass das Auto kein zentraler Part des Konzepts ist.

Damit werden Autos weder aussterben noch Autofahrer stigmatisiert. Aber wer sich den Luxus erlauben möchte, mit einem privaten Fahrzeug unterwegs zu sein und Platz in Berlins Straßen belegen möchte, wird sich mit dem Gedanken vertraut machen müssen, dass das auch entsprechend in Rechnung gestellt wird.

Was sagt ihr zu den Ideen des Mobilitätsforschers? Klingt das eher nach Utopie oder doch mehr nach Dystopie? Haltet ihr seine Vision für umsetzbar in Berlin? Und wie skalierbar sind diese Pläne, wenn man auf andere Städte des Landes blickt? Schreibt es uns in die Kommentare.

Quelle: Berliner Zeitung